Donnerstag, 14. August 2008
Untertitel als Grundversorgung
Ich muss mal wieder auf mein Lieblingsthema kommen: auf das "Informationsschreiben der GEZ und/oder Schreiben, mit dessen Hilfe der gesetzliche Auskunftsanspruch des § 4 Abs. 5 RGebStV geltend gemacht wird". Ja, so heißt das. Nicht etwa nur GEZ-Brief. Das Schriftdeutsche, als solche schon eine deutsche Einmaligkeit (es gibt kein Schriftenglisch oder Schriftitalienisch), entstand ursprünglich aus einer Behördensprache (insb. durch Luthers Bibel), die weit von den lebendigen Dialekten entfernt war. Erst viel später näherte sie sich an, wurde gleichsam verumgangssprachlicht. Allerdings weht der Behördengeist noch allenthalben in ihr. So ist es ein Zeitvertreib der Deutschen, für alle möglichen Dinge des Lebens, für die sie schöne und treffende Wörter haben, sich "offizielle" Begriffe auszudenken: Amtliches Fernsprechbuch für das Telefonbuch, Postwertzeichen für die Briefmarke, Fahrtrichtungsanzeiger für Blinker. Schön ist es z.B. Polizisten im Fernsehen zuzuhören, wenn sie fast an ihren Sätzen ersticken, weil sie nicht einfach sagen können: "Der Golf fuhr beim überholen auf den Traktor auf, weil der ohne zu blinken links in einen Feldweg einbog." sondern glauben sagen zu müssen "Das landwirtschaftliche Zugfahrzeug leitete ohne Setzen des Fahrtrichtungsanzeigers einen Abbiegevorgang in einen linksseitig in die Straße mündenden Land- und Forstwirtschaftlichen Verkehrsweg ein und verursachte dadurch das Auffahren des sich in einem Überholvorgang befindlichen Kraftfahrzeugs der Marke Volkswagen." Dabei bricht meist unterwegs noch die Syntax zusammen und am Ende fehlt ein finites Verb, weil der Beamte mit seinem Satzungeheuer selbst überfordert ist. Aber er glaubt, nur so sei es wirklich genau und wirklich offiziell. Schließlich arbeitet er ja bei einer Behörde und was er sagt, muss Brief und Siegel haben! Auch wenn es anders jedermann verstünde, darauf kommt es in Deutschland nicht an.
Auch die GEZ ist so etwas wie eine Behörde. Allerdings gibt die sich nicht damit zufrieden, selbst Behördendeutsch zu pflegen, nein, sie reitet auf ihrem Amtsschimmel durchs Internet und versucht unbescholtene Herausgeber von Webseiten mit Strafen zu drohen falls diese sich nicht anschicken, statt verständlicher und allgemein gebräuchlicher Wörter an den Haaren herbeigezogene amtliche Ungetüme zu verwenden. Tatsächlich hat die GEZ vor einem Jahr das Webportal akademie.de abgemahnt, weil es gewagt hatte, "GEZ-Brief" zu schreiben, statt des oben zitierten Amtsgeschwurbels. Das eigentliche Anliegen war natürlich, auf diese Weise Kritik an der GEZ und den Rundfunkgebühren zu unterbinden. Näheres dazu findet sich in dem u.a. Link!
Die Abmahnung ist mittlerweile offenbar vom Tisch und die GEZ musste sich damit arrangieren, dass die Sprecher der Deutschen Sprache selbst entscheiden, wie sie sprechen und sich das nicht von einem staatlichen Zwangsabgaben-Inkassobetrieb vorschreiben lassen. Mir kommt es bisweilen so vor, als sei die GEZ nur ein Experiment, um herauszubekommen, wie man eine Behörde errichtet, die es schafft, über alle Vorbehalte hinaus, die Behörden in der Bevölkerung ohnehin schon genießen, sich so richtig unbeliebt zu machen und das Image einer regelrechten Landplage zu entwickeln.
Aber das war ja nur ein Fundstück auf meiner abendlichen Suche nach Informationen über Untertitel und die juristischen Details zur sog. Grundversorgung der Medienanstalten. Denn heute habe ich in der Fußgängerzone an einer Unterschriftenaktion von Gehörlosen teilgenommen (s. Links), die mehr Untertitel in Fernsehsendungen fordern. Um genau zu sein fordern sie, was in anderen Ländern schon Alltag ist, nämlich Untertitel für ALLE Sendungen. Zuerst dachte ich: schön, wieder jemand, der nicht begriffen hat, dass man in der Marktwirtschaft Waren und Leistungen nicht fordert sondern nachfragt und dass sie nicht per Dekret sondern als Angebot bereitgestellt werden. Aber hoppla! War da nicht was? Wir leben kulturell und medial ja gar nicht in einer Marktwirtschaft sondern im Staatsfeudalismus. Und da sind Untertitel ganz klar eine Aufgabe staatlich-solidarischer Grundversorgung! Also hurtig unterschrieben, damit unsere GEZ-Gelder (vorsicht Abmahnung!) in Zukunft für Untertitel ausgegeben werden und nicht mehr nur für schlecht gemachte Reality-Soaps und Casting-Shows von den Privaten, die in den Öffentlich-Rechtlichen noch schlechter nachgemacht werden oder für die Live-Übertragung von Hochzeiten fremdländischer Monarchien, die allerdings auch schon auf drei anderen Kanälen live übertragen werden.
Denn 100% Untertitel für Gehörlose wären tatsächlich mal etwas, das den Namen solidarische Grundversorgung verdienen würde. Ich frage mich auch, ob die Gehörlosen statt einer Unterschriftenaktion nicht lieber eine Klage einreichen und sich ihre Grundversorgung vor Gericht erstreiten sollten, in dem Stil wie das auch die GEZ mit den dafür zu verwendenden Worten macht. Aber wahrscheinlich ist "Grundversorgung" auch nur wieder einer dieser Amtseuphemismen, der gar nichts mit dem zu tun hat, was wir normalsprachlichen Bürger darunter verstehen...
Links:
Die Aktion Recht auf 100 Prozent Untertitel!
Wie die GEZ versucht, die deutsche Sprache zu zensieren:
http://www.akademie.de/private-finanzen/gez-und-rundfunkgebuehren/tipps/gez_gebuehren/gez-abmahnung.html
Mehr zur Deutschen Sprachgeschichte:
http://www.rhetorik-netz.de/rhetorik/deutsch.htm
"Beamtendeutsch" auf Wikipedia
Auch die GEZ ist so etwas wie eine Behörde. Allerdings gibt die sich nicht damit zufrieden, selbst Behördendeutsch zu pflegen, nein, sie reitet auf ihrem Amtsschimmel durchs Internet und versucht unbescholtene Herausgeber von Webseiten mit Strafen zu drohen falls diese sich nicht anschicken, statt verständlicher und allgemein gebräuchlicher Wörter an den Haaren herbeigezogene amtliche Ungetüme zu verwenden. Tatsächlich hat die GEZ vor einem Jahr das Webportal akademie.de abgemahnt, weil es gewagt hatte, "GEZ-Brief" zu schreiben, statt des oben zitierten Amtsgeschwurbels. Das eigentliche Anliegen war natürlich, auf diese Weise Kritik an der GEZ und den Rundfunkgebühren zu unterbinden. Näheres dazu findet sich in dem u.a. Link!
Die Abmahnung ist mittlerweile offenbar vom Tisch und die GEZ musste sich damit arrangieren, dass die Sprecher der Deutschen Sprache selbst entscheiden, wie sie sprechen und sich das nicht von einem staatlichen Zwangsabgaben-Inkassobetrieb vorschreiben lassen. Mir kommt es bisweilen so vor, als sei die GEZ nur ein Experiment, um herauszubekommen, wie man eine Behörde errichtet, die es schafft, über alle Vorbehalte hinaus, die Behörden in der Bevölkerung ohnehin schon genießen, sich so richtig unbeliebt zu machen und das Image einer regelrechten Landplage zu entwickeln.
Aber das war ja nur ein Fundstück auf meiner abendlichen Suche nach Informationen über Untertitel und die juristischen Details zur sog. Grundversorgung der Medienanstalten. Denn heute habe ich in der Fußgängerzone an einer Unterschriftenaktion von Gehörlosen teilgenommen (s. Links), die mehr Untertitel in Fernsehsendungen fordern. Um genau zu sein fordern sie, was in anderen Ländern schon Alltag ist, nämlich Untertitel für ALLE Sendungen. Zuerst dachte ich: schön, wieder jemand, der nicht begriffen hat, dass man in der Marktwirtschaft Waren und Leistungen nicht fordert sondern nachfragt und dass sie nicht per Dekret sondern als Angebot bereitgestellt werden. Aber hoppla! War da nicht was? Wir leben kulturell und medial ja gar nicht in einer Marktwirtschaft sondern im Staatsfeudalismus. Und da sind Untertitel ganz klar eine Aufgabe staatlich-solidarischer Grundversorgung! Also hurtig unterschrieben, damit unsere GEZ-Gelder (vorsicht Abmahnung!) in Zukunft für Untertitel ausgegeben werden und nicht mehr nur für schlecht gemachte Reality-Soaps und Casting-Shows von den Privaten, die in den Öffentlich-Rechtlichen noch schlechter nachgemacht werden oder für die Live-Übertragung von Hochzeiten fremdländischer Monarchien, die allerdings auch schon auf drei anderen Kanälen live übertragen werden.
Denn 100% Untertitel für Gehörlose wären tatsächlich mal etwas, das den Namen solidarische Grundversorgung verdienen würde. Ich frage mich auch, ob die Gehörlosen statt einer Unterschriftenaktion nicht lieber eine Klage einreichen und sich ihre Grundversorgung vor Gericht erstreiten sollten, in dem Stil wie das auch die GEZ mit den dafür zu verwendenden Worten macht. Aber wahrscheinlich ist "Grundversorgung" auch nur wieder einer dieser Amtseuphemismen, der gar nichts mit dem zu tun hat, was wir normalsprachlichen Bürger darunter verstehen...
Links:
Die Aktion Recht auf 100 Prozent Untertitel!
Wie die GEZ versucht, die deutsche Sprache zu zensieren:
http://www.akademie.de/private-finanzen/gez-und-rundfunkgebuehren/tipps/gez_gebuehren/gez-abmahnung.html
Mehr zur Deutschen Sprachgeschichte:
http://www.rhetorik-netz.de/rhetorik/deutsch.htm
"Beamtendeutsch" auf Wikipedia
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Samstag, 5. Juli 2008
Die Waldorf-Nanny
Das IPSUM Institut in Stuttgart bietet seit einigen Jahren eine Zusatzausbildung zur Waldorf-Supernanny an. Spezialisiert auf Fragen der Frühkinderziehung und insbesondere der Elternberatung wird dort eben jenem Bedürfnis ein an der Waldorfpädagogik orientiertes Angebot geschaffen, das sich auch in den einschlägigen Sendungen wie "Super-Nanny" äußert. Immer mehr Eltern erleben die Erziehung als eine Aufgabe, die Qualifikationen und professionelle Beratung wünschenswert machen. Diesem Bedürfnis entspricht nun auch Susanne Vieser auf Ihrer Website http://www.frühekindheit.de. Sie hat das IPSUM-Zertifikat und bietet neben Ihrer Tätigkeit als Waldorferziehung nun auch Beratung, Frühförderung und Kleinkindgruppen an. (näheres auf http://www.frühekindheit.de, auch unter www.magdalena-rau.de findet sich eine befreundete Waldorf-Nanny aus der IPSUM-Schule).
Dass mich das so brennend interessiert liegt daran, dass Susanne Vieser meine Schwester ist. Dadurch habe ich auch aus erster Hand viele Informationen über die IPSUM-Ausbildung, die sich als relativ neue Institution offenbar von vielen angestaubten Waldorf-Klischees befreien konnte und den aktuellen Stand der Wissenschaft in ihr Programm integriert. So wurden neben üblichen Anregungen von Steiner auch z.B. die Erkenntnisse des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer einbezogen. Die Ausbildung zielt außerdem auf einen Dialogischen Ansatz insbesondere bei der Beratung, in dem keine Rezepte vorgegeben werden, sondern im Dialog mit den Eltern versucht wird, individuelle pädagogische Herausforderungen zu analysieren und zu einem adäquaten Umgang damit zu kommen.
Ich wünsche allen Waldorf-Nannies, besonders aber meiner lieben Schwester viel Erfolg mit dem neuen Projekt!
Dass mich das so brennend interessiert liegt daran, dass Susanne Vieser meine Schwester ist. Dadurch habe ich auch aus erster Hand viele Informationen über die IPSUM-Ausbildung, die sich als relativ neue Institution offenbar von vielen angestaubten Waldorf-Klischees befreien konnte und den aktuellen Stand der Wissenschaft in ihr Programm integriert. So wurden neben üblichen Anregungen von Steiner auch z.B. die Erkenntnisse des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer einbezogen. Die Ausbildung zielt außerdem auf einen Dialogischen Ansatz insbesondere bei der Beratung, in dem keine Rezepte vorgegeben werden, sondern im Dialog mit den Eltern versucht wird, individuelle pädagogische Herausforderungen zu analysieren und zu einem adäquaten Umgang damit zu kommen.
Ich wünsche allen Waldorf-Nannies, besonders aber meiner lieben Schwester viel Erfolg mit dem neuen Projekt!
Geschrieben von Christian Grauer
in Anthroposophie, Gesellschaft
um
19:35
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Donnerstag, 3. Juli 2008
Shared-Space - für Fahrradfahrer schon Wirklichkeit
In der niedersächsischen Gemeinde Bohmte wird das EU-Projekt Shared-Space getestet: keine getrennten Verkehrswege mehr für Fußgänger und Autos, keine Schilder, keine Ampeln. Es herrschen die Grundregeln Rechts vor Links und Rücksichtnahme. Das Projekt dient als Versuch und soll zeigen, ob durch Deregulierung die Sicherheit erhöht werden kann. Gleichzeitig wird der Verkehrsraum als Lebensraum attraktiver.
Dass sich überhaupt eine deutsche Gemeinde für ein solches Projekt erwärmen konnte, ist schon sensationell. Denn eigentlich übersteigt es die deutsche Vorstellungskraft, dass man auf unserem Lieblingsschlachtfeld ganz ohne Regulierung auskommen soll. Wie soll ich wissen, was ich tun muss, wenn kein Schild mir Vorschriften macht? Kann ich überhaupt noch fahren, wenn ich mich nicht auf mein ungeteiltes Recht auf Vorfahrt berufen kann? Muss ich am Ende auf eine minutiöse Handlungsanweisung verzichten und womöglich beginnen, zu kommunizieren? Denn genau darin liegt der Kern von Shared-Space, wie der Verkehrsplaner Hans Mondermann erklärt: "wenn man sich gegenseitig in die Augen blickt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen."
Es geht also keineswegs darum, Regeln abzuschaffen, sondern ganz im Gegenteil, die Regeln zu stärken. Statt der Illusion zu erliegen, man könne wie in einem Computerprogramm den gesamten Ablauf des Verkehrs durch Schilder und weiße Pfeile auf der Straße steuern und kontrollieren, setzt man darauf, dass ein System aus intelligenten Individuen anhand überschaubarer Regeln selbstregulierend funktioniert. So wie das z.B. auch in einer Fußgängerzone geht, wo noch jeder an jedem vorbeigekommen ist. Nicht zuletzt durch Kommunikation. Und wenn es doch Missverständnisse gibt, dann rennt man sich nicht über den Haufen sondern bleibt eventuell im Synchronen hin und her voreinander angewurzelt, bis man sich - eben durch Kommunikation - auf eine Lösung einigt. Dadurch ist noch keiner zu spät zur Arbeit gekommen.
Für den Fahrradfahrer auf deutschen Straßen, insbesondere in Städten wie z.B. Stuttgart, ist Shared-Space ohnehin schon längst Wirklichkeit. Denn er hat keinen eigenen Raum. Die paar Fahrradwege, die existieren und benutzbar sind, teilt er entweder mit Fußgängern oder mit Autofahrern. Wirklich separate Verkehrswege sind die Ausnahme. So ist man als Radfahrer ständig in der Not, Rücksicht zu nehmen auf Fußgänger, die nicht mit Fahrradfahrern rechnen, schon gar nicht von hinten - und zurecht, denn man geht im Park spazieren, um die Gedanken schweifen zu lassen oder Gespräche zu führen, nicht um vor herransausenden Rädern zu fliehen - oder Obacht zu geben auf Autofahrer, für die Fahrradfahrer ein Störfaktor sind, den es durch knappstes Überholen und Schneiden, durch herzstillstandverursachendes Hupen von hinten oder durch schlichtes Ignorieren zu bekämpfen gilt. Völlig vogelfrei und zum Abschuss freigegeben sind Fahrradfahrer immer dann, wenn sie auf einer Straße fahren, obwohl ein Fahrradweg existiert. Meine eindrücklichsten Nahtodeserlebnisse gehen auf solche Situationen zurück. Dass Fahrradfahrer dies tun - dem Autofahrer also mutwillig einen Shared-Space aufnötigen - ist für den Automobilisten meist völlig unverständlich. Aus Radfahrersicht gibt es allerdings in vielen Fällen gute Gründe, die einer Erörterung wert sind.
Dass der Shared-Space für Radfahrer aber nicht wirklich funktioniert, liegt daran, dass er nur Gast im Space ist und der jeweils andere nicht einmal ahnt, dass es da etwas zu teilen gibt. Er empfindet den Radfahrer nur als Eindringling, so wie es der ehrgeizige Mobilist auch als Übergriff empfindet, wenn eine andere Karosse auf die Idee kommt, vor ihm auf seine Fahrspur zu wechseln und dieses Vorhaben auch durchführt, obwohl der Mobilist durch Hupzeichen deutlich klargestellt zu haben meint, dass er dazu keine Erlaubnis gegeben hat.
Durch Shared-Space wird diese Art des Eigentumsbegriffes über Bord geworfen und es würden die Unfallzahlen schon deswegen rapide sinken, weil all jene Unfälle entfielen, die entstehen, weil jemand trotz rechtzeitigen Erkennens der Gefahrensituation noch hupend beschleunigt, weil er schließlich im Recht ist und diesem Recht Geltung verschaffen will. Shared-Space setzt dieses Recht aus. Wo es kein Verbot gibt, kann es auch keine Übertretung geben. Und wo es keine Übertretung gibt, ist niemand im Recht, sondern nur in der Pflicht, für eine Lösung zu sorgen. Und die heißt im Notfall: bremsen oder ausweichen! Als Radfahrer kennt man diese Option sehr gut, denn die relative Verletzlichkeit des Radfahrers gegenüber dem Auto lässt einen im eignen Interesse darauf verzichten, seine Rechte durchzusetzen, auch wenn sie noch so glasklar zutage liegen.
Hinter diesen Nützlichkeitserwägungen hinsichtlich Verkehrsfluss und Sicherheit, die man natürlich vorschieben muss, weil sich hier niemand für eine Idee erwärmen würde, wenn sich kein äußerer Nutzen nachweisen ließe (wir leben in Deutschland schließlich nicht zum Spaß!), ist aber das eigentlich verlockende an Shared-Space, dass die Straße in der Stadt wieder von der industriellen Logistikfläche
zum sozialen Raum würde. Denn auch die Fußgängerzone ist da eigentlich nur ein schlechter Behelf. Denn während natürlich Autostraßen in der Stadt durch ihren Lärm und ihre Gefahren, mit denen sie den sozialen Raum zerschneiden, völlig deplaziert sind, gehören aber dennoch Autos zum sozialen Leben hinzu. Man kann Autos nicht aus der Stadt eleminieren, denn in den Autos sitzen Menschen, und die gehören essentiell zu einer Stadt dazu. Shared-Space würde es aber möglich machen, den städtischen Raum, der durch isolierte Autostraßen sozial brach liegt, wieder urbar zu machen. Und zwar mit Autos! Wer einmal in Italien am Abend eine Piazza in einer Z.T.L (Verkehrsbeschränkten Zone) besucht hat, weiß, wie das funktionieren kann, wie fügsam sich Autos ins Fußgängergetümmel einordnen können und wie kommunikativ es sein kann, doch mit dem Auto schnell beim Bäcker vorbeifahren zu können und sogar ohne auf Parkplatzmarkierungen und Zahlscheine zu achten direkt vor dem Bäcker einfach anzuhalten und auszusteigen. Solange irgendwo noch Platz für andere ist, vorbei zu kommen.
Doch solange in Stuttgart mitten durch die Stadt noch 6-Spurige Autobahnen mit Transitverkehr führen, die Ampeln für jede einzelne Spur eine eigene Phase haben und nur 100 Meter weiter in der Hauptfußgängerzone, dem Herz der Stadt, Fahrradverbot besteht, ist man von der Idee eines Shared-Space noch Lichtjahre entfernt. Dazu muss sich zunächst einmal die Erkenntnis durchsetzen, dass soziale Interaktion - denn nichts anderes ist der Straßenverkehr - von Kommunikation lebt und nicht von einer zentralen Steuerung von Oben. Und dass der Straßenverkehr, zumal in der Stadt, kein Wettkampf sondern ein sozialer Akt ist.
Und es ist ausdrücklich erlaubt, seinen Verstand zu benutzen!
Dass sich überhaupt eine deutsche Gemeinde für ein solches Projekt erwärmen konnte, ist schon sensationell. Denn eigentlich übersteigt es die deutsche Vorstellungskraft, dass man auf unserem Lieblingsschlachtfeld ganz ohne Regulierung auskommen soll. Wie soll ich wissen, was ich tun muss, wenn kein Schild mir Vorschriften macht? Kann ich überhaupt noch fahren, wenn ich mich nicht auf mein ungeteiltes Recht auf Vorfahrt berufen kann? Muss ich am Ende auf eine minutiöse Handlungsanweisung verzichten und womöglich beginnen, zu kommunizieren? Denn genau darin liegt der Kern von Shared-Space, wie der Verkehrsplaner Hans Mondermann erklärt: "wenn man sich gegenseitig in die Augen blickt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen."
Es geht also keineswegs darum, Regeln abzuschaffen, sondern ganz im Gegenteil, die Regeln zu stärken. Statt der Illusion zu erliegen, man könne wie in einem Computerprogramm den gesamten Ablauf des Verkehrs durch Schilder und weiße Pfeile auf der Straße steuern und kontrollieren, setzt man darauf, dass ein System aus intelligenten Individuen anhand überschaubarer Regeln selbstregulierend funktioniert. So wie das z.B. auch in einer Fußgängerzone geht, wo noch jeder an jedem vorbeigekommen ist. Nicht zuletzt durch Kommunikation. Und wenn es doch Missverständnisse gibt, dann rennt man sich nicht über den Haufen sondern bleibt eventuell im Synchronen hin und her voreinander angewurzelt, bis man sich - eben durch Kommunikation - auf eine Lösung einigt. Dadurch ist noch keiner zu spät zur Arbeit gekommen.
Für den Fahrradfahrer auf deutschen Straßen, insbesondere in Städten wie z.B. Stuttgart, ist Shared-Space ohnehin schon längst Wirklichkeit. Denn er hat keinen eigenen Raum. Die paar Fahrradwege, die existieren und benutzbar sind, teilt er entweder mit Fußgängern oder mit Autofahrern. Wirklich separate Verkehrswege sind die Ausnahme. So ist man als Radfahrer ständig in der Not, Rücksicht zu nehmen auf Fußgänger, die nicht mit Fahrradfahrern rechnen, schon gar nicht von hinten - und zurecht, denn man geht im Park spazieren, um die Gedanken schweifen zu lassen oder Gespräche zu führen, nicht um vor herransausenden Rädern zu fliehen - oder Obacht zu geben auf Autofahrer, für die Fahrradfahrer ein Störfaktor sind, den es durch knappstes Überholen und Schneiden, durch herzstillstandverursachendes Hupen von hinten oder durch schlichtes Ignorieren zu bekämpfen gilt. Völlig vogelfrei und zum Abschuss freigegeben sind Fahrradfahrer immer dann, wenn sie auf einer Straße fahren, obwohl ein Fahrradweg existiert. Meine eindrücklichsten Nahtodeserlebnisse gehen auf solche Situationen zurück. Dass Fahrradfahrer dies tun - dem Autofahrer also mutwillig einen Shared-Space aufnötigen - ist für den Automobilisten meist völlig unverständlich. Aus Radfahrersicht gibt es allerdings in vielen Fällen gute Gründe, die einer Erörterung wert sind.
Dass der Shared-Space für Radfahrer aber nicht wirklich funktioniert, liegt daran, dass er nur Gast im Space ist und der jeweils andere nicht einmal ahnt, dass es da etwas zu teilen gibt. Er empfindet den Radfahrer nur als Eindringling, so wie es der ehrgeizige Mobilist auch als Übergriff empfindet, wenn eine andere Karosse auf die Idee kommt, vor ihm auf seine Fahrspur zu wechseln und dieses Vorhaben auch durchführt, obwohl der Mobilist durch Hupzeichen deutlich klargestellt zu haben meint, dass er dazu keine Erlaubnis gegeben hat.
Durch Shared-Space wird diese Art des Eigentumsbegriffes über Bord geworfen und es würden die Unfallzahlen schon deswegen rapide sinken, weil all jene Unfälle entfielen, die entstehen, weil jemand trotz rechtzeitigen Erkennens der Gefahrensituation noch hupend beschleunigt, weil er schließlich im Recht ist und diesem Recht Geltung verschaffen will. Shared-Space setzt dieses Recht aus. Wo es kein Verbot gibt, kann es auch keine Übertretung geben. Und wo es keine Übertretung gibt, ist niemand im Recht, sondern nur in der Pflicht, für eine Lösung zu sorgen. Und die heißt im Notfall: bremsen oder ausweichen! Als Radfahrer kennt man diese Option sehr gut, denn die relative Verletzlichkeit des Radfahrers gegenüber dem Auto lässt einen im eignen Interesse darauf verzichten, seine Rechte durchzusetzen, auch wenn sie noch so glasklar zutage liegen.
Hinter diesen Nützlichkeitserwägungen hinsichtlich Verkehrsfluss und Sicherheit, die man natürlich vorschieben muss, weil sich hier niemand für eine Idee erwärmen würde, wenn sich kein äußerer Nutzen nachweisen ließe (wir leben in Deutschland schließlich nicht zum Spaß!), ist aber das eigentlich verlockende an Shared-Space, dass die Straße in der Stadt wieder von der industriellen Logistikfläche
zum sozialen Raum würde. Denn auch die Fußgängerzone ist da eigentlich nur ein schlechter Behelf. Denn während natürlich Autostraßen in der Stadt durch ihren Lärm und ihre Gefahren, mit denen sie den sozialen Raum zerschneiden, völlig deplaziert sind, gehören aber dennoch Autos zum sozialen Leben hinzu. Man kann Autos nicht aus der Stadt eleminieren, denn in den Autos sitzen Menschen, und die gehören essentiell zu einer Stadt dazu. Shared-Space würde es aber möglich machen, den städtischen Raum, der durch isolierte Autostraßen sozial brach liegt, wieder urbar zu machen. Und zwar mit Autos! Wer einmal in Italien am Abend eine Piazza in einer Z.T.L (Verkehrsbeschränkten Zone) besucht hat, weiß, wie das funktionieren kann, wie fügsam sich Autos ins Fußgängergetümmel einordnen können und wie kommunikativ es sein kann, doch mit dem Auto schnell beim Bäcker vorbeifahren zu können und sogar ohne auf Parkplatzmarkierungen und Zahlscheine zu achten direkt vor dem Bäcker einfach anzuhalten und auszusteigen. Solange irgendwo noch Platz für andere ist, vorbei zu kommen.
Doch solange in Stuttgart mitten durch die Stadt noch 6-Spurige Autobahnen mit Transitverkehr führen, die Ampeln für jede einzelne Spur eine eigene Phase haben und nur 100 Meter weiter in der Hauptfußgängerzone, dem Herz der Stadt, Fahrradverbot besteht, ist man von der Idee eines Shared-Space noch Lichtjahre entfernt. Dazu muss sich zunächst einmal die Erkenntnis durchsetzen, dass soziale Interaktion - denn nichts anderes ist der Straßenverkehr - von Kommunikation lebt und nicht von einer zentralen Steuerung von Oben. Und dass der Straßenverkehr, zumal in der Stadt, kein Wettkampf sondern ein sozialer Akt ist.
Und es ist ausdrücklich erlaubt, seinen Verstand zu benutzen!
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Dienstag, 16. Oktober 2007
Eva Herman
Ich kannte Eva Herman nur von der Ferne und als Nachrichtengesicht, bis am 9. Oktober ein Mail mit einem Link zu SPON eintrudelte, wo berichtet wurde, dass eben diese Dame aus der Talkshow von J. B. Kerner geworfen wurde. Ein Eklat! Und das tollste daran in unserer Medienwelt: die Sendung fing gerade erst an. Also einschalten und den Eklat genießen. Und dabei passierte etwas ganz außergewöhnliches:
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Mittwoch, 1. August 2007
Gesund durch Nichthören!
Nachdem ich aus gesundheitlichen Gründen seit zwei Jahren auf das Rauchen verzichten muss, bin ich zum leidenschaftlichen Passivraucher geworden. Nun hat das Bundesland, das meine ehemalige Heimat und meine neue Wahlheimat ist, beschlossen, mir auch dieses Vergnügen zu nehmen. Ab heute Nacht 0:00 Uhr ist es vorbei. Zumindest in öffentlichen Einrichtungen und Kneipen. Zuhause dürfte ich noch passivrauchen - nur leider gibt es keinen Aktivraucher in unserer Wohnung.
Der Jubel der Gesundheitsfraktion überschlägt sich. Meilensteine werden gesetzt und der Kampf, der natürlich nicht dem Raucher sondern nur dem Schutz des Nichtrauchers gilt, scheint sich zugunsten des letzteren zu entscheiden, zumindest solange er kein aktiver Passivraucher ist wie ich. Aber Spaß beiseite: weder Rauchen noch Passivrauchen ist gesund! Und weil es schon Ärgernis genug ist, mit der Bahn fahren zu müssen, will ich durchaus dort wenigstens saubere Luft einatmen!
Rauchfreiheit in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmittel ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit für ein zivilisiertes Land mit rücksichtsvollen Bürgern. Aber ist das überhaupt der Streitpunkt, um den es geht? Geht es wirklich um das Rauchen oder geht es nicht vielmehr um die Frage, wie weit der gesundheitsbewusste Arm des Gesetzes in die Privatsphäre eindringen darf? Denn Kneipen sind anerkanntermaßen Räume eines privaten Dienstleistungsunternehmens und keine öffentlichen Gebäude! Diese Diskussion vermisse ich doch sehr in dem entpolitisierten Glückstaumel der Gesundbeter.
Wann wird denn nun endlich Musik in Kneipen verboten? Ich hasse Musik in Kneipen, weil ich mich unterhalten möchte. Es ist auch wissenschaftliche nachgewiesen, dass Lärm über 65dbA Krankheiten verursachen kann. Habe ich als Nichthörer nicht auch das Recht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, genauso wie jeder Nichtraucher? Muss ich Krankheitsrisiken in Kauf nehmen, wenn ich als Nichthörer eine Kneipe besuchen will? Wann schiebt der Gesetzgeber hier endlich einen Riegel vor?
Ich fordere ein generelles Musikverbot in öffentlichen Gebäuden, Verkehrsmitteln und Gaststätten! Im Dienste der akustischen Umwelt und der Gesundheit aller Nichthörer!
Der Jubel der Gesundheitsfraktion überschlägt sich. Meilensteine werden gesetzt und der Kampf, der natürlich nicht dem Raucher sondern nur dem Schutz des Nichtrauchers gilt, scheint sich zugunsten des letzteren zu entscheiden, zumindest solange er kein aktiver Passivraucher ist wie ich. Aber Spaß beiseite: weder Rauchen noch Passivrauchen ist gesund! Und weil es schon Ärgernis genug ist, mit der Bahn fahren zu müssen, will ich durchaus dort wenigstens saubere Luft einatmen!
Rauchfreiheit in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmittel ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit für ein zivilisiertes Land mit rücksichtsvollen Bürgern. Aber ist das überhaupt der Streitpunkt, um den es geht? Geht es wirklich um das Rauchen oder geht es nicht vielmehr um die Frage, wie weit der gesundheitsbewusste Arm des Gesetzes in die Privatsphäre eindringen darf? Denn Kneipen sind anerkanntermaßen Räume eines privaten Dienstleistungsunternehmens und keine öffentlichen Gebäude! Diese Diskussion vermisse ich doch sehr in dem entpolitisierten Glückstaumel der Gesundbeter.
Wann wird denn nun endlich Musik in Kneipen verboten? Ich hasse Musik in Kneipen, weil ich mich unterhalten möchte. Es ist auch wissenschaftliche nachgewiesen, dass Lärm über 65dbA Krankheiten verursachen kann. Habe ich als Nichthörer nicht auch das Recht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, genauso wie jeder Nichtraucher? Muss ich Krankheitsrisiken in Kauf nehmen, wenn ich als Nichthörer eine Kneipe besuchen will? Wann schiebt der Gesetzgeber hier endlich einen Riegel vor?
Ich fordere ein generelles Musikverbot in öffentlichen Gebäuden, Verkehrsmitteln und Gaststätten! Im Dienste der akustischen Umwelt und der Gesundheit aller Nichthörer!
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