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Schachtelhalm

Institut für allgemeine und vergleichende Irrelevanz

Montag, 5. Januar 2009

Wir sind Israel!

Geschrieben von Christian Grauer in Gesellschaft
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Ab sofort prangen bei Schachtelhalm oben links zwei Fähnchen von Deutschland und Israel und verweisen auf eine  External LinkInformationsseite von "The Israel Project" über Israel und den Nahostkonflikt.

Noch immer wird in Deutschland antiisraelische Hetze betrieben und unter dem heuchlerischen Namen des Pazifismus der palästinensische und islamistische Terrorismus verharmlost und naiv romantisierend zum Friedens- und Freiheitskampf stilisiert. Berge von Halbwahrheiten und unreflektierter tendenziöser Desinformation versuchen davon abzulenken, dass da eine Horde rein ideologisch motivierter, politisch völlig unkontrollierter und gezielt mordender Terroristen gegen einen demokratischen Staat steht, der seine Zivilbevölkerung militärisch gegen diese Angriffe verteidigt. Das Blutvergießen ist schrecklich, aber wenn wir uns nicht hinter Israel stellen, stellen wir uns außerhalb der freiheitlich-demokratischen Werteordnung, auf der unsere zivilisierte Welt gründet. Dieser Werteordnung ist auch die israelische Offensive verpflichtet und durch sie legitimiert, weil die Provokationen der Hamas und ihrer islamistischen Gesinnungsgenossen nicht nur jenseits dieser Werteordnung stehen, sondern sie gezielt, mit feiger Gewalt und zynischer Propaganda bekämpfen.

Denn ganz gleich wie groß die Mitschuld Israels an diesem Krieg ist und ob ihre Mittel angemessen sind - Israel steht auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Zivilisation. Israel will Frieden, Sicherheit und sein Existenzrecht. Und es verteidigt diese mit den selben Mitteln, die auch wir uns als demokratische Nation zur Verteidigung unseres Landes vorbehalten. Die Hamas hingegen will erklärtermaßen keinen Frieden für Palästina, sondern die Vernichtung Israels mit allen Mitteln. Niemand, der auch nur einen Funken politischen Verstand hat und dem das Wohl und der Frieden des palästinensischen Volkes am Herzen liegt, handelt wie die Hamas handelt. Die Hamas missbraucht das geschundene palästinensische Volk, insbesondere die zahllosen zu Kampfmaschinen und als Schutzschilde missbrauchten Kinder und Jugendlichen, für ihren ideologischen Kampf gegen die Freiheit. Und dieser Kampf gilt nicht nur Israel, er gilt ebenso Europa, er gilt der gesamten freien Welt; er gilt auch uns!

Wir sind Israel!
 

Donnerstag, 25. Dezember 2008

In welcher Zeit lebt die Anthroposophie?

Geschrieben von Christian Grauer in Anthroposophie
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Der info3-Artikel  External Link"Kulturfaktor mit Eintrittskarte?" von Ramon Brüll hat viel Staub aufgewirbelt. Seiner These, dass die anthroposophische Gesellschaft als soziale Form für die anthroposophische Bewegung nicht mehr zeitgemäß sei, wird erwartungsgemäß von vielen Seiten widersprochen.

Wenn die Frage gestellt wird, ob eine vor knapp 100 Jahren gegründete Institution noch die zeitgemäße Form für den anthroposophischen Impuls darstellt, dann ist es schon ein wagemutiges Unterfangen, dieser Frage mit Zitaten zu begegnen, die aus dem Kontext der Gründung dieser Institution stammen. Komplett absurd wird es, wenn diese Zitate im Grunde das genaue Gegenteil dessen aussagen, wofür sie herangezogen werden.

Hartwig Schiller führt in seinem Aufsatz mit dem programmatischen Titel  External Link"Die unsterbliche Gesellschaft" gegen die Thesen von Brüll das folgende Zitat Steiners an: "Aber, meine lieben Freunde, wenn wir die Anthroposophische Gesellschaft auflösen würden, so wäre sie gar nicht aufgelöst. Wir haben gar nicht so wie andere Gesellschaften und Vereine die Möglichkeit, die Anthroposophische Gesellschaft so ohne weiteres aufzulösen. Denn wir unterscheiden uns als Anthroposophische Gesellschaft, die eine Gesellschaft für eine geisteswissenschaftliche Bewegung ist, von anderen Gesellschaften gerade dadurch, dass wir nicht auf Programmpunkte, das heißt nicht auf Irreales, bloß Gedachtes, sondern uns auf Reales begründen, auf einer wirklichen Basis stehen." External Link Und er führt noch weitere Zitate an, um die Idee des übersinnlichen Wesens der Anthroposophie, das seine Realität unabhängig von aller äußeren Form wahrt, zu fundieren. Sein überraschendes Fazit allerdings: "Die Anthroposophische Gesellschaft will Basis, Werkzeug und Vollzug einer solchen Bewegung sein. Das war sie in der Vergangenheit zu großen Teilen, ist es in der Gegenwart und wird es bei hinreichender Anstrengung auch in der Zukunft sein können." External Link

Es ist geradezu rohe Gewalt, die Schiller anwenden muss, um das "unsterbliche" Wesen der Anthroposophie, das er mit Pathos und Überzeugung vorträgt, als Argument für die "Unsterblichkeit" der Anthroposophischen Gesellschaft einzusetzen. Mit diesem Fazit leugnet er im Grunde alles, was er zuvor ausgeführt hat und reduziert die Anthroposophie auf das, was sie auch nach Steiner eben gerade nicht ist: ein Verein, der mit seiner Auflösung verschwindet! Die Verwechslung von sozialer Form und spirituellem Inhalt könnte fataler nicht sein. Die selbe Verwechslung liegt all jenen Kommentaren zugrunde, die Brüll und info3 nun idiotischerweise vorwerfen, er wolle die Anthroposophie vernichten.

Für Andreas Neider tritt mit dem Artikel von Ramon Brüll "ein zunehmender Rückzug vom Werk Rudolf Steiners vor Augen, zugunsten einer immer stärkeren Beschäftigung mit esoterischen Praktiken und Traditionen amerikanischer Herkunft (K. Wilber, A. Cohen, N.D. Walsh u. a.). Und zunehmend vermisse ich dabei das, was Rudolf Steiner von jedem seiner Schüler erwartete, nämlich die eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung eben dieser Anthroposophie." External Link Und offenbar fällt ihm der Widerspruch, der sich in diesen beiden Sätzen symptomatisch ausdrückt, überhaupt nicht auf. Symptomatisch deswegen, weil sich offenbar noch immer hartnäckig die Überzeugung hält, dass Steiner-Exegese und Konservierung der von Steiner geschaffenen Formen "eigenständige esoterische Erarbeitung" sei und die Weiterentwicklung der Anthroposophie in einer Abschottung gegen jegliche Form von ideellem Input bestehe.

Eine eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung der Anthroposophie und die Einsicht in das unsterbliche geistige Wesen der Anthroposophie muss nicht notwendigerweise zu der Überzeugung führen, dass die Anthroposophische Gesellschaft als zeitgemäße Form ausgedient habe, aber sie muss unbedingt in der Lage sein, diesen Gedanken in einem gegenwärtigen Kontext zu denken, ohne sich reflexartig an Steinerzitate zu klammern und gerade dasjenige, was die scheinbar ketzerische Idee von Brüll zur Diskussion stellt, nämlich die äußere Form der anthroposophischen Bewegung, als Gegenargument anzuführen. Oder mit etwas weniger Pathos ausgedrückt: wenn jemand die AAG für obsolet hält, entbehrt es jeglicher Logik, sein Gegenargument auf die "Unsterblichkeit" dieser Institution zu stützen, denn genau diese Prämisse ist es, die zur Debatte steht.

Dass Brülls Artikel eine so heftige Diskussion ausgelöst hat, ist nicht nur ein gutes Zeichen sondern es zeigt auch, dass seine Fragen virulent sind. Dass die Diskussion allerdings auf einem so niedrigen argumentativen Niveau stattfindet, in dem bei Licht besehen im Grunde nur Dogmen ausgetauscht werden, ist sehr bedauerlich, wenngleich nicht unbedingt überraschend. Richtig ärgerlich ist aber das bornierte spirituelle Spießbürgertum, das sich in den hier wie anderswo nicht enden wollenden Anfeindungen gegen info3 niederschlägt, weil sie unbequeme Fragen stellt, weil sie Ernst macht mit dem "eigenständigen Erarbeiten" und weil sie die Anthroposophie schon für so gereift und salonfähig hält, dass sie mit anderen spirituellen Bewegungen in einen Dialog treten kann, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Ganz im Gegenteil: gerade in solchen Dialogen könnte sich die Anthroposophie als eine der pubertären Egozentrik entwachsene, kulturell relevante Bewegung wiederfinden. Es ist eines der größten Verdienste der Redaktion von Info3, diesen Entwicklungsschritt einzuleiten. Denn eine Bewegung, die bei jedem geringsten Ansatz von Pluralität "Ketzer" und "Häretiker" schreit und am liebsten jedem Andersdenkenden das Recht absprechen möchte, sich Anthroposoph zu nennen, steckt derart in ihrem eigenen Dogma fest, dass die bisweilen panisch anmutenden Reaktionen auf den Auflösungsvorschlag den Schluss nahelegen, dass sich das lebendige Wesen des anthroposophischen Kulturimpulses aus seiner äußeren Hülle längst verabschiedet hat und diese nur noch als leere Puppe ihrem schieren institutionellen Selbsterhaltungstrieb folgt.

Hier verschränkt sich der Diskurs mit seiner eigenen Metaebene und die angeführten Argumentationen gegen die Thesen von Ramon Brüll werden selbst zu deren metadiskursorischen Bestätigung! Sofern die liebe Anthroposophia also noch lebt, wird dies erst der spärliche Anfang einer weitreichenden Debatte sein.
 

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Goorhuis und Ziegler über mein Buch

Geschrieben von Christian Grauer in Bücher, Infosophie
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Wer würde sich nicht über Anerkennung freuen? Aber es kommt auch darauf an, wofür man Anerkennung bekommt! Bescheidenheit ist oft nur selektive Anerkennungssucht: der anspruchsvolle Narziss gibt sich nicht mit beliebigem Lob zufrieden: er möchte erst für das gelobt werden, was ihm selbst als die wichtigste Leistung erscheint und nicht für Banalitäten. Deswegen ist die Aufmerksamkeit, die Henk Goorhuis durch seine Rezension in der Novemberausgabe (S. 89) von Info3 External Link - aber auch in einem spannenden privaten Austausch - meinem Buch External Link geschenkt hat, für mich besonders wertvoll.

Goorhuis ist überzeugter Konstruktivist und er geht daher in seinem Artikel besonders auf meinen Bezug zur systemisch-konstruktivistischen Perspektiven ein. "Grauer entwirft dabei eine Linie von Kant über Husserl und Steiner zur Systemtheorie Luhmanns, um dann auch in Rudolf Steiners Werk die konstruktivistische Grundhaltung der Systemtheorie hervorzuheben, wonach jede Weltbetrachtung auch einen aktiven, gestalterischen Aspekt hat und die erscheinende Welt immer auch als Produkt (oder eben als Konstruktion) dieser Weltbetrachtung verstanden werden sollte. (...) Diese systemisch-konstruktivistische Beleuchtung von Steiners Werk erlaubt nun einen völlig neuen Brückenschlag zur modernen Wissenschaft... (...) ...dieses kleine Buch könnte einen äußerst wichtigen Beitrag dazu liefern." (Info3 11/08, S.89).

Darin findet sich eine Anerkennung gleich zweier meiner ganz zentralen Anliegen, die hinter der Verfassung des Buches standen: zum Einen die Erkenntnis, dass in Steiners ganzen erkenntnistheoretischen aber auch erkenntnispraktischen, philosophischen wie esoterischen Bemühungen, die letztlich immer wieder auf das Denken fokussieren, eben jene Idee steckt, dass der eigentliche Kern des Seins, das Urwesen alles Seins nicht Substanz, Materie, Geist oder andere Substrate sind, sondern dass sich alles Sein letztlich in einer Aktivität auflöst, auf die Steiner mit Begriffen wie Denken, Erkenntnis, Intuition verweist. Wenn ich mein Buch in einem Satz zusammenfassen sollte, dann würde ich so etwas schreiben wie: "der Ursprung und das Wesen allen Seins ist erkenntnishaft".

Das andere Anliegen ist die Anerkennung des Konstruktivismus als eines sehr feinsinnigen philosophischen Ansatzes, der auch in Wechselwirkung mit der Anthroposophie, sowohl in ihr als auch in sich, großartige Ideen hervorbringen kann und der keineswegs eine relativistische, egoistische und geistverneinende Theorie ist, sondern eine philosophische Haltung, die bei ihren Vertretern zu einer geradezu noblen theoretischen Zurückhaltung, zu diskursiver Toleranz und reflektiver Ernsthaftigkeit führt. Den Konstruktivismus als solchen zu vertreten, aber auch die Anthroposophie für diese ihr eigentlich immanente Perspektive zu öffnen und sie damit auch an die gegenwärtige philosophische Entwicklung anzuschließen, sind mir besondere Anliegen.

Hierfür von berufener Seite gelobt zu werden, ist genau die Anerkennung, um derentwillen der Narziss in mir das Buch geschrieben hat. Danke Henk Goorhuis!



Eine weitere Rezension, die dieser Tage erschienen ist, findet sich in der Zeitschrift "Das Goetheanum" External Link aus Dornach, bekanntermaßen das offizielle Organ der Anthroposophischen Gesellschaft und der Hochschule am Goetheanum, das der journalistischen Reflexion des anthroposophischen Kulturschaffens gewidmet ist. Sie wurde verfasst von Renatus Ziegler, Mathematiker und Physiker am Forschungsinstitut Hiscia External Link . Er war vor ca. 7 Jahren bei einigen der Sitzungen jenes philosophischen Kreises von Jens Heisterkamp in Frankfurt dabei, in dem letztlich die Idee zu meinem Buch gereift ist. Schon dort, aber auch bei der Lektüre seines Buches "Intuition und Ich-Erfahrung" habe ich ihn als jemanden kennen gelernt, der "mit dem Denken Ernst macht" und der insbesondere jene für die Anthroposophie, aber eben auch für phänomenologische, systemische und konstruktivistische Ansätze typische Umstellung des Fokus vom Denkinhalt (der rein analytischen Gültigkeit des Gedankens) auf den Denkakt (der Bewusstseinsoperation als konkretem Phänomen) - oder mit Husserl gesprochen vom Noema auf die Noesis - zum paradigmatischen Ausgangspunkt macht.

Diese Übereinstimmung - und das zeigt sich auch in der zweiseitigen Behandlung meines Buches - findet aber insbesondere auf der pragmatischen Ebene statt. Bei Zieglers Rezension zieht der Narziss in mir seine Genugtuung nicht nur daraus, dass mein Buch überhaupt zur Kenntnis genommen wird, sondern dass es als "eine mit Denk und Erlebensfreude zu lesende Einführung in eine monistische Erkenntnistheorie" (Das Goetheanum Nr. 49/08, S. 7-8) bezeichnet wird. "Das eigene Denken wird herausgefordert und nicht ersetzt: Erkenntnistheorie als persönliche Erlebnispraxis." (ebd.) Renatus Ziegler ist einer jener doch seltenen Menschen, denen Denken ein echtes Anliegen ist und das spiegelt sich für mich und meinen Narziss in seiner Rezension als Anerkennung wieder, die ich dankend aufnehme und die ganz und gar unbeschadet davon bleibt, dass wir offenbar inhaltlich nicht zur selben Position finden.

Das schöne an der Rezension ist, das Renatus Ziegler meine Gedanken präzise verstanden und wiedergegeben hat. Durch einen Konjunktiv will er mir ein Hintertür öffnen, die ich aber gar nicht brauche, denn es trifft exakt das, was ich meine, wenn er schreibt "Mir scheint als würde Grauer Verschiedenheit und Unterscheidung identifizieren und damit den Erkenntnisakt zum Seins- oder Schöpfungsakt (im Kontrast zum Bewusstseinsakt) machen. Damit wird Erkenntnistheorie zur Ontologie und Bewusstseinsentwicklung zur Weltentstehung." (a.a.O.) Ganz genau! Allerdings nicht "im Kontrast zum Bewusstseinsakt" sondern "als Bewusstseinsakt".

Für mich wird nicht ganz klar, ob Renatus Ziegler meinem Monismus wirklich einen Dualismus entgegenstellen will. Es hat zunächst den Anschein, ich gebe aber auch zu, dass mein Begriff des "ontologischen Monismus" etwas dunkel ist. Dahinter steht der Versuch, die offensichtlichen Schwächen eines radikalen Monismus zu relativieren. Unter ontologischem Monismus verstehe ich die Auffassung, dass das Sein nur dann wirklich als monistische Einheit zu bezeichnen ist, solange es als ununterschiedenes Sein, gleichsam als bloßes Welt-Potential verstanden wird. Sobald es zur Erscheinung und damit zum Seienden und Existierenden wird - also zur eigentlichen "Welt" - so entäußert es sich schon in eine Dualität, die sich in dem Begriff der Unterscheidung findet. Wo immer uns Welt begegnet, begegnet sie uns notwendigerweise dualistisch. Der Dualismus ist gleichsam im "Begegnen" bereits eingebaut. Zugleich ist aber in der Unterscheidung auch die Einheit immer schon eingebaut, weil nur unterschieden werden kann, was Eins ist und weil der Akt des Unterscheidens zugleich das Unterschiedene gleichsam als Objekte der einen Unterscheidung verbindet. Dieses Eins sein ist aber kein existierender, sondern nur ein potentieller Zustand, der das Sein als allgemeinste Spezifikation all dessen, was ist, charakterisiert. Erkenntnis und mit ihr die erscheinende Welt ist stets dualistisch, Einheit verbürgt nur die der Erkenntnis zugrunde liegende schiere Operationalität des Bewusstseins, die durch Unterscheidung diesen Dualismus erst schafft. Das ist mit dem Zusatz "ontologisch" zum Monismus gemeint und ich glaube, dass wir in diesem Punkt, nämlich der Ansicht, dass die Welt in letzter Konsequenz trotz aller Dualität einen ungeteilten Urgrund hat, zu einer Einigung finden können.

Wo die Kritik von Renatus Ziegler m.E. wirklich ansetzt, wird deutlich, wenn er meinem Verweis auf Steiners "das Subjekt lebt nur von des Denkens Gnaden" entgegen hält, dass diese Sicht nur für die analytisch-begriffliche Bestimmung des Ichs als Subjekt gilt und damit das Denken dem Subjekt nur systematisch voraus geht, dass aber eben dieses Bestimmen als Denkakt abhängig ist von meinem individuellen Ich, das den Denkakt hervorbringt. Dieses Argument ist glasklar und nachvollziehbar und vor dem Hintergrund der gesamten mitteleuropäischen Philosophiegeschichte fast trivial. Dennoch wendet es sich natürlich gegen einen der Kernpunkte meines Buches, gegen das, was ich im Rückgriff auf eine Formulierung Kants in einem Vortrag einmal als dritte Kopernikanische Wende bezeichnet habe und das mir wie ein Erweckungserlebnis durch die Lektüre der Systemtheorie von Niklas Luhman klar geworden ist: die Infragestellung des ontologischen Primats des Agens gegenüber dem Akt und die Formulierung der Idee, dass nicht das Agens den Akt, sondern der Akt das Agens hervor- oder besser vielleicht mit sich bringt.

Gerade in anthroposophischem Umfeld entzünden sich in Diskussionen gerade an dieser Idee immer wieder die engagiertesten Debatten und es stellt sich der Widerspruch für mich bisweilen weniger als rationale Überzeugung, sondern vielmehr als eine subtile Form der Angst vor dem Verlust des eigenen Ichs als letzter Bastion der Unhintergehbarkeit dar. Auch ich kenne diese Angst, denn sie ist eine systematische Angst, notwendig mit dem Ich und seinen Konstitutionsbedingungen verbunden. Und in ihr scheint mir das selbe Element zu liegen, das konstruktivistischen Ansätzen insgesamt als Vorbehalt oft entgegensteht: der vermeintliche Verlust eines sichernden Grundes, einer Verlässlichkeit und das Aufgehen jeglichen Sinns in relativistischer Beliebigkeit. Nicht dass das irgend ein Beweis für irgend etwas wäre, aber es ist ein Symptom dafür, dass dieses Problem nicht nur an die Grundfesten der Philosophie reicht, sondern auch an die existenziellsten Fragen, mit denen sich der Mensch überhaupt konfrontiert sehen kann. Und ich könnte mir nichts spannenderes vorstellen, als gerade an diesem Punkt in eine vertiefende Diskussion mit einem Gesprächspartner wie Renatus Ziegler einzutreten. Vielleicht ergibt sich in irgend einer Form die Möglichkeit dazu, denn es liegt mir fern, an dieser Stelle nun zu glauben, die Kritik von Ziegler irgendwie widerlegen zu müssen. Vielmehr möchte ich sie dankend auf- und zum Anlass nehmen, in einen philosophischen Dialog zu finden - jene Aktivität, in der das philosophische Herz seine höchste Bestimmung sieht.
 

Samstag, 29. November 2008

Spinat-Ricotta-Ravioli und Höhlengnome

Geschrieben von Christian Grauer in Anthroposophie, Gesellschaft
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Es duftet nach Bienenwachs und gebrannten Mandeln, an den Wänden hängt Tannenreisig, Kerzen brennen, handgemalte Schilder weisen den Weg zu Stuben und Buden, in denen allerlei Handgemachtes aus Wolle und Holz verkauft wird. Nicht ganz perfekte, aber liebevolle Unikate. Alles ist zurechtgemacht, profane Funktionselemente des Schulgebäudes sind mit Seidentüchern oder Weihnachtsgestecken kaschiert, von irgendwo tönt Musik. Die Ästhetik der Waren und Dekorationen zeugt von Anspruch, wird bisweilen aber auch von allzu ernster Schwere erdrückt. Kinder werden mit Märchen, bekerzten Nussschalenschiffchen und der langwierigen schichtweisen Herstellung von Bienenwachskerzen unterhalten. Grellbuntes, Aufdringliches, Quäkendes und Plärrendes, profanes Plastik und monotone Industrieware muss draußen bleiben. Alles folgt einer stillschweigenden ästhetischen und qualitativen Norm: Adventsbasar an der Waldorfschule!

Die typische Athmosphäre eines Waldorfbasars kennt nur, wer dort war. Und als Schüler war ich notgedrungen jedes Jahr dort. Heute war ich nach gut 20 Jahren wieder einmal auf dem Adventsbasar meiner ehemaligen Schule. Besagte Atmosphäre allerdings nicht. Dabei war vordergründig alles wie immer. Kerzenziehen, gebrannte Mandeln, Märchen, Kuchen, Filz und Naturfarben. Alles war da. Aber bei näherem Hinsehen: ein waldorfpädagogisches No-Go nach dem anderen! Kaum Reisig an den Wänden. Unverhüllte Feuerlöscher. Die Zimmer durchnummeriert. Statt wachskreidenbemalter Wegzeiger ein schnöder Orientierungsplan. Zu Essen gab es Spinat-Ricotta-Ravioli in Schinken-Sahne-Sauce mit Parmesan und Ruccola an Balsamico. Zwar lecker, aber vom Adventsbasar-Charme her nicht im Ansatz mit Wienerli & Kartoffelsalat oder selbstgebackenen Waffeln zu vergleichen. An den Verkaufsständen zum größten Teil kommerzielle Waren von externen Anbietern: Bücher, Kurzwaren aus Wolle, Obst und Gemüse, Perlen und Schmuck, Spielwaren. Die handgemachten Weidezäune für die waldorfkompatible Ritterburg, selbstgefilzte Höhlengnome und handbemaltes Tongeschirr musste man teilweise erfolglos suchen. Schließlich doch noch eine Bastelecke, in der man sich für 50 Cent aus Baumscheiben, Moos und Wachsknete eine weihnachtliche Miniaturlandschaft basteln konnte.

Ich kann nicht so einfach sagen, was mir fehlte. Denn im Grunde darf man froh sein, dass die enge und bisweilen von jeglicher Frischluftzufuhr abgeschnittene Subkultur der klassisch waldorfpiätistischen Weleda-Ästhetik in weiten Teilen der Vergangenheit angehört. Bei diesem Adventsbasar hatte ich allerdings das Gefühl, dass damit zugleich etwas über Bord geworfen wurde, das nicht nur zur gewohnten Atmosphäre des Basars gehört, sondern auch zur originären Idee der Waldorfpädagogik. Denn was hinter der ästhetischen Enge immer auch noch steckte, war ein gewisser Qualitätsanspruch, der sich - nicht unbedingt in dieser Ausformung, aber in seiner Haltung - überall dort findet, wo versucht wird, seinem Tun über die rein technische Funktion hinaus einen Sinn zu verleihen, der sich nicht an der Sache, sondern am Menschen orientiert. "Für Menschen mit Sinn gestaltet" könnte der passende Marketing-Slogan lauten. Sinn für Gediegenheit, für Ursprünglichkeit, für Originalität, für die unmittelbare Sinnlichkeit des natürlichen, für die seelenpflegende Wirkung von Ästhetik, für den wechselseitigen Einfluss von Form und Funktion, für die charakterbildende Kraft des Wahren, Schönen und Guten, für die soziale und persönliche Reifung durch sinnstiftende Kulturtechniken. Kurz ein Sinn für den Sinn einer an einem geistigen Menschenbild und an der konkreten Individualität des Einzelnen Kindes orientierten Pädagogik. Denn geistiges Menschenbild heißt nichts anderes als ein Bild, das den Menschen nicht nur als kausal wirkender Teil einer physikalisch-biologischen Natur sieht, sondern darüber hinaus als einen, der sich und seine Umwelt aus sich heraus mit einem ganz eigenen, alles physikalisch-biologisch-kausale übersteigenden Sinnzusammenhang versieht. In diesem Sinnzusammenhang kann der Mensch überhaupt erst seine Freiheit entfalten, weil er selbst es ist, der den ansich profan und wertneutral der Kausalität folgenden Dingen eine höhere Bedeutung verleiht.

Pädagogik - weit über Schule hinaus - ist aber am Ende nichts anderes, als die behutsame Einführung eines rein biologisch-kausal funktionierenden Eiweißbündels in die Kunst der autopoetischen Sinngebung, in das Herausheben des eigenen Ichs aus der nichtssagenden Relativität der schieren kausalen Sterblichkeit, in die Zeugung der eigenen Biographie. Und Schule stellt in unserer Kultur dafür einen der wichtigsten Parcours an Anregungen, um diesen eigentlich paradoxen Sprung aus der kausalen Funktionalität hinein in das spontane und freie Versehen der Welt mit Sinn zu schaffen. So wie sich die Freiheit des Gedankens erst dann entfalten kann, wenn das Denken sich zuerst in das Korsett der Regeln einer Sprache gezwängt hat und an ihrem Erlernen überhaupt erst prototypisch die Bedeutung von 'Bedeutung' für sich gleichsam aus dem Nichts erschaffen hat, so kann sich auch der junge Mensch erst dann seinen eigenen Sinn geben, wenn er die Fähigkeit der Sinngebung an einer sinnhaften Welt erlernt hat. Nicht weil er diesen Sinn übernehmen soll, sondern weil er daran die Fähigkeit zur selbständigen Sinnstiftung und damit zum freien Handeln in einer über das biophysische hinaus gehenden psychischen, sozialen, künstlerischen und geistigen Welt erlernen muss.

Das ist die eigentliche Idee der "Erziehung zur Freiheit", die hinter der Waldorfpädagogik steckt und die trotz all der muffigen Szeneästhetik als originärer und bewusster Qualitätsanspruch immer zu spüren war. Doch sie scheint immer mehr verloren zu gehen und einer an Traditionen, Gewohnheiten, Moden und scheinbaren Sachzwängen orientierten Beliebigkeit zu weichen, die sich zwar durchaus an netten Dingen erfreut - an Spinat-Ricotta-Ravioli und Unterhosen aus Wolle-Seide-Gemisch zum Beispiel - die aber nicht mehr den Unterschied spürt, zwischen dem Inhalt einer Sache und ihrem Sinn, ihrem inneren Zusammenhang in der Welt. Genau da ist aber der Unterschied zwischen einer Pippi-Langstrumpf-CD und einer Märchenerzählerin, die im Kerzenschein und von Wurzeln und Wollzwergen umringt die Kinder mit ihrer Erzählkunst fasziniert. Nicht weil Pippi-Langstrumpf-CDs irgendwie gefährlich oder ungesund wären, sondern weil die Märchenerzählerin dem Kind (im richtigen Alter) ganz unabhängig vom Inhalt schon als schierer Akt und Performance einen viel reicheren Sinnzusammenhang gibt, an den das Kind anknüpfen kann und durch den das Kind in seiner autopoetischen Sinnstiftung angeregt wird. Es ist nicht die Versorgung des Kindes mit der Information über den Inhalt des Märchens, der den eigentlichen pädagogischen Wert darstellt, sondern der Akt des Erzählens, das Eintauchen in die Geschichte, der Soziale Akt der Veranstaltung, das Erleben des Besonderen, die Interaktion mit Menschen und die Faszination an der Evokation von Vorstellungen. Das alles bringt natürlich auch die CD mit sich, aber in viel schwächerem Maße. Sie ist im Vergleich zur Märchenerzählerin für das Kind wie eine trockene Brotrinde zu einem opulenten Festmahl.

Ob also die Zwerge aus Filz und naturfarben oder ob sie aus Plastik und neonbunt sind, wäre letztlich egal, wenn sie denn nur nicht als beliebiger Dekoartikel in einem Sammelsurium an Zufälligkeiten auftreten (und das tun auch die Filzzwerge mittlerweile viel zu oft), sondern wenn sie sich als Teil eines nachvollziehbaren und sinnlich opulent erfahrbaren Sinnzusammenhanges darstellen, an dem sich die pädagogische Stimulation zur autopoetischen Biographie-Zeugung entzünden kann. Denn das tut die fünfhundertste Merchandising-Figur aus Plastik nicht, der Filzzwerg aber durchaus, weil er seine feste Rolle in der Märchenwelt und damit in jenem kindlichen Instrumentarium zur protoreflektiven Handhabung seiner Innerlichkeit hat. Die Plastikfigur hat da allenfalls eine feste Rolle in der kommerziellen Konsumerziehung.

Und so ist auch der Adventsbasar nur in zweiter Linie eine Verkaufsveranstaltung zur Finanzierung der Schule (so richtig gewichtig ist der Erlös ohnehin nicht) und deswegen auch das Augenmerk auf Verkaufbarkeit, Marktfähigkeit und Nachfrageorientierung der Artikel nur bedingt interessant. In erster Linie ist es ein sozialer Akt, ein Event und eine Gelegenheit, nicht nur für die Kinder sondern auch für die Eltern und Lehrer und nicht zuletzt für die Besucher, sich als Schulgemeinschaft und Schulumwelt, aber auch als Einzelne zur Sinnstiftung anzuregen, indem man gemeinsam in einen zwar beliebig zu wählenden, aber in sich nicht beliebigen Zusammenhang eintaucht, durchaus auch ohne gleich darin zu ersticken.

Das ist es, was ich hinter all der ästhetischen Zumutung, die ein Adventsbasar bisweilen mit sich brachte, heute an meiner ehemaligen Schule vermisst habe. Die Aufmerksamkeit für Gediegenheit, für Zusammenhang und Sinn, die sich im Detail in der nur scheinbar funktional überflüssigen Ästhetik und Qualität niederschlägt. Kurz: Kultur! Und das steht nur als pars pro toto für den Eindruck, den ich von der Waldorfpädagogik insgesamt gegenwärtig habe - man korrigiere mich gerne mit empirischen Belegen! - sie verliert ihre Marotten, aber zugleich auch ihre Substanz.


 

Sonntag, 16. November 2008

Dummheit und Gegendummheit

Geschrieben von Christian Grauer in Anthroposophie, Esobashing
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"Denn wen, wenn er ein Kind geschlagen hat, nicht die brennende Scham ergreift, der sollte die Hände lassen vom Erzieherberuf." (Erich Gabert)
"Und jeder Schlag, den er trotzdem in der Erregung des Augenblicks etwa noch austeilt, wird ihn je länger je mehr in seinem Gewissen brennen. Er wird auf ihn zurückschauend sich eingestehen müssen, daß er hier trotz allem und allem, was man anführen kann, doch eigentlich pädagogisch versagt hat, als er zu diesem kümmerlichsten, primitivsten aller erzieherischen Mittel griff, daß in diesem Augenblick Zorn, Gekränktheit, Bequemlichkeit, mangelnde Phantasie und Lieblosigkeit in ihm die Oberhand gewonnen hatten." (Erich Gabert)
Dies sind Passagen aus dem Kapitel "Soll man Kinder Schlagen?" aus dem Buch "Die Strafe in der Selbsterziehung und in der Erziehung des Kindes" von Erich Gabert, das Michael Grandt in seinem "Schwarzbuch Waldorf" als Beleg dafür heranziehen will, dass die Waldorfpädagogik die Anwendung körperlicher Gewalt toleriere.

Die zitierten Passagen beweisen schon hinlänglich, dass Grandts Urteil völlig absurd ist. Es kommt dadurch zustande, dass er - absichtlich oder aus Nachlässigkeit - die von Gabert in indirekter Rede ausgeführte Verteidigungsrede eines hypothetischen Prügelstrafenbefürworters zitiert und diese seinen Lesern stillschweigend als die Ansicht Gaberts verkauft. Außerdem stellt er Passagen aus unterschiedlichen Kapiteln so zusammen, dass ein scheinbarer Bezug vorgetäuscht wird, der im Buch nicht besteht und er stellt Negativbeispiele von Gabert so dar, als gäben sie die Ansicht Gaberts wieder. Ich führe am Ende dieses Beitrages den kompletten Text des betreffenden Kapitels aus Gaberts Buch auf, so dass sich jeder Leser selbst ein Urteil bilden kann.

Es ist anhand des Volltextes unschwer zu erkennen, dass Erich Gabert - wohlgemerkt im Jahre 1951, als Prügelstrafen in öffentlichen Schulen noch Gang und Gäbe waren - sich klar und deutlich gegen Prügelstrafen ausspricht, wenn er sie als die "kümmerlichsten, primitivsten aller erzieherischen Mittel" bezeichnet. Dass er dabei, anders als das ein heutige Autor machen würde, Prügelstrafen als etwas weitgehend "normales" behandelt ("Der Autor schließt körperliche Strafen nicht ausdrücklich aus, sondern zieht sie sogar in Betracht" (Grandt, S. 56)), hat seinen Grund nicht darin, dass er sie gutheißt, sondern dass sie im Jahre 1951 außerhalb der Waldorfschulen tatsächlich noch etwas normales waren! Grandt liefert hier mit seiner bewussten Verfälschung der klaren Aussagen von Gabert ein Paradebeispiel für seinen Schmierenjournalismus. Andere Publikationen wie z.B. der anonyme Waldorfhasser "Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie", der eine besondere Vorliebe für die Verzerrung der Wirklichkeit hat, hängen sich an Grandts Verfälschungen und lügen ihre Leser unbekümmert an: "Der 'renommierte' Waldorfpädagoge Erich Gabert sieht hingegen ganz klar, was in solchen Fällen zu tun ist: Kinder, die andere Kinder schlagen, müssen ihrerseits Prügel von einem Erwachsenen beziehen." External Link Das exakte Gegenteil steht in Gaberts Buch, wie man dem unten zitierten Kapitel unschwer entnehmen kann. Denn die zitierte Verteidigung der Prügelstrafe führt Gabert nur aus, um sie als Beispiel verfehlter Pädagogik zu entlarven. Die Ausführung ist sowohl am Anfang ("Er [der hypothetische Erzieher, der ein Kind schlägt] sagt sich:") als auch am Ende ("Dies alles überlegt und sagt sich der Erzieher") klar erkennbar als indirekte Rede eines hypothetischen Gegenparts gekennzeichnet und ein Missverstehen dieses Umstandes kann allenfalls durch fortgeschrittene Legasthenie erklärt werden. Oder eben durch Absicht.

Dieser Umstand wäre angesichts der Tatsache, dass das ganze Buch von Grandt auf diesem Qualitätsniveau erstellt ist, nicht weiter erwähnenswert, hätte nicht der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFW) eben diesen Verweis auf das Buch von Gabert zum Gegenstand einer seiner Klagen auf Einstweilige Verfügung gegen Grandts Machwerk gemacht. Allerdings moniert der BdFW keineswegs die völlige Falschdarstellung der Inhalte des Buches von Gabert, sondern nur dass Grand eine alte Auflage zitiert und die neue, überarbeitete Version nicht erwähnt. Damit räumt der BdFW implizit ein, dass die von Grandt erhobenen Vorwürfe zumindest für die alte, unkommentierte Ausgabe eine gewisse Berechtigung hätten.

Der BdFW prägte damit in der Öffentlichkeit selbst ein völlig verzerrtes Bild des Buches von Gabert, das überhaupt erst durch die Klage des BdFW ins Gespräch gebracht wurde. Der BdFW erweckte den Eindruck, als vertete das Buch von Gabert in der ursprünglichen Version tatsächlich die Prügelstrafe als legitimes Erziehungsmittel und als hätte erst die Überarbeitung durch Georg Kniebe eine deutliche Abkehr von der Prügelstrafe kenntlich gemacht. Offenbar kennt der BdFW seine eigenen Bücher nicht. Denn bevor ich das Gabert-Buch im Original gelesen hatte, folgte auch für mich aus der Klage des BdFW auf Berücksichtigung der Neufassung, dass die Originalfassung offenbar fragwürdige Passagen enthalten müsse. Und der BdFW hat nichts unternommen, diesen Eindruck zu korrigieren. Nirgends findet sich eine Stellungnahme, in der das Bild des Gabert-Buches richtig gestellt wird. Selbst die waldorfnahe Zeitschrift info3, die das Grandt-Buch vehement kritisiert, spricht von den "umstrittenen Passagen aus dem Buch von Erich Gabert" External Link .

Dass dieses Bild entstanden ist und nunmehr die Diskussion unweigerlich prägt, hat der Bund der Freien Waldorfschulen zu verantworten. Es ist ein weiteres Beispiel External Link für die verfehlte und kontraproduktive Öffentlichkeitsarbeit dieser Institution. Erschwerend kommt hinzu, dass der BdFW dasjenige, was ich hier ausgeführt habe, in einer eigenen Darstellung verfasst hat, die mir auch vorliegt. Diese wurde aber nur intern als "Argumentationshilfe" verteilt, nicht aber veröffentlicht. Der BdFW schädigt nicht nur das Image der Waldorfschulen nachhaltig durch unnötige und unwirksame Prozesse, denn das Buch ist trotz Verbot gedruckt und verkauft. Zugleich unterlässt der BdFW es, dringend nötige Richtigstellungen zu veröffentlichen, die auf gravierende sachliche Mängel des Buches von Grandt aufmerksam machen könnten und somit belegen würden, dass Grandts Buch nicht nur rechtswidrig, sondern insbesondere wahrheitswidrig und von schlechtestem journalistischem Stil ist.

Zuguterletzt folgt hier noch das vollständige Kapitel aus dem Buch von Erich Gabert, und zwar in der ursprünglichen, nicht überarbeiteten Version, die Grandt für sein Buch verwendet hat. Die Hervorhebungen sind von mir und beziehen sich auf meine Anmerkungen oben.

"Dummheit und Gegendummheit" vollständig lesen

 

Freitag, 7. November 2008

Esowatch watet weiter durch den Sumpf

Geschrieben von Christian Grauer in Anthroposophie, Esobashing
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Die Esobasher-Szene hat tief gewühlt und aus dem Archiv der Rudolf-Steiner-Mailingliste External Link eine Diskussion aus dem Jahre 2005 zum damals tagesaktuellen Thema Kindesmissbrauch ausgegraben.

In dieser Diskussion vertrat Felix Hau eine kontroverse Meinung und warf in durchaus provokanten Worten der gesellschaftlichen Diskussion vor, unangemessene Hysterisieung und Pauschalisierung zu betreiben, statt das Problem sachlich und mit Augenmaß zu behandeln. Er forderte, sexuelle Handlungen mit Jugendlichen von Vergewaltigungen mit Kindern deutlicher zu unterscheiden, insbesondere hinsichtlich der Traumatisierung und dem Umstand, dass solche Handlungen von Jugendlichen teilweise auch provoziert werden. Weiter sah er durch die Hysterisierung im Einzelfall eine unnötige Verstärkung der Traumatisierung der Opfer. Ebenso stellte er in Frage, inwieweit die oralen oder exhibitionistischen Praktiken der damals diskutierten Fälle im Strafmaß sowie in der gesellschaftlichen Ächtung eine Gleichstellung mit Kindesvergewaltigungen rechtfertigten. Die Diskussion ist auf Felix Haus Blog Berzengeschnetz  External Linkdokumentiert .

Esowatch pickt nun in einem  External LinkBlogeintrag einige Passagen der Diskussion heraus und beweist in unfreiwilliger Selbstironie prototypisch, was Felix Hau mit Pauschalisierung und Hysterisierung meint. Im Konzert mit der Esobasher-Szene, die im wesentlichen aus  External LinkAndreas Lichte , „Christoph“, dem mutmaßlichen Autor des anonymen Blogs  External LinkNWA , einer Schar anonymer alter egos von  External LinkAndreas Lichte , den Autoren von Esowatch, dem Blog „Netzklempnerin“, „elphaba“, Autorin des Blogs „ADS/ADHS Chaos im Kopf“, dem  External Link"RatgeberNews-Blog" und Alexander Otto alias „chefarztfrau“ besteht, wird nun eine der primitivsten Kampagnen gegen Felix Hau aufgefahren, in der er u.a. von  External LinkAndreas Lichte alias „Justine“ als  External Link"Kindesmissbrauchverharmloser" und von Alexander Otto als  External Link „Pädophiler Anthroposoph“ diffamiert wird. Der mutmaßliche Autor des  External LinkNWA-Blogs entblödet sich nicht, Felix Haus Thesen als  External Link"Plädoyer für den Kindesmissbrauch" zu bezeichnen (der Kommentar wurde zwischenzeitlich vom Blogbetreiber wieder entfernt, der Beleg ist ein Screenshot meines Feedreaders).

Dass diese Vorwürfe nicht nur infam und haltlos sondern deswegen auch justiziabel sind, stört die Esobasher keineswegs. Diffamierungskampagnen gehören zu deren Standardinstrumentarium. Hierfür betreibt Esowatch z.B. extra eine  External LinkSammlung von Dossiers über unliebsame Personen, in denen die Diffamierungen zusammengefasst werden. Ein Beispiel für die Perfidie, mit der dabei vorgegangen wird, zeigt sich in dem harmlos erscheinenden Kommentar von „elphaba“, in dem sie über Hau schreibt: "wen interessiert schon seine Homosexualität, die bringt er laufend ins Spiel, von sonst niemandem wurde die nämlich bis jetzt genannt." External Link Tatsächlich hat aber Hau an keiner Stelle seine Homosexualität thematisiert, sondern eben mit diesem Satz hat „elphaba“ selbst Haus Homosexualität bewusst ins Spiel gebracht, um damit die klassischen Ingredienzen für eine Art von Hetzkampagnen zu haben, mit der sie sich in eine lange und traurige Tradition der Denunziation und Intoleranz stellt.

Einmal mehr zeigt sich überdeutlich, welche Absicht die Esobasher verfolgen: die Denunziation und existentielle Vernichtung der pauschal als böse vorverurteilten Vertreter bestimmter weltanschaulicher Richtungen. Die Motivation ist ihre Angst vor Andersdenkenden und vor der Erosion des eigenen festgefügten positivistischen Weltbildes. Das Ziel ist kulturelle Gleichschaltung und die totalitäre Verhinderung der Abweichung von den Deutungsansprüchen der für absolut gehaltenen eigenen Weltanschauung. Das methodische Repertoire reduziert sich dabei letztlich auf Lüge und Verleumdung, auf Hass und Diffamierung. Scheinheilige Rückfragen im Verhörstil transportieren bereits Urteile und Unterstellungen und sollen dem Opfer einen Widerruf entlocken, der ihm dann als Bestätigung aller Vorurteile ausgelegt wird. Die faulen rhetorischen Taschenspielertricks stinken vom Kopfe her und sind allzu durchschaubar. Daher sind auch Diskussionsversuche, Aufklärungs- und Klarstellungsversuche von vorneherein zum Scheitern verurteilt, weil sie von Esowatch und den Esobashern nur als Anlass und Steinbruch für weitere Diffamierungen genutzt werden. Völlig zurecht zieht Felix Hau in seiner  External LinkStellungnahme Parallelen zu jener Mentalität, auf der totalitäre Systeme gedeihen.

In einer demokratischen, humanistisch gebildeten und rechtsstaatlich pluralistischen Gesellschaft hat solcherlei Denunziantentum keinen Platz, auch wenn es sich um eine winzige, im wesentlichen auf einige Internetseiten beschränkte Gruppe von Akteuren handelt. Denn diese Art der Agitation hat weder mit Aufklärung noch mit Kritik etwas zu tun, denn sie geht jeder Form von Dialog, Differenzierung und sachlicher Kritik gezielt aus dem Weg. Die zur Schau getragene Empörung und der unschuldig aufklärerische Impetus, mit dem die Diffamierungen immer wieder eingeleitet und gerechtfertigt werden, sind nur sympathieheischende Maske für eine gezielte und tatktisch perfide berechnete Hass- und Vernichtungskampagne gegen Andersdenkende.

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Nachtrag:

Ohne (weitere) Worte...

 

Samstag, 25. Oktober 2008

Wo steckt unser Ich?

Geschrieben von Christian Grauer in Bücher
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Egal ob Materialist naturwissenschaftlicher Prägung oder anthroposophischer Spiritualist, die Antwort auf diese Frage ist im Grunde immer die gleiche. Das Ich wird als Zentrum der eigenen Person betrachtet, sei es nun im Sinne einer materiell-funktionalen Einheit oder im Sinne eines geistigen Wesenskernes. In jedem Falle wird das Ich als Subjekt des persönlichen Handelns und somit als Substrat unseres Handelns und unseres Bewusstseins betrachtet. Das Ich ist die letzte Instanz auf der Suche nach dem Agens hinter der Person und als solches die eigentliche geistige Identität des Menschen, die letzte Bastion der Wirklichkeit hinter den Schichten bloß außenweltlicher Prädikationen und Anhaftungen.

Doch was, wenn auch das Ich nur eine letzte Schicht der Äußerlichkeit ist, ohne weiteren Kern, ohne ein darunter liegendes Supersubstrat, ohne absolute Identität? Man kann auch bei Steiner über Passagen stolpern, wo er das Ich in der Umwelt verortet. Um das Ich zu finden, müssen wir nicht im Menschen, sondern in seiner Umwelt suchen. Das Ich ist nicht der Ausgangspunkt der Person und ihres individuellen Handelns, es ist vielmehr deren Ergebnis. Im Handeln, im Eingebundensein in die Mannigfaltigkeit der äußeren sinnlichen Welt, in der sozialen Interaktion und nicht zuletzt im Umgang mit der Körperlichkeit fügen sich Einzeloperationen zu einem Bedeutungszusammenhang des Operierens und Handelns zusammen, dessen Einheit wir als Subjekt und hypostasierend als Ich bezeichnen und erleben. Wir sind als Ich nichts anderes als die an der Beobachtung der Außenwelt gezeugte Innenwelt, gleichsam ein bloß perspektivisch gedachter Fluchtpunkt der Einheit der Mannigfaltigkeit des Äußeren Seins.

Wo also steckt unser Ich? Es steckt überhaupt nicht sondern ist nur ein Modus des die Außenwelt erlebend erschaffenden Bewusstseins, um diesem Erleben eine Einheit und damit eine Bedeutung zu geben. Wo wir einen Baum als Baum bezeichnen und ihm damit die für uns mit einem Baum verbundene Bedeutung geben, da reißen wir diesen Baum aus dem indifferenten Sein heraus in die Vereinzelung der sinnlichen Erfahrbarkeit. Die Leerstelle, die bleibt, der Negativabdruck im Sein, der durch das Entäußern des Baumes entsteht, den bezeichnen wir als Ich. Dieses Ich ist weder Urheber oder Vollstrecker des "Herausreißens", noch ist es ein unabhängig von der Äußerlichkeit (dem Baum) existierendes Substrat, es ist vielmehr eine hinterlassene Spur der Erzeugung der äußeren Wirklichkeit des Baumes durch das beobachtende und erlebende Bewusstsein. Im Grunde existiert das Ich damit im Baum und in allen Dingen und Wesen der Außenwelt. Es ist nichts anderes als der Umkehrschluss der Außenwelt, es ist das fundamentalste Wesen in den Dingen, das in der schieren Äußerlichkeit, dem sich Gegenüberstellen als solchem besteht. Ich ist nichts anders als Außenwelt zu haben und die gesamte Vielfalt der Außenwelt repräsentiert das Wesen und die Individualität des Ich. Wir sind die Welt, in der wir leben. Im Kern der Zwiebel aus Schichten an Außenwelten bleibt nichts übrige. Ich bin selbst die Zwiebel!

Es ist letzlich dieser Gedanke, den das Buch "Wo steckt unser Ich?" in drei Beiträgen auf drei ganz unterschiedlichen Ebenen verfolgt: im Anschluss an das Konzept des "Zwischen-Menschen", eines kollektiven und überindividuellen Ich in der Japanischen Sprache und Lebensphilosophie (Gernot Böhme), in einer gehirnphysiologischen Betrachtung des Verhältnis von Bewusstsein und Umwelt (Thomas Fuchs) und in einer konsequent phänomenalistischen Betrachtung von biologischen Rhythmen als Wechselspiel von Entäußerung und Identifikation (Jan Vagedes). Insbesondere der Beitrag von Gernot Böhme stellt dabei das westlich-europäische Konzept des Ich so radikal in Frage, dass man sich beim Lesen mehrfach versichern muss, tatsächlich ein Buch aus einem anthroposophischen Verlag in Händen zu halten. Denn die Anthroposopohie pflegt in weiten Teilen aus ihrem individualistischen Ansatz heraus eine positivistische Verabsolutierung des Ich als eigentliche, geistige Wirklichkeit, die das zur Maja degradierte äußere sinnliche Sein nur ersetzt, um nicht in das schwarze Loch eines Nihilismus zu fallen.

Umso erstaunlicher und erfreulicher ist dieses von Andreas Neider herausgegebene Buch. Es ist ein Beitrag dazu, die Anthroposophie in einen modernen Diskurs sowohl auf naturwissenschaftlichem als auch spirituellem Gebiet einzubinden und sie an ihre wirklich originellen Ideen zu erinnern, mit denen Steiner bereits vor einem guten Jahrhundert moderne Bewusstseinskonzepte antizipiert hat, indem er das Denken als den eigentlichen Quell der Wirklichkeit und damit auch als Erzeuger des Ich identifiziert und ins Zentrum seines Schaffens gestellt hat.

Andreas Neider (Hrg.): Wo steckt unser Ich?
Beiträge einer 'sphärischen Anthropologie'
Verlag: Freies Geistesleben 2008, 128 Seiten, ISBN10: 3-772-52192-4 / ISBN13: 978-3-772521-92-8
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Samstag, 13. September 2008

Der Bund der Freien Waldorfschulen begeht Selbstmord

Geschrieben von Christian Grauer in Anthroposophie
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Gerade begann es so richtig genüsslich zu werden, wie das neue Buch von Michael Grandt, "Schwarzbuch Waldorf", nicht nur in anthroposophischen und waldorfnahen, sondern auch in Zeitungen wie der Süddeutschen und der ZEIT als niveauloses Machwerk in die Bedeutungslosigkeit rezensiert wurde. Da ereilt uns die Nachricht vom vorzeitigen gesellschaftlichen Selbstmordversuch des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFW).

Wie eben dieser Bund in einer Rundmail mitteilt, wurde nun beim Landgericht Stuttgart eine einstweilige Verfügung gegen das "Schwarzbuch Waldorf" erwirkt und damit die Auslieferung des Buches vorläufig gestoppt. Der Bund begründet den drastischen Schritt damit, dass Grandt falsche Tatsachenbehauptungen aufstellt, "in einem besonders gravierenden Fall die Behauptung, der Bund der Waldorfschulen verharmlose und rechtfertige körperliche Züchtigungen an Schülerinnen und Schülern". Da in einem direkten Gespräch mit dem Verlag offenbar keine Einigung gefunden werden konnte, entschloss sich der Bund, den juristischen Weg zu beschreiten.

Sowohl Grandt als auch die Anthroposophen sind geübt: vor 10 Jahren hatte man das "Schwarzbuch Anthroposophie" von Grandt auf diese Weise verbieten lassen und dadurch erreicht, dass es später mit gerichtlich angeordneten Schwärzungen doch erschienen ist, was nicht nur seinen Enthüllungsnimbus steigerte, sondern auch die nicht-geschwärzten Stellen gleichsam als gerichtlich abgesegnete Wahrheit erscheinen ließ. Von der Werbewirkung der Aktion für das Buch und den Image-Schaden für eine sich provinziell unsportlich gebärdende Anthroposophie ganz zu schweigen!

Die Dummheit, diesen faux Pas nun erneut zu begehen, verursacht fast physischen Schmerz. Gibt es denn in Stuttgart keine PR-Berater? Auf solche Aktionen haben Grandt und seine Mitstreiter doch nur gewartet wie ausgehungerte Piranhas, denn sie sind die beste PR für das Buch. Der Enthüllungsanspruch von Grandt, der hinter Waldorf eine rigorose Sekte vermutet, wird dadurch nur bestätigt und die gesellschaftliche Diskussionsunfähigkeit der Waldorfvertreter wird aktenkundig demonstriert. Statt mit einer offenen Debatte voll Esprit und Humor auf die tumbe Agitation von Grandt zu reagieren, begibt man sich noch weit unter dessen eigenes Niveau. Die heren Ansprüche von freiem Geistesleben und Pluralismus, mit dem man sich als Privatschule stets rechtfertigt, weichen einer geradezu spießbürgerlichen Borniertheit. Statt auf Argumente und positive gesellschaftliche Präsenz zu setzen manövriert man sich mit beispielloser Unprofessionalität ins gesellschaftliche Abseits einer Pitbull-Sekte, die auf unbescholtene Journalisten mit Klagen und Verfügungen losgeht.

Was können denn so jämmerliche Figuren wie Grandt und seine paranoiden Agitationen ausrichten gegen die offene und kultivierte Wirklichkeit der Waldorfschulen, gegen Generationen von Waldorfschülern, die in erfolgreich gelebten Biographien - ob prominent oder nicht - für Waldorfschulen Zeugnis ablegen, gegen die Ressourcen an gebildeten und geistreichen Anthropsophen und Waldorfleuten, die solch ungelenk formulierte Kritik mit Witz und Intelligenz zu kontern wissen, und schließlich gegen eine offene Diskussion und eine PR, die Waldorf als integrales Konzept einer freiheitlich-demokratischen, pluralistischen und humanistischen Gesellschaft in Szene setzt?

Diese peinliche Aktion treibt jedem Waldorfschüler die Schamesröte ins Gesicht und sie ist ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die sich mit Engagement und Phantasie öffentlich für die Ideen der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik einsetzen und die einzigartigen Leistungen und Potentiale gegen die ebenso menschlichen Schattenseiten hervorzuheben bemüht sind. Denn hier endet mein Verständnis für die Menschlichkeit der offenbar vollständig unfähigen PR-Abteilung des Bundes der Waldorfschulen und ich weigere mich als Mitglied einer Waldorfschule, einen solchen Bund als Vertretung anzuerkennen.
 

Montag, 8. September 2008

Tagung Ursprüngliche Anthroposophie 20./21.9.08 in Berlin

Geschrieben von Christian Grauer in Anthroposophie
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Wie bereits vorangekündigt findet am 20./21. September in Berlin die Veranstaltung "Ursprüngliche Anthroposophie" statt (weitere Infos s.u.), die bereits im Vorfeld für Aufregung sorgte. Ein großer Kreis der Anthroposophen betrachtet die frühen Werke von Steiner nur als philosophische Vorläufer dessen, was er nach der Jahrhundertwende (nach der Verbindung mit der Theosophie) als Anthroposophie in esoterisch-geisteswissenschaftlicher Arbeit entfaltet hat. Mancher hält die Beschäftigung mit Steiners Frühwerk und noch mehr mit anderen spirituellen Strömungen im Rahmen der Anthroposophie daher für eine Zerstörung derselben und warnt in privaten Zuschriften vor der Veranstaltung und ihren Referenten!

Die theosophische Anthroposophie nach der Jahrhundertwende fasziniert durch einen enormen Reichtum an Bildern, detaillierten Zusammenhängen und einer Aktivierung und Reaktivierung vor allem christlicher aber auch anderer tiefer spiritueller Weisheiten. Die Geschlossenheit, mit der Steiner diese Inhalte in eine ganz neue, individuelle und dem (damals) modernen Bewusstsein angemessene Form brachte und zu einem enorm inspirierenden Gesamtwerk machte, ist eine der faszinierendsten Leistungen Steiners. Diese Anthroposophie beschränkt sich aber trotz ihrer auf den ersten Blick ungewöhnlich esoterischen und blumigen Sprache nicht auf sonntägliche Erbauungsstunden oder private Selbstfindung und Bewusstseinsarbeit, sondern entzündete als kultureller Motor eine weltweite Bewegung und inspirierte Menschen auf den vielfältigsten praktischen Gebieten des Alltagslebens.

Das ist soweit bekannt und eine unanfechtbare Leistung der nachtheosophischen Anthroposophie. Ein Kennzeichen dieser Anthroposophie ist aber auch, dass sie als individuelle Leistung Steiners zugleich auf seine Authentizität und Autorität als Person und Inspirator fokussiert. Je größer die historische Distanz zu Steiner wird, desto schwieriger wird es, aus dieser Authentizität zu schöpfen und so zeigt sich bisweilen die schiere Tradierung auf Vertrauensbasis als ein Hindernis in der anthroposophischen Arbeit und macht sie zu einem teilweise hermetischen und die Anthroposophie als Offenbarung instrumentalisierenden Dogma, das mehr behindert als inspiriert. Ihre Vertreter, die durchaus noch die Authentizität der Steinerschen Inspiration intuitiv erfassen und als selbstgewählte Orientierung für ihre Arbeit wählen, können diese Authentizität aber nicht mehr an Dritte vermitteln. Die Anthroposophie erscheint dann vielfach als dogmatisches Lehrgebäude, das Traditionen wahrt in der Illusion, damit jene Authentizität sichern zu können.

Viele Anthroposophen spüren aber, dass sie nun selbst gefordert sind, jene Authentizität und Autorität zu bilden, die Steiner als Initiator der Anthroposophie ganz natürlich und in ganz besonderem Maße hatte. Nicht um Steiner zu negieren, nicht um mit der Anthroposophie zu brechen, sondern um ihren eigentlichen Kern, das eigentliche Erneuerungspotential zu nutzen, das in ihr liegt. Sie spüren, dass die lebendige Anthroposophie, die sich als spirituelle Strömung einem Dialog mit der Gegenwart stellte, zu einer blutleeren, dogmatisch tradierten Lehre wird, wenn sie nicht von uns selbst mit jener Authentizität und Unmittelbarkeit vertreten werden kann, wie sie das von Steiner wurde. Denn das Potential der Anthroposophie liegt nicht in ihren Traditionen und Gewohnheiten, in Arbeitsweisen und Detailerkenntnissen, sondern in einem spezifischen Zugang zur Welt, in einer Erkenntnishaltung und Fragestellung an das Leben, die sich aus Unbefangenheit und in spiritueller Aufklärung für die Integration einer geistigen Wirklichkeit öffnet, die nicht jenseits, sondern diesseits des sinnlichen Realitätsverständnisses liegt.

Die Veranstaltung "Ursprüngliche Anthroposophie" möchte im Frühwerk Steiners einer Erkenntnisdimension nachspüren, in der sich auch bei ihm noch vor der Ausarbeitung der Anthroposophie als solcher, ein unmittelbarer Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens finden. Dieses frühe Werk weist nicht den hohen Grad an Konkretion und Ausarbeitung auf, wie die spätere Anthroposophie. Es verzichtet auch auf Bezüge zu allerelei esoterischen, okkulten, mythischen und mystischen Traditionen. Dafür ist es aber auch frei von jeglichem traditionellen Ballast und sucht mit fast spröder Nüchternheit den Kern der spirituellen Erfahrung in philosophische Worte zu fassen. Sicherlich hat das Spätwerk eine andere biographische Reife. Dies zeigt sich insbesondere auch in seiner ganz anderen sozialen und kulturellen Wirkung. Aber keineswegs ist das Frühwerk deswegen aus spiritueller Sicht als minderwertig oder nur vorläufig anzusehen. Unter der Oberfläche philosophischer Ausdrucksweise und scheinbar paradoxer Formulierungen wird die selbe spirituelle Tiefe angesprochen, die sich durch die gesamte Anthroposophie zieht. Indem sich die frühen Schriften an das reine Denken wenden, sind sie oft schwerer zugänglich, als die faszinierenden theosophischen Bilder, sind sie aber zugleich auch unabhängiger von kulturellen Voreinstellungen und von der Authentizität des Autors. Sie stellen auch nach Steiners eigenen Aussagen eine Form des ursprünglichen Zugangs dar, aus dem eine Anthroposophie jederzeit individuell und authentisch hervorgehen kann.

Auch Verbindungen zu anderen modernen spirituellen Strömungen sind aus dieser Perspektive leichter als aus der kulturell stark geprägten nachtheosophischen Anthroposophie. Dies wird sich in der Veranstaltung am Beispiel von Ken Wilber darstellen, dessen Ansatz durch Michael Habecker vertreten sein wird. An diesem Beispiel kann vielleicht deutlich werden, wie jener ursprüngliche Zugang zur Anthroposophie zugleich auch Teil hat an jenem allgemein ursprünglichen spirituellen Zugang zum Leben, der sich als höchste oder tiefste Dimension letztlich hinter allen Versuchen, das Leben mit Erkenntnis zu durchdringen, auffinden lässt.

Als Referent dieser Veranstaltung sehe ich darin ein Chance, nicht nur die Anthroposophie mit neuer Lebenskraft zu versorgen, sondern auch für mich selbst einen Weg zu den Ursprüngen der Anthroposophie zu finden, ohne die Traditionen deswegen pauschal negieren zu müssen, aber um dadurch und auch im Dialog mit anderen modernen Inspirationen selbst jene Form der Authentizität für mich zu finden, die das Werk Steiners so kraftvoll und charismatisch macht.

Jeder, der sich dafür interessiert, mit diesem Ansatz neue, ggf. auch experimentelle Wege der Anthroposophie und der Spiritualität zu beschreiten und darüber ins Gespräch zu kommen, ist herzlich zu unserer Veranstaltung eingeladen. Ein zentraler Ansatz der Veranstaltung ist es daher auch, das Gewicht weg von den Vorträgen und hin auf die Gespräche und Übungen mit allen Teilnehmern zu lenken, um nicht nur vorbereitete Weisheiten abzuspulen sondern in einen lebendigen und unmittelbaren Erkenntnisdialog zu kommen.


"Ursprüngliche Anthroposophie"
Tagung mit Impulsreferaten, Übungen und Gesprächen

Referentinnen und Referenten:
Anna-Katharina Dehmelt
Christian Grauer
Sebastian Gronbach
Michael Habecker
Jens Heisterkamp

Termin: von Sa. 20.9.08 14:00 Uhr bis So. 2.9.08
Ort: Teltower Damm 269, 14167 Berlin
Teilnahmegebühr: 40 EUR (an der Tageskasse)

Veranstalter:
Zeitschrift info3,
Werkgemeinschaft Berlin-Brandenburg, Sozialtherapeutische Werkstätten gGmbH
Organisation und Durchführung: Frithkof Scholz, Uwe Gräßer (Werkgemeinschaft), Jens Heisterkamp (info3)


Programm:

Samstag, 14:00 Uhr

Teil 1:
Ursprüngliche Anthroposophie. Eine Spurensuche im Lebenswerk RUdolf Steiners.
Impulsreferat von Dr. Jens Heisterkamp. Übungen mit Anna-Katharina Dehmelt.
Bewusstsein als absolute Dimension unserer Erfahrung. Phänomenologische Annäherung an das Bewusstsein mit Christian Grauer

Teil 2:
Authentische Spirituelle Erfahrung: Bewusstseinserfahrung als Gotteserfahrung. Impulsreferat von Sebastian Gronbach

Sonntag, 9:30 Uhr

Teil 3:
Die höhere Wahrheit im Dialog. Krieterien einer zeitgemäßen und post-metaphysischen Spiritualität im Anschluss an Ken Wilber. Impulsreferat von Michael Habecker.#

Jede Einheit mit Übungen (A.-K. Dehmelt) und Gesprächen.
 

Donnerstag, 4. September 2008

Esowatch - für Herrn Gerlach persönlich

Geschrieben von Christian Grauer in Anthroposophie
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Da der Esowatch-Blog meine Kommentare nur teilweise zulässt, mich ansonsten auf einer "Blacklist" führt (was Esowatch absurderweise abstreitet und als eine erfundene "Ausrede" meinerseits bezeichnet), veröffentliche ich den Rest meines etwas längeren Kommentars in Antwort auf Herrn Gerlach einfach hier. Er wird sich schon hier her verirren und vielleicht schaffe ich ja noch, den 4. und letzten Teil auch bei Esowatch zu posten. Die ersten 3 durfte ich immerhin schon.



Lieber Herr Gerlach,

Sie wollen es vorgekaut und ausführlich, weil sie zu faul sind, selbst zu lesen? Bitte, können Sie haben. Ich komme allerdings nicht umhin, etwas ausführlicher zu werden, weil die Wahrheit nunmal kein Multiple-Choice-Test ist, wie Sie sich das gerne vorstellen. Im Grunde ist es albern, aber ich will versuchen, Ihnen zu antworten und zu erläutern, warum ich zu dem in meinem Artikel gefällten Urteil über Esowatch und eine Reihe anderer Anthroposophie-Kritiker komme.

Ich habe bereits betont, dass sich meine Kritik nicht ausschließlich und auch keineswegs vorwiegend an Esowatch richtet. Ich darf Ihnen sogar sagen, dass ich grundsätzlich gegen das Anliegen, das Esowatch ausgibt, überhaupt nichts einzuwenden habe. Es gibt tatsächlich sehr viel Unsinn, Scharlatanerie und teilweise auch wirkliche Gefahren in dem nahezu endlosen Spektrum esoterischer, spiritistischer, religiöser und parapsychologischer Bewegungen. Und selbstverständlich gibt es da auch Skandale und Fehlverhalten. Ich nehme da weder die Kirchen noch die Anthroposophie aus. Und es ist legitim und zu begrüßen, wenn jemand darüber sachlich informiert. D.h. es WÄRE zu begrüßen, denn Esowatch informiert zwar, aber leider nicht sachlich. Und genau das ist das Problem.

Mein Artikel richtet sich also nicht primär gegen die Kritik, die vorgebracht wird, sondern gegen die Art und Weise, wie sie vorgebracht wird und mit welcher Absicht sie vorgebracht wird. Insbesondere habe ich keine Probleme damit, wenn Misstände an Schulen, rassistische Äußerungen bei Steiner oder seinen Anhängern, mögliche Kindesmisshandlungen und dergleichen angeprangert werden. Was ich kritisiere ist einmal die Pauschalisierung, mit der Anthroposophen unter Generalverdacht gestellt werden, wenn in irgend einer Institution etwas vorfällt. Und noch mehr die Instrumentalisierung dieser Vorfälle zur Diffamierung der Anthroposophie als solcher und einer ganzen Gruppen von Menschen, die mit dem Vorfall nichts zu tun haben, außer dass sie die selben Bücher lesen. Den Nachweis über einen systematischen Zusammenhang bleibt Esowatch aber schuldig. Es behauptet ihn einfach, bringt aber weder Beweise noch Begründungen. Es wird einfach konstatiert: „Gewalt ist dem anthroposophischen 'Denken' immanent.“ („rincewind“ http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=78&catid=4 ) Begründung? Fehlanzeige. Der Einzelfall wird einfach zum Normalfall erklärt, ohne sich an der Tatsache zu stören, dass er dann eigentlich in allen, immerhin in den meisten Waldorfschulen vorkommen müsste und nur in diesen. Das tut er aber nachweislich nicht. Solche Fälle sind in Waldorfschulen ebenso die Ausnahme wie in anderen Schulen. Warum berichtet Esowatch nicht über Missbrauch an staatlichen Schulen? Und warum erklärt es Gewalt nicht auch dem Denken der Bundesrepublik Deutschland, dem Grundgesetz oder der konventionellen Pädagogik als immanent? Ich hatte in einer staatlichen Schule einen Lehrer, der geprügelt hat. Ich wäre bislang nie auf die Idee gekommen, Alexander v. Humboldt dafür verantwortlich zu machen...

Wenn also Esowatch schreibt „Von einem 'ultimativen Sündenpfuhl' spricht nur er selbst. Wenigstens Esowatch bezieht sich auf konkrete Fälle,“ dann ist das schlicht eine Illusion: Esowatch bezieht sich nicht nur auf konkrete Fälle, sondern pauschalisiert, sonst würde es nicht wenige Zeilen später erklären: „Its a feature, not a bug“. Wollen Sie bestreiten, dass eine Bewegung, die gezielt und systematisch Institutionen zum Zwecke der Misshandlung von Kindern („feature“) ein ultimativer Sündenpfuhl wäre? Mein Vorwurf, die Esobasher hielten die Anthroposophie für einen ultimativen Sündenpfuhl ist also durchaus zutreffend. Um diese von Esowatch vertretene Ansicht zu erkennen, genügt es eben nicht, wie Sie es hier immer mit dem unschuldigen Staunen eines Waldorfschülers im Gesicht fordern, irgend einen Satz zu zitieren. Das scheint hier ja auch die einzige bekannte hermeneutische Methode zu sein; die Wissenschaft und Literatur hat seit der Steinzeit allerdings auch noch um einiges raffiniertere Methoden entwickelt, mit denen Sie sich dringend beschäftigen sollten!

Auch mein Vorwurf, die Esobasher sähen hinter der Anthroposophie eine straff organisierte Lobby mit einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit, wird von Esowatch immer wieder bestätigt. So schreibt „thomas“, nach allem was ich schließen muss einer der Autoren von Esowatch (man korrigiere mich bitte): „Ein Irrsinn, der mM nach vor dem Hintergrund der gut funktionierenden Anthroposophen-Lobby gesehen werden muss.“
http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=83&catid=4
oder „cohen“, ebenfalls Autor: „Eins ist klar, die Anthros spielen auf der Klaviatur der Öffentlichkeitsarbeit sehr geschickt.“
http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=78&catid=4

Das ist aber für jeden, der die Anthroposophische Öffentlichkeitsarbeit kennt, einfach nur ein Brüller. Sonst nichts. Offenabar kennt aber Esowatch die Öffentlichkeitsarbeit nicht so gut. Wie es überhaupt nicht immer sonderlich informiert wirkt – ein weiterer Vorwurf von mir! Aber wie auch, schließlich kommt Esowatch nach eigenem Bekunden (s.o.) ohne fremde Geldmittel aus. Da kann man natürlich nur spärlich recherchieren, denn fundierte Recherche ist aufwändig! Da reicht ein bisschen Googlen nicht aus. So finden sich in dem Wikipedia-Klon, der natürlich aus ganz zufälligen Gründen identisch aussieht (eine Farbangabe im CSS zu ändern, ein Hintergrundbild zu ändern ist natürlich soooo viel Arbeit. Und Esowatch hat ja kein Geld. Das können nur andere wie Anthrowiki sich leisten, die haben ja eine Lobby im Hintergrund... Nie und nimmer versucht Esowatch damit, eine Ähnlichkeit mit Wikipedia vorzutäuschen und damit auf das Image der OpenSource-Enzyklopäde zu spekulieren. Nein nein...), Informationen, die so lächerlich falsch sind, dass es schmerzt. Über Rudolf Steiner steht zu lesen, er habe sich für die Widergeburt Jesu Christi gehalten. (http://www.esowatch.com/index.php?title=Rudolf_Steiner) Fein! Wer nur ein Mindestmaß an Sachkenntnis hat, weiß, dass sich eine solche Ansicht in Steiners Werk nicht findet – folgerichtig bleibt Esowatch natürlich auch einen Beleg schuldig, was hier übrigens auch ein „feature“ ist... - sondern sich mit seinen vielen Darstellung über Christus in jeder Hinsicht widerspricht. Nicht zuletzt wurde er aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen, weil er die These vertrat, dass sich Christus überhaupt nicht, in keinem Menschen je wiederverkörpern würde.

Das ist ein Beispiel für meinen Vorwurf der Uninformiertheit. Auch er ist also zutreffend und ich konnte ihn sogar mit einem Beispiel belegen, das ganz nach Ihrem Gusto linear zitierbar ist! Wenn man den Artikel im Wiki über „Waldorf Pädagogik“ liest, dann wird es vollkommen haarsträubend. Da ist nicht nur über weite Strecken das Thema verfehlt (der Autor schreibt über Märchen statt über Pädagogik) sondern die Darstellung ist so unsachlich und polemisch auf die billigsten Stereotypen über Waldorfpädagogik ausgerichtet, dass ein Stammtischwitz dagegen Nobelpreisverdächtig wirkt. Der Autor ignoriert nicht nur die mittlerweile umfangreiche (nicht-anthroposophische) wissenschaftliche Literatur zur Waldorfpädagogik sondern hat offenbar nicht auch nur den Hauch einer persönlichen Erfahrung. Klar, wieder fehlt das Geld zum recherchieren... Da liest man dann z.B.: „Die folgenden sieben Jahre [7. bis 14. Lebensjahr, cg] stehen unter dem Motto ´Die Welt ist schön´. Der Unterricht ist ausgefüllt mit Geschichten, Fabeln, Legenden und Bildern. Wie ein roter Faden durchziehen die Märchen von Hänsel und Gretel, von Dornröschen und Aschenputtel den Unterrricht.“ (http://www.esowatch.com/index.php?title=Waldorf_P
C3
A4dagogik
) Es folgt die Nacherzählung eines Märchens (Gänsemagd) und eine ausführliche Kritik an diesem Märchen als Kinderliteratur. Das wars. Damit ist der Lehrplan der Klassen 1 bis 8 dargestellt. Das versteht Esowatch unter sachlicher Information.

Bei aller Liebe und Verständnis für Kritik, bitte gestehen Sie mir zu, dass ich mich die nächste halbe Stunde einem Lachkrampf widme. Sie verlangen hoffentlich nicht von mir eine Gegendarstellung. Abgesehen nämlich davon, dass diese Darstellung ganz offensichtlich an Blödheit nicht zu überbieten ist, frage ich mich wirklich ernsthaft, was für ein Bild der Welt ein Autor hat, der tatsächlich davon ausgeht, dass in Deutschland und weltweit seit ca. 90 Jahren öffentliche Schulen existieren, in deren 1. bis 8. Klasse ausschließlich Märchen, Fabeln und Legenden erzählt werden. Sonst nichts. Kein Matheunterricht, kein Lesen, kein Deutsch, keine Sprachen, keine Geographie etc... Hätte ich diesen Wikieintrag schon gekannt, als ich meinen Artikel geschrieben habe, wäre der in Bezug auf Esowatch noch um einiges belustigender ausgefallen, das kann ich Ihnen versichern!

Noch einen gefällig? Im Wikieintrag über Anthroposophie lese ich, „Sie [die Anthroposophisce Gesellschaft] verfügt über weitverzweigte Wirtschaftsbetriebe (Wala, Weleda, Demeter), über eigene Banken, Finanzgesellschaften, Film- und Fernsehproduktionsstätten, Krankenhäuser, Studienzentren und private Hochschulen“ (http://www.esowatch.com/index.php?title=Anthroposophie) Noch so ein Brüller. Weleda wurde von Steiner gegründet und ist mit der AAG verknüpft. In der Tat. Ein Studienzentrum und eine Hochschule ist das Goetheanum auch gerne. Ansonsten, insbesondere bei den „weitverzweigten Wirtschaftsbetrieben“: Fehlalarm. Die AAG verfügt da über gar nichts. Aber diese leere Behauptung wirkt natürlich enorm diffamierend. Sektenmafia mit Schwarzgeldern aus der Wirtschaft und so. Da kann man schon mal ein bisschen Flunkern um Wirkung zu erzielen. Und die Vokabel „verfügt“ scheint wohl gerade so vage, dass man sich nicht komplett angreifbar macht. Aber Verfügen hat durchaus eine klare juristische Bedeutung, die hier schlicht zu einer falschen Darstellung führt. Demeter ist schon mal kein Wirtschaftsbetrieb, sondern ein Verband (Recherche kostet...), Wala ist ein unabhängiges Privatunternehmen. Dann wird’s leider unkonkret „Banken, Finanzgesellschaften etc.“. Nein, die AAG betreibt weder Banken noch Finanzgesellschaften oder dergleichen. So richtig lustig ist aber die Vorstellung, die AAG betriebe Fernsehproduktionsstätten. Und gleich mehrere!!! Klar, Ahriman7 und 3Glied! Mit Bodo von Plato als Nachrichtensprecher und Michaela Glöckler als Moderatorin von „Gesundheit heute“. Sebastian Gronbach kommentiert „Anthro Alaaf“ und Sergej Prokofieff die Reality-Soap „Wir fanden einen Pfad“! Der nächste Lachkrampf wartet schon.

Nun kommen wir zum Vorwurf des Faschismus und der – wie Felix es sehr treffend nannte – Blockwartsmentalität. Auch da dürfen Sie wieder keine simplen „Zitate“ von mir erwarten, sondern müssen sich schon bemühen, Kontext und Zusammenhänge zu erkennen. Der Blick wird wieder auf das Wiki gelenkt. Dort finden sich einschlägige Dossiers über unliebsame Protagonisten der Esoszene, in denen wie beim Beispiel Detlef Hardorp listenförmig dessen „Skandale“ aufgeführt sind. Inhaltlich etwas aufgepumpt, weil sich sachlich nicht wirklich viel findet, aber in schönster Stasi-Manier: „Hardorp fällt auch durch seine unkritische Steinerbewunderung auf.“, „Herr Hardorp kommt aus einer anthroposophisch orientierten Familie, sein Onkel Benedictus Hardorp ist Altpräsident von Weleda.“, „Die Diskussion um den Rassismus in Steiners Werk hofft Hardorp zu entschärfen, indem er ihn durch ein moderneres Vokabular kaschiert“. Also Hardorp ist Subversiv (er „kaschiert“ den Rassismus), er ist „auffällig“ und er pflegt imperialistische – äh verzeihung anthroposophische Kontakte zu einem einschlägig bekannten Onkel... Dass das nicht nur zufällige Lapsus sind wird deutlich, wenn man den folgenden Kommentar von „thomas“ liest: „Was Dr. Hardorp betrifft: Der ist jetzt weit oben auf meiner Liste, danke für die vielen Hinweise. Ein Bild von ihm hab ich auch schon aus dem Netz. Das wird ein FEST :-)“ http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=78&catid=4
(Wenig später erscheint das Dossier über Hardorp auf dem Esowatch-Wiki) Wir führen also eine „Liste“ und feiern es als „Fest“, wenn man wieder jemanden Denunzieren kann. Aha.

Weiter geht es mit meinem Vorwurf, Anthroposophen würden pauschal als Idioten bezeichnet. Und wir reden hier nicht von Polemik oder einem etwas zu scharf geratenen Schimpfwort. Danach würde kein Hahn krähen. Nein, es geht um eine handfeste Pathologisierung, die gleich mehrfach zitierbar ist (haben Sie eigentlich diese Seiten hier gar nicht gelesen???): „Sowas mögen Anthroposophen gar nicht, wenn etwas an die Öffentlichkeit gelangt, was den Irrwitz dieses idiotischen Glaubenssystems in seiner echten Ausprägung zeigt. Sie möchten halt gern verrückt und normal zugleich sein. Leider ist das eine Konstellation, die häufig zu einer echten psychischen Erkrankung führt, oder von psychisch Erkrankten dankbar angenommen wird.“ (http://blog.esowatch.com/index.php?catid=4&blogid=1), „Steiner hatte Scheiße im Schädel“ (http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=90&catid=4), „Ein irrwitziger Verein huldigt dem Wahnsinn. Es wäre schön, wenn sich hier mal ein echter Profi in Sachen Psychiatrie melden würde.“ („rincewind“ auf http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=99&catid=4)

Und damit kommen wir zum dunkelsten Kapitel des kurzen Lebens von Esowatch, der Physiognomik. Was auf Wikipedia – der echten! – folgendermaßen beurteilt wird: „In der Gegenwart ist die Physiognomik wegen ihres rassistischen Kontextes und ihrer Neigung zu unbeweisbaren Schlüssen als Wissenschaft völlig diskreditiert. Lediglich in Kreisen der Esoterik [sic!] zirkuliert sie teilweise weiterhin als 'Geheimwissen'.“, das wird nun ausgerechnet von Esowatch bemüht, um sich ein Urteil über die Protagonisten seiner Kritik zu bilden:
„Alleine aufgrund eines Bildes soll man ja kein Urteil fällen, wobei ich aber meine, dass ab bestimmten Punkten geistiger Erkrankungen durchaus wenigstens Tendenzen optisch manifest werden können.“ (http://blog.esowatch.com/index.php?catid=4&blogid=1) Und das stammt nicht etwa aus einem Kommentar in irgend einer emotional aufgeladenen Diskussion, sondern aus einem offiziellen Blogeintrag.

Das ist der Stil von Esowatch!

Ich hoffe, ich konnte Ihnen und vielleicht auch anderen damit weiter helfen und sie verstehen meinen Artikel nun etwas mehr.

PS was die Blacklist betrifft: dass mir von den Betreibern hier unterstellt wird, ich hätte das erfunden – aus welchen Gründen auch immer – ist reichlich billig. Entweder ihr habt jeden Funken Anstand verloren, oder Ihr solltet Euch etwas mehr mit Eurer Blogsoftware auseinandersetzen. Aber natürlich, Anthroposophen lügen ja immer. Das liegt in der Natur der anthroposophischen Rasse, nicht wahr, das sieht man ihnen ja schon am Gesicht an...
Ich habe also von verschiedenen IP-Adressen (212.60.148.3, 212.60.148.1 und einer Arcor Einwähladresse, die ich nicht mehr weiß) zu posten versucht, stets meinen Namen und meine E-Mail-Adresse angegeben und erhielt mindestens 20 Mal die Antwort, dass mein Post nicht möglich ist, weil meine IP-Adresse auf einer Blacklist steht. Die Meldung erschien im Layout von Esowatch, ist also nicht von irgend welchen Proxyservern generiert und hat auch nichts mit meinen Systemen zu tun. Das passierte so nach meinem ersten Posting gestern, dann konnte ich zwei weitere Postings machen und danach war wieder Schluss. Ob das jetzige durch geht, weiß ich jetzt, wo ich dies schreibe, natürlich auch noch nicht. [Nachtrag: es ging wie gesagt nur teilweise, s.o.] Außerdem wurde in einem meiner Posts die Wortfolge „Staatsanwaltschaft München“ durch Sterne ersetzt.

PPS: bevor Sie jetzt kommen und schreiben – Sie dürfen das später gerne machen - „Herr Grauer, Sie haben aber auch XYZ geschrieben und dafür noch keinen Beleg gebracht“ oder „Dieser und jener Beleg ist schwach“ oder dergleichen, bevor Sie vielleicht überhaupt etwas anderes schreiben, beantworten Sie doch bitte einmal eine einfache Frage von mir: finden Sie das, was ich hier aufgezeigt habe, ganz egal, ob es nun alle Thesen meines Artikels bestätigt oder nicht, finden Sie das in Ordnung? Stimmen Sie damit überein? Würden Sie auch unterstreichen, dass man aus den Gesichtszügen eines Menschen dessen psychische Verfassung ermitteln kann? Ich meine mich zu erinnern, dass Sie Waldorfschüler waren: finden Sie wirklich, dass das Wiki Ihre Schulzeit – bei aller Kritik, die Sie gerne daran üben dürfen - sachlich treffend und halbwegs umfassend dargestellt hat? Und falls ich mich mit Ihrer Waldorfschülerschaft irre: glauben Sie wirklich dass so der Alltag an Waldorfschulen aussieht? Auf eine Antwort Ihrerseits wäre ich jetzt sehr gespannt. Sie dürfen gerne so ausladend sein wie ich (auch das wurde mir ja schon als eine typisch anthropososophische und damit natürlich negative Eigenschaft bescheinigt – dabei dachte ich, Typologien gibt’s nur in der rassistischen Anthroposophie!), oder Sie antworten einfach mit Ja oder Nein. Über jedwede Art von Antwort würde ich mich sehr freuen!
 

Freitag, 22. August 2008

Missionen – Brief statt Rezension

Geschrieben von Christian Grauer in Anthroposophie, Bücher, Infosophie
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Lieber Sebastian,

meine Vorstellung Deines Buches soll nun ebenso persönlich werden, wie das Buch es ist. Subjektiv muss diese Rezension ohnehin sein, denn ein Buch, auf dessen Einband man seinen eigenen Namen findet, kann man nicht unbefangen lesen. Von Freundschaft und „Geheimbünden“ ganz zu schweigen...

Dieser subjektive Blick erlaubt es mir aber auch, ganz unausgewogen nur über das zu schreiben, was mich besonders berührt hat und zu loben und tadeln, wie es mir gefällt und all das, was alles noch in dem Buch steht, unerwähnt und den Leser Deines Buches entdecken zu lassen. Ich hatte mich ehrlich gesagt etwas vor dem Buch gefürchtet, weil ich der Überschwänglichkeit Deines Stils nicht in allen Deinen Texten Sympathie entgegen bringen konnte – ganz anders als in Deinen Vorträgen übrigens! Auch hoffte ich nicht zu sehr mit Heldenepen und Aufrufen zu allerlei Kreuzzügen behelligt zu werden – der Titel „Missionen“ dient ja dahingehend eher abschreckend. Glücklicherweise wurde ich in allen diesen Dingen weitgehend enttäuscht.

Sicher, mit Diskussionen über den Begriff der Elite und über die Bedeutung von Gewaltmonopol und Selbstverteidigung könnten wir beide noch einige Abende füllen, aber auch die wären nicht grundsätzlicher sondern nur differenzierender Natur. Und der am Anfang noch etwas unsichere und durchaus hier und da zum emotionalen Schnörkel neigende Stil reift im Verlaufe des Buches zu einem echten Charakter heran. Ich möchte sogar behaupten, dass Du mit diesem Buch stilistisch ein neues Genre erfunden hast: ein zwischen Schrift und Sprache angesiedeltes Selbstgespräch mit dem Leser. Wenn ich das so sagen darf. Und ich finde das nicht nur höchst erquicklich sondern auch eminent modern.

Sachlich gefällt mir das 6. Kapitel am besten. Und zwar trotz oder gerade weil ich dort auch die wenigen Anlässe für Einwände finden würde. Wie ein reinigendes Gewitter hast Du die verstaubten Begriffe und Mottenkisten der Anthroposophie abgestaubt, ausgemistet und mit neuem Glanz versehen. Und das nicht durch Überlackieren der Patina, sondern durch deren Entfernen, so dass sie wieder von innen heraus strahlen können. Du ersetzt zwar die Mythologeme der traditionellen Anthroposophie oft auch nur durch neue Mythologeme, aber eben durch solche, die der Gegenwart entstammen und nicht dem Mittelalter und der Romantik, und die außerdem durchsichtig genug sind, um mithilfe Deiner einfühlenden Erläuterungen als solche im Wortsinne durchschaubar zu werden. Auch hier setzt Dein Buch neue Maßstäbe. Die Leichtigkeit, mit der Du in einem Atemzug über Steiner, Freiheit, Toilettenpapier, Liebe, Sex und Klofrauen sprechen kannst, ohne trivial oder lächerlich zu werden, aber auch ohne Überheblichkeit und Defätismus, ist eine Qualität, die in der Anthroposophie so neu ist, dass ich noch keinen Begriff dafür finde.

Besonders aber gefällt mir das Begriffspaar „Grundlegend“ und „Bedeutend“, mit dem Du eine ganze Hundertschaft saublöder Alternativen und scheinbarer Antinomien transzendierst. Diese Begriffe hast Du so brillant konturiert, dass sich daraus in ganz wunderbarer Weise die Idee der Entwicklung und dessen, was Du Mission nennst, gegen den einschläfernden Kultur- und Bewusstseinsrelativismus behauptet, und zwar ganz frei von teleologischer Dogmatik einerseits und kulturchauvinistischer Überheblichkeit andererseits, weil Du Entwicklung und Mission stets vom Individuum, vom Subjekt und seiner konstruktiven Perspektive her denkst und so den Fehler der Verabsolutierung der Hierarchisierungen vermeidest. Bedeutend ist, wem ich Bedeutung verleihe, Grundlegend ist, worauf ich gründe. „Das ist meine Mission“ rufst Du dem Leser zu und fragst zugleich: „und was ist Deine?“ Wunderbar!

Rudolf Steiner erklärte irgendwo und irgendwann auf die Frage nach der rechten Art, seine Philosophie der Freiheit aufzufassen, dass es sich dabei „nur“ um das Protokoll seines persönlichen Erkenntnisdramas handelt und dass die wahre Lektüre der Philosophie der Freiheit für den Leser eigentlich darin bestehen müsste, seine ganz eigene, individuelle Philosophie der Freiheit zu schreiben. Dein Buch ist eine solche und eine großartige dazu. Vielleicht ist historisch gesehen die von Steiner größer, aktuell betrachtet ist die Deine in jedem Falle zeitgemäßer und hat das Zeug, gerade für die jungen Menschen unserer Zeit zum Kultbuch zu werden. Für mich ist sie das schon jetzt. Danke!

Herzlichst,
Dein Christian

Sebastian Gronbach: Missionen
Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008
ISBN 9783772520778,
 

Donnerstag, 21. August 2008

Die neue Waldorfschule

Geschrieben von Christian Grauer in Anthroposophie, Bücher
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„Denn nichts haben wir in der Sache, um die es geht, dringender nötig als Phantasie“

Die Sache, um die es in dem neuen Buch von Rüdiger Iwan geht, ist jene seit fast 90 Jahren erfolgreiche Schulform, die sich „Phantasie“ quasi als Markenzeichen reserviert hat: die Waldorfschule. Die Diagnose „Phantasiemangel“ ist wahrscheinlich das fundamentalste und radikalste Urteil, dem sich die Waldorfschule ausgesetzt sehen kann. Aber hier wütet keineswegs ein außenstehender Kritiker, der Waldorf ausrotten will, hier schreibt ein engagierter Waldorflehrer und die drastische Schärfe seiner Diagnose resultiert nicht aus ablehnender Distanz sondern aus verantwortungsvoller Liebe zum Gegenstand: zur pädagogischen Ursprungsidee der Waldorfschule!

Rüdiger Iwan formuliert in seinem Buch „Die neue Waldorfschule“ in sachlich und fachlich fundierter Kritik all jene Enttäuschungen und Vorbehalte gegen die Entwicklung bzw. Nicht-Entwicklung der Waldorfschulen, die in mir als ein Gebräu aus unreflektierter Schülererfahrung, dumpfen Ahnungen, philosophisch abstrakten Überlegungen und zersplitterten Einblicken und Informationen seit langem rumoren. Ich möchte dieses Buch und seinen Autor dafür umarmen! Es ist eine Wohltat, seinen sachlichen Darstellungen, seinen zielsicheren Analysen und seinen Ideenreichen Konzepten zu folgen. Ein Buch, das Mut macht, das auf Zukunft hoffen lässt, das Anthroposophie als Gegenwart erleben lässt, das mir Zuversicht gibt, nicht allein zu sein mit dem Drang, nicht nur Formen von Schule sondern Schule als Form in Frage zu stellen und nach modernen Konzepten zu suchen, die Strukturen ändern und nicht nur Etiketten, die neue Lebenswelten schaffen und nicht nur bildungsbürgerliche Schutznischen.

Denn die Kritik richtet sich nicht an die Idee der Waldorfschule, sondern an die konkrete Form, in der diese Idee zur eigenen Karrikatur erstarrt ist. Iwan geißelt das unreflektierte Tradieren von starren Formen, das hilflose sich Ausliefern unter den scheinbaren Druck staatlicher Vorgaben (Dauermenetekel „Abitur“) und den Dilettantismus und die Ignoranz bei der Reflexion von Strukturen, Prozessen und Methoden sowohl im pädagogischen, didaktischen als auch im administrativen Bereich. Dabei muss er nur selten moderne wissenschaftliche Erkenntnisse oder revolutionäre Ideale als Maßstab heranziehen, es genügt meist der Vergleich mit den Ausführungen und Anregungen Rudolf Steiners, mit denen dieser seine Ideen dem Gründungskollegium zu vermitteln versuchte – offenbar schon damals ohne großen Erfolg – um zu zeigen, wo die real existierende Waldorfpädagogik feststeckt.

Anhand von exemplarischen Kochlöffeln – eine anekdotische Metapher für die unreflektierte Pflege von inhaltsentleerten Formen – zeigt Rüdiger Iwan ganz konkret, wie die revolutionären Ideen Steiners in den Waldorfschulen den angestammten Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten einer preußisch-behördlichen Schul- und Lehrermentalität und der Ideenlosigkeit eines sich selbst reproduzierenden Erfolgsmodelles zum Opfer fallen: Monatsfeier als institutionalisierte Langeweile, Verbalbeurteilung als subjektivierte Buchstabenzensur, Hausaufgaben als Vernichtung von Qualitätsansprüchen, Epochenunterricht als Scheinalternative zum Stundenplan. Er entzaubert den Nimbus dieser Parade-Waldorf-Institutionen, indem er zeigt, dass sie nur als leblose Blaupausen einer einst lebendigen und auf Entwicklung angelegten Idee fortbestehen und dass sie teilweise geradezu kontraproduktiv das am Schüler orientierte Waldorf-Ideal negieren. Er entwickelt und beschreibt aber auch Alternativen und Lösungsmodelle, die oft überraschend kreativ die scheinbar festgefahrenen Kontroversen und Antinomien transzendieren. Und er tut dies nicht als theoretischer Utopist, sondern als Pädagoge in der konkreten Praxis der Schulwirklichkeit oder anhand von realen Modellprojekten, die weit ab von der Waldorfwirklichkeit pädagogische Zukunft erfinden.

Und so doziert Iwan im zweiten, „positiven“ Teil seines Buches keineswegs über methodische Theorien, er erörtert keine didaktischen Konzepte und er analysiert weder Feldstudien noch Statistiken. Er erzählt, was bereits an einzelnen Schulen, in einzelnen Projekten, in seiner eigenen Klasse und bei einzelnen Kollegen gemacht wird. Vom Portfolio, von bewegten Klassenzimmern, von Projektunterricht, von Schülern, die in der Pause freiwillig über den Unterrichtsinhalt diskutieren, von Lehrern, die ihre Rolle als Dozent gegen die des methodischen Beraters eintauschen. Von Drittklässlern die ihren Mitschülern aus der Zweiten die selbstgebauten Häuser „verkaufen“, von Arbeitgebern und Ausbildern, die gerne auf abstrakte Zensuren verzichten und ganz wild auf konkrete Leistungsvorlagen sind, von Personalchefs großer Unternehmen, die eine erweiterte Monatsfeier nutzen, um mit möglichen Azubis über deren Arbeitsproben zu sprechen. Die Berichte sind so lebendig und die neuen Methoden – deren Vielfalt hier nicht einmal ansatzweise mitgeteilt werden kann – leuchten dem Leser so unmittelbar ein, dass die erläuternden Worte des Autors im Grund überflüssig sind. Iwan breitet weniger systematisch als exemplarisch eine Collage aus Anregungen und Ideen für „Lernen in Freiheit“ und „Lernen aus dem Leben“ aus, die nur zu lesen auch für einen ehemaligen Waldorfschüler eine wahre Erlösung sind! Ihre lebenspraktische Wahrheit ist unmittelbar sichtbar wie die ästhetische Unanzweifelbarkeit eines Gemäldes von Marc Chagall oder einer Symphonie von Beethoven.

Denn im Grunde sind es – und das ist das vernichtendste Urteil für den status quo der Waldorf- und sonstigen Schulen – denn im Grunde sind es Binsenweisheiten, auf denen die Methoden beruhen: Selbstverantwortung, Eigenkontrolle, Veranschaulichung, Feedback, Reflexion, Phantasie, Teamarbeit, Gegenseitiges lehren und lernen, Realitätsbezug, Positive Verstärkung, Motivation und so weiter und so weiter. Es braucht nur Phantasie und pädagogische Fertigkeit, sie in Lernmodelle zu konkretisieren und Mut, sie gegen die eigenen und die gesellschaftlichen Gewohnheiten und Vorurteile auf allen Ebenen durchzusetzen.

Mein Loblied mag subjektiv sein wie es will und die „neue Waldorfschule“, die Iwan als Leitbild und Zukunftsziel entwirft, mag als Konzept im Detail überzeugen oder nicht – der Gewissensfrage, die er mit der Analyse der Defizite und dem Aufzeigen realer Möglichkeiten zu einem radikalen Methodenwandel stellt, kann sich niemand mehr entziehen. Und seine Aufarbeitung des status quo und der Geschichte der Waldorfschule ist ein Meilenstein inneranthroposophischer Reflexion und Kritik und in ihrer Sachlichkeit und Präzision in diesem Bereich einzigartig. Denn die Waldorfschule steht, wie Iwan präzise diagnostiziert, an dem Scheideweg, ob sie von der alternativen Schulform, die sie (noch) ist, zu dem werden will, was sie ursprünglich sein wollte: eine Alternative zur Schule! oder ob sie auch den letzten Rest an Originalität der Anbiederung an Sachzwänge und Phantasielosigkeit opfern und zur privaten Regelschule verkommen will.

Das Buch stellt damit die alles entscheidende Frage, ob „Waldorf“ nur noch eine sich an ihrer Umgebung abschleifende, historisch irgendwie entstandene und tradierte Form ist, oder ob die originäre Idee, in der diese Institution als Alternative zur Schule ihren Ursprung hat, noch lebt und in Gegenwart und Zukunft entwicklungsfähig ist. Und so wird an diesem Buch langfristig keiner vorbei kommen, der sich ernsthaft mit dem Thema Waldorf auseinandersetzen will. „Die neue Waldorfschule“ von Rüdiger Iwan ist Pflichtlektüre für Waldorfeltern ebenso wie für jeden einzelnen Waldorflehrer. Wie diese für sich selbst die Fragen beantworten, die das Buch stellt, entscheidet über die Zukunft der Waldorfschulen.

Rüdiger Iwan: Die neue Waldorfschule. Ein Erfolgsmodell wird renoviert
Rowohlt Verlag, Hamburg 2007
ISBN 9783498032289
 

Donnerstag, 14. August 2008

Untertitel als Grundversorgung

Geschrieben von Christian Grauer in Gesellschaft
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Ich muss mal wieder auf mein Lieblingsthema kommen: auf das "Informationsschreiben der GEZ und/oder Schreiben, mit dessen Hilfe der gesetzliche Auskunftsanspruch des § 4 Abs. 5 RGebStV geltend gemacht wird". Ja, so heißt das. Nicht etwa nur GEZ-Brief. Das Schriftdeutsche, als solche schon eine deutsche Einmaligkeit (es gibt kein Schriftenglisch oder Schriftitalienisch), entstand ursprünglich aus einer Behördensprache (insb. durch Luthers Bibel), die weit von den lebendigen Dialekten entfernt war. Erst viel später näherte sie sich an, wurde gleichsam verumgangssprachlicht. Allerdings weht der Behördengeist noch allenthalben in ihr. So ist es ein Zeitvertreib der Deutschen, für alle möglichen Dinge des Lebens, für die sie schöne und treffende Wörter haben, sich "offizielle" Begriffe auszudenken: Amtliches Fernsprechbuch für das Telefonbuch, Postwertzeichen für die Briefmarke, Fahrtrichtungsanzeiger für Blinker. Schön ist es z.B. Polizisten im Fernsehen zuzuhören, wenn sie fast an ihren Sätzen ersticken, weil sie nicht einfach sagen können: "Der Golf fuhr beim überholen auf den Traktor auf, weil der ohne zu blinken links in einen Feldweg einbog." sondern glauben sagen zu müssen "Das landwirtschaftliche Zugfahrzeug leitete ohne Setzen des Fahrtrichtungsanzeigers einen Abbiegevorgang in einen linksseitig in die Straße mündenden Land- und Forstwirtschaftlichen Verkehrsweg ein und verursachte dadurch das Auffahren des sich in einem Überholvorgang befindlichen Kraftfahrzeugs der Marke Volkswagen." Dabei bricht meist unterwegs noch die Syntax zusammen und am Ende fehlt ein finites Verb, weil der Beamte mit seinem Satzungeheuer selbst überfordert ist. Aber er glaubt, nur so sei es wirklich genau und wirklich offiziell. Schließlich arbeitet er ja bei einer Behörde und was er sagt, muss Brief und Siegel haben! Auch wenn es anders jedermann verstünde, darauf kommt es in Deutschland nicht an.

Auch die GEZ ist so etwas wie eine Behörde. Allerdings gibt die sich nicht damit zufrieden, selbst Behördendeutsch zu pflegen, nein, sie reitet auf ihrem Amtsschimmel durchs Internet und versucht unbescholtene Herausgeber von Webseiten mit Strafen zu drohen falls diese sich nicht anschicken, statt verständlicher und allgemein gebräuchlicher Wörter an den Haaren herbeigezogene amtliche Ungetüme zu verwenden. Tatsächlich hat die GEZ vor einem Jahr das Webportal akademie.de abgemahnt, weil es gewagt hatte, "GEZ-Brief" zu schreiben, statt des oben zitierten Amtsgeschwurbels. Das eigentliche Anliegen war natürlich, auf diese Weise Kritik an der GEZ und den Rundfunkgebühren zu unterbinden. Näheres dazu findet sich in dem u.a. Link!

Die Abmahnung ist mittlerweile offenbar vom Tisch und die GEZ musste sich damit arrangieren, dass die Sprecher der Deutschen Sprache selbst entscheiden, wie sie sprechen und sich das nicht von einem staatlichen Zwangsabgaben-Inkassobetrieb vorschreiben lassen. Mir kommt es bisweilen so vor, als sei die GEZ nur ein Experiment, um herauszubekommen, wie man eine Behörde errichtet, die es schafft, über alle Vorbehalte hinaus, die Behörden in der Bevölkerung ohnehin schon genießen, sich so richtig unbeliebt zu machen und das Image einer regelrechten Landplage zu entwickeln.

Aber das war ja nur ein Fundstück auf meiner abendlichen Suche nach Informationen über Untertitel und die juristischen Details zur sog. Grundversorgung der Medienanstalten. Denn heute habe ich in der Fußgängerzone an einer Unterschriftenaktion von Gehörlosen teilgenommen (s. Links), die mehr Untertitel in Fernsehsendungen fordern. Um genau zu sein fordern sie, was in anderen Ländern schon Alltag ist, nämlich Untertitel für ALLE Sendungen. Zuerst dachte ich: schön, wieder jemand, der nicht begriffen hat, dass man in der Marktwirtschaft Waren und Leistungen nicht fordert sondern nachfragt und dass sie nicht per Dekret sondern als Angebot bereitgestellt werden. Aber hoppla! War da nicht was? Wir leben kulturell und medial ja gar nicht in einer Marktwirtschaft sondern im Staatsfeudalismus. Und da sind Untertitel ganz klar eine Aufgabe staatlich-solidarischer Grundversorgung! Also hurtig unterschrieben, damit unsere GEZ-Gelder (vorsicht Abmahnung!) in Zukunft für Untertitel ausgegeben werden und nicht mehr nur für schlecht gemachte Reality-Soaps und Casting-Shows von den Privaten, die in den Öffentlich-Rechtlichen noch schlechter nachgemacht werden oder für die Live-Übertragung von Hochzeiten fremdländischer Monarchien, die allerdings auch schon auf drei anderen Kanälen live übertragen werden.

Denn 100% Untertitel für Gehörlose wären tatsächlich mal etwas, das den Namen solidarische Grundversorgung verdienen würde. Ich frage mich auch, ob die Gehörlosen statt einer Unterschriftenaktion nicht lieber eine Klage einreichen und sich ihre Grundversorgung vor Gericht erstreiten sollten, in dem Stil wie das auch die GEZ mit den dafür zu verwendenden Worten macht. Aber wahrscheinlich ist "Grundversorgung" auch nur wieder einer dieser Amtseuphemismen, der gar nichts mit dem zu tun hat, was wir normalsprachlichen Bürger darunter verstehen...

Links:

Die Aktion Recht auf 100 Prozent Untertitel!

Wie die GEZ versucht, die deutsche Sprache zu zensieren:
http://www.akademie.de/private-finanzen/gez-und-rundfunkgebuehren/tipps/gez_gebuehren/gez-abmahnung.html

Mehr zur Deutschen Sprachgeschichte:
http://www.rhetorik-netz.de/rhetorik/deutsch.htm
"Beamtendeutsch" auf Wikipedia