Samstag, 3. Oktober 2009
Autobiographie Gottes
Auszug: Der Naivität eines persönlichen Schöpfergottes, der die Welt und uns Menschlein von seinem Wolkenthron herab hegt und pflegt, steht eine nicht minder naive Vorstellung der Atheisten entgegen, die über die Existenz Gottes so reden, als handle es sich um eine hinterm Mars versteckte Teekanne. (...) Nicht nur mein eigener ehemaliger Gottesglauben sondern in hübscher Symmetrie dazu auch die kulturgeschichtliche Tatsache eines ganz selbstverständlichen Umgangs mit dem Glauben an Gott und Götter stellt mich doch vor die Frage, ob es tatsächlich nur schiere Unvernunft und Naivität ist, oder ob hinter diesem Gottesbegriff nach Abzug allzu naiv-positivistischer Vorstellungen des Allmächtigen nicht doch ein Sinnsystem zu entschlüsseln ist, das mit der Wirklichkeit kongruiert. (...) Das atheistische Credo "Es gibt keinen Gott", das mit der naturwissenschaftlichen Nüchternheit aber auch mit einer gewissen philosophischen Naivität die Existenz einer Projektion zum Zankapfel macht, kann ich zwar in seiner positivistischen, die rein empirische Ebene betreffenden Bedeutung durchaus unterschreiben, doch die geeignete Form, meinen Atheismus kund zu tun, fand ich in einer Formel, die jene Projektion als Faktum mit einschloss und die Existenzfrage transzendiert. Und so lautete mein atheistisches Credo "Ich bin Gott". (...) Denn während der materialistische Atheist sich in seiner naturwissenschaftlichen Objektivitäts-Vorstellung nichts anderes schafft als was der Theist in seinem Gottesbild vor sich hinstellt - nämlich ein verschlüsseltes und entäußertes Bild seiner eigenen Tätigkeit - erkenne ich als Gott diese Tätigkeit unmittelbar als die meine und nenne daher auch die aus ihr entstehende Welt mein Eigentum. Nur so ist die Leugnung Gottes vollständig, weil sie aufzeigt, wo jene Funktionen zu suchen sind, die der Theist Gott zuschreibt.
Maurulam - #1 - 05.10.2009 19:50 - (Antwort)
Der in sich stimmige Atheismus ist sehr spannend, aber für mich ist dennoch einiges offen geblieben. Wenn man beispielsweise sagt: Es gibt keinen Gott, und danach: Ich bin Gott, dann ist da ein innerer Wiederspruch übrig, als würde man sagen: Es gibt mich nicht, aber ich bin. Das kommt mir einfach unsinnig vor.
Das liegt für mich einfach in der falschen Bestimmung von Begriffen. Wenn du sagst, Gott existiert nicht, meinst du offensichtlich die falsche Annahme, Gott sei - auch unabhängig von gewissen Projektionen - an sich ein ausserhalb von uns liegender. Mit dieser Aussage hast du ja recht, allerdings würde ich gar nicht davon ausgehen. Als Theist gehe ich von vorneherein davon aus, Gott im Herzen zu tragen. Die Frage kann eher sein, wer er denn sein könnte. Ein Anderer? Oder bedeutet die Suche nach Gott nicht eher die Suche nach sich selbst? Korrekten Atheismus würde ich eher so definieren, dass man andere Begriffe verwendet für die selbe Sache, weil man für sich Machtstrukturen ablehnt, oder keinen Sinn in gewissen Institutionen sehen kann.
Dennoch halte ich eine atheistische Diskussion für bedeutend, allein weil materialistische Atheisten heute oft die Szene für sich beherrschen wollen.
Maurulam - #1.1 - 05.10.2009 19:54 - (Antwort)
Vielleicht gehst du allerdings beim Begriff Gott von einem Bewusstsein aus, welches den gesamten Kosmos in sich trägt? Diese Idee ist schon früher einmal aufgekommen, es ist Zeit, sie einmal fortzuführen.
Christian Grauer - #2 - 05.10.2009 23:05 - (Antwort)
Beziehst Du Dich auf den ganzen Artikel in info3 oder nur auf den Auszug hier?
Robert - #3 - 06.10.2009 18:28 - (Antwort)
"Jetzt Probeabo bestellen und den ganzen Artikel lesen... "
Danke, nicht nötig. Du hast es in diesem Auszug auf den Punkt gebracht, lieber Christian.
Dafür recht herzlichen Dank.
Christian Grauer - #4 - 06.10.2009 18:32 - (Antwort)
@robert: Danke für die Blumen
aber in dem Heft gibt es natürlich noch viele andere interessante Dinge zu lesen... ![]()
Maurulam - #5 - 06.10.2009 19:21 - (Antwort)
Lieber Christian,
ich habe mich tatsächlich auf diesen Artikel bezogen!
LGs
Maurulam - #7 - 26.04.2010 23:58 - (Antwort)
Lieber Bershka,
Nun ja, Atheismus ist gar keine Organisation. Jedenfalls kenne ich keine, die für alle Atheisten aufspricht.
Im Moment gibt mir die Kirche viel Kraft. Reich ist dort meines Wissens nach auch keiner, weder direkt noch indirekt. Höchstens an Gotteslohn. Auch wenn du dich nämlich als Gemeindemitglied dort betätigst, handelt es sich so gut wie immer um ehrenamtliche Arbeit.
Conny Balzereit - #8 - 28.07.2010 14:08 - (Antwort)
die Metaphysik ist ein spannendes Feld und Gott nach außen zu projizieren ist ein Weg, der zu nichts führt. Die Ergebnisse aus der Neurobiologie, Hirnforschung etc., die von der Wissenschaftsdisziplin "Radikaler Konstruktivismus" erkenntnistheoretisch ausgedeutet wurden, besagen, dass der Mensch als autopoietisches Wesen sein Denken selbst konstruiert. Alle von außen kommenden Reize, sind neutral,wie ein klick, klick klick. Jede Wahrnehmung ist das Ergebnis eines Sinnesreizes und dessen Verarbeitung im Nervensystem. Die Veränderung von Sinnesdaten in elektrische Impulse im Nervensystem macht es unmöglich, einen Rückschluss zu ziehen auf die Natur des Ding an sich, d. h. auf die ursprüngliche Beschaffenheit des auslösenden Agens. "Niemand wird je imstande sein, die Wahrnehmung eines Gegenstands mit dem postulierten Gegenstand selbst, der die Wahrnehmung verursacht haben soll, zu vergleichen"[16], d. h. Wahrnehmung und Erkenntnis sind konstruktive, nicht abbildende Tätigkeiten.[17]
Erkenntnis liefert kein Bild der realen Welt, sie liefert nur eine subjektive Konstruktion, die zur Welt „passt“ (wie ein Schlüssel zum Schloss passt). Sie ist wie ein „begriffliches Werkzeug, dessen Wert sich nur nach ihrem Erfolg im Gebrauch bemisst“.
Für mich ist daher wichtig gewesen, dass ich im Frieden mit mir selbst leben kann, da ich ja meine Welt selber konstruiere. Der Konstruktivismus behauptet, es gebe keine objektive Realität.
Ich stimme mit Maurolam überein, "bedeutet die Suche nach Gott nicht eher die Suche nach sich selbst?".
)
Conny
