Samstag, 30. Mai 2009
Spirituelle Aufklärung 7
Mit der Kultivierung der Eigentlichkeit, die sich aus der Liebe zur Tat und aus Spaß an der Freud' vor dem Hintergrund eines irgend gearteten Absolutheitserlebnisses entfacht, ist aber nicht nur die Rückbindung an jene oben so bezeichnete Auferstehung verbunden, sondern auch die Bewusstmachung jener existenziellen Voraussetzungslosigkeit, die sich in Steiners spirituellem Werk vor 1900 philosophisch niederschlägt und die ich in Konstruktivismus und Hedonismus als metaphilsophischer Philosophien identifizierte und die ich im Folgenden als spirituelle Aufklärung näher definieren will.
Der Charakter des spirituellen Erlebnisses des Nichts und des Aufgehobenseins der Welt und der Wirklichkeit im Bewusstsein, prägt nicht nur die Philosophie der Freiheit von Steiner, sondern auch die Beschäftigung mit Goethe und insbesondere mit Nietzsche, dessen nihilistisches Pathos Steiner in dieser Phase geradezu euphorisch als Freiheitsphilosophie verehrt. Darin aber nicht nur die Verneinung aller Seinsbezogenheit der Welt zu sehen, sondern den positiven, im Konstruktivismus erst Ende des 20. Jahrhunderts philosophisch, bei Steiner bereits spirituell erfahrenen und philosophoid dargestellten Schritt von einer naïv-realistischen, rationalistischen, ontologischen Weltauffassung zu einer solchen zu sehen, die diese für unhintergehbar gehaltenen Prinzipien aufhebt und relativiert und erneut das autonome Individuum zum Zeugen der Wirklichkeit erklärt, ist eine neue Ebene der Aufklärung, mit der sich der Mensch einmal mehr und mit Kant gesprochen "aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit". Während es bei Kant der Rationalismus war, der sich gegen die Dogmatik eines geistlichen Offenbarungsglaubens behaupten sollte, so ist es heute das spirituelle Autonomieerleben, das sich gegen die Dogmatik eines pseudorationalen, populärwissenschaftlich-empiristischen Positivismus behaupten muss, der dieses Autonomieerleben nicht nur nicht einholen kann, sondern es in seinen Prämissen von vorneherein ausschließt. Dass aber Wissenschaft und insbesondere ihr Wirklichkeitsverständnis selbst in diesem Autonomieerleben aufgehoben sind, so wie der religiöse Mythos und das Glaubensdogma in der Rationalität aufgehoben werden, ist der Kern einer spirituellen Aufklärung.
Die rationale Aufklärung hat die religiösen Mythen entzaubert und sie auf Rationalität reduziert. Ihre Inhalte sind damit aber nicht negiert, sondern nur in einer anderen Form verfügbar. In der modernen Psychologie finden wir beispielsweise viele rationalisierte Mythen und sie hat in vieler Hinsicht die Rolle der Religion als "Seelsorger" abgelöst. Der Gegenstand bleibt, aber er wird enthüllt, der Zugriff wird unmittelbarer, das Individuum wird autonomer im Umgang damit und der dogmatische und moralische Impetus verschwindet zugunsten einer Versachlichung. Die spirituelle Aufklärung führt diesen Prozess einerseits fort, indem sie die unreflektierten Wirklichkeitsbedingungen der Natur und des Menschen als Teil der Natur auf das unmittelbare Erleben des absoluten Bewusstseins als jener Operativität, die dem Sein voran geht, reduziert. Andererseits gleicht sie auch Defizite der rationalen Aufklärung aus, die insbesondere in einer emotionalen Entfremdung durch die Rationalisierung des Weltbildes liegen, indem sie die Welt ans Individuum zurückbindet und damit die emotionale Schicht wieder mit einfasst. Man kann in der rationalen Aufklärung auch die Abschaffung der dualistischen Gottesvorstellung eines jenseitigen Verursachers alles Weltgeschehens sehen, von dem wir getrennt und dennoch abhängig sind. Dann ist die spirituelle Aufklärung die Abschaffung der dualistischen Naturvorstellung einer äußeren Verursacherin des Weltgeschehens zugunsten einer im operationalen Bewusstsein rückgebundenen Einheit von Natur und Mensch, von Subjekt und Objekt. Diese Einheit, die Steiner als geistigen Monismus propagiert, macht spätestens dann, wenn sie unmittelbar als Erlebnis erfahren wird, jede Möglichkeit zunichte, ein außerhalb dieser Einheit des Bewusstseins liegendes Prinzip als notwendig anzuerkennen, sei es ontologisch oder ethisch. Das Sein gründet in der Einheit dieses operativen Bewusstseins und alles, was ist, ist nur insofern Wirklichkeit, als es Teil der Konstruktion dieses operativen Bewusstseins ist.
Der Konstruktivismus ist daher kein philosophisches System oder Weltbild, sondern er ist der über aller Philosophie stehende Vorbehalt, dass jedes Weltbild und jedes philosphische System nur insofern Wahrheit beanspruchen kann, als es sich seiner konstruktivistischen Natur eingedenk ist. Insofern ist der Konstruktivismus Teil jener philosophischen Hinterfragung der Wirklichkeitsbedingungen, die ich als spirituelle Aufklärung bezeichne. Für die Ethik gilt ähnliches. Auch hier kann keine Norm Allgemeingültigkeit beanspruchen, ohne sich der Tatsache ihrer eigenen Setzung bewusst zu sein. Vor dem Einheitserlebnis des Bewusstseins, das zugleich ein Erlebnis des auf Nichts gegründeten Seins ist, löst sich jeder normative moralische Anspruch durch die Abwesenheit einer ethischen Vorgabe oder eines letzten moralischen Ziels auf. In der Erfahrung des absoluten Nichts entlarvt sich jede moralische Bewertung des Seins als bedingte Konstruktion eines Sinnes, der nicht Teil der unmittelbaren Welterfahrung sondern ein ihr von mir Hinzugefügtes ist. Dies ist der Beitrag, den der Hedonismus als metaphilosophische Idee zur spirituellen Aufklärung leistet und der jedes moralische Gesetz und jede ethische Norm hintergeht durch den Vorbehalt: aber nur, weil ich es so will! Der Hedonismus ist keine Ethik des Egoismus, er schreibt nicht vor, egoistisch zu handeln, sondern er macht nur auf die Unmöglichkeit einer anderen als letztlich auf mich zurückgehenden Motivation jeder ethischen und moralischen Absicht und also jeder Handlung aufmerksam.
Diese Haltung einzunehmen, und zwar nicht nur abstrakt und theoretisch, sondern ganz konkret die Bedeutungen und die Werte, die ich den Dingen beilege, auf ihren Ursprung zu prüfen, sie anzuzweifeln, aufzulösen und ohne irgend eine Voreinstellung ihnen gegenüberzustehen, war das noch unbekannte Ziel des Weges, der mich in der Emanzipation von meinem anthroposophischen Sozialisierungs-Dogma bis vor das absolute Nichts führte. Und die echte Dimension von Konstruktivismus und Hedonismus ist wirklich nur mit dieser existenziellen Form des radikalen Zweifels erreichbar. Erst dort erlebte und spürte ich leibhaftig die Unmöglichkeit einer anderen als einer relativen Wahrheit und anderer als nur bedingter Werte. Die ernsthafte Erwägung der Tatsache, dass außer dem Leben nur der Tod bleibt, macht alle anderen als meine eigenen Ansprüche an dieses Leben völlig sinnlos. Angesichts des Nichts, in dem das Sein liegt, wird wirklich jede Bedeutung, jeder Sinn, jedes Ziel und jedes Gesetz relativiert. Unser Alltag ist geprägt von einer Unzahl von Regeln, Normen, Konventionen und Traditionen, die in dieser Alltagsperspektive erkennbaren Sinn haben. Vor dem Erleben des Nichts, schon vor der ernsthaften Erwägung des eigenen Todes löst sich ihre Bedeutung auf wie eine Hand voll Asche im Wind. Und noch intensiver kann diese Erfahrung werden, wenn sie sich nicht nur auf die Bedeutungen und Werte, sondern auch auf dasjenige bezieht, was ich als Gegenstandswelt um mich herum erlebe. Auch diese löst sich angesichts des Nichts zu einer paradoxen Vorstellung auf. Sie ist nirgends, sie ist nie, sie ist nicht - es sei denn, dass ich sie als solche betrachte!
An diesem Punkt ist es nicht nur ein logisch-semantischer Schluss, sondern geradezu empirische Evidenz, dass es keine Ethik als Normwissenschaft geben kann. Es steht mir da die Nichtigkeit schon der Vorstellung einer solchen Ethik leibhaftig vor Augen. Diese innere Evidenz ist zwar nur punktuell und macht immer wieder Alltagsvorstellungen und -empfindungen Platz und immer wieder schieben sich Gewohnheiten und Pragmatik vor dieses Nichts und heischen mich, zu handeln, als gäbe es eine Ethik und als wäre die sinnliche Gegenstandswelt in einer Weise wirklich, die von mir unabhängig ist. Doch dies alles findet im freien Fall einer auf nichts gegründeten Wirklichkeit und eines auf nichts gegründeten Handelns statt, eines Handelns, dessen Moral nur der sich selbst genügenden Handlung folgt. Im Grunde belüge ich mich nur, wenn ich Gründe für mein Handeln angebe, die außerhalb der Handlung selbst liegen. Und ehrlich bin ich nur dann, wenn ich jenen hedonistischen Vorbehalt als einziges mögliches und auch vor dem Nichts bestehendes Motiv gelten lasse: weil ich es will! Nur dann - und selten genug gelingt mir das wirklich - handle ich nicht um eines Zieles Willen, sondern finde im Handeln selbst mein Ziel. Und dann schert mich das alles vernichtende Nichts nicht mehr, weil mir mein Handeln und das Konstrukt, in dem ich handle, alles ist.
Erst so zu handeln, kann wirklich handeln genannt werden und ist der eigentliche Inhalt dessen, was ich in Analogie zur rationalen Aufklärung als spirituelle Aufklärung bezeichnet habe. Diese spirituelle Aufklärung hebt die Autonomie des Handelnden auf eine völlig neue Ebene. Dass Steiner einen so verstandenen Hedonismus vertritt, wird nicht nur aus seiner Ablehnung jeglicher Form von normativer Ethik in seiner Philosophie der Freiheit deutlich, sondern auch in seiner Schrift "Der Egoismus in der Philosophie". Dass er den so verstandenen Konstruktivismus vertritt, wird aus Sätzen wie dem oben zitierten oder aus seiner Definition von Wahrheit als individuellem Produkt des Menschen in "Wahrheit und Wissenschaft" deutlich. Sein sogenanntes philosophisches Frühwerk ist in Wahrheit ein spirituelles Frühwerk, das in philosophischer Sprache auf das spirituelle Urerlebnis verweist und die daraus folgenden Implikationen einer spirituellen Aufklärung ausführt. Steiners kontinuierlicher Hinweis darauf, das es sich bei seiner Anthroposophie nicht um Spekulation sondern im Kern um die "Anschauung von Ideen" handelt, macht deutlich, dass seine Ausführungen auf spirituelle Erfahrung verweisen. Solange ich es als philosophischen Diskurs lese, werde ich dies naturgemäß verneinen und alle möglichen Schlüsse aus seinen Ausführungen ziehen.
Dass die spirituelle Erfahrung jenseits dessen liegt, was wir im philosophischen Sinne als Denken bezeichnen, hindert uns nicht, über diese Erfahrung nachzudenken. Es ist dieses Nachdenken aber nicht die Erfahrung selbst. Diese liegt für ein rational aufgeklärtes, philosophisches Bewusstsein im völligen Dunkel des ausgeschlossenen Dritten zwischen sinnlicher Erfahrung und ideeller Spekulation auf jener Ebene, auf die Philosophie hinweisen kann, die aber nur durch jene Tapetentür des absoluten Zweifels, der reinen Achtsamkeit und des Aufmerksamwerdens auf das reine Bewusstsein als wirkliche Erfahrung jenseits jeglicher Begrifflichkeit erreichbar ist. Und in dieser Erfahrungsschicht liegt das eigentliche Potential der spirituellen Aufklärung. Als jemand der Philosophie studiert hat und kaum etwas erquicklicheres kennt als einen philosophischen Diskurs, folge ich nicht meinen Neigungen sondern der Überzeugungskraft eben dieser Erfahrungsschicht, wenn ich die positive Macht, die eine solche Erfahrung für das Leben hat, feststelle. Für mich wird dadurch nicht nur verständlich, wie aus der Initiative eines einzigen Menschen heraus so etwas wie die anthroposophische Kultur entstehen konnte, sondern ich sehe mich nach all dem geschilderten an einem Punkt angekommen, an dem sich Erkenntnis nicht nur in vieler Hinsicht relativiert, sondern auch transformiert zu etwas, das vielleicht gleichwohl Erkenntnis ist, das aber von jener Bewusstseinsschicht der reinen Erfahrung ausgeht.
Dass auch hierüber eine Kommunikation mit Worten und also begrifflich stattfindet bleibt davon unabhängig. Ebenso dass es eine Alltagsschicht gibt, die immer rational, die sogar immer dogmatisch bleiben wird. Für mich ist aber jetzt die eigentlich interessante Perspektive diejenige, die ich hier und an anderen Stellen unter Bezugnahme insbesondere auf den Konstruktivismus von Luhmann und auf jene spirituelle Bewusstseinserfahrung dargestellt habe und die ich bis auf weiteres als spirituelle Aufklärung bezeichne. Durch diese Perspektive ergibt sich für mich ein neues Interesse an der Welt, das nicht die prätentiösen Ansprüche des auf Erkenntnis, Entwicklung und Weltverbesserung ausgerichteten Pathos meiner früheren Anthroposophierezeption stellt, sondern das sich auf die Erfahrung, auf das Erleben der Welt im Hier und Jetzt richtet und dem sich darin die ganze Pracht und Fülle der Welt überhaupt erst erschließt. Es ist dies eine Geste des Loslassens und des Innehaltens, doch gerade aus dem achtsamen Gewahrwerden der sich als aktuelle Erfahrung darlebenden Wirklichkeit entfesselt sich eine Dynamik, gegen die sich alle noch so heren moralischen Prinzipien, Entwicklungsabsichten und Erkenntnisbestrebungen armselig ausnehmen. Mithin zielt die spirituelle Aufklärung entgegen den Vorurteilen, die sich mit dem Begriff "spirituell" vielfach verbinden können, auf eine ganz unmittelbare Intensivierung des Lebens in der sich als Sinnlichkeit ausbreitenden Welt. Kein Dahinterstehendes, kein Jenseitiges, kein fernes Entwicklungsziel, keine abstrakte Erklärung und Sinnstiftung, sondern das unmittelbare Leben und Erleben der Gegenwart in ihrer ganzen Profanität und Heiligkeit ist die Erfüllung der spirituellen Aufklärung. Erst spirituelle Aufklärung bedeutet in dem oben für die Anthroposophie beanspruchten Sinne: eigentlich zu leben!
Diese spirituelle Aufklärung ist für mich immer verbunden mit der Anthropsophie, doch das gilt nur ganz persönlich für mich und nicht allgemein. Spirituelle Aufklärung ist sowenig Anthroposophie wie rationale Aufklärung Kantianismus wäre. Sie ist eine besondere Haltung, die sich in verschiedensten Ansätzen und Strömungen zeigt und die bei allen Unterschieden jenes verbindende Element ist, das nicht nur diese Strömungen sondern latent auch manche dezidiert unspirituelle Veranstaltung wie z.B. die Systemtheorie von Luhmann durchzieht und die in gewissem Sinne immer die Transformation und Aufhebung des bestehenden Paradigmas auf eine neuen Ebene ist. Da sich diese Transformation letztlich nur aus der neuen Ebene heraus nachvollziehen lässt und sich nicht aus der alten Ebene erschließt, scheitert am Ende jeder und damit auch dieser Versuch, darüber Mitteilungen zu machen, ohne bereits die Transformation vorauszusetzen. Dass die Transformation aber dennoch möglich ist, ist das Geheimnis des Lebens.
Jm fall du mehr wilt lesen
So geh und werde selbst die Schrifft
und selbst das Wesen.
(Angelus Silesius)
Maurulam - #1 - 30.05.2009 16:40 - (Antwort)
So, nachdem sich hier ausser mir nun keiner mehr zu kommentieren traut, müssen wir dich wohl einfach schreiben lassen. Was allerdings auch sehr inspirierend ist.
Rainer - #2 - 01.06.2009 19:28 - (Antwort)
Hallo Maurulam, stimmt, richtig beobachtet, man "traut sich nicht mehr zu kommentieren"; bei mir liegts wohl daran, dass ich bei diesem Text aufgrund eines fehlenden philosophischen Studiums vieles nur erahnen kann, da mag ich dann natürlich nicht viel schreiben.
Maurulam - #3 - 02.06.2009 20:19 - (Antwort)
Hallo Rainer,
ich hoffe doch nur auf all die Leute, die mir hier jetzt widersprechen, und ausserdem ganz nebenbei von ihren philosophischen Erlebnissen berichten. Das find ich so spannend, nur sagen darf man das nicht, weil sie nur dann weitermachen, wenn sie's nicht merken. Im Grunde ist es zwar nicht gleich, aber es kommt doch eigentlich darauf an, dass man sich sein Weltbild konstruiert. Und hoffen wir, dass es so farbig und vielschichtig ist wie Christians.
esther - #3.1 - 02.06.2009 22:24 - (Antwort)
Ok, ganz nebenbei: Wer sich ganz auf sich selbst stellt, der redet gerade nicht davon, dass sein Weltbild "konstruiert" sei. Solange man nämlich von einer "Konstruktion" sprechen kann, so lange klammert man sich noch an einer objektiven Wirklichkeit fest, der gegenüber die Konstruktion eben Konstruktion ist. Diese Objektivität ist aber ein Phantasma. Wer sich von ihm befreit und sich ganz auf seinen subjektiven Standpunkt stellt, der hält sein Weltbild konsequenterweise gerade nicht für ein Konstrukt.
Vielleicht liest Du Christian Grauers Text mal anders: Frage Dich, was für ihn außerhalb seiner "farbigen Konstruktion" liegt, was er als gegeben vorraussetzt. Das ist für mich zum Beispiel gar nicht gegeben. Das ist ein Dogma, das ich überwunden habe, so wie Grauer eben auch gewisse Dogmen überwindet. Was ist das "operationale Bewusstsein" z.B.? Das ist das wahre Konstrukt. Hinter ihm steht eine phantasierte Objektivität. Und deshalb könnte ich mich schwer mit Grauer verständigen. Für seine Kritik setzt er einfach gewisse Gegebenheiten untreflektiert vorraus, die für mich bloße Phantasmen sind. Das selbe gilt sicher auch umgekehrt. Wir würden also notwendig aneinander vorbeirreden. Trotzdem: In moralischer Beziehung gefällt mir das sehr gut, was er da geschrieben hat.
Maurulam - #3.1.1 - 03.06.2009 17:14 - (Antwort)
Liebe Esther,
Ja ungefähr so könnte man sagen. Ich brauche eben um stimmig philosophieren zu können, den gewissen Anschub, der aus so einem Dialog von ganz verschiedenartig denkenden (und sich fühlenden) Menschen kommt. Erst daraus kann ich meine eigenen Anschauungen schaffen. Anders gesagt: hinter all dem steht das Bedürfnis den Dingen auf den Grund zu gehen und das Denken zu schulen.
Christian Grauer - #4 - 03.06.2009 17:43 - (Antwort)
Liebe Esther, ich spreche nicht davon, dass mein Weltbild konstruiert sei, sondern dass die Welt es sei. Es gibt nichts, demgegenüber die Welt Konstruktion ist. Die Welt ist Konstruktion ohne etwas nicht Konstruiertes. Und das, was ich u.a. operationales Bewusstsein genannt habe, ist kein Objekt sondern, wie ich es in Anlehnung an Luhmann nannte, Operation. Und diese ist dem Autopoiesis-Begriff von Luhmann folgend als solche selbstverständlich auch Teil der Konstruktion, indem sie zugleich das Konstruieren selbst ist. Dahinter steht nichts, schon gar keine Objektivität, denn die ist erst recht Konstrukt.
Ich habe das hier nicht ausführlich dargestellt, weil es mir hier nicht um eine philosophische Begründung ging. Wer sich dafür interessiert, kann meine Gedanken dazu in meinem mehrfach erwähnten Buch etwas ausführlicher lesen.
esther - #4.1 - 03.06.2009 21:12 - (Antwort)
Ich war zunächst auf Maurulams Kommentar eingegangen, und sie oder er sprach von der Konsruktion eines Welbildes.
Was Sie geschieben haben, das finde ich in weiten Teilen sehr anregend. Ich denke, das wiederholt sich im Leben, man kommt immer wieder zu einem Punkt, an dem man einreißen muss, was man aufgebaut hat, an dem man zurück zu so etwas wie einem Nullpunkt kommen will, etwas abgeben muss, was man als Konserve mit sich herumgeschleppt hat, um wieder ehrlich auf das eigene, unmittelbare Erleben zu sehen. Wo stehe ich wirklich? Da macht sich 'das Ich' (obwohl ich solche Substantivierungen hasse) bemerkbar, dass an die EIGENE Erkennnisgrenze heranwill.
Es geht mir trotzdem so, dass ich, wenn ich ihren Text lese, da einen Unterbau sehe, etwas, das Sie vorraussetzen, das für MICH aber ebenfalls ein Dogma ist, das es Wert ist, abgeschütelt zu werden. Wenn Sie sagen, es handle sich nicht um ein Objekt, dann können wir uns darüber streiten, was ein Objekt ist. Das ist aber unnötig, denn ich kann vielleicht anders sagen, was ich meine: Wenn Sie die Welt in Abhängikeit denken von einem 'operativen Bewusstsein', wenn die Welt z.B. 'Konstruktion' von diesem Bewusstein ist, dann hat in diesem Gedanken das Bewusstein einen anderen Stellenwert als das Konsrukt. Sie gehen zurück auf ein 'operatives Bewusstein', die Welt ist von diesem Bewusstein konstruiert. Das Bewusstsein selbst nehmen Sie damit als gegeben hin, in seiner naiven Einfachheit. Es ist sogar ein Erstes gegenüber der Welt, denn die Welt wird von ihm konstruiert. Dieses 'operative Bewusstsein' ist in Ihrem Welbild damit das eigentlich Wirkliche, der feste Grund, auf dem alles ruht. Für mich is es aber so: Ich zweifle gerade an dem, woran Sie nicht mehr zweifeln, nämlich an der Existenz des Erfahrungsgrundes Ihres 'operativen Bewusstseins'. Das ist für mich wirklich etwas konstruietes, im negativen Sinn. Genauer gesagt halte ich es für eine Absraktion von eben der Welterfahrung, die sie nachher zum Konstrukt machen wollen. Durch Abstraktion kommen Sie zu einem 'operativen Bewustsein', und dann ordnen Sie das, wovon Sie abstrahiert haben, der Abstraktion nach. Das ist für mich ein logischer Widerspruch. Ich behaupte nicht, dass Sie das bewust machen, aber das klingt für mich da heraus. Etwas anderes wäre es, wenn dieses 'operative Bewusstsein' selbst Erfahrungsinhalt wäre, aber so, wie Sie darüber schreiben, durch die Worte, die sie verwenden, glaube ich eher, es handelt sich um eine Abstraktion. Wenn ich Sie kennen würde, wenn ich mit Ihnen sprechen würde, dann würde ich eben genau dieser Frage nachgehen, ich würde herausbekommen wollen, was der Erfahrungsgrund Ihrer doch sehr abstrakten Sprache ist. Und ich habe den Eindruck, es ist eine Erfahrung, die Sie der Welt entnehmen, die Sie für konstruiert halten. Ich würde mich mit Ihnen streiten, auf was wir eigentlich zurückgehen, wenn wir die Welt als konstruiert verstehen. Ich glaube, wir wären verschidener Meinung, ich glaube, wir stellen uns die Gattung, um die es dabei geht, verschieden vor.
Schwierig, aber ich kann es auf die Schnelle wohl nicht einfacher fomulieren.
Vielleicht könnt Ihr mich besser verstehen, wenn Ihr dieser Frage nachgeht: Was ist der Unterschied zwischen einer Abstraktion und einer Idee, oder was ist der Unterschied zwischen dem Allgemeinen Begriff einer Sache und seinem Wesen?
Robert - #5 - 03.06.2009 20:18 - (Antwort)
Warum kann man denn nicht einfach ne andere Wirklichkeit konstruieren, wenn einem die jetzige nicht gefällt?
Der radikale Zweifel löst zwar alles auf, aber meine Steuererklärung ist immer noch nicht fertig.
Felix Hau - #5.1 - 04.06.2009 01:30 - (Antwort)
Lieber Robert!
"Warum kann man denn nicht einfach ne andere Wirklichkeit konstruieren, wenn einem die jetzige nicht gefällt?"
Kann man. Dazu muss man allerdings handgreiflich werden, wenn man vorhanden ist.
Robert - #5.1.1 - 07.06.2009 23:07 - (Antwort)
Lieber Felix,
klingt gut, aber die Hände sind ja auch nur konstruiert, oder?
Felix Hau - #6 - 04.06.2009 01:26 - (Antwort)
Liebe Esther,
"Ich zweifle gerade an dem, woran Sie nicht mehr zweifeln, nämlich an der Existenz des Erfahrungsgrundes Ihres 'operativen Bewusstseins'."
Oh - das ist interessant.
Sie zweifeln am Zweifeln?
Christian Grauer - #7 - 04.06.2009 10:19 - (Antwort)
Liebe Esther, ich kann Ihren Einwand nachvollziehen. Das Problem ist, dass man über das, was nach dem radikalen Zweifel übrig bleibt, nicht schreiben kann, ohne es zu verfälschen. Ich habe das, was da übrig bleibt deswegen auch mehrfach als "Nichts" bezeichnet. Aber selbst das ist nicht das eigentliche.
Ich habe auf Luhmann verwiesen, weil dort gerade die von Ihnen aufgeworfene Frage, ob das Bewusstsein als Konstrutkeur nicht dem Konstruktivismus widerspricht, durch den Autopoiesis-Begriff beantwortet wird. Ich kann das wie gesagt hier nicht in aller Ausführlichkeit darstellen. Jedenfalls verstehen Sie das, was ich in Anlehnung an Luhmann u.a. mit dem Begriff "operatives Bewusstsein" bezeichnet habe nicht so wie ich, wenn Sie von dessen "Existenz" schreiben. Es ist eben kein "Erfahrungsgrund" sondern es ist Erfahrung: ohne Grund, ohne Objekt und ohne Subjekt.
Das mit der "Abstraktion" finde ich weitgehend irrelevant.
esther - #7.1 - 10.06.2009 17:31 - (Antwort)
Mit dem Wort Existenz ist es nicht anders, so, wie Sie darauf antworten, meinen Sie damit etwas anderes als ich. Ich meine: Wenn Sie auf eine Operation zurückgehen, dann haben Sie in dem, WAS da konstruiert, Ihr Objekt. Oder aber Sie abstrahieren davon und sehen auf das Operieren als solches. Das ist aber eine Abstraktion, der psychologisch immer noch das Subjekt, welches eben "operiert", zugrunde liegt. So oder so ist das für mich nicht Primäres gegenüber der Welt, die Sie relativieren wollen, sondern umgekehrt, ein Sekundäres. Ich glaube, bei Steiner z.B. ist das etwas anders, obwohl ich dann bei dem, was die Anthroposophen daraus machen, wenn sie dauernd "das Denken" sagen, etwas ähnliches empfinde wie bei ihrem operativen Bewusstsein. Auch damit kann ich dann nichts anfangen.
Es freut mich übrigens sehr, dass Sie Husserl schätzen, seine Werke, darunter insbesondere die log. Untersuchungen und die Phänomenologie, waren mal so eine Art Bibel für mich, wahrscheinlich so ähnlich, wie es bei Ihnen die Philosophie der Freiheit war.
Und: Schick, das neue Design.
Alles Gute
esther
Robert - #8 - 10.06.2009 18:23 - (Antwort)
"Und: Schick, das neue Design."
Ja, findich auch. Nur der Fond in der Antwortbox könnte etwas größer gewählt sein.
Christian Grauer - #9 - 10.06.2009 21:01 - (Antwort)
Ich habe aber nichts, was da konstruiert, sondern ich habe die Operation des Konstruierens. Das "Objekt", das da Konstruiert, ist nicht etwas, von dem ich abstrahiere, sondern Folge des Konstruierens. Das ist der Kern des Autopiesisbegriffs von Luhmann, auf den ich mich nun schon mehrfach explizit bezogen habe. Dass das außerhalb der Tradition der mitteleuropäischen Philosophie liegt und Widerspruch provoziert, ist mir klar. Da geht's ans Eingemachte. Das ist auch der häufigste Einwand von anthroposophischer Seite aus. Mit Abstraktion hat das aber nichts zu tun. Ebenso könnte ich sagen, wer ein Operierendes vor der Operation annimmt, abstrahiere von der Operation.
esther - #10 - 11.06.2009 23:17 - (Antwort)
"Ebenso könnte ich sagen, wer ein Operierendes vor der Operation annimmt, abstrahiere von der Operation."
Genau, das könnten Sie. Es sei denn, Sie sehen den Arzt, der operiert
Der ist ja wohl nicht von der Operation abstrahiert. Der ist keine ihrer Abstraktionen.
Eine Abstraktion ist es zum Beispiel, wenn Sie sagen, die Kommunikation schafft dieses und jenes. "Kommunikation" ist nämlich bloß ein allgemeiner Verweis auf eine Fülle ganz unterschiedlicher sinnlicher Erfahrungen. Ohne diese Erfahrungen ist das Wort "Kommunikation" gar nichts. So etwas nenne ich eine Abstraktion. Das Sinnesdatum ist in ihr schon die ganze Wirklichkeit. "Das Sprechen" dagegen, das ist keine Abstraktion, weil es von vorneherein mehr enthält als eine Summe von Sinnesdaten. Wenn Sie beim Sprechen ausschließlich auf die Sinnesdaten sehen, dann spricht eine Waschmaschine auch.
Und das ist eben die Frage für mich, ob ihr "operatives Bewusstsein" mehr ist als eine Abstraktion von eben jener sinnlichen Welt, die sie von dem operativen Bewusstsein konstruiert wissen wollen. Sehen Sie, schon das Wort "Konstruieren" zerbricht doch schier unter seiner Materialität. Das ist doch ganz der sinnlichen Erfahrung entlehnt.
Sie sagen "Ich habe aber nichts, was da konstruiert, sondern ich habe die Operation des Konstruierens."
Aber das "operative Bewusstsein" ist logisch das Subjekt in all den Sätzen, in denen Wir etwas darüber aussagen. Sie behaupten doch z.B.: Das operative Bewusstsein konstruiert die Welt. Und wenn wir so etwas von dem operativen Bewusstsein aussagen können, dann ist es Subjekt eines Satzes, sprich, es ist Objekt unseres Denkens. Und ich habe nur folgende Aussage an das Objekt unseres Denkens, sprich an unser Satzsubjekt, angefügt: "... ist eine Abstraktion".
Der Begriff "operatives Bewusstsein" kommt auf dem Weg der Abstraktion von gewissen äußeren sinnlicher Erfahrungen zustande. Und wenn eine Abstraktion für Sie etwas ist, 'dass es gar nicht wirklich gibt', dann dürfen Sie sagen, dass ich behaupte, dieses objekt, von dem Sie da reden, existiere gar nicht.
Das ist einerseits vielleicht eine schlimme Herabwürdigung. Andererseits: Ich behaupte nicht, dass ich in "dem Denken" oder ähnlichem mehr habe als Sie in ihrem operativen Bewusstsein, will mich also gar nicht höher stellen. Sie behaupten, Sie hätten mehr, und ich bestreite das. Ich ZWEIFLE. Ich glaube: Falls dieses "operative Bewusstsein" auf dem Weg der Abstraktion von der Sinneserfahrung zustande kommt, dann können Sie es nicht Ursache für die Sinneserfahrung nennen.
Für unsere Hirnforscher gibts natürlich gar keine anderen Begriffe als Abstraktionen. Für die ist das gar nichts besonderes, was ich oben beschrieben habe, denn die glauben, jeder Begriff sei bloß eine Verallgemeinerung, ein Sammelbecken gewisser Sinnesdaten. Aber in dem Begriff, den Sie sich von dem Arzt machen, den sie real beobachten, lebt schon noch etwas anderes. Ich möchte daher nicht so gerne diese Welt zugunsten eines "operativen Bewusstseins" in Frage stellen.
Christian Grauer - #11 - 12.06.2009 00:07 - (Antwort)
"Genau, das könnten Sie. Es sei denn, Sie sehen den Arzt, der operiert
Der ist ja wohl nicht von der Operation abstrahiert."
Und ob er das ist. Das ist gerade der Punkt. Den Arzt für wirklich zu halten und die Operation für eine Abstraktion ist genau jener sinnlichkeitsbasierte Positivismus, den der Konstruktivismus aufzuheben versucht.
"Sehen Sie, schon das Wort "Konstruieren" zerbricht doch schier unter seiner Materialität. Das ist doch ganz der sinnlichen Erfahrung entlehnt."
Darauf kommt es nicht an, sondern darauf, wofür es verwendet wird.
"Aber das "operative Bewusstsein" ist logisch das Subjekt in all den Sätzen"
Auch das ist naiv. Dass Sprache ein grammatisches Subjekt braucht, ist trivial. Das lässt aber noch keine ontologischen Schlüsse zu.
"Der Begriff "operatives Bewusstsein" kommt auf dem Weg der Abstraktion von gewissen äußeren sinnlicher Erfahrungen zustande."
Wie kommen Sie darauf und was genau meinen Sie damit? Welche äußeren sinnlichen Erfahrungen sind das?
"Und wenn eine Abstraktion für Sie etwas ist, 'dass es gar nicht wirklich gibt'"
Wo habe ich denn das geschrieben???
esther - #12 - 13.06.2009 20:29 - (Antwort)
"Den Arzt für wirklich zu halten und die Operation für eine Abstraktion "
Das habe ich gar nicht behauptet.
Christian Grauer - #13 - 13.06.2009 20:54 - (Antwort)
Ich finde schon. Natürlich nicht in diesen Worten, aber wenn man von dem Vergleich einmal absieht, dann finde ich das in Ihren folgenden Worten:
"Eine Abstraktion ist es zum Beispiel, wenn Sie sagen, die Kommunikation schafft dieses und jenes. "Kommunikation" ist nämlich bloß ein allgemeiner Verweis auf eine Fülle ganz unterschiedlicher sinnlicher Erfahrungen."
Ich sage aber, die Kommunikation (bzw. in erweiterter Hinsicht das, was ich als operatives Bewusstsein bezeichnet habe) schafft erst die sinnlichen Erfahrungen. Sie brauchen immer noch einen, der da den Verweis von den Sinnesdaten (die woher kommen?) auf die Kommunikation anstellt. Den setzen Sie implizit voraus - der Arzt - und die Kommunikation - die Operation - bezeichnen Sie als Abstraktion. Für eine Abstraktion ist immer ein Konkretes erforderlich, von dem abstrahiert wird.
Ich lasse mich gerne überzeugen, dass ich es missverstanden habe. Dafür reicht aber "Das habe ich gar nicht behauptet" nicht aus. Ich will Ihnen auch überhaupt nicht Ihre Ansichten widerlegen, ich habe nur den Eindruck, dass Sie dasjenige, was ich versuche auszudrücken, mit Ihrem Einwand meilenweit verfehlen. Mir geht es nur darum, deutlich zu machen, wo meine Position ist.
esther - #13.1 - 13.06.2009 23:41 - (Antwort)
"Für eine Abstraktion ist immer ein Konkretes erforderlich, von dem abstrahiert wird."
Genau, aber das ist ja meine Kritik an Ihrem Gedankengang. Ich sage nicht, dass es nur Sinnesdaten und Abstraktionen gibt, aber bei Ihnen scheint es so zu sein. Das ist bloß abstrakt, von dem sie da sprechen. Und dieses Abstrakte nennen Sie dann die Ursache der sinnlichen Erfahrung. Das ist für mein Empfinden bloß ein naiver Subjektivismus. Die Welt entsteht in meinem Kopf - das ist ein ganz abstrakter Gedankengang, den man übrigens an jeder Ecke bekommt. Wenn Sie tatsächlich mal ein Steiner-Fan waren, dann müssten Sie schon ein Stückchen weiter gedacht haben.
Wir reden so oft aneinander vorbei, dass es wenig Sinn hat, das auszudiskutieren. Da müsste man sich über die Begriffe einig werden. Aber so wichtig ist das nun auch wieder nicht. Ihre Arbeit hat ja weit mehr zu bieten.
Maurulam - #14 - 13.06.2009 20:55 - (Antwort)
Meine Lieben,
ich habe gerade nocheinmal Aufsatz und Beiträge überflogen. Sprache und Bedeutung können ja überhaupt nicht voneinander getrennt sein, falls das damit gemeint sein soll. Mit der Grammatik kann es sich anders verhalten. In dieser Beziehung muss ich passen. Ich gebe es zu: es fehlt da eine wirkliche Erfahrung, die im Moment nicht gemacht werden kann.
Solange es also darum geht, werde ich mich ausklinken, und gehe einfach etwas früher nach Hause
Alles Liebe
Christian Grauer - #15 - 14.06.2009 00:20 - (Antwort)
"Das ist bloß abstrakt, von dem sie da sprechen. Und dieses Abstrakte nennen Sie dann die Ursache der sinnlichen Erfahrung."
Erstmal: warum "bloß" abstrakt? Sind Abstraktionen defizitär? Ohne sie könnten wir uns überhaupt nicht unterhalten. Ich habe das Gefühl, das ist irgendwie ein Kampfbegriff für Sie.
Allerdings ist das, was ich als operatives Bewusstsein nun einigermaßen ausführlich beschrieben habe, das gerade Gegenteil einer Abstraktion und ich habe natürlich nirgends behauptet, dass eine Abstraktion die Ursache für sinnliche Erfahrung sei, sondern dass es dasjenige ist, was ich als operatives Bewusstsein bezeichnet habe. Das ist keine Abstraktion sondern wahrscheinlich die konkretest mögliche Erfahrung überhaupt: es ist reines konkretes Erfahren.
Mit Subjektivismus hat das nichts zu tun. Das erhellt schon daraus, dass ich das Subjekt ebenso wie die Sinnlichkeit als Konstrukt betrachte. Das ist der Grund, warum ich so hartnäckig darüber diskutiere, weil ich dieses positivistische Missverständnis vermeiden will. Das alles findet sicher nicht in meinem Kopf statt, sondern der Kopf ist ein weiteres Konstrukt dieses Stattfindens. Ich habe durchaus noch etwas "weiter gedacht", aber vielleicht hier nicht ausreichend formuliert. Und ich war auch nicht Steiner-Fan, ich bin es noch immer. Und schließlich: nein, meine Arbeit hat nicht mehr zu bieten: das ist ihr eigentlicher Kern. Ohne die Bewusstmachung der Ursprünglichkeit dieser Erfahrung - egal ob in philosophischen oder anderen Begriffen - ist dasjenige, was ich als spirituelle Aufklärung bezeichnet habe, so viel Wert wie eine Laterne ohne Feuer. Insofern ist es wichtig; zumindest für mich.
Wenn wir nicht aneinander vorbei reden würden, müssten wir nicht diskutieren. Mit Menschen, die ich restlos verstehe und die mich restlos verstehen, brauche ich nicht zu diskutieren.
Anonym - #16 - 14.06.2009 13:51 - (Antwort)
nicht, dass ich vorhätte, ALLES zu lesen ...
aber die Typografie:
http://de.wikipedia.org/wiki/Typografie
geht gar nicht
esther - #17 - 14.06.2009 17:43 - (Antwort)
"Das alles findet sicher nicht in meinem Kopf statt, sondern der Kopf ist ein weiteres Konstrukt dieses Stattfindens."
"Der Kopf" war nur eine Verbildlichung. Sie können es auch "das Stattfinden" nennen.
Ich kann Ihnen das natürlich nicht absprechen, wenn Sie sagen, Sie haben da eine reine Erfahrung. Sie könnten das dann ja gar nicht erschöpfend erklären, weil es eben reine Erfahrung ist. Das nehme ich also hin.
Auf diese Erfahrung ziele ich aber auch gar nicht. Ich ziele auf den Moment des Konstruiert-Seins der Sinneserfahrung. Das ist hinzugedacht. Sie erleben nicht "das Konstruieren der Sinneserfahrung", sondern dasjenige, was die Sinneserfahrung Ihrer Meinung nach konstruiert. Das kausale Band ist erst ein Schluß, den Sie ziehen. Da wirds abstrakt. Und ich bezweifle, dass Sie damit richtig liegen.
Aber seis drum. Ich wollte Sie nur an einem Beispiel auf die Differenz von Ihrem zu Steiners Denken stoßen. Solange ihnen klar ist, dass Ihr "operatives Bewusstsein" damit dann das Gegenteil des Begriffs von "Denken" in der Philosophie der Freiheit ist, können Sie es für den Verursacher der Sinnlichkeit halten. Denn dass für Steiner die Sinnlichkeit kein Konstrukt ist, das ist so ziemlich das erste, was man in der Philosophie der Freiheit erfährt. Sie können ihr "operatives Bewusstsein" also keineswegs mit dem "Denken" Steiners gleichsetzen.
Da sie beides aber in Ihrem Text gleichsetzen, fürchte ich, Sie haben die Philosophie der Freiheit nicht verstanden. Und da Sie die Philosophie der Freiheit nicht verstanden haben, sich aber Jahre lang wegen eben jener Lektüre für besonders schlau gehalten haben, wie Sie hier eingestehen, finde ich es gut, wenn Sie jetzt an Ihrem vermeintlichen Wissen zweifeln. Unschön finde ich es dagegen, wenn Sie anderen Anthroposophen unterstellen, die Dinge ebenso missverstanden zu haben wie Sie. Deshalb mein Hinweis darauf, dass Sie klarer zwischen Steiner, den Anthroposophen, und Ihrer Weltanschauung unterscheiden sollten. Das sind drei. Und wenn Sie das nicht ganz klar sehen, dann ist ihre neue Bescheidenheit, von der Sie oben reden, gar keine.
Robert - #18 - 14.06.2009 20:43 - (Antwort)
Hallo Esther,
ich finde Deine Gedanken sehr interessant. Denn wenn Christian meint, dass das operative Bewusstsein die Wirklichkeit erschafft, dann geht er tatsächlich über den Anfang der Philosophie der Freiheit hinaus. Zumindestens habe ich das so verstanden.
Aber ob er da wirklich Steiner im Ganzen widerspricht, ist doch eine ganz andere Frage...
esther - #19 - 16.06.2009 00:49 - (Antwort)
Hallo Robert,
Ich denke nicht, dass Christian damit Steiner im Ganzen widerspricht. Christian hat das zwar jetzt selber so zugespitzt, dass er sagte, von dieser einen Frage hänge alles ab - aber ich sehe das nicht so. Ich denke, mit seiner Haltung, dass er sein Wissen abschütteln will, dass er sich ganz auf die unmittelbare, eigene Erfahrung stützen will, dass er keine Autoritäten anerkennen will, die sich zwischen ihn und seine Erfahrung stellen könnten, dass er das "Theologenblut" meidet wie der Teufel das Weihwasser, mit all dem erfasst er den Geist Rudolf Steiners, und setzt damit an einem viel tieferen Punkt an. Was die Philosophie der Freiheit im einzelnen ist, das ist eine andere Frage, wie es auch eine andere Frage ist, welche Philosophie sich Christian Grauer bildet. Und dann kann man sich fragen, was diese Philosophien miteinander gemein haben; man muss es sich sogar fragen, wenn Christian sie in einen Zusammenhang bringt. Aber auch wenn ich da manches zu kritisieren habe, bleibt meine Anerkennung für Christians Anstrengung auf jener tieferen Ebene davon unberührt.
Robert - #20 - 17.06.2009 19:31 - (Antwort)
Hallo Esther,
"Aber auch wenn ich da manches zu kritisieren habe, bleibt meine Anerkennung für Christians Anstrengung auf jener tieferen Ebene davon unberührt."
Das hat auch niemand behauptet.
esther - #20.1 - 17.06.2009 23:34 - (Antwort)
"Das hat auch niemand behauptet."
Das habe ich auch gar nicht behauptet, dass das jemand behauptet hat.
Markus Knipping - #21 - 20.06.2009 11:44 - (Antwort)
Hallo Christian!
Ich muss dir ja echt sagen, dass es für mich schon lange niemand mehr genau so auf den Punkt gebracht hat, wie du in deiner spirituellen Aufklärung!
Vor allem die Nummern 1-5.
Dein "Leidensweg" ist dem meinen so ähnlich und auch ich bin völlig überzeugt davon, dass es noch viel mehr Menschen gibt, denen es so ergeht.
Warum fangen wir Menschen nicht endlich an uns auf unserem Weg zu helfen und zu unterstützen und uns so zu akzeptieren wie wir nun mal sind, um gemeinsam voran zu kommen, anstatt uns ständig gegenseitig unter Druck zu setzten!?
Markus Knipping - #22 - 20.06.2009 11:56 - (Antwort)
Kennst du das Buch " Glücklicher als Gott" von Neale Donald Walsh?
Robert - #23 - 20.06.2009 15:22 - (Antwort)
Du meinst wohl
Neale Donald Walsch oder hat amazon sich da vertippt?
Dennis - #24 - 01.09.2009 23:16 - (Antwort)
So, nachdem ich heute mit dem dritten Kapitel angefangen habe, habe ich mich nun durch alle sieben gelesen. Besonders belustigt bin ich von der Tatsache, dass Du dich bei Luhmann bedient hast, um das Hervorgehen der Wirklichkeit aus dem Nichts zu beschreiben
Ich habe Luhmann bisher noch nie in einem "spirituellen Zusammenhang" wahrgenommen.
Auf jeden Fall bekommt der soziologische Reziprozitätsbegriff für mich nun eine - im wahrsten Sinne - spielerische Bedeutung ![]()
...blablabla...
...ich danke dir von Herzen für diesen Text ![]()

Die Kultur der Eigentlichkeit Wenn ich im Vorstehenden mein Bedauern darüber ausgedrückt habe, dass die Anthroposophie mir nicht den Weg zeigen konnte zu jener Dimension des Bewusstseins, die sich im Nichts aufgehoben erlebt, dann muss relativierend in
Aufgenommen: Mai 30, 00:21