Dienstag, 28. April 2009
Spirituelle Aufklärung 1
Als ich Anfang zwanzig war, saß neben mir an der Bar ein seltsamer Mensch, der einen recht unilateralen Dialog mit mir führte und mir in mehr oder weniger verständlichen Worten die Welt erklärte. Oder zumindest was er, wie ich glaubte, dafür hielt. Ich erinnere mich konkret nur noch an eines: seinen Rat, keine Bücher mehr zu lesen. Er legte mir sehr ans Herz, dass Bücher ungesund seien und dumm machten und daher ungelesen bleiben sollten. Ich war damals höflich und widersprach nicht, ich war mir aber sicher, dass die wirre Frisur auf dem Kopf des Thekennachbars das unmittelbare Abbild seines Geisteszustandes war und widmete mich denn auch ungebrochen meiner damals nahezu exzessiven Lektüre, die sich vorwiegend auf das Werk von Rudolf Steiner und seinen Epigonen richtete. Ich fraß dieses Werk regelrecht in mich hinein und schwelgte in den lebendigen Bildern und all den Bedeutungen, die mir die Welt und sogar das, was "hinter" ihr liegt, erschließbar erscheinen ließen. Bücher ungesund? Der sprudelnde Quell des Geistes waren sie für mich und die Warnung dieses Stadtstreichers schnell vergessen.
Irgendwann aber tauchte dieser Satz wieder auf. Irgendwann in meinem Studium begann ich etwas eigentümliches festzustellen: ich bemerkte, dass das Wissen, das mir die Bücher gaben, mich wie ein Gefängnis umgab. Ich war geradezu gefangen in dieser Anthroposophie, die für jede Frage eine passable Antwort bereit hielt - und sei es nur als Stichwort in einer Bibliographie, das verbürgte, dass Steiner irgendwo auch zu dieser Frage etwas gesagt haben würde. Ich hatte das Gefühl von Leere und Einsamkeit, weil mir für mein Studium etwas fehlte: Neugier, die Möglichkeit, etwas zu entdecken, eine neue Erfahrungsschicht der Welt und des Lebens freizulegen. Denn ich hatte in der Anthroposophie vermeintlich schon den letzten, höchsten und universellsten Schlüssel zur Wahrheit gefunden. Auch wenn das Tor noch nicht geöffnet war, so stand doch außer Frage, dass nur dieser Schlüssel es irgendwann öffnen würde. Alles Neue, jede Erkenntnis, jeder mögliche Denkansatz, jedes Buch und jeder Autor wurde in meinem Hirn automatisch durch den Steiner-TÜV geprüft, klassifiziert und in bekannten Kategorien abgelegt. Es stand außer Frage, dass ich nichts würde lernen können, das nicht von Steiners Anthroposophie immer schon überstiegen und eingefasst wäre.
Mir fehlte aber genau jene Faszination am Unbekannten, jene Goldgräberstimmung bei der Suche nach einem neuen Weltbild, jene Begeisterung beim Aufstoßen eines lang gesuchten und kaum für möglich gehaltenen Tores in eine neue Welt, von der Menschen berichten, die irgendwo in ihrer Biographie zur Anthroposophie (oder zu anderen Sinnsystemen) gefunden haben. Sie fehlte mir, weil ich gleichsam Anthroposoph von Geburt an war. Aber an einem bestimmten Punkt war mir diese Faszination wichtiger als der Weg und all das (scheinbare) Wissen, das mir die Anthroposophie gab. Ich beschloss also, Neues zu suchen.
Nun konnte ich nicht einfach die Anthroposophie vergessen oder grundlos für Unsinn erklären, aber ich war mir sicher, dass es etwas geben müsse, was darüber hinaus noch entdeckbar wäre. Es musste noch eine Schicht der Welterfahrung möglich sein, die durch diese Anthroposophie nicht abgedeckt war. Es war in dieser Zeit, als mir wieder der Satz des Stadtstreichers ins Gedächtnis kam und von da ab unermüdlich an meiner Überzeugung nagte. Als stünde er noch immer neben mir mit einem Grinsen, darauf wartend, dass er Recht behalten würde. Ich erkannte, dass sich Wissen und Erkenntnis zueinander verhalten wie der Tod zum Leben. Das absurde war, dass es Steiners Anthroposophie selbst war, die mir die Instrumente lieh, um diese Erkenntnis zu erfassen. Steiner beschreibt, dass der Ätherleib als System der Lebenskräfte während des zweiten Jahrsiebts in gewissem Sinne freigesetzt wird, weil ein großer Teil seiner Aufgabe erfüllt ist und dass er dann die Grundlage der Erinnerung wird. Ich fand diesen Zusammenhang lange völlig absurd, bis es mir klar wurde: Erinnerung ist nichts anderes, als konserviertes, festgewordenes, totgewordenes Leben. Um etwas aufzubewahren muss es der Veränderung entzogen werden, es muss konserviert, eingefroren werden. Dort wo der Ätherleib nicht mehr bildet und schafft, wo er nicht mehr "lebt", da tritt Tod ein, da erstarrt das Gebildete zur Form und wird im Bewusstsein zur Erinnerung.
Wissen ist aber nichts anderes als Erinnerung. Angelesenes Wissen ist toter Ätherleib. Alles, was sich nicht mehr verändert, was nicht aufgelöst und neu erschaffen wird, ist toter Ätherleib. Erkenntnis ist aber immer das Hinzufügen eines Neuen oder das Verändern eines vorhandenen Wissens. Erkenntnis ist Ausdruck des Lebens, Wissen ist Ausdruck des Todes. Wissen ist erstarrte Erkenntnis. Natürlich ist beides nötig und hat beides seinen rechten Ort, aber es war dieser Ausdruck des Todes, den ich spürte, als ich etwas über die angelesene Anthroposophie Hinausgehendes suchte. Und es war vielleicht auch dieser Ausdruck des Todes, der den Stadtstreicher zu der Bemerkung veranlasste, dass Lesen ungesund sei. Vielleicht hat er es auch nur so dahingesagt. Das ändert aber nichts.
Ich habe in der Folge tatsächlich die Bücher zur Seite gelegt und mit etwas begonnen, das eigentlich Steiner an jeder Ecke predigt und das man als braver Anthroposoph, der ich war, doch nie wirklich pflegt - zumindest nicht seinen eigenen Überzeugungen gegenüber: Unbefangenheit und Zweifel. Und gerade die eigenen Überzeugungen sind doch ihr legitimes Opfer. Ich habe mir gesagt: wenn ich schon die Anthroposophie nicht verwerfen kann, dann muss ich sie doch zumindest systematisch so anzweifeln, dass ich sie mir selbst neu erschließen kann. Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, dass dieser systematische Zweifel zu einer so grundlegenden Neuerschließung führen würde, dass sprichwörtlich kein Stein auf dem anderen blieb. Tatsächlich löste sich irgendwann nicht nur die Anthroposophie für meine Erkenntnis auf, sondern die ganze Welt. Mein Zweifel wurde universal und existenziell. Und obwohl dem Nichts zu begegnen ein bedrohliches Erlebnis ist, so war es doch auch eine Befreiung, denn so sehr einen der Tod aus dem Dunkel des Nichts anstarrt, so sehr ist es als Akt das schiere Leben, mit dem man diese Erkenntnis erfasst. Es ist etwas, das man auch in tausend Büchern nicht lesen kann. Ich erkannte, dass wahre Philosophie nicht im Anhäufen von Wissen, im Aufbauen von Lehren und Systemen, im Liefern von Erklärungen besteht, sondern im Abtragen von Vorurteilen, im Relativieren von Systemen, im systematischen Zweifeln.
Nachdem ich so für mich die Anthroposophie zerschlagen hatte, konnte ich endlich - was für eine Befreiung! - andere Autoren mit der Unbefangenheit der echten Neugier lesen. Ich konnte aber plötzlich auch Steiner mit dieser Unbefangenheit lesen und feststellen, dass die Fragestellungen der Anthroposophie durchaus universell sind, dass Steiners Antworten nicht die einzigen aber auch nicht die schlechtesten sind, dass sie aber noch keineswegs den Horizont des Fragbaren markierten. Ich sah andere Autoren plötzlich nicht mehr durch die anthroposophische Brille sondern sah ihr eigenes Anliegen, ihre spezifische Weise, mit dem großen Rätsel Welt umzugehen, so wie ich auch in Steiner plötzlich nicht mehr den unhinterfragten Automaten für übersubjektive Welterklärungen sah, sondern einen ebenso Suchenden und Rätselnden, der auf eine große Goldmine gestoßen ist. Ich war hinter den Kulissen, ich hatte meinen eigenen Erkenntnisweg gefunden, mit dem ich mich von der Lektüre sicheren aber ebenso toten Wissens emanzipiert hatte und mir die Freiheit der eigenen, lebendigen Reflexion genommen hatte. Ich bin vom Antworten zum Fragen aufgestiegen. Nicht dass ich nichts mehr lesen würde - ich schreibe sogar - aber ich sehe darin etwas Sekundäres. Das Primäre ist das unmittelbare lebendige Denken, der unbefangene systematische Zweifel, der die innersten Verankerungen des Seins hinter Mauern aus Vorurteilen und Vorstellungen freilegt und erkennt, dass zuletzt überhaupt nichts übrig bleibt. Und in diesem Nichts ist alles aufgehoben und kann von mir konstruktiv gefasst werden.
So wird nicht nur Anthroposophie, aber auch Anthroposophie zu einer ganz neuen Veranstaltung, die an Unmittelbarkeit und Lebensfülle so viel gewinnt, wie das Spielen einer Symphonie gegenüber der bloßen Lektüre der Partitur. Und zugleich verblassen angesichts dieser Fülle all die für wichtig gehaltenen Zeichen und Muster der Partitur zu bloßen Hilfskonstruktionen und Platzhaltern für das darin überhaupt nicht konservierbare sondern stets neu zu erzeugende Eigentliche.
Kommentare (17) | Trackbacks (0)
Die13 - #1 - 29.04.2009 14:19 - (Antwort)
Als Jemand, der in einem anthropsophischen Elternhaus und als Waldorfschüler aufgewachsen ist, habe ich bis zu meinem 21. Lebensjahr kein R-S-Buch gelesen. Und dann auch nur die paar wichtigsten. Und einige Biografien über ihn. Trotzdem bin ich mir sicher, R.S.s Intentionen verstanden zu haben. Eben nicht wie die Anthroposophen, die im Gefängnis (oder in der Betonburg in Dornach) sitzen. Sondern lebendig. Und ich fühle mich R.S. sehr verbunden. Es schmerzt mich, zu erleben, wie mit gutem Willen, aber falscher Zielrichtung in seinem Namen Dogmatismus verbreitet wird. Wie die Zeit inzwischen so verstrichen ist, dass die Aufgaben, die eigentlich von der Anthroposophie gelöst hätten werden sollen, von anderen und unzulänglich gelöst wurden. Nur weil persönliche Egoismen, Macht- und Geltungssucht das Denken für die Sache der Anthroposophie verstellen.
Glücklicherweise haben sich geistige Strömungen außerhalb der Anthoposophie gebildet, die jetzt ohne sie die Aufgaben übernehmen, die eigentlich von R.S. der Anthoposophie zugedacht worden sind.
Nur Menschen, die selbst denken, kann ich als Anthroposophen bezeichnen. Menschen, die nur die Gedanken R.S.s nach-denken, sind keine Vordenker mehr für eine zukünftige Gesellschaft, sondern leben nur in der akademischen vergangenheit.
Esther - #2 - 01.05.2009 01:32 - (Antwort)
Bei jedem sehen solche zwar Lernpozesse anders aus, aber ich glaube, ich kann gut nachempfinden, was Sie erleben.
Ich will nur etwas zu einem Detail in Ihrem Text bemerken. Dieses Detail hat mich gewissermaßen angesprungen. Sie schreiben: "systematischer Zweifel" Ich glaube, dahinter ist, diesmal ganz unabhängig von Steiner, ein weiterer Entwicklungsschritt für Sie verborgen. Wenn Sie eines Tages wieder "systematischer Zweifel" schreiben wollen, dann aber plötzlich das Gefühl haben, dass es besser ist, wenn Sie einfach "Zweifel" schreiben, dann sind Sie diesen Schritt gegangen. Klingt arrogant, ist aber ehrlich mehr.
Christian Grauer - #3 - 01.05.2009 13:54 - (Antwort)
Vielen Dank, Esther, für die Anregung, aber ich bleibe beim systematischen Zweifel. Zweifel allein birgt zu viele Bedeutungsvarianten. Systematischer Zweifel ist ja kein spontanes Zweifeln an der Wahrheit irgend einer Aussage auf Grund von widersprechenden Indizien, sondern ein mit methodischer Absicht verfolgtes Infragestellen gerade derjenigen Wahrheiten, an denen wir am aller wenigsten Grund haben, zu zweifeln. Gerade in der Anthroposophie wird der Begriff des Zweifelns durchaus kultiviert, aber leider verbirgt sich dahinter oft nur eine vergleichsweise oberflächliche Abneigung gegen allerlei Zivilisationsphänomene und den geistesgeschichtlichen Mainstream. Als Anthroposoph an der Allheilkraft der Schulmedizin zu zweifeln - um ein Beispiel zu nennen - ist nicht das, was ich mit systematischem Zweifel bezeichne. Vielmehr wäre es da systematischer Zweifel, an der anthroposophischen Medizin zu zweifeln.
Ich bin sicher, dass Sie mich richtig verstanden haben, aber es gibt Andere, denen das Wort "systematisch" ein hilfreicher Hinweis sein könnte, um das zu finden, was ich meine.
Esther - #3.1 - 03.05.2009 20:17 - (Antwort)
"Vielmehr wäre es da systematischer Zweifel, an der anthroposophischen Medizin zu zweifeln."
Es wäre in der Tat sehr gut, wenn die Mediziner am Goetheanum auch mal an sich zweifeln würden. Das ist sehr schwach, was von da kommt.
Woran Sie gezweifelt haben, das waren ja auch Sie selbst. Und so wie Sie Ihr Verhältnis zu den Ideen Steiners beschrieben haben, hatten Sie wohl recht, an sich zu zweifeln. Aber Sie haben letztendlich an sich selbst gezweifelt. Das muss man festhalten. Und der Zusatz "systematisch" schien mir das wieder zu verschleiern. Ich hatte das Gefühl, dass sich das Ich doch wieder in eine Art Autarkie gegenüber dem Zweifel flüchtet, wenn es im Stande ist, ihm das Wort "systematisch" anzuhängen. Und ich dachte, diese neue Hochburg könnte genauso zu einem Gefängnis der Illusionen werden wie die alte. Ich hatte da nur so eine Vorahnung, denn wenn man sich z.B. die Frankfurter ansieht, dann sieht man ja leider, dass sie die Ideen, die sie für die Befreiung von Steiner einmal zu brauchen glaubten, mittlerweile ebenso blind verehren, wie sie früher die Steinerschen Ideen verehrt haben.
Es handelt sich nicht darum, an Steiner herumzukritisieren, sondern darum, überhaupt nicht in die Knechtschaft irgendeiner Idee zu geraten. Und es handelt sich deshalb auch darum, sich klar zu werden, wo der Unterschied liegt zwischen dem, was man aus Steiners Büchern zu wissen glaubt, und der tatsächlichen Lage der eigenen Erkenntnisgrenze. Ich glaube, das ist auch ein bisschen das, was Sie oben beschreiben. Diesen Unterschied sehen aber leider viele Anthroposophen nicht, viele reden so von Engeln und Dämonen, als ob sie sie grad gesehen hätten. Das sind schlicht Spinner. Sie haben bloß eine abstrakte Vorstellung aus einem Buch im Kopf, der sie dann mit Hilfe des Gefühls ein inneres Schein-Leben abpressen.
Viele Anthroposophen haben in der Tat auch den Dünkel, den Sie, Herr Grauer, nach eigenen Angaben mal hatten, dass Sie nämlich glauben, durch die Steiner-Lektüre in den Besitz irgendwelcher letzten Weisheiten gekommen zu sein. Mir ist das nie so gegangen, weil ich nämlich die Gedanken, die ich bei Steiner gelesen und vernunftsmäßig verstanden habe, immer von den Erlebnissen unterscheiden habe, die diesen Gedanken BEI STEINER zugrunde gelegen haben - und die ICH nicht hatte. Dass ich dazu imstande war, lag aber daran, dass mein Umfeld nicht dazu im Stande war, und mir ein schlechtes Beispiel bot, an dem ich lernen konnte. Relevant waren für mich sehr schnell bloß meine eigenen Erfahrungen, und wenn ich von Steiners Erfahrungen gesprochen habe, dann habe ich sie auch als solche gekennzeichnet. Ich habe nie an Steiner geglaubt, ich habe mich nie in eine geistige Welt hineinphantasiert - deshalb habe ich aber auch nie den geringsten Anlass dazu gehabt, an Steiner zu zweifeln.
barbara - #6 - 02.05.2009 20:47 - (Antwort)
eines deiner themen: systematischer zweifel,
in deinem text oben sieht es sehr danach aus, als ob ud ihn als gegeben nimmst,
aber das müsste eigentlich erst mal untersucht werden.
also wo?: in deinem text ![]()
Christian Grauer - #7 - 02.05.2009 21:40 - (Antwort)
Achso. Ja, ich glaube wenn man Philosophie studieren will, dann muss man durchaus etwas vom Zweifeln im Ätherleib haben. Zumindest den Hang, stets noch "warum?" zu fragen. Und das ist zumindest dem Zweifel verwandt. Auf der anderen Seite bin ich ein eher affirmativer und wenig kritischer Leser. Ich musste den systematischen Zweifel durchaus wie dargestellt bewusst als Methode betreiben um nicht in der Begeisterung für all die vielen "Weils" der Anthroposophie zu versinken...
barbara - #8 - 03.05.2009 20:47 - (Antwort)
oooch christian ![]()
ich meinte: den briff bzw die hypothese des ätherleibes dem systematischen zweifel unterziehen.
das liest sich bei dir noch als gegeben (der ätherleib als gegeben)
herzlich
barbara
p.s im ätherleib sitzt nichts wie in einer schublade und: erinnerung ist immer gegenwärtig, kann gar nicht anders sein:-)
Christian Grauer - #9 - 03.05.2009 21:11 - (Antwort)
Liebe Barbara, so hatte ich es zunächst auch verstanden, glaubte aber nicht, dass Du das wirklich meinst. Mein Text ist ja kein systematisches Zweifeln sondern die Beschreibung von Gedankengängen, die zu dem Zweifel führten. Dazu verwende ich notgedrungen Begriffe.
Christian Grauer - #10 - 03.05.2009 21:17 - (Antwort)
Liebe Esther,
Sie schreiben:
"deshalb habe ich aber auch nie den geringsten Anlass dazu gehabt, an Steiner zu zweifeln."
Sehen Sie, genau hier liegt der Vorteil des systematischen Zweifelns: ich hätte auch nie den geringsten Anlass dazu gehabt, an Steiner zu zweifeln, wenn ich nicht die Idee des systematischen Zweifelns gehabt hätte. Systematischer Zweifel heißt eben gerade, zu Zweifeln ohne konkreten Anlass zum Zweifel zu haben. Das eröffnet ggf. Perspektiven, die sonst nicht auf dem eingeschlagenen Weg liegen.
esther - #11 - 03.05.2009 22:23 - (Antwort)
Zweifeln ohne einen Grund zum Zweifeln zu haben, ja?
Sorry, aber das glaube ich Ihnen nicht. Selbstverständlich hatten Sie einen Grund, zu zweifeln. Das ist ja in Ihren Ausführungen ziemlich deutlich geworden. Und wie gesagt: ich habe keinen Grund, denn, wie ich oben dargestellt habe, bin ich zu Steiner niemals in ein Zwangsverhältnis gekommen. Wenn da in der Geheimwissenschaft steht, auf dem Saturn hätten sich vor Urzeiten irgendwelche Wärmekörper gebildet, dann lese ich das so, wie das da steht - ich kann es weder verifizieren noch falsifizieren. Niemals gehe ich aber herum, so wie das andere Anthroposophen tun, und erzähle: Auf dem Saturn hätten sich die und die Dinge ereignet - denn es ist eben nicht verifizierbar oder falsifizierbar für mich. Da würde mein Zweifel also ins Leere laufen, denn ich kann es logischerweise schlicht nicht entscheiden, wie das zu werten ist.
Es gibt andere Bücher von Steiner, die verstehe ich besser, z.B. die "Philosophie der Freiheit" oder die "Kernpunkte der sozialen Frage". Diese Bücher sind mir einigermaßen durchsichtig. Ich sehe das einfach genauso. Dass das Individuum sich seine moralischen Impulse selbst gibt, und dass es diese moralischen Impulse nicht auf andere Individuen übertragen darf z.B., das finde ich einfach richtig. Mir ist, wie Steiner, alles theologische, alles moralische im gewöhnlichen, anti-individuellen Sinn zuwider. Da gibts von der Seite her also nix, von dem ich mich befreien könnte - eine Idee, die ich als richtig erkannt habe, bringt mich nicht in Abhängigkeit zu einem anderen Menschen, der sie vielleicht zufällig vor mir auch schon einmal gedacht hat.
Aber wenn Sie Grund haben, an Steiner zu zweifeln, dann tun Sie das Richtige, wenn Sie an ihm zweifeln. Das kann man halt nur nicht übertragen.
Und wenn Sie doch meinen, ich müsste die selben Zweifel haben wie Sie, dann war mein Hinweis darauf, dass Ihr "systematischer Zweifel" selbst wieder zur Ideologie erstarren könnte, vielleicht gar nicht so verkehrt, oder?
Thomas Sattler - #12 - 03.05.2009 23:02 - (Antwort)
Ich möchte hier keine Grundsatzdiskussion anfangen. Aber über die Bemerkung, Steiner habe Unbefangenheit und Zweifel gefordert, war ich gestolpert. Ist das richtig? In meinem Bewusstsein hat sich nicht die Forderung, die Dinge anzuzweifeln, sondern die alles zu prüfen als eine Forderung Steiners festgesetzt. Der Unterschied ist, dass man weitergeht, wenn man etwas prüft. Man könnte es bei dem Zweifel auch belassen. Aber ich glaube das bringt einen nicht weiter. Das Prüfen befreit einen dagegen von einfach übernommenen (Vor)Urteilen.
Christian Grauer - #13 - 04.05.2009 00:43 - (Antwort)
Liebe Esther, ich meine keineswegs, dass Sie Zweifel haben müssten. Ich wollte Ihnen nur erklären, was ich unter systematischem Zweifel verstehe. Nicht "ohne Grund", sondern "ohne konkreten Anlass", d.h. ohne dass sich das zu Bezweifelnde verdächtig macht. Der Grund liegt nur im systematischen Vorgehen.
Und ich war auch nicht in Abhängigkeit von einem anderen Menschen, ich war abhängig von meinen Ideen. Genau deswegen zweifelte ich systematisch an ihnen, selbst wenn ich sie für richtig hielt. Ich bin nie herumgegangen und habe erzählt, dass auf dem Saturn diese und jene Dinge passiert sind. Ich konnte durchaus unterscheiden zwischen Steiners Aussagen und meinen Erfahrungen. Die Ebene, um die es geht, liegt tiefer. Ich hätte damals mein Verhältnis zu Steiner wahrscheinlich ähnlich dargestellt, wie Sie es tun.
esther - #14 - 04.05.2009 01:03 - (Antwort)
Lieber Christian,
Vielen Dank für Ihre geduldigen Klarstellungen. Also, zumindest die von Ihnen in Teil 1 und 2 geschilderten Probleme liegen ganz auf der Ebene, die ich im Sinn hatte. Dann werde ich wohl den Dritten Teil abwarten ...
Doris - #15 - 05.05.2009 17:29 - (Antwort)
Du schreibst:
"Erinnerung ist nichts anderes, als konserviertes, festgewordenes, totgewordenes Leben. Um etwas aufzubewahren muss es der Veränderung entzogen werden, es muss konserviert, eingefroren werden."
Ich habe mal geschrieben:
"- Und Hubert wurde eine gestorbene Erinnerung und saß nicht lebendig da - ich wollte Gefühle aus mir reißen für ihn, und es war so, wie wenn ich seine Photographie ansah, wenn ich betrunken war und wollte glauben, sie spricht mit mir, und wenn ich furchtbar viel Kraft aus mir riß, konnte ich das manchmal glauben.
Und ging dann mit ihm. Und habe mit einer Photographie geschlafen. Es war sehr kalt."
Doris - #16 - 05.05.2009 17:32 - (Antwort)
Lieber Christian,
ich habe vergessen, mich vorzustellen:
"Und habe mir ein schwarzes, dickes Heft gekauft und ausgeschnittene weiße Tauben draufgeklebt und möchte einen Anfang schreiben: Ich heiße somit Doris und bin getauft und christlich und geboren."
Man nennt mich auch "Das kunstseidene Mädchen"

Aufgenommen: Mai 12, 16:27