Sonntag, 9. August 2009
Genie und Dilettant - Annäherungen an ein Faszinosum

Als Anthroposoph ist man Steiners Werken gegenüber grundsätzlich wohlwollend eingestellt und so trat ich auch mit gespannter Erwartung vor das so genannte "rote Fenster", ein riesiges Fenster aus geschliffenem roten Glas, das über dem Westportal des Goetheanums angebracht ist. Man betrachtet es von innen heraus, so dass das Außenlicht hindurchfällt und den Raum dahinter - das Treppenhaus - in ein warmes Rot taucht. Die intensive Farbe und die schiere Größe des Fensters sowie die gebotenen Stille aufgrund einer Veranstaltung im benachbarten Saal ließen eine andächtige Stimmung anheben, die aber sehr schnell der Ernüchterung und einer überraschenden Erkenntnis wich.
Mit den frischen Eindrücke der architektonischen Werke Steiners und der Erinnerung an den Vortrag von Walter Kugler über die Begeisterung der Kunstszene für die Tafelzeichnungen Steiners stehe ich vor diesem roten Fenster, sehe diese bodenlos dilettantische Ästhetik und mir wird plötzlich klar, woher dieser mir in allen Bereichen Steiners begegnende Dilettantismus her rührt und warum er mich - und offenbar viele andere - dennoch nicht davon abhält, mich mit Steiner zu beschäftigen. Auf dem Rundgang über den Dornacher Hügel ist man auf Schritt und Tritt mit den sinnlich wahrnehmbaren Ergebnissen und den denkmalhaft konservierten Relikten der Steinerschen Ideenwelt konfrontiert und man begegnet dort so manchem skurrilen Werk. Aber man begegnet dort auch Dokumenten, die einen Einblick in die Entstehung dieser Werke, in den kreativen Prozess und die zugrunde liegenden Ideen Steiners geben. Und man spürt, dass dieses Goetheanum ein Ort inspirierter Kulturtätigkeit war, dass es aber ebenso ein Mausoleum für die merkwürdigen Überreste dieser Kulturtätigkeit ist. Und man stellt sich Steiner vor, wie er an diesem Ort unter den Menschen gewirkt hat, die sich hier versammelt haben, wie all das ganz konkret stattgefunden hat, was man aus jahrelanger Lektüre kennt. Und da stand nun plötzlich ein ganz klares Bild vor mir.
Steiner war kein eremitisch in akribische Arbeit versunkener Denker. Er war immer umgeben von Menschen, die er inspirierte und die ihm Ideen abforderten. Er hielt Vorträge und begleitete Veranstaltungen. Er reiste mit Modernsten Fahrzeugen durch ganz Europa und trat teilweise auf wie ein Popstar. Keiner seiner Vorträge gleicht dem anderen, er sprach frei und entwickelte seine Ideen nicht selten spontan vor Ort. Alles Akribische, Pedantische und Prinzipialistische bezeichnete er verächtlich als "philiströs". Wo immer Rudolf Steiner versucht hat, seine Ideen weiter als bis zur Skizzenhaftigkeit in eine konkrete Gestalt zu bringen, da neigt er dazu, sich in Unprofessionalität und Dilettantismus zu verlieren. Seine Domäne war das lebendige, kreative und inspirative Denken. Das Erfassen von flüchtigen Ideen und unkonventionellen Ansätzen, das Vorahnen von Entwicklungen und die Zusammenschau komplexer Zusammenhänge. Aus der unmittelbaren Betrachtung der Phänomene entwickelte er Typologien, die formal schwer zu greifen sind, die aber erstaunliche Erklärungsmodelle für komplexe systematische Zusammenhänge abgeben. Der 'Geist', in dem er arbeitete und von dem er sich inspiriert fühlte war nicht das konkrete Einzelne, sondern das Prinzipielle, nicht die perfekte und akribische Umsetzung sondern die lebendige und spontane Skizze.
Detlef Hardorp, der Berlin-Brandenburgische Bullterrier der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit, hat in einem Zusammenhang, der hier nicht unbedingt wichtig ist (es ging um eine Aussage Steiners über Physik) in sehr treffenden Worten diese Eigenschaft Steiners beschrieben: "von außen betrachtet stochert er unprofessionell in allen möglichen Gebieten herum, und trifft mit unverschämter Sicherheit immer wieder Goldadern, auch wenn er nicht den wissenschaftlichen Apparat bieten kann, mit dem das dann meist später von anderen wesentlich vollständiger gemacht wird."
Auf dem Goetheanum-Hügel begegnet man zunächst all diesen Werken, in denen Steiner versucht hat, aus seinen skizzenhaften Visionen fertige Werke zu machen. Und immer wieder muss man sehen, wie er daran scheitert. Auch sein schriftliches Werk trägt deutlich den Charakter der Vorläufigkeit: keines seiner Werke genügt den formalen Anforderungen eines wissenschaftlichen Werkes. Mit Quellennachweisen hat sich Steiner nicht aufgehalten und so werden andere Autoren nicht selten falsch zitiert oder ohne weiteren Hinweis einfach übernommen. Auch hält sich Steiner selten damit auf, Belege oder Beweise für seine Ideen zu finden. Die kritische Analyse und die akribische Sammlung von Belegen und Nachweisen und das Ausarbeiten von Vollständigkeit sind nicht Steiners Anliegen. Und wo er es versucht hat - im roten Fenster beispielsweise - da hätte er auch lieber darauf verzichtet. Schaut man sich beispielsweise in chronologischer Folge die Gebäude in Dornach an, die Steiner entwarf, so erkennt man deutlich die originelle und durchaus kulturgeschichtlich relevante architektonische Idee, die sich darin entwickelt. Betrachtet man aber die einzelnen Häuser als fertige Werke, so fehlt auch hier das nötige Maß an Professionalität, das erlauben würde, von gelungener Architektur zu sprechen. Umso schlimmer, wenn diese Ästhetik immer und immer wieder auf platte und rein formale Weise kopiert und für "anthroposophische Architektur" gehalten wurde. Bezeichnend auch, dass das jüngste Haus von Steiner kaum noch die typischen Züge "anthroposophischer Architektur" trägt sondern einer überaschenden Schlichtheit und Reduktion auf klare, rechtwinklige Formen folgt. Das Ausmaß der formalen Entwicklung von Steiners architektonischen Ideen, die sich in der Abfolge seiner Häuser zeigt - schon erstes und zweites Goetheanum lassen dies erahnen - übersteigt dasjenige der knapp hundert Jahre seiner Epigonen um ein Vielfaches. Was hier nur konservierte formale Tradition ist, war bei Steiner nur Momentaufnahme und Skizze einer sich stets neu erfindenden Inspiration.
Steiners Werk ist nicht das, was wir in Händen halten, sondern es sind seine Anregungen, seine Visionen und Inspirationen, die skizzenhaften Ideen, denen kein Begriff zu groß und kein Ziel zu fern sein konnte. Er war Impulsgeber für Reformschulen ebenso wie für alternative Medizin, er arbeitete an gesellschaftspolitischen Konzepten ebenso wie an den Ansätzen einer organischen Architektur. In diesen Bereichen entwickelte er geradezu übermenschliche Energien. Doch all diese Dinge konnten nicht Realität werden, hätten nicht viele andere Menschen, mit Sachverstand und fachlich versiert die vagen Ideen Steiners aufgegriffen, ausgearbeitet und umgesetzt. Steiners Werk lebt denn auch zum größten Teil in seiner Umwelt, in all den Menschen, die seine Anregungen aufgegriffen und ausgearbeitet haben. Und so wie er seine Ideen an andere Weitergegeben hat, damit sie dort auf fruchtbaren Boden fielen, so hat er sich auch nicht gescheut, fremde Ideen zu integrieren und in eigener Weise zusammenzubringen, um neue Inspirationen daraus zu gewinnen. Die Sorgfalt, seine Quellen ausführlich darzulegen, vermisste er dabei allerdings.
Halmut Zander hat in seinem vielbeachteten Buch "Die Anthroposophie in Deutschland" versucht, sich durch eine historisch-kritische Analyse dem Faszinosum Steiner zu näheren. Doch das Buch, dessen fast 2000 Seiten sich wie der Abschlussbericht einer Steuerprüfung lesen, bleibt methodisch absichtlich auf einer Ebene, auf der Steiner nicht zu finden ist. So kann Zander nachvollziehbar die äußeren Verbindungen Steiners mit seinem geistesgeschichtlichen Kontext erklären, er kann all die Quellennachweise nachliefern, die Steiner für verzichtbar hielt, aber er kann nicht erklären, was das Faszinosum an Steiner ist. Zander sieht gleichsam nur das rote Fenster in seiner dilettantischen Ästhetik. Den Visionär Steiner, den Ideengeber Steiner, den Inspirator und unkonventionellen Denker Steiner, den Skizzierer Steiner, den entdeckt er nicht, weil sich dieser in seiner Immaterialität, seiner geistigen Flüchtigkeit einer historisch-kritischen Wissenschaft notwendigerweise entzieht. Zander trägt dazu bei, viele Mythen und Legenden, die sich um Steiner ranken, zu entlarven und er zeigt das auf, was mir beim Betrachten des roten Fensters deutlich wurde: dass Steiner dort, wo es in die konkrete fachliche oder künsterische Ausarbeitung seiner Ideen geht, oft nur haarsträubendes Mittelmaß ablieferte. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, was ich beim Betrachten noch nicht wusste, dass nämlich das rote Fenster nicht von Steiner selbst ausgeführt wurde, sondern von Assja Turgenjeff. Gleichwohl entstand es als Teil eines Gesamtkunstwerkes unter seiner Federführung und steht hier auch nur als Beispiel und konkreter Anlass für eine Erkenntnis, die sich durchaus auf eine breitere Kenntnis des Werkes von Steiner stützt.
Allein den wahren Steiner, den, der in der Anthroposophischen Bewegung bereits ein ganzes Jahrhundert überlebt hat und der auch heute noch Menschen fasziniert und inspiriert - selbst Zander spricht mehrfach von der Faszination, die Steiner auf ihn ausübt - den wird man auf diese Weise nicht greifen können. Ihn wird man nur erfassen, wenn man seine Ideen ebenso lebendig und kreativ auffasst, wie er sie gedacht und skizziert hat. Jede Form der Stereotypisierung, der Manifestierung in systematischen Kategorisierungen und der Verabsolutierung seiner Visionen muss scheitern und zu einem schieren Zerrbild dessen verkommen, was Steiner inspirierte. Das ist es, was an den bewundernden Blicken, die dem roten Fenster und anderen Kuriositäten auf dem Goetheanumgelände wie Reliquien entgegengebracht werden, so verwundern kann. Kein Kunstkenner würde auch nur einen Pfennig für das rote Fenster geben. Doch interessanterweise interessiert sich die Kunstszene brennend für diejenigen Werke, die überhaupt keine Werke im eigentlichen Sinne sind, die nur beiläufig entstandene und von findigen Zeitgenossen festgehaltene Skizzen sind, die Steiner während der öffentlichen Entwicklung von Ideen an die Tafel geschmiert hat und die für Anthroposophen zunächst rein informativen Charakter hatten und lediglich als Reliquien aufbewahrt wurden. Steiners Skizzen auf schwarzer Pappe haben im 21. Jahrhundert den Weg nach NewYork und Paris gefunden. Denn in ihnen lebt jener inspirierte Geist, von dem sich Anthroposophen angezogen fühlen. Und in der skizzenhaften Form findet Steiner auch einen ästhetischen Ausdruck, der völlig frei von der schwerfälligen, dilettantischen Konstruiertheit des roten Fensters ist und der offenbar erst heute vom allgemeinen künstlerischen Empfinden eingeholt wird.
Aber sowenig das Buch von Zander auch den Steiner findet, der die Menschen inspiriert, so könnte es, wenn es von Anthroposophen sachgemäß - und das heißt eben nicht als Angriff sondern als historische Analyse - gelesen würde, dazu führen, all jenen Personenkult und jene Verherrlichung Steiners um seiner selbst Willen kritisch zu hinterfragen und zu einem unbefangenen Urteil gegenüber solchen Fürchterlichkeiten wie dem roten Fenster zu gelangen, statt sie zu glorifizieren, nur weil sie von des Meisters Hand geschaffen wurden. Zanders Analyse konturiert am Ende exakt jenen Steiner, dessen bedingungslose Verehrung nicht nur ihn selbst sondern jeden normal empfindenden Menschen beschämen muss. Man kann geradezu Zanders Analyse als Subtrahenden verwenden, um von der real existierenden Anthroposophie all dasjenige abzuziehen, was blinder Dogmatismus, leerer Personenkult und schiere Geschmacksverirrung ist. Nicht um Steiner zu diskreditieren, sondern um sein wahres Genie freizulegen, zu aktivieren und sich von ihm neu inspirieren zu lassen; um seine vorausschauenden und zeitlosen Ideen weiter zu entwickeln und sich mehr in der Methode als im Ergebnis an ihm zu orientieren und nicht in der Verabsolutierung von Mittelmäßigkeiten zu schwelgen. Auf diese Weise könnte Zanders Buch ex negativo befreiend wirken und bei einer etwas subtileren anthroposophischen Rezeption, als sie beispielsweise aus der aktuellen Rezensionen von Ravagli tönt, doch noch zur wahren Entdeckung des Faszinosums Steiner führen!
Kommentare (27) | Trackbacks (0)
Jens R. Prochnow - #1 - 09.08.2009 17:35 - (Antwort)
Die Aussage "Keiner seiner Vorträge gleicht dem anderen" ist nicht zutreffend.
Es gibt eine ganze Reihe Parallelvorträge, die, wenn parallel studiert, einen sehr genauen Einblick in die Werkstatt Steiners ermöglichen. Auf gewissen Vortragsreisen präsentierte Steiner mitunter 1-3 Vorträge in abwechselnden Variationen in jeweils unterschiedlichen Städten. Dies ist anhand der GA für den Leser in den seltensten Fällen ersichtlich, mit einem Vortragsregister lassen sich Parallelvorträge allerdings leicht auffinden.
Manche frühen Veröffentlichungen sind ja auch Kompilationen verschiedenster Mitschriften verschiedener Parallelvorträge (Beispiele spare ich mir hierzu wohl besser).
Christian Grauer - #1.1 - 09.08.2009 17:43 - (Antwort)
Ich korrigiere "kaum einer...". Es ist die Ausnahme und auch die Parallel-Vorträge variieren trotzdem noch deutlich. Wie auch immer: Repetition war nicht das Hauptmerkmal seiner Vorträge.
Jens R. Prochnow - #1.1.1 - 09.08.2009 18:03 - (Antwort)
Es gibt ein paar wenige sehr parallele Parallelvorträge, aber das ist in diesem Kontext ohne Belang.
Sehr interessant finde ich die konkrete Erlebnisbeschreibung der annähernd sakralen Stimmung vor dem Roten Fenster. Es ist ja bei jedem Werk so, dass die Form der Präsentation (Museum, Oper, Open-Air-Konzert) einen grossen Einfluss auf die Rezeption hat. Diese Beobachtung sollte man also weiter pflegen und auch auf anderen Gebieten anwenden.
Leider aber hat sich (wieder einmal) nicht Steiner hingesetzt und dieses Fenster mit Zahnarztbohrern aus dem Glas geritzt, das war Assja Turgenieff. Im ersten Goetheanum wurden sämtliche Bilder von ihr noch in einem völlig anderen Stil "radiert". Von Steiner sind nur ein paar (sehr interessante!) Kritzel-Zeichnungen, die als Vorlage dienten. Ich find's wichtig die tatsächlich ausführenden Gestalten zu benennen - um Steiner von diesem ganzen albernen Kröten-Kult zu erlösen.
Ein sehr schöner Artikel, herzlichen Dank dafür!
Alexander Hoehne - #1.1.1.1 - 17.08.2009 11:54 - (Antwort)
Lieber Jens. Es ist richtig, dass Assja Turgenjew alle Fenster für das Zweite Goetheanum in einem Stil erarbeitet hat, den sie noch zusammen mit Rudolf Steiner besprochen hatte. Es ist aber falsch, dass sie die Fenster für das Erste Goetheanum erstellt hat. Diese wurde von einer Gruppe erstellt, an der sie nicht teilnehmen konnte. Sie hat anstatt dieser Arbeit eine Reihe von Radierungen erstellt, die bereits auf die soätere Ausarbeitung vorausweisen.
Christoph Kühn - #2 - 09.08.2009 18:13 - (Antwort)
Ein schöner Text, vielen Dank!
Magdalena Zoeppritz - #3 - 09.08.2009 18:55 - (Antwort)
Warum nennst du das rote Fenster dilettantisch und glaubst, kein Kunstkenner würde was dafür geben?
Ok, heute macht man das nicht mehr so quasi figürlich, aber wenn ich mir Hodler oder Beardsley ansehe (nur zum Beispiel), da finde ich Ähnlichkeiten.
--- Magdalena
Christian Grauer - #3.1 - 09.08.2009 19:30 - (Antwort)
Klar, Kunst kann alles sein. Das ist natürlich auch eine polemische Zuspitzung und ein pars pro toto. Aber ganz subjektiv finde ich das Fenster hochnotpeinlich. Es ist bester naiv-esoterischer Kitsch, ein uninspiriertes und ästhetisch völlig konturloses Sammelsurium an brachialer Symbolik. Natürlich kann man das auch ganz anders finden. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Mein Eindruck und die sich daran anschließenden Gedenken sind die, die ich geschildert habe. Wenn sich Kunstkenner finden, die dafür einen Pfennig geben - bitte "nicht-anthroposophische"
- soll es mir recht sein!
Alexander Hoehne - #3.1.1 - 17.08.2009 12:08 - (Antwort)
Lieber Christian. Das Problem ist, dass die Glasfenster gar nicht als Kunstwerke gemeint sind. Sie sind vielmehr anschauliche Unterweisung. Im Roten Westfenster (= westliche "Esoterik") geht es um die Situation an der "Schwelle zur Initiation" (vor dem Eintritt in die "Mysterienhalle"). Das Bild zeigt den inneren Beobachter unter dem Motto "Ich schaue" in einer dynamisch-idealisierten "geistigen Schau" seiner Selbst (inkl. der Andeutung der Krafzentren = Chakren bis zum Herzen). Das Hauptfenster wird flankiert durch zwei Nebenaspekte dieser Schau, die unter dem Einfluss von "Ahriman" und "Luzifer" das Hauptgeschehen variieren, trüben oder färben... Vom Betrachter links das ahrimanische Fenster lässt den Menschen in den eigenen Abgrund blicken, ins Untermenschliche. Aus dem Abgrund steigen die drei Tiere auf, die später in den "Klassenstunden" näher charakterisiert werden. Auf der rechten Seite (wieder vom Betrachter aus) sieht man das luziferische Seitenfenster, in welchem sich der Mensch von Engeln vor dem Abrgund geschützt der inneren Sonne zuwendet und in schwelgerischer Anbeterei sich selbst vergisst... Von den Seitenfenstern aus geht der Weg dann weiter in die Haupt- und Nebenfenster im Saal (kreuzweise über Nord- und Südachse), während der "Michael-Christus-Weg" direkt vom Zentralmotiv zur auf der Bühne gedachten "Gruppe" verläuft...
Das "Rote Fenster" ist zur Meditation dieser Schwellensituation als anschauliche Hilfe und Einstimmung geschaffen worden, nicht als "Kunstwerk". Die "Kunst" stellt hier mehr die Mittel zur Verfügung als das sie Ziel der Arbeit war.
herzliche Grüsse, Alexander
Ansgar Martins - #4 - 09.08.2009 19:20 - (Antwort)
Dazu der Schluss von Zanders Oeuvre, II, S. 1719:
"...Es ging mir nicht um eine Hinrichtung Steiners, sondern um den Versuch, zu verstehen, wie sein Werk zu einer kulturellen Potenz im alternativen Milieu aufstieg. Die Herausarbeitung etwa der hoch autoritären Strukturen in seinem Werk und häufig auch im Umgang mit Menschen ist in dieser Perspektive ein Versuch, zuerst einmal historische Fakten zu sichern. Darüber muß man dann streiten, aber die Frage, die Anthroposophen primär umtreibt, was dies nämlich für das gegenwärtige Selbstverständnis der Anthroposophie bedeutet, ist eine ganz andere; die Rezeption und Transformation der Weltanschauung Rudolf Steiners unter Anthroposophen ist noch ungeschrieben.
Viele Anthroposophen empfinden auch die historische Kontextualisierung als Ignoranz gegenüber den geistigen oder praktischen Impulsen Steiners, aber ich bin weiterhin der Meinung, daß man Steiners Grenzen und eben auch Leistungen nur im gesellschaftlichen Kontext versteht. Dahinter steht meine Überzeugung, daß man historisch-kritische Forschung nicht gegen spirituelle Weisheit ausspielen darf. Wer im intellektuellen Diskurs westlicher Gesellschaften ernstgenommen werden will, muß sich dieser radikal kritischen –und das heißt im Wortsinn weiterhin: prüfenden – Analyse stellen*. In dieser fehlenden Offenheit gegenüber der historischen Kritik scheint mir ein Grund für die sich beträchtlich spreizende Schere zwischen praktischer Akzeptanz und intellektueller Marginalisierung der Anthroposophie zu liegen. Sicher, die Aufnahme dieser Kritik wird vermutlich scharfe anthroposophieinterne Auseinandersetzungen um die kanonische Geltung von Steiners Werk und um die Hermeneutik seiner Interpretation aufbrechen lassen, aber die europäische Religionsgeschichte der Neuzeit zeigt, daß dieser Weg nicht zur säkularisierenden Eliminierung von Religionen und Weltanschauungen führte."
Passt doch ganz gut, oder?
Jens R. Prochnow - #4.1 - 09.08.2009 19:35 - (Antwort)
Ich empfinde Vollzitate - ob von Steiner, Simmel oder Zander - immer als unpassend.
Cornelius - #5 - 09.08.2009 19:36 - (Antwort)
Lieber Christian
Ja, ein sehr schöner Beitrag von Dir, aber Du hättest ruhig in der Ich-Form schreiben können. Man ist niemand ![]()
Ich stimme Dir trotzdem zu in Sachen Dilletantismus. Er macht es aus!
Herzlich Cornelius
Christian Grauer - #5.1 - 09.08.2009 20:46 - (Antwort)
Lieber Cornelius,
man ist ich. Die Ich-Form kann auch zum Manierismus werden... ![]()
Christian Grauer - #6.1 - 09.08.2009 20:44 - (Antwort)
Oh ja, danke für den Hinweis! WALTER Kugler natürlich.
Magdalena Zoeppritz - #7 - 09.08.2009 20:37 - (Antwort)
Einverstanden, gefallen ist was anderes. --- Magdalena
Ralph Boes - #8 - 09.08.2009 21:59 - (Antwort)
Ist denn das "rote Fenster" überhaupt vom Steiner?
Ist nicht - abgesehen von der Außenarchitektur - das neue Goetheanum komplett von den "zurückgebliebenen" (grins) Anthroposophen gebaut?
Herzlichem Gruß, Ralph Boes
Christian Grauer - #8.1 - 09.08.2009 23:34 - (Antwort)
Ja, das hat Jens auch schon angemerkt. Es ist von Assja Turgenjeff (und schon aus dem 1. Goetheanum). Ich habe eine entsprechende Anmerkung in den Text eingearbeitet. Danke!
Jens R. Prochnow - #9 - 10.08.2009 00:13 - (Antwort)
Aehäm... Ich bin nicht sicher, ob es bloss ein sprachliches Missverständnis ist, deswegen:
Das originale Rote Fenster ist durch den Goetheanumbrand (wie alle) vernichtet worden. Lediglich ein Fensterbruchstück überstand den Brand.
Für das zweite Goetheanum wählte Turgenjeff einen Straffur-Stil, den es bei den Fenstern des ersten Baus noch nicht gab. Ausserdem musste die Motivanordnung bei den Fenstern im Saal aus Platzgründen geändert werden.
Das Rote Fenster wurde um ~1945 als letztes der Oeffentlichkeit übergeben und eingesetzt.
Sebastian - #10 - 10.08.2009 12:12 - (Antwort)
Hi Christian,
wieso zitierst du Hardorp, wenn du ihn nicht magst:
Detlef Hardorp, der Berlin-Brandenburgische Bullterrier der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit
nächste Frage: ist das zitat nicht gegen Steiner
von außen betrachtet stochert er unprofessionell in allen möglichen Gebieten herum
blöder gehts doch nciht mehr. Wo hast du das ausgegraben?
Christian Grauer - #10.1 - 10.08.2009 12:30 - (Antwort)
1. Wer sagt, dass ich Hardorp nicht mag?
2. Warum soll ich jemanden nicht zitieren, wenn ich ihn nicht mag
3. Ob das Zitat "für" oder "gegen" Steiner ist, interessiert mich nicht. Diese Dichotomie ist genau das Problem in der ganzen Diskussion. Mich interessiert, ob er etwas wesentliches damit ausgesagt hat. Und das hat er.
4. Die Quelle werde ich noch raussuchen. Hatte mit der Diskussion um irgend eine physikalische Entdeckung zu tun, die Steiner angeblich gemacht haben soll. Google wird's wissen...
Maurulam - #10.1.1 - 10.08.2009 19:18 - (Antwort)
Wieso werden die Rolling Stones als Künstler bezeichnet werden, deren Oevres auf Plattformen wie Last.FM veröffentlicht werden, dagegen Steiner soll kein Künstler sein? Erst das erscheint mir skurril.
Wer ihn Dilettant nennt, muss mir zuerst jemanden zeigen, der ein ganzheitliches Werk wie er geschaffen hat, auch äusserlich, und dabei besser war oder ist. Ich glaube nicht, dass man ihn rein als Ideenlieferant sehen sollte oder als Ideenfilter, selbst hat er auch geschaffen.
Sebastian - #11 - 13.08.2009 15:08 - (Antwort)
Hi Christian,
hast du deine Quelle für das Hardorp Zitat nicht gefunden? Ich hab mal google probiert. bei:
von außen betrachtet stochert er unprofessionell in allen möglichen Gebieten herum
finde ich, 1, 2, 3:
http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=99
http://usrportage.de/archives/624-Physik-ist-Gluecksache.html
http://www.scienceblogs.de/weitergen/2009/01/rudolf-steiner-und-die-schrodingergleichung.php
3x Lichte! sag mal gehts noch Christian?
Christian Grauer - #12 - 13.08.2009 15:47 - (Antwort)
Lieber Sebastian,
ja, es geht noch. Das Zitat stammt aus einem privaten Mailwechsel zwischen Hardorp, Pinkall und Lichte und ich habe unterdessen eine Autorisierung für das Zitat von Hardorp.
Robert - #13 - 14.08.2009 12:01 - (Antwort)
Hab Dank für diesen informativen Artikel.
Nun verstehe ich, warum ich beim Anblick des roten Fensters am liebsten laut geschrien hätte (es aber nicht tat, weil ich - wohlerzogen wie ich bin - die sakrale Stimmung nicht stören wollte).
Sebastian - #14 - 14.08.2009 18:39 - (Antwort)
Hi Christian,
ich habe unterdessen eine Autorisierung für das Zitat von Hardorp ![]()
du meinst Hardorp hat autorisiert dass er und Steiner von Lichte zum Deppen gemacht werden?`
merkt hier eigentlich noch irgendjemand was? Wie heisst dein Buch, Christian?
Am Anfang war die Unterscheidung ![]()
Christian Grauer - #14.1 - 14.08.2009 20:16 - (Antwort)
Lieber Sebastian,
ich kann Dir leider nicht folgen. Zum Deppen kann Lichte nur sich selbst machen. Ich fürchte aber die Intention meines Artikels ist eine Spur subtiler...
Sebastian - #15 - 15.08.2009 13:10 - (Antwort)
Hi Christian,
ich kann Dir leider nicht folgen ![]()
aber lesen kannst du?
http://www.scienceblogs.de/weitergen/2009/01/rudolf-steiner-und-die-schrodingergleichung.php
Rudolf Steiner und die Schrödingergleichung
Das Verdrehen historischer Fakten ist eine beliebte Strategie der Pseudowissenschaftler, um ihren realitätsfernen Ansichten ein vermeintlich wissenschaftliches Fundament zu verschaffen. Die Anthroposophen stehen dem in nichts nach. In ergebener Verehrung ihres Häuptlings, wird Rudolf Steiner schon mal die Erfindung der Schrödingergleichung angedichtet. Einer wissenschaftlichen Überprüfung hält das nicht stand.
und dann:
Dr. Detlef Hardorp schreibt in seiner Steiner-Verblendung:
"[...] Das aber just Steiner eine Gleichung intuitiv an die Tafel schreibt, die einige Jahre später in der Physik zu den bedeutsamsten Gleichungen überhaupt werden wird, erscheint mir symptomatisch für Steiner zu sein. Denn das hat er doch in vielen Bereichen gemacht: von außen betrachtet stochert er unprofessionell in allen möglichen Gebieten herum, und trifft mit unverschämter Sicherheit immer wieder Goldadern, auch wenn er nicht den wissenschaftlichen Apparat bieten kann, mit dem das dann meist später von anderen wesentlich vollständiger gemacht wird."
Hardorp ist schon der Depp. wer interessiert sich da noch für:
die Intention meines Artikels ist eine Spur subtiler... ![]()







