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Tagung Ursprüngliche Anthroposophie 20./21.9.08 in Berlin

Schachtelhalm

Montag, 8. September 2008

Tagung Ursprüngliche Anthroposophie 20./21.9.08 in Berlin

Geschrieben von Christian Grauer in Anthroposophie
Kommentare (2) | Trackback (1)
Wie bereits vorangekündigt findet am 20./21. September in Berlin die Veranstaltung "Ursprüngliche Anthroposophie" statt (weitere Infos s.u.), die bereits im Vorfeld für Aufregung sorgte. Ein großer Kreis der Anthroposophen betrachtet die frühen Werke von Steiner nur als philosophische Vorläufer dessen, was er nach der Jahrhundertwende (nach der Verbindung mit der Theosophie) als Anthroposophie in esoterisch-geisteswissenschaftlicher Arbeit entfaltet hat. Mancher hält die Beschäftigung mit Steiners Frühwerk und noch mehr mit anderen spirituellen Strömungen im Rahmen der Anthroposophie daher für eine Zerstörung derselben und warnt in privaten Zuschriften vor der Veranstaltung und ihren Referenten!

Die theosophische Anthroposophie nach der Jahrhundertwende fasziniert durch einen enormen Reichtum an Bildern, detaillierten Zusammenhängen und einer Aktivierung und Reaktivierung vor allem christlicher aber auch anderer tiefer spiritueller Weisheiten. Die Geschlossenheit, mit der Steiner diese Inhalte in eine ganz neue, individuelle und dem (damals) modernen Bewusstsein angemessene Form brachte und zu einem enorm inspirierenden Gesamtwerk machte, ist eine der faszinierendsten Leistungen Steiners. Diese Anthroposophie beschränkt sich aber trotz ihrer auf den ersten Blick ungewöhnlich esoterischen und blumigen Sprache nicht auf sonntägliche Erbauungsstunden oder private Selbstfindung und Bewusstseinsarbeit, sondern entzündete als kultureller Motor eine weltweite Bewegung und inspirierte Menschen auf den vielfältigsten praktischen Gebieten des Alltagslebens.

Das ist soweit bekannt und eine unanfechtbare Leistung der nachtheosophischen Anthroposophie. Ein Kennzeichen dieser Anthroposophie ist aber auch, dass sie als individuelle Leistung Steiners zugleich auf seine Authentizität und Autorität als Person und Inspirator fokussiert. Je größer die historische Distanz zu Steiner wird, desto schwieriger wird es, aus dieser Authentizität zu schöpfen und so zeigt sich bisweilen die schiere Tradierung auf Vertrauensbasis als ein Hindernis in der anthroposophischen Arbeit und macht sie zu einem teilweise hermetischen und die Anthroposophie als Offenbarung instrumentalisierenden Dogma, das mehr behindert als inspiriert. Ihre Vertreter, die durchaus noch die Authentizität der Steinerschen Inspiration intuitiv erfassen und als selbstgewählte Orientierung für ihre Arbeit wählen, können diese Authentizität aber nicht mehr an Dritte vermitteln. Die Anthroposophie erscheint dann vielfach als dogmatisches Lehrgebäude, das Traditionen wahrt in der Illusion, damit jene Authentizität sichern zu können.

Viele Anthroposophen spüren aber, dass sie nun selbst gefordert sind, jene Authentizität und Autorität zu bilden, die Steiner als Initiator der Anthroposophie ganz natürlich und in ganz besonderem Maße hatte. Nicht um Steiner zu negieren, nicht um mit der Anthroposophie zu brechen, sondern um ihren eigentlichen Kern, das eigentliche Erneuerungspotential zu nutzen, das in ihr liegt. Sie spüren, dass die lebendige Anthroposophie, die sich als spirituelle Strömung einem Dialog mit der Gegenwart stellte, zu einer blutleeren, dogmatisch tradierten Lehre wird, wenn sie nicht von uns selbst mit jener Authentizität und Unmittelbarkeit vertreten werden kann, wie sie das von Steiner wurde. Denn das Potential der Anthroposophie liegt nicht in ihren Traditionen und Gewohnheiten, in Arbeitsweisen und Detailerkenntnissen, sondern in einem spezifischen Zugang zur Welt, in einer Erkenntnishaltung und Fragestellung an das Leben, die sich aus Unbefangenheit und in spiritueller Aufklärung für die Integration einer geistigen Wirklichkeit öffnet, die nicht jenseits, sondern diesseits des sinnlichen Realitätsverständnisses liegt.

Die Veranstaltung "Ursprüngliche Anthroposophie" möchte im Frühwerk Steiners einer Erkenntnisdimension nachspüren, in der sich auch bei ihm noch vor der Ausarbeitung der Anthroposophie als solcher, ein unmittelbarer Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens finden. Dieses frühe Werk weist nicht den hohen Grad an Konkretion und Ausarbeitung auf, wie die spätere Anthroposophie. Es verzichtet auch auf Bezüge zu allerelei esoterischen, okkulten, mythischen und mystischen Traditionen. Dafür ist es aber auch frei von jeglichem traditionellen Ballast und sucht mit fast spröder Nüchternheit den Kern der spirituellen Erfahrung in philosophische Worte zu fassen. Sicherlich hat das Spätwerk eine andere biographische Reife. Dies zeigt sich insbesondere auch in seiner ganz anderen sozialen und kulturellen Wirkung. Aber keineswegs ist das Frühwerk deswegen aus spiritueller Sicht als minderwertig oder nur vorläufig anzusehen. Unter der Oberfläche philosophischer Ausdrucksweise und scheinbar paradoxer Formulierungen wird die selbe spirituelle Tiefe angesprochen, die sich durch die gesamte Anthroposophie zieht. Indem sich die frühen Schriften an das reine Denken wenden, sind sie oft schwerer zugänglich, als die faszinierenden theosophischen Bilder, sind sie aber zugleich auch unabhängiger von kulturellen Voreinstellungen und von der Authentizität des Autors. Sie stellen auch nach Steiners eigenen Aussagen eine Form des ursprünglichen Zugangs dar, aus dem eine Anthroposophie jederzeit individuell und authentisch hervorgehen kann.

Auch Verbindungen zu anderen modernen spirituellen Strömungen sind aus dieser Perspektive leichter als aus der kulturell stark geprägten nachtheosophischen Anthroposophie. Dies wird sich in der Veranstaltung am Beispiel von Ken Wilber darstellen, dessen Ansatz durch Michael Habecker vertreten sein wird. An diesem Beispiel kann vielleicht deutlich werden, wie jener ursprüngliche Zugang zur Anthroposophie zugleich auch Teil hat an jenem allgemein ursprünglichen spirituellen Zugang zum Leben, der sich als höchste oder tiefste Dimension letztlich hinter allen Versuchen, das Leben mit Erkenntnis zu durchdringen, auffinden lässt.

Als Referent dieser Veranstaltung sehe ich darin ein Chance, nicht nur die Anthroposophie mit neuer Lebenskraft zu versorgen, sondern auch für mich selbst einen Weg zu den Ursprüngen der Anthroposophie zu finden, ohne die Traditionen deswegen pauschal negieren zu müssen, aber um dadurch und auch im Dialog mit anderen modernen Inspirationen selbst jene Form der Authentizität für mich zu finden, die das Werk Steiners so kraftvoll und charismatisch macht.

Jeder, der sich dafür interessiert, mit diesem Ansatz neue, ggf. auch experimentelle Wege der Anthroposophie und der Spiritualität zu beschreiten und darüber ins Gespräch zu kommen, ist herzlich zu unserer Veranstaltung eingeladen. Ein zentraler Ansatz der Veranstaltung ist es daher auch, das Gewicht weg von den Vorträgen und hin auf die Gespräche und Übungen mit allen Teilnehmern zu lenken, um nicht nur vorbereitete Weisheiten abzuspulen sondern in einen lebendigen und unmittelbaren Erkenntnisdialog zu kommen.


"Ursprüngliche Anthroposophie"
Tagung mit Impulsreferaten, Übungen und Gesprächen

Referentinnen und Referenten:
Anna-Katharina Dehmelt
Christian Grauer
Sebastian Gronbach
Michael Habecker
Jens Heisterkamp

Termin: von Sa. 20.9.08 14:00 Uhr bis So. 2.9.08
Ort: Teltower Damm 269, 14167 Berlin
Teilnahmegebühr: 40 EUR (an der Tageskasse)

Veranstalter:
Zeitschrift info3,
Werkgemeinschaft Berlin-Brandenburg, Sozialtherapeutische Werkstätten gGmbH
Organisation und Durchführung: Frithkof Scholz, Uwe Gräßer (Werkgemeinschaft), Jens Heisterkamp (info3)


Programm:

Samstag, 14:00 Uhr

Teil 1:
Ursprüngliche Anthroposophie. Eine Spurensuche im Lebenswerk RUdolf Steiners.
Impulsreferat von Dr. Jens Heisterkamp. Übungen mit Anna-Katharina Dehmelt.
Bewusstsein als absolute Dimension unserer Erfahrung. Phänomenologische Annäherung an das Bewusstsein mit Christian Grauer

Teil 2:
Authentische Spirituelle Erfahrung: Bewusstseinserfahrung als Gotteserfahrung. Impulsreferat von Sebastian Gronbach

Sonntag, 9:30 Uhr

Teil 3:
Die höhere Wahrheit im Dialog. Krieterien einer zeitgemäßen und post-metaphysischen Spiritualität im Anschluss an Ken Wilber. Impulsreferat von Michael Habecker.#

Jede Einheit mit Übungen (A.-K. Dehmelt) und Gesprächen.
 

Trackbacks
Trackback für spezifische URI dieses Eintrags

Veranstaltung: Post-theosophische Anthroposophie
Unter dem Titel "Post-theosophische Anthroposophie - der ursprüngliche Rudolf Steiner" wird am 20./21. September 2008 ein Seminar in Zusammenarbeit von Info3 und der Werkgemeinschaft in Berlin mit Anna-Katharina Dehmelt, Sebastian Gronbach, Dr. Jens Heist
Weblog: Schachtelhalm
Aufgenommen: Sep 09, 19:03

Kommentare
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Hallo Herr Grauer,

warum machen Sie nicht den Teil 3:

"Die höhere Wahrheit im Dialog"

Dass Sie darin Experte sind, haben Sie ja in Ihren Übungen, unten, bewiesen. Einmalig.
#1 w.g. am 09.09.2008 20:23 (Antwort)
Hallo Christian Grauer,

wie war das Rudolf Steiner Sekten Treffen in Berlin?

Auch Gott gespielt, wie Sebastian Gronbach im anthroposophischen newsletter inmedia 203 ?
#2 Anonym am 25.09.2008 20:56 (Antwort)

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Am Anfang war die Unterscheidung.
Der ontologische Monismus – eine Theorie des Bewusstseins im Anschluss an Kant, Steiner, Husserl und Luhmann.

Info3 Verlag Frankfurt 2007, 109 S. kartoniert, € 13,60
ISBN 978-3-924391-37-9
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