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Samstag, 25. Oktober 2008

Wo steckt unser Ich?

Geschrieben von Christian Grauer in Bücher
Kommentare (12) | Trackbacks (3)
Egal ob Materialist naturwissenschaftlicher Prägung oder anthroposophischer Spiritualist, die Antwort auf diese Frage ist im Grunde immer die gleiche. Das Ich wird als Zentrum der eigenen Person betrachtet, sei es nun im Sinne einer materiell-funktionalen Einheit oder im Sinne eines geistigen Wesenskernes. In jedem Falle wird das Ich als Subjekt des persönlichen Handelns und somit als Substrat unseres Handelns und unseres Bewusstseins betrachtet. Das Ich ist die letzte Instanz auf der Suche nach dem Agens hinter der Person und als solches die eigentliche geistige Identität des Menschen, die letzte Bastion der Wirklichkeit hinter den Schichten bloß außenweltlicher Prädikationen und Anhaftungen.

Doch was, wenn auch das Ich nur eine letzte Schicht der Äußerlichkeit ist, ohne weiteren Kern, ohne ein darunter liegendes Supersubstrat, ohne absolute Identität? Man kann auch bei Steiner über Passagen stolpern, wo er das Ich in der Umwelt verortet. Um das Ich zu finden, müssen wir nicht im Menschen, sondern in seiner Umwelt suchen. Das Ich ist nicht der Ausgangspunkt der Person und ihres individuellen Handelns, es ist vielmehr deren Ergebnis. Im Handeln, im Eingebundensein in die Mannigfaltigkeit der äußeren sinnlichen Welt, in der sozialen Interaktion und nicht zuletzt im Umgang mit der Körperlichkeit fügen sich Einzeloperationen zu einem Bedeutungszusammenhang des Operierens und Handelns zusammen, dessen Einheit wir als Subjekt und hypostasierend als Ich bezeichnen und erleben. Wir sind als Ich nichts anderes als die an der Beobachtung der Außenwelt gezeugte Innenwelt, gleichsam ein bloß perspektivisch gedachter Fluchtpunkt der Einheit der Mannigfaltigkeit des Äußeren Seins.

Wo also steckt unser Ich? Es steckt überhaupt nicht sondern ist nur ein Modus des die Außenwelt erlebend erschaffenden Bewusstseins, um diesem Erleben eine Einheit und damit eine Bedeutung zu geben. Wo wir einen Baum als Baum bezeichnen und ihm damit die für uns mit einem Baum verbundene Bedeutung geben, da reißen wir diesen Baum aus dem indifferenten Sein heraus in die Vereinzelung der sinnlichen Erfahrbarkeit. Die Leerstelle, die bleibt, der Negativabdruck im Sein, der durch das Entäußern des Baumes entsteht, den bezeichnen wir als Ich. Dieses Ich ist weder Urheber oder Vollstrecker des "Herausreißens", noch ist es ein unabhängig von der Äußerlichkeit (dem Baum) existierendes Substrat, es ist vielmehr eine hinterlassene Spur der Erzeugung der äußeren Wirklichkeit des Baumes durch das beobachtende und erlebende Bewusstsein. Im Grunde existiert das Ich damit im Baum und in allen Dingen und Wesen der Außenwelt. Es ist nichts anderes als der Umkehrschluss der Außenwelt, es ist das fundamentalste Wesen in den Dingen, das in der schieren Äußerlichkeit, dem sich Gegenüberstellen als solchem besteht. Ich ist nichts anders als Außenwelt zu haben und die gesamte Vielfalt der Außenwelt repräsentiert das Wesen und die Individualität des Ich. Wir sind die Welt, in der wir leben. Im Kern der Zwiebel aus Schichten an Außenwelten bleibt nichts übrige. Ich bin selbst die Zwiebel!

Es ist letzlich dieser Gedanke, den das Buch "Wo steckt unser Ich?" in drei Beiträgen auf drei ganz unterschiedlichen Ebenen verfolgt: im Anschluss an das Konzept des "Zwischen-Menschen", eines kollektiven und überindividuellen Ich in der Japanischen Sprache und Lebensphilosophie (Gernot Böhme), in einer gehirnphysiologischen Betrachtung des Verhältnis von Bewusstsein und Umwelt (Thomas Fuchs) und in einer konsequent phänomenalistischen Betrachtung von biologischen Rhythmen als Wechselspiel von Entäußerung und Identifikation (Jan Vagedes). Insbesondere der Beitrag von Gernot Böhme stellt dabei das westlich-europäische Konzept des Ich so radikal in Frage, dass man sich beim Lesen mehrfach versichern muss, tatsächlich ein Buch aus einem anthroposophischen Verlag in Händen zu halten. Denn die Anthroposopohie pflegt in weiten Teilen aus ihrem individualistischen Ansatz heraus eine positivistische Verabsolutierung des Ich als eigentliche, geistige Wirklichkeit, die das zur Maja degradierte äußere sinnliche Sein nur ersetzt, um nicht in das schwarze Loch eines Nihilismus zu fallen.

Umso erstaunlicher und erfreulicher ist dieses von Andreas Neider herausgegebene Buch. Es ist ein Beitrag dazu, die Anthroposophie in einen modernen Diskurs sowohl auf naturwissenschaftlichem als auch spirituellem Gebiet einzubinden und sie an ihre wirklich originellen Ideen zu erinnern, mit denen Steiner bereits vor einem guten Jahrhundert moderne Bewusstseinskonzepte antizipiert hat, indem er das Denken als den eigentlichen Quell der Wirklichkeit und damit auch als Erzeuger des Ich identifiziert und ins Zentrum seines Schaffens gestellt hat.

Andreas Neider (Hrg.): Wo steckt unser Ich?
Beiträge einer 'sphärischen Anthropologie'
Verlag: Freies Geistesleben 2008, 128 Seiten, ISBN10: 3-772-52192-4 / ISBN13: 978-3-772521-92-8
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Christian Grauer:
Am Anfang war die Unterscheidung.
Der ontologische Monismus – eine Theorie des Bewusstseins im Anschluss an Kant, Steiner, Husserl und Luhmann.

Info3 Verlag Frankfurt 2007, 109 S. kartoniert, € 13,60
ISBN 978-3-924391-37-9
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Kommentare
Dr. Kawashima zu In welcher Zeit lebt die Anthroposophie?
So, 28.12.2008 02:45
1A Artikel Danke.
Britta zu Dummheit und Gegendummheit
So, 21.12.2008 20:58
Andreas Lichte hält Saddam Hus sein für unschuldig. - Haarstr äubender Vergleich mit Grundsc hülerin: http://nachs [...]
Annette zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
So, 21.12.2008 18:02
Na wenn ich aber mit anderen M enschen gemeinsam etwas verwir klicht haben will, dann sind d ie aber auch Ursachen da [...]
Robert zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
So, 21.12.2008 17:42
Hallo Aneette, das sehe ich a uch so, ich kann mir eine ganz e Menge vorstellen. Aber wenn ich was davon verwirkli [...]
Angelo zu Ente gut alles gut
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Ich will den auch Haben auf DV D ich habe den auf DVD aber vo n der VHS kassette auf genomme n die Quali. ist OK aber [...]
Sims Alabim zu Esobashing: Aufklärung oder Linksfaschismus?
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Aufgrund eigener Erfahrungen m it den Anthroposophen komme ic h nicht umhin, zu der ganzen D ebatte Stellung zu bezie [...]
Annette zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Fr, 19.12.2008 13:30
Also in meiner Vorstellung gib t es diese Welt ohne Kausalitä t. Vorstellen kann ich mir ein e ganze Menge. Die Idee [...]
Robert zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Fr, 19.12.2008 12:07
Aber ist nicht die Kausalität apriori gegeben? Damit wird a usgesagt, dass wir uns eine We lt ohne Kausalität gar n [...]
Annette zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Di, 16.12.2008 22:33
Falls damit Uri Geller gemeint ist, er tut das Beste, was au f seinem derzeitigen Entwicklu ngsstand möglich ist. Ma [...]
Felix Hau zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Di, 16.12.2008 03:13
Lieber Robert! "Und Felix m it seinem Schritt ins Nichts. Wozu denn diese Umwege?" Di rekter geht es nicht! ;-)
Christian Grauer zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Mo, 15.12.2008 22:39
@Robert: ja, Teleportation+Kau salität wäre Dir schon recht ( das wird's wahrscheinlich auch irgendwann mal geben). [...]
Leuthel zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Mo, 15.12.2008 21:12
@ Robert > Wozu denn diese Umwege? Menschen, die damit aufgehört haben, an einen "ex ternen Gott" zu glauben, [...]
barbara zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Mo, 15.12.2008 20:41
aha die eine graue eminenz ist entlarvt,-))
Robert zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Mo, 15.12.2008 15:50
"Du willst gar nicht, dass das geht. Du lebst lieber in eine r Welt, in der ich ein Spinner bin, als in einer, in d [...]
Felix Hau zu Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Mo, 15.12.2008 02:33
Lieber Christian, das Aller schönste an deinem Buch (und a n seiner Rezeption bzw. Rezens ion durch entsprechend b [...]

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