Dienstag, 29. Juli 2008
Das Experiment (6)
Auf der vorigen Inkarnation von Schachtelhalm (Schachtelhalm /old) habe ich begonnen, von einem Experiment zu berichten, das sich mit der Rodung von Schachtelhalm befasste. Leider sind die Berichte aufgrund der dramatischen Ereignisse, welche diese Rodung ausgelöst haben, an einem bestimmten Punkte abgebrochen. Jetzt, nachdem die schlimmsten Folgen der Verwüstung behoben sind, möchte ich versuchen, den geneigten Leser über die vorläufigen Ergebnisse in Kenntnis zu setzen.
Wie wir wissen begann das Experiment mit dem Niederbrennen von Schachtelhalm aller Art: Grundsätze, Gewohnheiten, Axiome, Prinzipien, Wörter, Begriffe, Vorstellungen... was auch immer. Das Denken selbst, das all diesen Schachtelhalm hervorbringt, vernichtet ihn auch. Doch wenn alles verbrannt ist, erlischt die Feuersbrunst. Das Denken ist nichts ohne Gedachtes. Das ist das Dilemma des Rationalismus: so wie das Feuer nur aus dem lebt, das es vernichtet, so basiert der Rationalismus auf Irrationalismus. Die äscherne Steppe ist das, was vom Rationalismus übrigbleibt, wenn er sich ernst nimmt!
Das darf nicht sein, und so hatten wir im letzen Experiment noch festgestellt, dass etwas übrig sei, das bleibt. Etwas, das die Feuersbrunst überdauere und übrig bleibe. Eine Art Subsistenz des Feuers. Gleichsam ein Urfeuer, das weder brennt noch verbrennt sondern dem Feuer das Sein ist. "Ich" hatten wir es genannt. Subjekt nennen es viele. Schachtelhalm heißt es selbstverständlich auch.
Allein, das war ein Irrtum. Das Experiment hat das Gegenteil erwiesen. Und folglich war es ein gutes Experiment. Und da ist auch schon der Grund, warum der Bericht eingestellt wurde: der Berichterstatter ist mitverbrannt! Das Feuer erlosch und es blieb übrig: nichts! Kein Urfeuer, keine Subsistenz, kein Subjekt! Denn das Feuer ist nur da, solange es brennt. Es ist das Brennen selbst und nichts weiter als das Brennen. Und das, auf dem die Flamme ruht, das wird vom Feuer zerstört. Das Feuer ist die einzige echte Metapher des Denkens: es hat kein anderes Sein als das schiere brennen, es besteht im Vernichten von Materie und ist nur, sofern es brennt.
Zu glauben, hinter dem Denken verstecke sich ein Subjekt, das vor dem, nach dem und ohne das Denken da sein könnte, ist so absurd wie der Versuch, die Flamme festzuhalten, sie in die Tasche zu stecken und nach Hause zu tragen. Aber genau das wollen die Menschen und deswegen haben sie einen besonderen Schachtelhalm gezüchtet: die Taschenlampe. Mit ihr geht der Rationalist umher und glaubt, damit Licht ins Dunkel bringen zu können. Dabei strahlt er nur Gespenster und Schatten des Schachtelhalm an, den er als Flamme verzehren müsste, um ihn zu erkennen.
Rationalismus ist der Irrtum, man könne die Wahrheit erkennen, ohne sie zu vernichten. Als gäbe es eine Flamme, die nicht brennt.
Wie wir wissen begann das Experiment mit dem Niederbrennen von Schachtelhalm aller Art: Grundsätze, Gewohnheiten, Axiome, Prinzipien, Wörter, Begriffe, Vorstellungen... was auch immer. Das Denken selbst, das all diesen Schachtelhalm hervorbringt, vernichtet ihn auch. Doch wenn alles verbrannt ist, erlischt die Feuersbrunst. Das Denken ist nichts ohne Gedachtes. Das ist das Dilemma des Rationalismus: so wie das Feuer nur aus dem lebt, das es vernichtet, so basiert der Rationalismus auf Irrationalismus. Die äscherne Steppe ist das, was vom Rationalismus übrigbleibt, wenn er sich ernst nimmt!
Das darf nicht sein, und so hatten wir im letzen Experiment noch festgestellt, dass etwas übrig sei, das bleibt. Etwas, das die Feuersbrunst überdauere und übrig bleibe. Eine Art Subsistenz des Feuers. Gleichsam ein Urfeuer, das weder brennt noch verbrennt sondern dem Feuer das Sein ist. "Ich" hatten wir es genannt. Subjekt nennen es viele. Schachtelhalm heißt es selbstverständlich auch.
Allein, das war ein Irrtum. Das Experiment hat das Gegenteil erwiesen. Und folglich war es ein gutes Experiment. Und da ist auch schon der Grund, warum der Bericht eingestellt wurde: der Berichterstatter ist mitverbrannt! Das Feuer erlosch und es blieb übrig: nichts! Kein Urfeuer, keine Subsistenz, kein Subjekt! Denn das Feuer ist nur da, solange es brennt. Es ist das Brennen selbst und nichts weiter als das Brennen. Und das, auf dem die Flamme ruht, das wird vom Feuer zerstört. Das Feuer ist die einzige echte Metapher des Denkens: es hat kein anderes Sein als das schiere brennen, es besteht im Vernichten von Materie und ist nur, sofern es brennt.
Zu glauben, hinter dem Denken verstecke sich ein Subjekt, das vor dem, nach dem und ohne das Denken da sein könnte, ist so absurd wie der Versuch, die Flamme festzuhalten, sie in die Tasche zu stecken und nach Hause zu tragen. Aber genau das wollen die Menschen und deswegen haben sie einen besonderen Schachtelhalm gezüchtet: die Taschenlampe. Mit ihr geht der Rationalist umher und glaubt, damit Licht ins Dunkel bringen zu können. Dabei strahlt er nur Gespenster und Schatten des Schachtelhalm an, den er als Flamme verzehren müsste, um ihn zu erkennen.
Rationalismus ist der Irrtum, man könne die Wahrheit erkennen, ohne sie zu vernichten. Als gäbe es eine Flamme, die nicht brennt.
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Donnerstag, 24. Juli 2008
Esobashing: Aufklärung oder Linksfaschismus?
Esobashing ist ein neuer Volkssport im Internet. Mit den allzu strapazierfähigen Schlagwörtern Demokratie und Wissenschaftlichkeit im Munde und dem Banner der Aufklärung in der Hand ziehen die Esobasher zu Felde gegen alles, was von der bürgerlichen Normalität und der naturwissenschaftlich untermauerten Mainstream-Weltanschauung abweicht. Natürlich steht alles Anthroposophische im direkten Fokus dieser Kreuzritter der Rationalität, nicht nur, weil es einen esoterischen Hintergrund hat, sondern weil es auch in der Praxis relativ erfolgreich ist. Journalisten wie Michael Grandt bauen so ganze Karrieren auf den Kampf gegen Waldorf und Anthro auf.
Dass in anthroposophischen Einrichtungen oder in Waldorfschulen nicht alles immer nur eitel Sonnenschein ist, ist kein Geheimnis. Ich bin ehemaliger Waldorfschüler und auch heute noch allenthalben in der Szene unterwegs und könnte ganze Bücher mit Kritik füllen (und werde das vielleicht auch noch tun, wenn ich Zeit dazu finde). Auch habe ich keinen Grund, mit Kritik zurückzuhalten, wenn mir anthroposophische Borniertheit überhand zu nehmen scheint (s. z.B. Info3-Blog). Aber gerade weil ich die Szene gut kenne bin ich auch regelmäßig belustigt über die donquijoteske Art, mit der die Esobasher sie als den ultimativen Sündenpfuhl entlarven und undurchdringbare Verschwörungstheorien aufbauen, die sich nicht nur auf Anthroposophen und Waldorfs richten, sondern auch die staatlichen Stellen einbeziehen, die derlei esoterisches Treiben ja offenbar gestatten und womöglich - anthroposophisch unterwandert! - auch noch fördern und decken.
Natürlich sind Gewalt in einem Erziehungsheim oder rassistische Thesen in der Lehrerbildung Skandale und ich wünsche da nicht nur lückenlose Aufklärung, sondern betreibe diese im Rahmen des mir möglichen auch aktiv (s. meinen aktuellen Artikel in der Rudolf Steiner Sphäre). Und da wirkt die Kritik auch der Esobasher hilfreich, die vor sich hindämmernde Anthroszene wachzurütteln, dass sie solche Entgleisungen in ihren eigenen Reihen aufmerksamer beobachtet und verhindert. Wenn ich dann allerdings Foren lese, wie Esoblog oder NWA, wo unzulänglich informierte Zeitgenossen sich an der Pauschalisierung ihrer Halbwahrheiten selbstbefriedigen und sich in ihrem Kampf gegen die esoterische Verschwörung gegenseitig aufgeilen, dann schwanke ich zwischen kopschüttelndem Schmunzeln und dem Ausbilden eines Magengeschwürs ob des blutunterlaufenen Fanatismus. Die allzu durchschaubare populistische Manier, mit der z.B. der anonyme Autor von NWA Halbwahrheiten zu Feindbildern zusammenhäkelt und auch trotz Gegenbeweisen auf den handfestesten Irrtümern und Fehlinformationen beharrt und jeden ansatzweise kritischen Kommentar löscht, ist kaum noch ernst zu nehmen.
Besonders aber amüsiert mich stets, wenn das positive Bild, das die Waldorfbewegung allgemein genießt, als das Resultat eines professionellen Marketing und einer aggressiven Lobbyarbeit dargestellt wird, mit dem verschleiert werden soll, dass es sich in Wahrheit um eine Sekte handelt, die jedes Mitglied einer Gehirnwäsche unterzieht und die im Geheimen allerlei abartige Praktiken pflegt. Von Sexorgien bis zu Teufelsaustreibungen ist alles vertreten. Amüsant ist das, weil ich dieses "Marketing" und diese "Lobbyarbeit" kenne und weiß, dass es kaum etwas unprofessionelleres und kontraproduktiveres in der anthroposophischen Welt gibt als deren Öffentlichkeitsarbeit. Natürlich gibt es Broschüren und Websites, natürlich gibt es auch Verbände und Interessensvertretungen und natürlich versuchen auch Waldorfschulen ihre Rechte ggf. vor Gericht zu erstreiten. Darin sehen Esobasher aber regelmäßig einen Beweis dafür, dass hinter Waldorf eine rücksichtslose Mafia von Rechtsanwälten lauert, die alles und jeden versucht mundtot zu machen.
Der rationalistische und demokratische Anspruch der Esobasher wirkt zunächst sehr aufgeklärt und sachlich. Und wer könnte etwas dagegen haben, wenn Kindesmisshandlung angeprangert wird! Doch im Verlaufe einer Diskussion zeigt sich nicht selten, dass die scheinbar sachliche Kritik mehr und mehr zur Polemik mutiert, deren Argumentation nicht weiter als bis zu der Gleichung Eso=irrational=böse reicht. So werden Vertreter der Anthroposophie oder anderer esoterischer Richtungen und deren Arbeit pauschal als Idioten und Verrückte bezeichnet und es gilt als eine naturgegebene Selbstverständlichkeit, dass alles, was vom Dogma der Wissenschaftlichkeit abweicht, ausgemachter Blödsinn ist und allein aus diesem Grunde verboten werden sollte.
An dieser Stelle wird es dann weniger amüsant, denn da zeigt sich, wo die eigentliche Motivation steckt. Die polemischen und sophistischen Argumentationen zielen keineswegs auf einen Dialog ab. Es ist daher auch aussichtslos, einer Diskussion mit rationalen Argumenten beizukommen. Das Esobashing zielt vielmehr stets auf eine Stigmatisierung und eine daraus abgeleitete Forderung nach Verbot ab. Dafür ist in der Diskussion fast jedes Mittel recht und jede Halbwahrheit billig. Da stehen dann am Ende nicht selten die bedenklichsten Formen von Dogmatismus und Totalitarismus. Die Totalablehnung von Anthro und Waldorf gründet letzlich in einem dogmatisch einseitig szientistischen, linksideologischen oder christlich-dogmatischen Anspruch auf Interpretationshoheit jeder zivilen kulturellen Betätigung. Es geht dem Esobasher nicht darum, Gefahren und Irrungen der esoterischen Welt aufzudecken und anzuklagen, sondern es geht ihm darum, jeden von seiner eigenen Weltanschauung abweichenden Lebensentwurf als Normabweichung zu deklarieren und als solchen zu unterbinden. Und dafür wird durchaus auch schon mal das Grundgesetz und die dort garantierten freiheitlichen Rechte in Frage gestellt. So argumentiert
Andreas Lichte gegen den Bestand von Privatschulen mit den Worten "Der Staat vertritt die Interessen der Allgemeinheit. Partikularinteressen können den Interessen der Allgemeinheit zuwiderlaufen. Die Kontrolle MUSS daher der Staat ausüben." (comment-3289">aus einem Blogkommentar).
Das zeigt deutlich, worum es eigentlich geht: um staatliche Normpädagogik und kulturelle Gleichschaltung. Populärstes und populistischstes "Argument" ist immer wieder die Entrüstung darüber, dass der Staat überhaupt private Schulen und damit Pluralität finanziert! Die Rassismen in Steiners Werk, die Skandale an Waldorfschulen, das Aufbauschen der Schrulligkeit der Anthroszene zu einer bedrohlichen Sekte - es ist nichts anderes als der Kampf um das Alleinvertretungsrecht einer Ideologie. Es ist Antipluralismus, Intoleranz und letztlich ein faschistischer Anspruch einer Unterordnung des zivilen kulturellen Lebens und der individuellen Selbstbestimmung unter die Kontrolle einer staatlich-normativen Ideologie. Und die stets im Munde geführte Demokratie erweist sich als schierer Strohmann, um sich ins rechte Licht zu setzen. In Wahrheit werden zentrale demokratische Werte wie Selbstbestimmung, Bildungsfreiheit und Freiheit des weltanschaulichen Bekenntnisses in Frage gestellt. Was uns die Esobasher als Demokratie verkaufen wollen ist nichts anderes, als ein säkularer Religionsstaat, eine Diktatur der Norm und Einheitskultur.
Das ist in seiner Brisanz und seiner politischen Gefahr weit bedenklicher als alle Hinterwäldlereien und Irrationalismen der am Ende harmlos in ihrem eigenen Ätherleib verstrickten Anthroposophen zusammen! Es bleibt zu hoffen, dass es sich um eine ideologische Minderheit handelt, die sich nur dem am Thema Interessierten als ein nachhaltiges Phänomen zeigt und die nicht zuletzt mit Mitteln wie einem anonymen Blog (s. NWA, weil die Anthros ja eine gefährliche Mafia sind) oder zirkulären Selbstrefernzen versucht, sich Bedeutung anzudichten. Ich denke nicht, dass der gesellschaftliche Mainstream sich solchen antidemokratischen und totalitären Gesinnungen anschließen würde. Allerdings steckt diese Gesinnung hinter einer Maske aus wissenschaftlichem und aufklärerischem Pathos, die sicherlich manchen über die echten Beweggründe dieser Genossen täuschen wird. Und das ungefilterte Internet lässt ja so manche Filzlaus als Elefant erscheinen.
Störend für die Anthroposophie und die Waldorfbewegung sind sie aber nicht deswegen, weil sie Kritik daran üben, sondern weil ihr an der Sache völlig desinteressierter und auf die Ausrottung von weltanschaulicher Pluratlität ausgerichteter Kreuzzug eine sachliche Kritik an Anthroposophie und Waldorf stets lauthals überlagern, entqualifizieren und damit letzlich unmöglich machen. Denn, auch das muss gesagt werden, gerade eine sachliche Kritik und aufgeklärte Selbstreflexion fehlt der Anthroposophie und der Waldorfbewegung in geradezu lebensbedrohlicher Weise. Es gibt tatsächlich viel zu viele skandalöse Ansatzpunkte für die Enthüllungsritter und insbesondere wird die Aufarbeitung dieser Skandale und der Strukturen, auf denen sie wachsen, von innen sträflich und in nicht mehr nachvollziehbarem Maße vernachlässigt.
Dass in anthroposophischen Einrichtungen oder in Waldorfschulen nicht alles immer nur eitel Sonnenschein ist, ist kein Geheimnis. Ich bin ehemaliger Waldorfschüler und auch heute noch allenthalben in der Szene unterwegs und könnte ganze Bücher mit Kritik füllen (und werde das vielleicht auch noch tun, wenn ich Zeit dazu finde). Auch habe ich keinen Grund, mit Kritik zurückzuhalten, wenn mir anthroposophische Borniertheit überhand zu nehmen scheint (s. z.B. Info3-Blog). Aber gerade weil ich die Szene gut kenne bin ich auch regelmäßig belustigt über die donquijoteske Art, mit der die Esobasher sie als den ultimativen Sündenpfuhl entlarven und undurchdringbare Verschwörungstheorien aufbauen, die sich nicht nur auf Anthroposophen und Waldorfs richten, sondern auch die staatlichen Stellen einbeziehen, die derlei esoterisches Treiben ja offenbar gestatten und womöglich - anthroposophisch unterwandert! - auch noch fördern und decken.
Natürlich sind Gewalt in einem Erziehungsheim oder rassistische Thesen in der Lehrerbildung Skandale und ich wünsche da nicht nur lückenlose Aufklärung, sondern betreibe diese im Rahmen des mir möglichen auch aktiv (s. meinen aktuellen Artikel in der Rudolf Steiner Sphäre). Und da wirkt die Kritik auch der Esobasher hilfreich, die vor sich hindämmernde Anthroszene wachzurütteln, dass sie solche Entgleisungen in ihren eigenen Reihen aufmerksamer beobachtet und verhindert. Wenn ich dann allerdings Foren lese, wie Esoblog oder NWA, wo unzulänglich informierte Zeitgenossen sich an der Pauschalisierung ihrer Halbwahrheiten selbstbefriedigen und sich in ihrem Kampf gegen die esoterische Verschwörung gegenseitig aufgeilen, dann schwanke ich zwischen kopschüttelndem Schmunzeln und dem Ausbilden eines Magengeschwürs ob des blutunterlaufenen Fanatismus. Die allzu durchschaubare populistische Manier, mit der z.B. der anonyme Autor von NWA Halbwahrheiten zu Feindbildern zusammenhäkelt und auch trotz Gegenbeweisen auf den handfestesten Irrtümern und Fehlinformationen beharrt und jeden ansatzweise kritischen Kommentar löscht, ist kaum noch ernst zu nehmen.
Besonders aber amüsiert mich stets, wenn das positive Bild, das die Waldorfbewegung allgemein genießt, als das Resultat eines professionellen Marketing und einer aggressiven Lobbyarbeit dargestellt wird, mit dem verschleiert werden soll, dass es sich in Wahrheit um eine Sekte handelt, die jedes Mitglied einer Gehirnwäsche unterzieht und die im Geheimen allerlei abartige Praktiken pflegt. Von Sexorgien bis zu Teufelsaustreibungen ist alles vertreten. Amüsant ist das, weil ich dieses "Marketing" und diese "Lobbyarbeit" kenne und weiß, dass es kaum etwas unprofessionelleres und kontraproduktiveres in der anthroposophischen Welt gibt als deren Öffentlichkeitsarbeit. Natürlich gibt es Broschüren und Websites, natürlich gibt es auch Verbände und Interessensvertretungen und natürlich versuchen auch Waldorfschulen ihre Rechte ggf. vor Gericht zu erstreiten. Darin sehen Esobasher aber regelmäßig einen Beweis dafür, dass hinter Waldorf eine rücksichtslose Mafia von Rechtsanwälten lauert, die alles und jeden versucht mundtot zu machen.
Der rationalistische und demokratische Anspruch der Esobasher wirkt zunächst sehr aufgeklärt und sachlich. Und wer könnte etwas dagegen haben, wenn Kindesmisshandlung angeprangert wird! Doch im Verlaufe einer Diskussion zeigt sich nicht selten, dass die scheinbar sachliche Kritik mehr und mehr zur Polemik mutiert, deren Argumentation nicht weiter als bis zu der Gleichung Eso=irrational=böse reicht. So werden Vertreter der Anthroposophie oder anderer esoterischer Richtungen und deren Arbeit pauschal als Idioten und Verrückte bezeichnet und es gilt als eine naturgegebene Selbstverständlichkeit, dass alles, was vom Dogma der Wissenschaftlichkeit abweicht, ausgemachter Blödsinn ist und allein aus diesem Grunde verboten werden sollte.
An dieser Stelle wird es dann weniger amüsant, denn da zeigt sich, wo die eigentliche Motivation steckt. Die polemischen und sophistischen Argumentationen zielen keineswegs auf einen Dialog ab. Es ist daher auch aussichtslos, einer Diskussion mit rationalen Argumenten beizukommen. Das Esobashing zielt vielmehr stets auf eine Stigmatisierung und eine daraus abgeleitete Forderung nach Verbot ab. Dafür ist in der Diskussion fast jedes Mittel recht und jede Halbwahrheit billig. Da stehen dann am Ende nicht selten die bedenklichsten Formen von Dogmatismus und Totalitarismus. Die Totalablehnung von Anthro und Waldorf gründet letzlich in einem dogmatisch einseitig szientistischen, linksideologischen oder christlich-dogmatischen Anspruch auf Interpretationshoheit jeder zivilen kulturellen Betätigung. Es geht dem Esobasher nicht darum, Gefahren und Irrungen der esoterischen Welt aufzudecken und anzuklagen, sondern es geht ihm darum, jeden von seiner eigenen Weltanschauung abweichenden Lebensentwurf als Normabweichung zu deklarieren und als solchen zu unterbinden. Und dafür wird durchaus auch schon mal das Grundgesetz und die dort garantierten freiheitlichen Rechte in Frage gestellt. So argumentiert
Das zeigt deutlich, worum es eigentlich geht: um staatliche Normpädagogik und kulturelle Gleichschaltung. Populärstes und populistischstes "Argument" ist immer wieder die Entrüstung darüber, dass der Staat überhaupt private Schulen und damit Pluralität finanziert! Die Rassismen in Steiners Werk, die Skandale an Waldorfschulen, das Aufbauschen der Schrulligkeit der Anthroszene zu einer bedrohlichen Sekte - es ist nichts anderes als der Kampf um das Alleinvertretungsrecht einer Ideologie. Es ist Antipluralismus, Intoleranz und letztlich ein faschistischer Anspruch einer Unterordnung des zivilen kulturellen Lebens und der individuellen Selbstbestimmung unter die Kontrolle einer staatlich-normativen Ideologie. Und die stets im Munde geführte Demokratie erweist sich als schierer Strohmann, um sich ins rechte Licht zu setzen. In Wahrheit werden zentrale demokratische Werte wie Selbstbestimmung, Bildungsfreiheit und Freiheit des weltanschaulichen Bekenntnisses in Frage gestellt. Was uns die Esobasher als Demokratie verkaufen wollen ist nichts anderes, als ein säkularer Religionsstaat, eine Diktatur der Norm und Einheitskultur.
Das ist in seiner Brisanz und seiner politischen Gefahr weit bedenklicher als alle Hinterwäldlereien und Irrationalismen der am Ende harmlos in ihrem eigenen Ätherleib verstrickten Anthroposophen zusammen! Es bleibt zu hoffen, dass es sich um eine ideologische Minderheit handelt, die sich nur dem am Thema Interessierten als ein nachhaltiges Phänomen zeigt und die nicht zuletzt mit Mitteln wie einem anonymen Blog (s. NWA, weil die Anthros ja eine gefährliche Mafia sind) oder zirkulären Selbstrefernzen versucht, sich Bedeutung anzudichten. Ich denke nicht, dass der gesellschaftliche Mainstream sich solchen antidemokratischen und totalitären Gesinnungen anschließen würde. Allerdings steckt diese Gesinnung hinter einer Maske aus wissenschaftlichem und aufklärerischem Pathos, die sicherlich manchen über die echten Beweggründe dieser Genossen täuschen wird. Und das ungefilterte Internet lässt ja so manche Filzlaus als Elefant erscheinen.
Störend für die Anthroposophie und die Waldorfbewegung sind sie aber nicht deswegen, weil sie Kritik daran üben, sondern weil ihr an der Sache völlig desinteressierter und auf die Ausrottung von weltanschaulicher Pluratlität ausgerichteter Kreuzzug eine sachliche Kritik an Anthroposophie und Waldorf stets lauthals überlagern, entqualifizieren und damit letzlich unmöglich machen. Denn, auch das muss gesagt werden, gerade eine sachliche Kritik und aufgeklärte Selbstreflexion fehlt der Anthroposophie und der Waldorfbewegung in geradezu lebensbedrohlicher Weise. Es gibt tatsächlich viel zu viele skandalöse Ansatzpunkte für die Enthüllungsritter und insbesondere wird die Aufarbeitung dieser Skandale und der Strukturen, auf denen sie wachsen, von innen sträflich und in nicht mehr nachvollziehbarem Maße vernachlässigt.
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Dienstag, 15. Juli 2008
Ich bin frei
Guten Tag Herr Grauer,
vielen Dank für die Beantwortung unserer Sicherheitsabfrage.
Ich habe nun Ihr Amazon.de-Konto geschlossen und unsere Techniker um
die Löschung des Datensatzes gebeten. (...)
Ich bin befreit von der Krake Amazon, die versucht hat, mir durch Einschmuggeln von Artikeln in meinen Warenkorb Geld aus der Tasche zu ziehen und deren sog. "Kundenservice" sich geweigert hat, das Problem überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen (s. Amazon ist gestorben). Eine schriftliche Kündigung an die Rechtsabteilung hat den weiteren Kontakt mit dem "Kundenservice" erübrigt. Er ruhe auch fortan in Frieden...
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Samstag, 5. Juli 2008
Die Waldorf-Nanny
Das IPSUM Institut in Stuttgart bietet seit einigen Jahren eine Zusatzausbildung zur Waldorf-Supernanny an. Spezialisiert auf Fragen der Frühkinderziehung und insbesondere der Elternberatung wird dort eben jenem Bedürfnis ein an der Waldorfpädagogik orientiertes Angebot geschaffen, das sich auch in den einschlägigen Sendungen wie "Super-Nanny" äußert. Immer mehr Eltern erleben die Erziehung als eine Aufgabe, die Qualifikationen und professionelle Beratung wünschenswert machen. Diesem Bedürfnis entspricht nun auch Susanne Vieser auf Ihrer Website http://www.frühekindheit.de. Sie hat das IPSUM-Zertifikat und bietet neben Ihrer Tätigkeit als Waldorferziehung nun auch Beratung, Frühförderung und Kleinkindgruppen an. (näheres auf http://www.frühekindheit.de, auch unter www.magdalena-rau.de findet sich eine befreundete Waldorf-Nanny aus der IPSUM-Schule).
Dass mich das so brennend interessiert liegt daran, dass Susanne Vieser meine Schwester ist. Dadurch habe ich auch aus erster Hand viele Informationen über die IPSUM-Ausbildung, die sich als relativ neue Institution offenbar von vielen angestaubten Waldorf-Klischees befreien konnte und den aktuellen Stand der Wissenschaft in ihr Programm integriert. So wurden neben üblichen Anregungen von Steiner auch z.B. die Erkenntnisse des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer einbezogen. Die Ausbildung zielt außerdem auf einen Dialogischen Ansatz insbesondere bei der Beratung, in dem keine Rezepte vorgegeben werden, sondern im Dialog mit den Eltern versucht wird, individuelle pädagogische Herausforderungen zu analysieren und zu einem adäquaten Umgang damit zu kommen.
Ich wünsche allen Waldorf-Nannies, besonders aber meiner lieben Schwester viel Erfolg mit dem neuen Projekt!
Dass mich das so brennend interessiert liegt daran, dass Susanne Vieser meine Schwester ist. Dadurch habe ich auch aus erster Hand viele Informationen über die IPSUM-Ausbildung, die sich als relativ neue Institution offenbar von vielen angestaubten Waldorf-Klischees befreien konnte und den aktuellen Stand der Wissenschaft in ihr Programm integriert. So wurden neben üblichen Anregungen von Steiner auch z.B. die Erkenntnisse des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer einbezogen. Die Ausbildung zielt außerdem auf einen Dialogischen Ansatz insbesondere bei der Beratung, in dem keine Rezepte vorgegeben werden, sondern im Dialog mit den Eltern versucht wird, individuelle pädagogische Herausforderungen zu analysieren und zu einem adäquaten Umgang damit zu kommen.
Ich wünsche allen Waldorf-Nannies, besonders aber meiner lieben Schwester viel Erfolg mit dem neuen Projekt!
Geschrieben von Christian Grauer
in Anthroposophie, Gesellschaft
um
19:35
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Donnerstag, 3. Juli 2008
Shared-Space - für Fahrradfahrer schon Wirklichkeit
In der niedersächsischen Gemeinde Bohmte wird das EU-Projekt Shared-Space getestet: keine getrennten Verkehrswege mehr für Fußgänger und Autos, keine Schilder, keine Ampeln. Es herrschen die Grundregeln Rechts vor Links und Rücksichtnahme. Das Projekt dient als Versuch und soll zeigen, ob durch Deregulierung die Sicherheit erhöht werden kann. Gleichzeitig wird der Verkehrsraum als Lebensraum attraktiver.
Dass sich überhaupt eine deutsche Gemeinde für ein solches Projekt erwärmen konnte, ist schon sensationell. Denn eigentlich übersteigt es die deutsche Vorstellungskraft, dass man auf unserem Lieblingsschlachtfeld ganz ohne Regulierung auskommen soll. Wie soll ich wissen, was ich tun muss, wenn kein Schild mir Vorschriften macht? Kann ich überhaupt noch fahren, wenn ich mich nicht auf mein ungeteiltes Recht auf Vorfahrt berufen kann? Muss ich am Ende auf eine minutiöse Handlungsanweisung verzichten und womöglich beginnen, zu kommunizieren? Denn genau darin liegt der Kern von Shared-Space, wie der Verkehrsplaner Hans Mondermann erklärt: "wenn man sich gegenseitig in die Augen blickt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen."
Es geht also keineswegs darum, Regeln abzuschaffen, sondern ganz im Gegenteil, die Regeln zu stärken. Statt der Illusion zu erliegen, man könne wie in einem Computerprogramm den gesamten Ablauf des Verkehrs durch Schilder und weiße Pfeile auf der Straße steuern und kontrollieren, setzt man darauf, dass ein System aus intelligenten Individuen anhand überschaubarer Regeln selbstregulierend funktioniert. So wie das z.B. auch in einer Fußgängerzone geht, wo noch jeder an jedem vorbeigekommen ist. Nicht zuletzt durch Kommunikation. Und wenn es doch Missverständnisse gibt, dann rennt man sich nicht über den Haufen sondern bleibt eventuell im Synchronen hin und her voreinander angewurzelt, bis man sich - eben durch Kommunikation - auf eine Lösung einigt. Dadurch ist noch keiner zu spät zur Arbeit gekommen.
Für den Fahrradfahrer auf deutschen Straßen, insbesondere in Städten wie z.B. Stuttgart, ist Shared-Space ohnehin schon längst Wirklichkeit. Denn er hat keinen eigenen Raum. Die paar Fahrradwege, die existieren und benutzbar sind, teilt er entweder mit Fußgängern oder mit Autofahrern. Wirklich separate Verkehrswege sind die Ausnahme. So ist man als Radfahrer ständig in der Not, Rücksicht zu nehmen auf Fußgänger, die nicht mit Fahrradfahrern rechnen, schon gar nicht von hinten - und zurecht, denn man geht im Park spazieren, um die Gedanken schweifen zu lassen oder Gespräche zu führen, nicht um vor herransausenden Rädern zu fliehen - oder Obacht zu geben auf Autofahrer, für die Fahrradfahrer ein Störfaktor sind, den es durch knappstes Überholen und Schneiden, durch herzstillstandverursachendes Hupen von hinten oder durch schlichtes Ignorieren zu bekämpfen gilt. Völlig vogelfrei und zum Abschuss freigegeben sind Fahrradfahrer immer dann, wenn sie auf einer Straße fahren, obwohl ein Fahrradweg existiert. Meine eindrücklichsten Nahtodeserlebnisse gehen auf solche Situationen zurück. Dass Fahrradfahrer dies tun - dem Autofahrer also mutwillig einen Shared-Space aufnötigen - ist für den Automobilisten meist völlig unverständlich. Aus Radfahrersicht gibt es allerdings in vielen Fällen gute Gründe, die einer Erörterung wert sind.
Dass der Shared-Space für Radfahrer aber nicht wirklich funktioniert, liegt daran, dass er nur Gast im Space ist und der jeweils andere nicht einmal ahnt, dass es da etwas zu teilen gibt. Er empfindet den Radfahrer nur als Eindringling, so wie es der ehrgeizige Mobilist auch als Übergriff empfindet, wenn eine andere Karosse auf die Idee kommt, vor ihm auf seine Fahrspur zu wechseln und dieses Vorhaben auch durchführt, obwohl der Mobilist durch Hupzeichen deutlich klargestellt zu haben meint, dass er dazu keine Erlaubnis gegeben hat.
Durch Shared-Space wird diese Art des Eigentumsbegriffes über Bord geworfen und es würden die Unfallzahlen schon deswegen rapide sinken, weil all jene Unfälle entfielen, die entstehen, weil jemand trotz rechtzeitigen Erkennens der Gefahrensituation noch hupend beschleunigt, weil er schließlich im Recht ist und diesem Recht Geltung verschaffen will. Shared-Space setzt dieses Recht aus. Wo es kein Verbot gibt, kann es auch keine Übertretung geben. Und wo es keine Übertretung gibt, ist niemand im Recht, sondern nur in der Pflicht, für eine Lösung zu sorgen. Und die heißt im Notfall: bremsen oder ausweichen! Als Radfahrer kennt man diese Option sehr gut, denn die relative Verletzlichkeit des Radfahrers gegenüber dem Auto lässt einen im eignen Interesse darauf verzichten, seine Rechte durchzusetzen, auch wenn sie noch so glasklar zutage liegen.
Hinter diesen Nützlichkeitserwägungen hinsichtlich Verkehrsfluss und Sicherheit, die man natürlich vorschieben muss, weil sich hier niemand für eine Idee erwärmen würde, wenn sich kein äußerer Nutzen nachweisen ließe (wir leben in Deutschland schließlich nicht zum Spaß!), ist aber das eigentlich verlockende an Shared-Space, dass die Straße in der Stadt wieder von der industriellen Logistikfläche
zum sozialen Raum würde. Denn auch die Fußgängerzone ist da eigentlich nur ein schlechter Behelf. Denn während natürlich Autostraßen in der Stadt durch ihren Lärm und ihre Gefahren, mit denen sie den sozialen Raum zerschneiden, völlig deplaziert sind, gehören aber dennoch Autos zum sozialen Leben hinzu. Man kann Autos nicht aus der Stadt eleminieren, denn in den Autos sitzen Menschen, und die gehören essentiell zu einer Stadt dazu. Shared-Space würde es aber möglich machen, den städtischen Raum, der durch isolierte Autostraßen sozial brach liegt, wieder urbar zu machen. Und zwar mit Autos! Wer einmal in Italien am Abend eine Piazza in einer Z.T.L (Verkehrsbeschränkten Zone) besucht hat, weiß, wie das funktionieren kann, wie fügsam sich Autos ins Fußgängergetümmel einordnen können und wie kommunikativ es sein kann, doch mit dem Auto schnell beim Bäcker vorbeifahren zu können und sogar ohne auf Parkplatzmarkierungen und Zahlscheine zu achten direkt vor dem Bäcker einfach anzuhalten und auszusteigen. Solange irgendwo noch Platz für andere ist, vorbei zu kommen.
Doch solange in Stuttgart mitten durch die Stadt noch 6-Spurige Autobahnen mit Transitverkehr führen, die Ampeln für jede einzelne Spur eine eigene Phase haben und nur 100 Meter weiter in der Hauptfußgängerzone, dem Herz der Stadt, Fahrradverbot besteht, ist man von der Idee eines Shared-Space noch Lichtjahre entfernt. Dazu muss sich zunächst einmal die Erkenntnis durchsetzen, dass soziale Interaktion - denn nichts anderes ist der Straßenverkehr - von Kommunikation lebt und nicht von einer zentralen Steuerung von Oben. Und dass der Straßenverkehr, zumal in der Stadt, kein Wettkampf sondern ein sozialer Akt ist.
Und es ist ausdrücklich erlaubt, seinen Verstand zu benutzen!
Dass sich überhaupt eine deutsche Gemeinde für ein solches Projekt erwärmen konnte, ist schon sensationell. Denn eigentlich übersteigt es die deutsche Vorstellungskraft, dass man auf unserem Lieblingsschlachtfeld ganz ohne Regulierung auskommen soll. Wie soll ich wissen, was ich tun muss, wenn kein Schild mir Vorschriften macht? Kann ich überhaupt noch fahren, wenn ich mich nicht auf mein ungeteiltes Recht auf Vorfahrt berufen kann? Muss ich am Ende auf eine minutiöse Handlungsanweisung verzichten und womöglich beginnen, zu kommunizieren? Denn genau darin liegt der Kern von Shared-Space, wie der Verkehrsplaner Hans Mondermann erklärt: "wenn man sich gegenseitig in die Augen blickt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen."
Es geht also keineswegs darum, Regeln abzuschaffen, sondern ganz im Gegenteil, die Regeln zu stärken. Statt der Illusion zu erliegen, man könne wie in einem Computerprogramm den gesamten Ablauf des Verkehrs durch Schilder und weiße Pfeile auf der Straße steuern und kontrollieren, setzt man darauf, dass ein System aus intelligenten Individuen anhand überschaubarer Regeln selbstregulierend funktioniert. So wie das z.B. auch in einer Fußgängerzone geht, wo noch jeder an jedem vorbeigekommen ist. Nicht zuletzt durch Kommunikation. Und wenn es doch Missverständnisse gibt, dann rennt man sich nicht über den Haufen sondern bleibt eventuell im Synchronen hin und her voreinander angewurzelt, bis man sich - eben durch Kommunikation - auf eine Lösung einigt. Dadurch ist noch keiner zu spät zur Arbeit gekommen.
Für den Fahrradfahrer auf deutschen Straßen, insbesondere in Städten wie z.B. Stuttgart, ist Shared-Space ohnehin schon längst Wirklichkeit. Denn er hat keinen eigenen Raum. Die paar Fahrradwege, die existieren und benutzbar sind, teilt er entweder mit Fußgängern oder mit Autofahrern. Wirklich separate Verkehrswege sind die Ausnahme. So ist man als Radfahrer ständig in der Not, Rücksicht zu nehmen auf Fußgänger, die nicht mit Fahrradfahrern rechnen, schon gar nicht von hinten - und zurecht, denn man geht im Park spazieren, um die Gedanken schweifen zu lassen oder Gespräche zu führen, nicht um vor herransausenden Rädern zu fliehen - oder Obacht zu geben auf Autofahrer, für die Fahrradfahrer ein Störfaktor sind, den es durch knappstes Überholen und Schneiden, durch herzstillstandverursachendes Hupen von hinten oder durch schlichtes Ignorieren zu bekämpfen gilt. Völlig vogelfrei und zum Abschuss freigegeben sind Fahrradfahrer immer dann, wenn sie auf einer Straße fahren, obwohl ein Fahrradweg existiert. Meine eindrücklichsten Nahtodeserlebnisse gehen auf solche Situationen zurück. Dass Fahrradfahrer dies tun - dem Autofahrer also mutwillig einen Shared-Space aufnötigen - ist für den Automobilisten meist völlig unverständlich. Aus Radfahrersicht gibt es allerdings in vielen Fällen gute Gründe, die einer Erörterung wert sind.
Dass der Shared-Space für Radfahrer aber nicht wirklich funktioniert, liegt daran, dass er nur Gast im Space ist und der jeweils andere nicht einmal ahnt, dass es da etwas zu teilen gibt. Er empfindet den Radfahrer nur als Eindringling, so wie es der ehrgeizige Mobilist auch als Übergriff empfindet, wenn eine andere Karosse auf die Idee kommt, vor ihm auf seine Fahrspur zu wechseln und dieses Vorhaben auch durchführt, obwohl der Mobilist durch Hupzeichen deutlich klargestellt zu haben meint, dass er dazu keine Erlaubnis gegeben hat.
Durch Shared-Space wird diese Art des Eigentumsbegriffes über Bord geworfen und es würden die Unfallzahlen schon deswegen rapide sinken, weil all jene Unfälle entfielen, die entstehen, weil jemand trotz rechtzeitigen Erkennens der Gefahrensituation noch hupend beschleunigt, weil er schließlich im Recht ist und diesem Recht Geltung verschaffen will. Shared-Space setzt dieses Recht aus. Wo es kein Verbot gibt, kann es auch keine Übertretung geben. Und wo es keine Übertretung gibt, ist niemand im Recht, sondern nur in der Pflicht, für eine Lösung zu sorgen. Und die heißt im Notfall: bremsen oder ausweichen! Als Radfahrer kennt man diese Option sehr gut, denn die relative Verletzlichkeit des Radfahrers gegenüber dem Auto lässt einen im eignen Interesse darauf verzichten, seine Rechte durchzusetzen, auch wenn sie noch so glasklar zutage liegen.
Hinter diesen Nützlichkeitserwägungen hinsichtlich Verkehrsfluss und Sicherheit, die man natürlich vorschieben muss, weil sich hier niemand für eine Idee erwärmen würde, wenn sich kein äußerer Nutzen nachweisen ließe (wir leben in Deutschland schließlich nicht zum Spaß!), ist aber das eigentlich verlockende an Shared-Space, dass die Straße in der Stadt wieder von der industriellen Logistikfläche
zum sozialen Raum würde. Denn auch die Fußgängerzone ist da eigentlich nur ein schlechter Behelf. Denn während natürlich Autostraßen in der Stadt durch ihren Lärm und ihre Gefahren, mit denen sie den sozialen Raum zerschneiden, völlig deplaziert sind, gehören aber dennoch Autos zum sozialen Leben hinzu. Man kann Autos nicht aus der Stadt eleminieren, denn in den Autos sitzen Menschen, und die gehören essentiell zu einer Stadt dazu. Shared-Space würde es aber möglich machen, den städtischen Raum, der durch isolierte Autostraßen sozial brach liegt, wieder urbar zu machen. Und zwar mit Autos! Wer einmal in Italien am Abend eine Piazza in einer Z.T.L (Verkehrsbeschränkten Zone) besucht hat, weiß, wie das funktionieren kann, wie fügsam sich Autos ins Fußgängergetümmel einordnen können und wie kommunikativ es sein kann, doch mit dem Auto schnell beim Bäcker vorbeifahren zu können und sogar ohne auf Parkplatzmarkierungen und Zahlscheine zu achten direkt vor dem Bäcker einfach anzuhalten und auszusteigen. Solange irgendwo noch Platz für andere ist, vorbei zu kommen.
Doch solange in Stuttgart mitten durch die Stadt noch 6-Spurige Autobahnen mit Transitverkehr führen, die Ampeln für jede einzelne Spur eine eigene Phase haben und nur 100 Meter weiter in der Hauptfußgängerzone, dem Herz der Stadt, Fahrradverbot besteht, ist man von der Idee eines Shared-Space noch Lichtjahre entfernt. Dazu muss sich zunächst einmal die Erkenntnis durchsetzen, dass soziale Interaktion - denn nichts anderes ist der Straßenverkehr - von Kommunikation lebt und nicht von einer zentralen Steuerung von Oben. Und dass der Straßenverkehr, zumal in der Stadt, kein Wettkampf sondern ein sozialer Akt ist.
Und es ist ausdrücklich erlaubt, seinen Verstand zu benutzen!
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