Samstag, 3. Oktober 2009
Autobiographie Gottes
Die Oktober-Ausgabe von
Info3 ist den großen Fragen der Metaphysik gewidmet, die spätestens seit Kant mit den drei Begriffen Gott, Freiheit und Unsterblichkeit aufgezählt werden. Ein spannendes Heft mit originellen Beiträgen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Unter dem Titel "Meine Gottwerdung" ist auch ein Artikel von mir zu lesen, in dem ich den landläufigen positivistischen Atheismus seiner konsequenten, spirituell aufgeklärten Form zuführe, die darin besteht, Gott nicht nur zu leugnen, sondern selbst seinen Platz einzunehmen.
Auszug: Der Naivität eines persönlichen Schöpfergottes, der die Welt und uns Menschlein von seinem Wolkenthron herab hegt und pflegt, steht eine nicht minder naive Vorstellung der Atheisten entgegen, die über die Existenz Gottes so reden, als handle es sich um eine hinterm Mars versteckte Teekanne. (...) Nicht nur mein eigener ehemaliger Gottesglauben sondern in hübscher Symmetrie dazu auch die kulturgeschichtliche Tatsache eines ganz selbstverständlichen Umgangs mit dem Glauben an Gott und Götter stellt mich doch vor die Frage, ob es tatsächlich nur schiere Unvernunft und Naivität ist, oder ob hinter diesem Gottesbegriff nach Abzug allzu naiv-positivistischer Vorstellungen des Allmächtigen nicht doch ein Sinnsystem zu entschlüsseln ist, das mit der Wirklichkeit kongruiert. (...) Das atheistische Credo "Es gibt keinen Gott", das mit der naturwissenschaftlichen Nüchternheit aber auch mit einer gewissen philosophischen Naivität die Existenz einer Projektion zum Zankapfel macht, kann ich zwar in seiner positivistischen, die rein empirische Ebene betreffenden Bedeutung durchaus unterschreiben, doch die geeignete Form, meinen Atheismus kund zu tun, fand ich in einer Formel, die jene Projektion als Faktum mit einschloss und die Existenzfrage transzendiert. Und so lautete mein atheistisches Credo "Ich bin Gott". (...) Denn während der materialistische Atheist sich in seiner naturwissenschaftlichen Objektivitäts-Vorstellung nichts anderes schafft als was der Theist in seinem Gottesbild vor sich hinstellt - nämlich ein verschlüsseltes und entäußertes Bild seiner eigenen Tätigkeit - erkenne ich als Gott diese Tätigkeit unmittelbar als die meine und nenne daher auch die aus ihr entstehende Welt mein Eigentum. Nur so ist die Leugnung Gottes vollständig, weil sie aufzeigt, wo jene Funktionen zu suchen sind, die der Theist Gott zuschreibt.
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Auszug: Der Naivität eines persönlichen Schöpfergottes, der die Welt und uns Menschlein von seinem Wolkenthron herab hegt und pflegt, steht eine nicht minder naive Vorstellung der Atheisten entgegen, die über die Existenz Gottes so reden, als handle es sich um eine hinterm Mars versteckte Teekanne. (...) Nicht nur mein eigener ehemaliger Gottesglauben sondern in hübscher Symmetrie dazu auch die kulturgeschichtliche Tatsache eines ganz selbstverständlichen Umgangs mit dem Glauben an Gott und Götter stellt mich doch vor die Frage, ob es tatsächlich nur schiere Unvernunft und Naivität ist, oder ob hinter diesem Gottesbegriff nach Abzug allzu naiv-positivistischer Vorstellungen des Allmächtigen nicht doch ein Sinnsystem zu entschlüsseln ist, das mit der Wirklichkeit kongruiert. (...) Das atheistische Credo "Es gibt keinen Gott", das mit der naturwissenschaftlichen Nüchternheit aber auch mit einer gewissen philosophischen Naivität die Existenz einer Projektion zum Zankapfel macht, kann ich zwar in seiner positivistischen, die rein empirische Ebene betreffenden Bedeutung durchaus unterschreiben, doch die geeignete Form, meinen Atheismus kund zu tun, fand ich in einer Formel, die jene Projektion als Faktum mit einschloss und die Existenzfrage transzendiert. Und so lautete mein atheistisches Credo "Ich bin Gott". (...) Denn während der materialistische Atheist sich in seiner naturwissenschaftlichen Objektivitäts-Vorstellung nichts anderes schafft als was der Theist in seinem Gottesbild vor sich hinstellt - nämlich ein verschlüsseltes und entäußertes Bild seiner eigenen Tätigkeit - erkenne ich als Gott diese Tätigkeit unmittelbar als die meine und nenne daher auch die aus ihr entstehende Welt mein Eigentum. Nur so ist die Leugnung Gottes vollständig, weil sie aufzeigt, wo jene Funktionen zu suchen sind, die der Theist Gott zuschreibt.
Sonntag, 9. August 2009
Genie und Dilettant - Annäherungen an ein Faszinosum

Als Anthroposoph ist man Steiners Werken gegenüber grundsätzlich wohlwollend eingestellt und so trat ich auch mit gespannter Erwartung vor das so genannte "rote Fenster", ein riesiges Fenster aus geschliffenem roten Glas, das über dem Westportal des Goetheanums angebracht ist. Man betrachtet es von innen heraus, so dass das Außenlicht hindurchfällt und den Raum dahinter - das Treppenhaus - in ein warmes Rot taucht. Die intensive Farbe und die schiere Größe des Fensters sowie die gebotenen Stille aufgrund einer Veranstaltung im benachbarten Saal ließen eine andächtige Stimmung anheben, die aber sehr schnell der Ernüchterung und einer überraschenden Erkenntnis wich.
Mit den frischen Eindrücke der architektonischen Werke Steiners und der Erinnerung an den Vortrag von Walter Kugler über die Begeisterung der Kunstszene für die Tafelzeichnungen Steiners stehe ich vor diesem roten Fenster, sehe diese bodenlos dilettantische Ästhetik und mir wird plötzlich klar, woher dieser mir in allen Bereichen Steiners begegnende Dilettantismus her rührt und warum er mich - und offenbar viele andere - dennoch nicht davon abhält, mich mit Steiner zu beschäftigen. Auf dem Rundgang über den Dornacher Hügel ist man auf Schritt und Tritt mit den sinnlich wahrnehmbaren Ergebnissen und den denkmalhaft konservierten Relikten der Steinerschen Ideenwelt konfrontiert und man begegnet dort so manchem skurrilen Werk. Aber man begegnet dort auch Dokumenten, die einen Einblick in die Entstehung dieser Werke, in den kreativen Prozess und die zugrunde liegenden Ideen Steiners geben. Und man spürt, dass dieses Goetheanum ein Ort inspirierter Kulturtätigkeit war, dass es aber ebenso ein Mausoleum für die merkwürdigen Überreste dieser Kulturtätigkeit ist. Und man stellt sich Steiner vor, wie er an diesem Ort unter den Menschen gewirkt hat, die sich hier versammelt haben, wie all das ganz konkret stattgefunden hat, was man aus jahrelanger Lektüre kennt. Und da stand nun plötzlich ein ganz klares Bild vor mir.
Steiner war kein eremitisch in akribische Arbeit versunkener Denker. Er war immer umgeben von Menschen, die er inspirierte und die ihm Ideen abforderten. Er hielt Vorträge und begleitete Veranstaltungen. Er reiste mit Modernsten Fahrzeugen durch ganz Europa und trat teilweise auf wie ein Popstar. Keiner seiner Vorträge gleicht dem anderen, er sprach frei und entwickelte seine Ideen nicht selten spontan vor Ort. Alles Akribische, Pedantische und Prinzipialistische bezeichnete er verächtlich als "philiströs". Wo immer Rudolf Steiner versucht hat, seine Ideen weiter als bis zur Skizzenhaftigkeit in eine konkrete Gestalt zu bringen, da neigt er dazu, sich in Unprofessionalität und Dilettantismus zu verlieren. Seine Domäne war das lebendige, kreative und inspirative Denken. Das Erfassen von flüchtigen Ideen und unkonventionellen Ansätzen, das Vorahnen von Entwicklungen und die Zusammenschau komplexer Zusammenhänge. Aus der unmittelbaren Betrachtung der Phänomene entwickelte er Typologien, die formal schwer zu greifen sind, die aber erstaunliche Erklärungsmodelle für komplexe systematische Zusammenhänge abgeben. Der 'Geist', in dem er arbeitete und von dem er sich inspiriert fühlte war nicht das konkrete Einzelne, sondern das Prinzipielle, nicht die perfekte und akribische Umsetzung sondern die lebendige und spontane Skizze.
Detlef Hardorp, der Berlin-Brandenburgische Bullterrier der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit, hat in einem Zusammenhang, der hier nicht unbedingt wichtig ist (es ging um eine Aussage Steiners über Physik) in sehr treffenden Worten diese Eigenschaft Steiners beschrieben: "von außen betrachtet stochert er unprofessionell in allen möglichen Gebieten herum, und trifft mit unverschämter Sicherheit immer wieder Goldadern, auch wenn er nicht den wissenschaftlichen Apparat bieten kann, mit dem das dann meist später von anderen wesentlich vollständiger gemacht wird."
Auf dem Goetheanum-Hügel begegnet man zunächst all diesen Werken, in denen Steiner versucht hat, aus seinen skizzenhaften Visionen fertige Werke zu machen. Und immer wieder muss man sehen, wie er daran scheitert. Auch sein schriftliches Werk trägt deutlich den Charakter der Vorläufigkeit: keines seiner Werke genügt den formalen Anforderungen eines wissenschaftlichen Werkes. Mit Quellennachweisen hat sich Steiner nicht aufgehalten und so werden andere Autoren nicht selten falsch zitiert oder ohne weiteren Hinweis einfach übernommen. Auch hält sich Steiner selten damit auf, Belege oder Beweise für seine Ideen zu finden. Die kritische Analyse und die akribische Sammlung von Belegen und Nachweisen und das Ausarbeiten von Vollständigkeit sind nicht Steiners Anliegen. Und wo er es versucht hat - im roten Fenster beispielsweise - da hätte er auch lieber darauf verzichtet. Schaut man sich beispielsweise in chronologischer Folge die Gebäude in Dornach an, die Steiner entwarf, so erkennt man deutlich die originelle und durchaus kulturgeschichtlich relevante architektonische Idee, die sich darin entwickelt. Betrachtet man aber die einzelnen Häuser als fertige Werke, so fehlt auch hier das nötige Maß an Professionalität, das erlauben würde, von gelungener Architektur zu sprechen. Umso schlimmer, wenn diese Ästhetik immer und immer wieder auf platte und rein formale Weise kopiert und für "anthroposophische Architektur" gehalten wurde. Bezeichnend auch, dass das jüngste Haus von Steiner kaum noch die typischen Züge "anthroposophischer Architektur" trägt sondern einer überaschenden Schlichtheit und Reduktion auf klare, rechtwinklige Formen folgt. Das Ausmaß der formalen Entwicklung von Steiners architektonischen Ideen, die sich in der Abfolge seiner Häuser zeigt - schon erstes und zweites Goetheanum lassen dies erahnen - übersteigt dasjenige der knapp hundert Jahre seiner Epigonen um ein Vielfaches. Was hier nur konservierte formale Tradition ist, war bei Steiner nur Momentaufnahme und Skizze einer sich stets neu erfindenden Inspiration.
Steiners Werk ist nicht das, was wir in Händen halten, sondern es sind seine Anregungen, seine Visionen und Inspirationen, die skizzenhaften Ideen, denen kein Begriff zu groß und kein Ziel zu fern sein konnte. Er war Impulsgeber für Reformschulen ebenso wie für alternative Medizin, er arbeitete an gesellschaftspolitischen Konzepten ebenso wie an den Ansätzen einer organischen Architektur. In diesen Bereichen entwickelte er geradezu übermenschliche Energien. Doch all diese Dinge konnten nicht Realität werden, hätten nicht viele andere Menschen, mit Sachverstand und fachlich versiert die vagen Ideen Steiners aufgegriffen, ausgearbeitet und umgesetzt. Steiners Werk lebt denn auch zum größten Teil in seiner Umwelt, in all den Menschen, die seine Anregungen aufgegriffen und ausgearbeitet haben. Und so wie er seine Ideen an andere Weitergegeben hat, damit sie dort auf fruchtbaren Boden fielen, so hat er sich auch nicht gescheut, fremde Ideen zu integrieren und in eigener Weise zusammenzubringen, um neue Inspirationen daraus zu gewinnen. Die Sorgfalt, seine Quellen ausführlich darzulegen, vermisste er dabei allerdings.
Halmut Zander hat in seinem vielbeachteten Buch "Die Anthroposophie in Deutschland" versucht, sich durch eine historisch-kritische Analyse dem Faszinosum Steiner zu näheren. Doch das Buch, dessen fast 2000 Seiten sich wie der Abschlussbericht einer Steuerprüfung lesen, bleibt methodisch absichtlich auf einer Ebene, auf der Steiner nicht zu finden ist. So kann Zander nachvollziehbar die äußeren Verbindungen Steiners mit seinem geistesgeschichtlichen Kontext erklären, er kann all die Quellennachweise nachliefern, die Steiner für verzichtbar hielt, aber er kann nicht erklären, was das Faszinosum an Steiner ist. Zander sieht gleichsam nur das rote Fenster in seiner dilettantischen Ästhetik. Den Visionär Steiner, den Ideengeber Steiner, den Inspirator und unkonventionellen Denker Steiner, den Skizzierer Steiner, den entdeckt er nicht, weil sich dieser in seiner Immaterialität, seiner geistigen Flüchtigkeit einer historisch-kritischen Wissenschaft notwendigerweise entzieht. Zander trägt dazu bei, viele Mythen und Legenden, die sich um Steiner ranken, zu entlarven und er zeigt das auf, was mir beim Betrachten des roten Fensters deutlich wurde: dass Steiner dort, wo es in die konkrete fachliche oder künsterische Ausarbeitung seiner Ideen geht, oft nur haarsträubendes Mittelmaß ablieferte. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, was ich beim Betrachten noch nicht wusste, dass nämlich das rote Fenster nicht von Steiner selbst ausgeführt wurde, sondern von Assja Turgenjeff. Gleichwohl entstand es als Teil eines Gesamtkunstwerkes unter seiner Federführung und steht hier auch nur als Beispiel und konkreter Anlass für eine Erkenntnis, die sich durchaus auf eine breitere Kenntnis des Werkes von Steiner stützt.
Allein den wahren Steiner, den, der in der Anthroposophischen Bewegung bereits ein ganzes Jahrhundert überlebt hat und der auch heute noch Menschen fasziniert und inspiriert - selbst Zander spricht mehrfach von der Faszination, die Steiner auf ihn ausübt - den wird man auf diese Weise nicht greifen können. Ihn wird man nur erfassen, wenn man seine Ideen ebenso lebendig und kreativ auffasst, wie er sie gedacht und skizziert hat. Jede Form der Stereotypisierung, der Manifestierung in systematischen Kategorisierungen und der Verabsolutierung seiner Visionen muss scheitern und zu einem schieren Zerrbild dessen verkommen, was Steiner inspirierte. Das ist es, was an den bewundernden Blicken, die dem roten Fenster und anderen Kuriositäten auf dem Goetheanumgelände wie Reliquien entgegengebracht werden, so verwundern kann. Kein Kunstkenner würde auch nur einen Pfennig für das rote Fenster geben. Doch interessanterweise interessiert sich die Kunstszene brennend für diejenigen Werke, die überhaupt keine Werke im eigentlichen Sinne sind, die nur beiläufig entstandene und von findigen Zeitgenossen festgehaltene Skizzen sind, die Steiner während der öffentlichen Entwicklung von Ideen an die Tafel geschmiert hat und die für Anthroposophen zunächst rein informativen Charakter hatten und lediglich als Reliquien aufbewahrt wurden. Steiners Skizzen auf schwarzer Pappe haben im 21. Jahrhundert den Weg nach NewYork und Paris gefunden. Denn in ihnen lebt jener inspirierte Geist, von dem sich Anthroposophen angezogen fühlen. Und in der skizzenhaften Form findet Steiner auch einen ästhetischen Ausdruck, der völlig frei von der schwerfälligen, dilettantischen Konstruiertheit des roten Fensters ist und der offenbar erst heute vom allgemeinen künstlerischen Empfinden eingeholt wird.
Aber sowenig das Buch von Zander auch den Steiner findet, der die Menschen inspiriert, so könnte es, wenn es von Anthroposophen sachgemäß - und das heißt eben nicht als Angriff sondern als historische Analyse - gelesen würde, dazu führen, all jenen Personenkult und jene Verherrlichung Steiners um seiner selbst Willen kritisch zu hinterfragen und zu einem unbefangenen Urteil gegenüber solchen Fürchterlichkeiten wie dem roten Fenster zu gelangen, statt sie zu glorifizieren, nur weil sie von des Meisters Hand geschaffen wurden. Zanders Analyse konturiert am Ende exakt jenen Steiner, dessen bedingungslose Verehrung nicht nur ihn selbst sondern jeden normal empfindenden Menschen beschämen muss. Man kann geradezu Zanders Analyse als Subtrahenden verwenden, um von der real existierenden Anthroposophie all dasjenige abzuziehen, was blinder Dogmatismus, leerer Personenkult und schiere Geschmacksverirrung ist. Nicht um Steiner zu diskreditieren, sondern um sein wahres Genie freizulegen, zu aktivieren und sich von ihm neu inspirieren zu lassen; um seine vorausschauenden und zeitlosen Ideen weiter zu entwickeln und sich mehr in der Methode als im Ergebnis an ihm zu orientieren und nicht in der Verabsolutierung von Mittelmäßigkeiten zu schwelgen. Auf diese Weise könnte Zanders Buch ex negativo befreiend wirken und bei einer etwas subtileren anthroposophischen Rezeption, als sie beispielsweise aus der aktuellen Rezensionen von Ravagli tönt, doch noch zur wahren Entdeckung des Faszinosums Steiner führen!
Dieser Artikel wurde in der September-Ausgabe 2009 der Zeitschrift info3 in leicht überarbeiteter Form abgedruckt.
Geschrieben von Christian Grauer
in Anthroposophie, Bücher
um
15:44
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Freitag, 26. Juni 2009
Ein Stern verlässt die Erde
Ich bin kein großartiger Kenner des Pop und auch kein besonderer Michael Jackson Fan - was die Musik betrifft. Sein Tod bewegt mich zu einem Nachruf, weil ich ein Fan des Menschen Michael Jackson bin, weil er in einem keineswegs idealen Setting seinen Weg gegangen ist, in einsamer Konsequenz. Die Welt hat sein musikalisches Genie gewürdigt, seine Lebensweise aber letztlich verdammt oder zumindest belächelt. Er hat darum gekämpft, sich und der Welt die Kindheit wieder zurück zu holen. Wer den Star-Rummel, die fetischistisch gepflegten Schrullen, die private Sentimentalität und den exzentrischen Auftritt von Michael Jackson nicht aus irgend einer angewöhnten Konvention heraus als Abnormität, sondern wertfrei als Ausdruck seines Wesens betrachtet, der findet in diesem außergewöhnlichen Leben nicht nur einen exzellenten Musiker, sondern einen Menschen von großer Fragilität, Zartheit und Mitleidsfähigkeit. Das ist mein ganz subjektives Bild, das ich von diesem Menschen mit mir herum trage und das mich für ihn, so wenig ich ihn eigentlich kannte, eine innige Sympathie empfinden ließ. Er hat seine Schwäche zur Stärke gemacht, er hat die Härte seiner Welt mit Weichheit bekämpft, er hat sich verletzbar gemacht, um unverletzbar zu werden, er war ein taoistischer Ritter des kampflosen Kampfes. Als solcher hatte er schon immer einen stillen Platz im Tempel meiner privaten Heroen, auch wenn mein Regal, wie ich gestehe, keine einzige CD von ihm beherbergt.
Samstag, 30. Mai 2009
Spirituelle Aufklärung 7
Tu was Du willst!
Mit der Kultivierung der Eigentlichkeit, die sich aus der Liebe zur Tat und aus Spaß an der Freud' vor dem Hintergrund eines irgend gearteten Absolutheitserlebnisses entfacht, ist aber nicht nur die Rückbindung an jene oben so bezeichnete Auferstehung verbunden, sondern auch die Bewusstmachung jener existenziellen Voraussetzungslosigkeit, die sich in Steiners spirituellem Werk vor 1900 philosophisch niederschlägt und die ich in Konstruktivismus und Hedonismus als metaphilsophischer Philosophien identifizierte und die ich im Folgenden als spirituelle Aufklärung näher definieren will.
Der Charakter des spirituellen Erlebnisses des Nichts und des Aufgehobenseins der Welt und der Wirklichkeit im Bewusstsein, prägt nicht nur die Philosophie der Freiheit von Steiner, sondern auch die Beschäftigung mit Goethe und insbesondere mit Nietzsche, dessen nihilistisches Pathos Steiner in dieser Phase geradezu euphorisch als Freiheitsphilosophie verehrt. Darin aber nicht nur die Verneinung aller Seinsbezogenheit der Welt zu sehen, sondern den positiven, im Konstruktivismus erst Ende des 20. Jahrhunderts philosophisch, bei Steiner bereits spirituell erfahrenen und philosophoid dargestellten Schritt von einer naïv-realistischen, rationalistischen, ontologischen Weltauffassung zu einer solchen zu sehen, die diese für unhintergehbar gehaltenen Prinzipien aufhebt und relativiert und erneut das autonome Individuum zum Zeugen der Wirklichkeit erklärt, ist eine neue Ebene der Aufklärung, mit der sich der Mensch einmal mehr und mit Kant gesprochen "aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit". Während es bei Kant der Rationalismus war, der sich gegen die Dogmatik eines geistlichen Offenbarungsglaubens behaupten sollte, so ist es heute das spirituelle Autonomieerleben, das sich gegen die Dogmatik eines pseudorationalen, populärwissenschaftlich-empiristischen Positivismus behaupten muss, der dieses Autonomieerleben nicht nur nicht einholen kann, sondern es in seinen Prämissen von vorneherein ausschließt. Dass aber Wissenschaft und insbesondere ihr Wirklichkeitsverständnis selbst in diesem Autonomieerleben aufgehoben sind, so wie der religiöse Mythos und das Glaubensdogma in der Rationalität aufgehoben werden, ist der Kern einer spirituellen Aufklärung.
Die rationale Aufklärung hat die religiösen Mythen entzaubert und sie auf Rationalität reduziert. Ihre Inhalte sind damit aber nicht negiert, sondern nur in einer anderen Form verfügbar. In der modernen Psychologie finden wir beispielsweise viele rationalisierte Mythen und sie hat in vieler Hinsicht die Rolle der Religion als "Seelsorger" abgelöst. Der Gegenstand bleibt, aber er wird enthüllt, der Zugriff wird unmittelbarer, das Individuum wird autonomer im Umgang damit und der dogmatische und moralische Impetus verschwindet zugunsten einer Versachlichung. Die spirituelle Aufklärung führt diesen Prozess einerseits fort, indem sie die unreflektierten Wirklichkeitsbedingungen der Natur und des Menschen als Teil der Natur auf das unmittelbare Erleben des absoluten Bewusstseins als jener Operativität, die dem Sein voran geht, reduziert. Andererseits gleicht sie auch Defizite der rationalen Aufklärung aus, die insbesondere in einer emotionalen Entfremdung durch die Rationalisierung des Weltbildes liegen, indem sie die Welt ans Individuum zurückbindet und damit die emotionale Schicht wieder mit einfasst. Man kann in der rationalen Aufklärung auch die Abschaffung der dualistischen Gottesvorstellung eines jenseitigen Verursachers alles Weltgeschehens sehen, von dem wir getrennt und dennoch abhängig sind. Dann ist die spirituelle Aufklärung die Abschaffung der dualistischen Naturvorstellung einer äußeren Verursacherin des Weltgeschehens zugunsten einer im operationalen Bewusstsein rückgebundenen Einheit von Natur und Mensch, von Subjekt und Objekt. Diese Einheit, die Steiner als geistigen Monismus propagiert, macht spätestens dann, wenn sie unmittelbar als Erlebnis erfahren wird, jede Möglichkeit zunichte, ein außerhalb dieser Einheit des Bewusstseins liegendes Prinzip als notwendig anzuerkennen, sei es ontologisch oder ethisch. Das Sein gründet in der Einheit dieses operativen Bewusstseins und alles, was ist, ist nur insofern Wirklichkeit, als es Teil der Konstruktion dieses operativen Bewusstseins ist.
Der Konstruktivismus ist daher kein philosophisches System oder Weltbild, sondern er ist der über aller Philosophie stehende Vorbehalt, dass jedes Weltbild und jedes philosphische System nur insofern Wahrheit beanspruchen kann, als es sich seiner konstruktivistischen Natur eingedenk ist. Insofern ist der Konstruktivismus Teil jener philosophischen Hinterfragung der Wirklichkeitsbedingungen, die ich als spirituelle Aufklärung bezeichne. Für die Ethik gilt ähnliches. Auch hier kann keine Norm Allgemeingültigkeit beanspruchen, ohne sich der Tatsache ihrer eigenen Setzung bewusst zu sein. Vor dem Einheitserlebnis des Bewusstseins, das zugleich ein Erlebnis des auf Nichts gegründeten Seins ist, löst sich jeder normative moralische Anspruch durch die Abwesenheit einer ethischen Vorgabe oder eines letzten moralischen Ziels auf. In der Erfahrung des absoluten Nichts entlarvt sich jede moralische Bewertung des Seins als bedingte Konstruktion eines Sinnes, der nicht Teil der unmittelbaren Welterfahrung sondern ein ihr von mir Hinzugefügtes ist. Dies ist der Beitrag, den der Hedonismus als metaphilosophische Idee zur spirituellen Aufklärung leistet und der jedes moralische Gesetz und jede ethische Norm hintergeht durch den Vorbehalt: aber nur, weil ich es so will! Der Hedonismus ist keine Ethik des Egoismus, er schreibt nicht vor, egoistisch zu handeln, sondern er macht nur auf die Unmöglichkeit einer anderen als letztlich auf mich zurückgehenden Motivation jeder ethischen und moralischen Absicht und also jeder Handlung aufmerksam.
Diese Haltung einzunehmen, und zwar nicht nur abstrakt und theoretisch, sondern ganz konkret die Bedeutungen und die Werte, die ich den Dingen beilege, auf ihren Ursprung zu prüfen, sie anzuzweifeln, aufzulösen und ohne irgend eine Voreinstellung ihnen gegenüberzustehen, war das noch unbekannte Ziel des Weges, der mich in der Emanzipation von meinem anthroposophischen Sozialisierungs-Dogma bis vor das absolute Nichts führte. Und die echte Dimension von Konstruktivismus und Hedonismus ist wirklich nur mit dieser existenziellen Form des radikalen Zweifels erreichbar. Erst dort erlebte und spürte ich leibhaftig die Unmöglichkeit einer anderen als einer relativen Wahrheit und anderer als nur bedingter Werte. Die ernsthafte Erwägung der Tatsache, dass außer dem Leben nur der Tod bleibt, macht alle anderen als meine eigenen Ansprüche an dieses Leben völlig sinnlos. Angesichts des Nichts, in dem das Sein liegt, wird wirklich jede Bedeutung, jeder Sinn, jedes Ziel und jedes Gesetz relativiert. Unser Alltag ist geprägt von einer Unzahl von Regeln, Normen, Konventionen und Traditionen, die in dieser Alltagsperspektive erkennbaren Sinn haben. Vor dem Erleben des Nichts, schon vor der ernsthaften Erwägung des eigenen Todes löst sich ihre Bedeutung auf wie eine Hand voll Asche im Wind. Und noch intensiver kann diese Erfahrung werden, wenn sie sich nicht nur auf die Bedeutungen und Werte, sondern auch auf dasjenige bezieht, was ich als Gegenstandswelt um mich herum erlebe. Auch diese löst sich angesichts des Nichts zu einer paradoxen Vorstellung auf. Sie ist nirgends, sie ist nie, sie ist nicht - es sei denn, dass ich sie als solche betrachte!
An diesem Punkt ist es nicht nur ein logisch-semantischer Schluss, sondern geradezu empirische Evidenz, dass es keine Ethik als Normwissenschaft geben kann. Es steht mir da die Nichtigkeit schon der Vorstellung einer solchen Ethik leibhaftig vor Augen. Diese innere Evidenz ist zwar nur punktuell und macht immer wieder Alltagsvorstellungen und -empfindungen Platz und immer wieder schieben sich Gewohnheiten und Pragmatik vor dieses Nichts und heischen mich, zu handeln, als gäbe es eine Ethik und als wäre die sinnliche Gegenstandswelt in einer Weise wirklich, die von mir unabhängig ist. Doch dies alles findet im freien Fall einer auf nichts gegründeten Wirklichkeit und eines auf nichts gegründeten Handelns statt, eines Handelns, dessen Moral nur der sich selbst genügenden Handlung folgt. Im Grunde belüge ich mich nur, wenn ich Gründe für mein Handeln angebe, die außerhalb der Handlung selbst liegen. Und ehrlich bin ich nur dann, wenn ich jenen hedonistischen Vorbehalt als einziges mögliches und auch vor dem Nichts bestehendes Motiv gelten lasse: weil ich es will! Nur dann - und selten genug gelingt mir das wirklich - handle ich nicht um eines Zieles Willen, sondern finde im Handeln selbst mein Ziel. Und dann schert mich das alles vernichtende Nichts nicht mehr, weil mir mein Handeln und das Konstrukt, in dem ich handle, alles ist.
Erst so zu handeln, kann wirklich handeln genannt werden und ist der eigentliche Inhalt dessen, was ich in Analogie zur rationalen Aufklärung als spirituelle Aufklärung bezeichnet habe. Diese spirituelle Aufklärung hebt die Autonomie des Handelnden auf eine völlig neue Ebene. Dass Steiner einen so verstandenen Hedonismus vertritt, wird nicht nur aus seiner Ablehnung jeglicher Form von normativer Ethik in seiner Philosophie der Freiheit deutlich, sondern auch in seiner Schrift "Der Egoismus in der Philosophie". Dass er den so verstandenen Konstruktivismus vertritt, wird aus Sätzen wie dem oben zitierten oder aus seiner Definition von Wahrheit als individuellem Produkt des Menschen in "Wahrheit und Wissenschaft" deutlich. Sein sogenanntes philosophisches Frühwerk ist in Wahrheit ein spirituelles Frühwerk, das in philosophischer Sprache auf das spirituelle Urerlebnis verweist und die daraus folgenden Implikationen einer spirituellen Aufklärung ausführt. Steiners kontinuierlicher Hinweis darauf, das es sich bei seiner Anthroposophie nicht um Spekulation sondern im Kern um die "Anschauung von Ideen" handelt, macht deutlich, dass seine Ausführungen auf spirituelle Erfahrung verweisen. Solange ich es als philosophischen Diskurs lese, werde ich dies naturgemäß verneinen und alle möglichen Schlüsse aus seinen Ausführungen ziehen.
Dass die spirituelle Erfahrung jenseits dessen liegt, was wir im philosophischen Sinne als Denken bezeichnen, hindert uns nicht, über diese Erfahrung nachzudenken. Es ist dieses Nachdenken aber nicht die Erfahrung selbst. Diese liegt für ein rational aufgeklärtes, philosophisches Bewusstsein im völligen Dunkel des ausgeschlossenen Dritten zwischen sinnlicher Erfahrung und ideeller Spekulation auf jener Ebene, auf die Philosophie hinweisen kann, die aber nur durch jene Tapetentür des absoluten Zweifels, der reinen Achtsamkeit und des Aufmerksamwerdens auf das reine Bewusstsein als wirkliche Erfahrung jenseits jeglicher Begrifflichkeit erreichbar ist. Und in dieser Erfahrungsschicht liegt das eigentliche Potential der spirituellen Aufklärung. Als jemand der Philosophie studiert hat und kaum etwas erquicklicheres kennt als einen philosophischen Diskurs, folge ich nicht meinen Neigungen sondern der Überzeugungskraft eben dieser Erfahrungsschicht, wenn ich die positive Macht, die eine solche Erfahrung für das Leben hat, feststelle. Für mich wird dadurch nicht nur verständlich, wie aus der Initiative eines einzigen Menschen heraus so etwas wie die anthroposophische Kultur entstehen konnte, sondern ich sehe mich nach all dem geschilderten an einem Punkt angekommen, an dem sich Erkenntnis nicht nur in vieler Hinsicht relativiert, sondern auch transformiert zu etwas, das vielleicht gleichwohl Erkenntnis ist, das aber von jener Bewusstseinsschicht der reinen Erfahrung ausgeht.
Dass auch hierüber eine Kommunikation mit Worten und also begrifflich stattfindet bleibt davon unabhängig. Ebenso dass es eine Alltagsschicht gibt, die immer rational, die sogar immer dogmatisch bleiben wird. Für mich ist aber jetzt die eigentlich interessante Perspektive diejenige, die ich hier und an anderen Stellen unter Bezugnahme insbesondere auf den Konstruktivismus von Luhmann und auf jene spirituelle Bewusstseinserfahrung dargestellt habe und die ich bis auf weiteres als spirituelle Aufklärung bezeichne. Durch diese Perspektive ergibt sich für mich ein neues Interesse an der Welt, das nicht die prätentiösen Ansprüche des auf Erkenntnis, Entwicklung und Weltverbesserung ausgerichteten Pathos meiner früheren Anthroposophierezeption stellt, sondern das sich auf die Erfahrung, auf das Erleben der Welt im Hier und Jetzt richtet und dem sich darin die ganze Pracht und Fülle der Welt überhaupt erst erschließt. Es ist dies eine Geste des Loslassens und des Innehaltens, doch gerade aus dem achtsamen Gewahrwerden der sich als aktuelle Erfahrung darlebenden Wirklichkeit entfesselt sich eine Dynamik, gegen die sich alle noch so heren moralischen Prinzipien, Entwicklungsabsichten und Erkenntnisbestrebungen armselig ausnehmen. Mithin zielt die spirituelle Aufklärung entgegen den Vorurteilen, die sich mit dem Begriff "spirituell" vielfach verbinden können, auf eine ganz unmittelbare Intensivierung des Lebens in der sich als Sinnlichkeit ausbreitenden Welt. Kein Dahinterstehendes, kein Jenseitiges, kein fernes Entwicklungsziel, keine abstrakte Erklärung und Sinnstiftung, sondern das unmittelbare Leben und Erleben der Gegenwart in ihrer ganzen Profanität und Heiligkeit ist die Erfüllung der spirituellen Aufklärung. Erst spirituelle Aufklärung bedeutet in dem oben für die Anthroposophie beanspruchten Sinne: eigentlich zu leben!
Diese spirituelle Aufklärung ist für mich immer verbunden mit der Anthropsophie, doch das gilt nur ganz persönlich für mich und nicht allgemein. Spirituelle Aufklärung ist sowenig Anthroposophie wie rationale Aufklärung Kantianismus wäre. Sie ist eine besondere Haltung, die sich in verschiedensten Ansätzen und Strömungen zeigt und die bei allen Unterschieden jenes verbindende Element ist, das nicht nur diese Strömungen sondern latent auch manche dezidiert unspirituelle Veranstaltung wie z.B. die Systemtheorie von Luhmann durchzieht und die in gewissem Sinne immer die Transformation und Aufhebung des bestehenden Paradigmas auf eine neuen Ebene ist. Da sich diese Transformation letztlich nur aus der neuen Ebene heraus nachvollziehen lässt und sich nicht aus der alten Ebene erschließt, scheitert am Ende jeder und damit auch dieser Versuch, darüber Mitteilungen zu machen, ohne bereits die Transformation vorauszusetzen. Dass die Transformation aber dennoch möglich ist, ist das Geheimnis des Lebens.
Mit der Kultivierung der Eigentlichkeit, die sich aus der Liebe zur Tat und aus Spaß an der Freud' vor dem Hintergrund eines irgend gearteten Absolutheitserlebnisses entfacht, ist aber nicht nur die Rückbindung an jene oben so bezeichnete Auferstehung verbunden, sondern auch die Bewusstmachung jener existenziellen Voraussetzungslosigkeit, die sich in Steiners spirituellem Werk vor 1900 philosophisch niederschlägt und die ich in Konstruktivismus und Hedonismus als metaphilsophischer Philosophien identifizierte und die ich im Folgenden als spirituelle Aufklärung näher definieren will.
Der Charakter des spirituellen Erlebnisses des Nichts und des Aufgehobenseins der Welt und der Wirklichkeit im Bewusstsein, prägt nicht nur die Philosophie der Freiheit von Steiner, sondern auch die Beschäftigung mit Goethe und insbesondere mit Nietzsche, dessen nihilistisches Pathos Steiner in dieser Phase geradezu euphorisch als Freiheitsphilosophie verehrt. Darin aber nicht nur die Verneinung aller Seinsbezogenheit der Welt zu sehen, sondern den positiven, im Konstruktivismus erst Ende des 20. Jahrhunderts philosophisch, bei Steiner bereits spirituell erfahrenen und philosophoid dargestellten Schritt von einer naïv-realistischen, rationalistischen, ontologischen Weltauffassung zu einer solchen zu sehen, die diese für unhintergehbar gehaltenen Prinzipien aufhebt und relativiert und erneut das autonome Individuum zum Zeugen der Wirklichkeit erklärt, ist eine neue Ebene der Aufklärung, mit der sich der Mensch einmal mehr und mit Kant gesprochen "aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit". Während es bei Kant der Rationalismus war, der sich gegen die Dogmatik eines geistlichen Offenbarungsglaubens behaupten sollte, so ist es heute das spirituelle Autonomieerleben, das sich gegen die Dogmatik eines pseudorationalen, populärwissenschaftlich-empiristischen Positivismus behaupten muss, der dieses Autonomieerleben nicht nur nicht einholen kann, sondern es in seinen Prämissen von vorneherein ausschließt. Dass aber Wissenschaft und insbesondere ihr Wirklichkeitsverständnis selbst in diesem Autonomieerleben aufgehoben sind, so wie der religiöse Mythos und das Glaubensdogma in der Rationalität aufgehoben werden, ist der Kern einer spirituellen Aufklärung.
Die rationale Aufklärung hat die religiösen Mythen entzaubert und sie auf Rationalität reduziert. Ihre Inhalte sind damit aber nicht negiert, sondern nur in einer anderen Form verfügbar. In der modernen Psychologie finden wir beispielsweise viele rationalisierte Mythen und sie hat in vieler Hinsicht die Rolle der Religion als "Seelsorger" abgelöst. Der Gegenstand bleibt, aber er wird enthüllt, der Zugriff wird unmittelbarer, das Individuum wird autonomer im Umgang damit und der dogmatische und moralische Impetus verschwindet zugunsten einer Versachlichung. Die spirituelle Aufklärung führt diesen Prozess einerseits fort, indem sie die unreflektierten Wirklichkeitsbedingungen der Natur und des Menschen als Teil der Natur auf das unmittelbare Erleben des absoluten Bewusstseins als jener Operativität, die dem Sein voran geht, reduziert. Andererseits gleicht sie auch Defizite der rationalen Aufklärung aus, die insbesondere in einer emotionalen Entfremdung durch die Rationalisierung des Weltbildes liegen, indem sie die Welt ans Individuum zurückbindet und damit die emotionale Schicht wieder mit einfasst. Man kann in der rationalen Aufklärung auch die Abschaffung der dualistischen Gottesvorstellung eines jenseitigen Verursachers alles Weltgeschehens sehen, von dem wir getrennt und dennoch abhängig sind. Dann ist die spirituelle Aufklärung die Abschaffung der dualistischen Naturvorstellung einer äußeren Verursacherin des Weltgeschehens zugunsten einer im operationalen Bewusstsein rückgebundenen Einheit von Natur und Mensch, von Subjekt und Objekt. Diese Einheit, die Steiner als geistigen Monismus propagiert, macht spätestens dann, wenn sie unmittelbar als Erlebnis erfahren wird, jede Möglichkeit zunichte, ein außerhalb dieser Einheit des Bewusstseins liegendes Prinzip als notwendig anzuerkennen, sei es ontologisch oder ethisch. Das Sein gründet in der Einheit dieses operativen Bewusstseins und alles, was ist, ist nur insofern Wirklichkeit, als es Teil der Konstruktion dieses operativen Bewusstseins ist.
Der Konstruktivismus ist daher kein philosophisches System oder Weltbild, sondern er ist der über aller Philosophie stehende Vorbehalt, dass jedes Weltbild und jedes philosphische System nur insofern Wahrheit beanspruchen kann, als es sich seiner konstruktivistischen Natur eingedenk ist. Insofern ist der Konstruktivismus Teil jener philosophischen Hinterfragung der Wirklichkeitsbedingungen, die ich als spirituelle Aufklärung bezeichne. Für die Ethik gilt ähnliches. Auch hier kann keine Norm Allgemeingültigkeit beanspruchen, ohne sich der Tatsache ihrer eigenen Setzung bewusst zu sein. Vor dem Einheitserlebnis des Bewusstseins, das zugleich ein Erlebnis des auf Nichts gegründeten Seins ist, löst sich jeder normative moralische Anspruch durch die Abwesenheit einer ethischen Vorgabe oder eines letzten moralischen Ziels auf. In der Erfahrung des absoluten Nichts entlarvt sich jede moralische Bewertung des Seins als bedingte Konstruktion eines Sinnes, der nicht Teil der unmittelbaren Welterfahrung sondern ein ihr von mir Hinzugefügtes ist. Dies ist der Beitrag, den der Hedonismus als metaphilosophische Idee zur spirituellen Aufklärung leistet und der jedes moralische Gesetz und jede ethische Norm hintergeht durch den Vorbehalt: aber nur, weil ich es so will! Der Hedonismus ist keine Ethik des Egoismus, er schreibt nicht vor, egoistisch zu handeln, sondern er macht nur auf die Unmöglichkeit einer anderen als letztlich auf mich zurückgehenden Motivation jeder ethischen und moralischen Absicht und also jeder Handlung aufmerksam.
Diese Haltung einzunehmen, und zwar nicht nur abstrakt und theoretisch, sondern ganz konkret die Bedeutungen und die Werte, die ich den Dingen beilege, auf ihren Ursprung zu prüfen, sie anzuzweifeln, aufzulösen und ohne irgend eine Voreinstellung ihnen gegenüberzustehen, war das noch unbekannte Ziel des Weges, der mich in der Emanzipation von meinem anthroposophischen Sozialisierungs-Dogma bis vor das absolute Nichts führte. Und die echte Dimension von Konstruktivismus und Hedonismus ist wirklich nur mit dieser existenziellen Form des radikalen Zweifels erreichbar. Erst dort erlebte und spürte ich leibhaftig die Unmöglichkeit einer anderen als einer relativen Wahrheit und anderer als nur bedingter Werte. Die ernsthafte Erwägung der Tatsache, dass außer dem Leben nur der Tod bleibt, macht alle anderen als meine eigenen Ansprüche an dieses Leben völlig sinnlos. Angesichts des Nichts, in dem das Sein liegt, wird wirklich jede Bedeutung, jeder Sinn, jedes Ziel und jedes Gesetz relativiert. Unser Alltag ist geprägt von einer Unzahl von Regeln, Normen, Konventionen und Traditionen, die in dieser Alltagsperspektive erkennbaren Sinn haben. Vor dem Erleben des Nichts, schon vor der ernsthaften Erwägung des eigenen Todes löst sich ihre Bedeutung auf wie eine Hand voll Asche im Wind. Und noch intensiver kann diese Erfahrung werden, wenn sie sich nicht nur auf die Bedeutungen und Werte, sondern auch auf dasjenige bezieht, was ich als Gegenstandswelt um mich herum erlebe. Auch diese löst sich angesichts des Nichts zu einer paradoxen Vorstellung auf. Sie ist nirgends, sie ist nie, sie ist nicht - es sei denn, dass ich sie als solche betrachte!
An diesem Punkt ist es nicht nur ein logisch-semantischer Schluss, sondern geradezu empirische Evidenz, dass es keine Ethik als Normwissenschaft geben kann. Es steht mir da die Nichtigkeit schon der Vorstellung einer solchen Ethik leibhaftig vor Augen. Diese innere Evidenz ist zwar nur punktuell und macht immer wieder Alltagsvorstellungen und -empfindungen Platz und immer wieder schieben sich Gewohnheiten und Pragmatik vor dieses Nichts und heischen mich, zu handeln, als gäbe es eine Ethik und als wäre die sinnliche Gegenstandswelt in einer Weise wirklich, die von mir unabhängig ist. Doch dies alles findet im freien Fall einer auf nichts gegründeten Wirklichkeit und eines auf nichts gegründeten Handelns statt, eines Handelns, dessen Moral nur der sich selbst genügenden Handlung folgt. Im Grunde belüge ich mich nur, wenn ich Gründe für mein Handeln angebe, die außerhalb der Handlung selbst liegen. Und ehrlich bin ich nur dann, wenn ich jenen hedonistischen Vorbehalt als einziges mögliches und auch vor dem Nichts bestehendes Motiv gelten lasse: weil ich es will! Nur dann - und selten genug gelingt mir das wirklich - handle ich nicht um eines Zieles Willen, sondern finde im Handeln selbst mein Ziel. Und dann schert mich das alles vernichtende Nichts nicht mehr, weil mir mein Handeln und das Konstrukt, in dem ich handle, alles ist.
Erst so zu handeln, kann wirklich handeln genannt werden und ist der eigentliche Inhalt dessen, was ich in Analogie zur rationalen Aufklärung als spirituelle Aufklärung bezeichnet habe. Diese spirituelle Aufklärung hebt die Autonomie des Handelnden auf eine völlig neue Ebene. Dass Steiner einen so verstandenen Hedonismus vertritt, wird nicht nur aus seiner Ablehnung jeglicher Form von normativer Ethik in seiner Philosophie der Freiheit deutlich, sondern auch in seiner Schrift "Der Egoismus in der Philosophie". Dass er den so verstandenen Konstruktivismus vertritt, wird aus Sätzen wie dem oben zitierten oder aus seiner Definition von Wahrheit als individuellem Produkt des Menschen in "Wahrheit und Wissenschaft" deutlich. Sein sogenanntes philosophisches Frühwerk ist in Wahrheit ein spirituelles Frühwerk, das in philosophischer Sprache auf das spirituelle Urerlebnis verweist und die daraus folgenden Implikationen einer spirituellen Aufklärung ausführt. Steiners kontinuierlicher Hinweis darauf, das es sich bei seiner Anthroposophie nicht um Spekulation sondern im Kern um die "Anschauung von Ideen" handelt, macht deutlich, dass seine Ausführungen auf spirituelle Erfahrung verweisen. Solange ich es als philosophischen Diskurs lese, werde ich dies naturgemäß verneinen und alle möglichen Schlüsse aus seinen Ausführungen ziehen.
Dass die spirituelle Erfahrung jenseits dessen liegt, was wir im philosophischen Sinne als Denken bezeichnen, hindert uns nicht, über diese Erfahrung nachzudenken. Es ist dieses Nachdenken aber nicht die Erfahrung selbst. Diese liegt für ein rational aufgeklärtes, philosophisches Bewusstsein im völligen Dunkel des ausgeschlossenen Dritten zwischen sinnlicher Erfahrung und ideeller Spekulation auf jener Ebene, auf die Philosophie hinweisen kann, die aber nur durch jene Tapetentür des absoluten Zweifels, der reinen Achtsamkeit und des Aufmerksamwerdens auf das reine Bewusstsein als wirkliche Erfahrung jenseits jeglicher Begrifflichkeit erreichbar ist. Und in dieser Erfahrungsschicht liegt das eigentliche Potential der spirituellen Aufklärung. Als jemand der Philosophie studiert hat und kaum etwas erquicklicheres kennt als einen philosophischen Diskurs, folge ich nicht meinen Neigungen sondern der Überzeugungskraft eben dieser Erfahrungsschicht, wenn ich die positive Macht, die eine solche Erfahrung für das Leben hat, feststelle. Für mich wird dadurch nicht nur verständlich, wie aus der Initiative eines einzigen Menschen heraus so etwas wie die anthroposophische Kultur entstehen konnte, sondern ich sehe mich nach all dem geschilderten an einem Punkt angekommen, an dem sich Erkenntnis nicht nur in vieler Hinsicht relativiert, sondern auch transformiert zu etwas, das vielleicht gleichwohl Erkenntnis ist, das aber von jener Bewusstseinsschicht der reinen Erfahrung ausgeht.
Dass auch hierüber eine Kommunikation mit Worten und also begrifflich stattfindet bleibt davon unabhängig. Ebenso dass es eine Alltagsschicht gibt, die immer rational, die sogar immer dogmatisch bleiben wird. Für mich ist aber jetzt die eigentlich interessante Perspektive diejenige, die ich hier und an anderen Stellen unter Bezugnahme insbesondere auf den Konstruktivismus von Luhmann und auf jene spirituelle Bewusstseinserfahrung dargestellt habe und die ich bis auf weiteres als spirituelle Aufklärung bezeichne. Durch diese Perspektive ergibt sich für mich ein neues Interesse an der Welt, das nicht die prätentiösen Ansprüche des auf Erkenntnis, Entwicklung und Weltverbesserung ausgerichteten Pathos meiner früheren Anthroposophierezeption stellt, sondern das sich auf die Erfahrung, auf das Erleben der Welt im Hier und Jetzt richtet und dem sich darin die ganze Pracht und Fülle der Welt überhaupt erst erschließt. Es ist dies eine Geste des Loslassens und des Innehaltens, doch gerade aus dem achtsamen Gewahrwerden der sich als aktuelle Erfahrung darlebenden Wirklichkeit entfesselt sich eine Dynamik, gegen die sich alle noch so heren moralischen Prinzipien, Entwicklungsabsichten und Erkenntnisbestrebungen armselig ausnehmen. Mithin zielt die spirituelle Aufklärung entgegen den Vorurteilen, die sich mit dem Begriff "spirituell" vielfach verbinden können, auf eine ganz unmittelbare Intensivierung des Lebens in der sich als Sinnlichkeit ausbreitenden Welt. Kein Dahinterstehendes, kein Jenseitiges, kein fernes Entwicklungsziel, keine abstrakte Erklärung und Sinnstiftung, sondern das unmittelbare Leben und Erleben der Gegenwart in ihrer ganzen Profanität und Heiligkeit ist die Erfüllung der spirituellen Aufklärung. Erst spirituelle Aufklärung bedeutet in dem oben für die Anthroposophie beanspruchten Sinne: eigentlich zu leben!
Diese spirituelle Aufklärung ist für mich immer verbunden mit der Anthropsophie, doch das gilt nur ganz persönlich für mich und nicht allgemein. Spirituelle Aufklärung ist sowenig Anthroposophie wie rationale Aufklärung Kantianismus wäre. Sie ist eine besondere Haltung, die sich in verschiedensten Ansätzen und Strömungen zeigt und die bei allen Unterschieden jenes verbindende Element ist, das nicht nur diese Strömungen sondern latent auch manche dezidiert unspirituelle Veranstaltung wie z.B. die Systemtheorie von Luhmann durchzieht und die in gewissem Sinne immer die Transformation und Aufhebung des bestehenden Paradigmas auf eine neuen Ebene ist. Da sich diese Transformation letztlich nur aus der neuen Ebene heraus nachvollziehen lässt und sich nicht aus der alten Ebene erschließt, scheitert am Ende jeder und damit auch dieser Versuch, darüber Mitteilungen zu machen, ohne bereits die Transformation vorauszusetzen. Dass die Transformation aber dennoch möglich ist, ist das Geheimnis des Lebens.
Freund es ist auch genug.
Jm fall du mehr wilt lesen
So geh und werde selbst die Schrifft
und selbst das Wesen.
(Angelus Silesius)
Jm fall du mehr wilt lesen
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(Angelus Silesius)
Freitag, 29. Mai 2009
Spirituelle Aufklärung 6
Die Kultur der Eigentlichkeit
Wenn ich im Vorstehenden mein Bedauern darüber ausgedrückt habe, dass die Anthroposophie mir nicht den Weg zeigen konnte zu jener Dimension des Bewusstseins, die sich im Nichts aufgehoben erlebt, dann muss relativierend in Betracht gezogen werden, dass das Auffinden dieses Weges in so hohem Maße mit einer inneren Distanzierung und einer Relativierung der eigenen Vorkonfiguration einhergeht, dass es vielleicht geradezu unmöglich ist, aus einer intensiven anthroposophischen Sozialisierung heraus ohne eine gewisse Distanz zu dieser Sozialisierung einen solchen Weg zu finden. Die Emanzipation von meiner Anthroposophie war am Ende die Schlüsselbedingung dafür, diese "Tür", die Anthropsophie zweifellos sein will und für Andere vielleicht auch ist, überhaupt zu sehen. In diesem Sinne war die Anthroposophie für mich der erwähnte Hüter der Schwelle, indem sie mich einerseits solange davon abgehalten hat, diese Tür zu finden, bis ich meinen eigenen Weg zu ihr gefunden hatte, mir gleichzeitig aber auch die Idee einer solchen Tür überhaupt erst verfügbar machte und mir auch ein begriffliches Instrumentarium an die Hand gab, meine Erfahrungen einzuordnen, zu deuten und am Ende überhaupt bemerken zu können. Und so erkenne ich heute in weiten Teilen des Werkes von Rudolf Steiner, ebenso wie in vielen anderen, diese Erlebnisschicht klar und deutlich wieder.
Das Wiedererkennen der Anthroposophie in jener unmittelbaren Erfahrung des reinen Bewusstseins ist aber weit entfernt von all jenen geschilderten anthroposophischen Vorurteilen, jenes intellektuellen und esoterischen Tsunami, den die Rudolf-Steiner-Lektüre andererseits auch über einen jungen Menschen hereinbrechen lassen kann. Aus heutiger Sicht habe ich mir die falschen Vorstellungen - oder in vielen Fällen fälschlicherweise überhaupt Vorstellungen - zu dem gebildet, was Steiner schreibt. Ich hege insofern keinerlei Groll gegen die Anthroposophie, sondern nehme die Verantwortung für die "Behinderung", die sich für mich mit ihr verbunden hat, auf mich selbst und danke ihr zugleich für den Weg, den sie mir trotz alledem bereitet hat, und für den trotz aller Kontroverse beeindruckenden kulturellen Kontext, den sie als spirituelle Bewegung aufgebaut hat und bereit hält. Zugleich sehe ich aber die Problematik, die sich auf meinem persönlichen Weg mit der Anthroposophie verbindet, durchaus auch als ein systematisches Phänomen der Anthroposophie an. Denn obwohl Steiner in die höchsten Dimensionen anhaftungsfreier Spiritualität verweist, hat sich um diesen spirituellen Kern der Anthrposophie herum eine Art ideologischer Wall gebildet, der historisch gesehen einerseits vielleicht unumgänglich war, andererseits aber auch ihre Kontinuität sicherte in einer Zeit wie dem 20. Jahrhundert, in der, anders als heute, Spiritualität weitgehend für obsolet gehalten wurde und ein gesellschaftliches Schattendasein führte. Das vergleichsweise tiefe Eindringen der Anthroposophie in die praktische Alltäglichkeit und ihr wissenschaftlich-rationaler Anspruch machte sie alltagstauglich für ein modernes aufgeklärtes Bewusstsein, lenkte aber auch vom spirituellen Kern ab. Anders als in anderen spirituellen Ströumungen geht der Zugang zur Anthroposophie nicht notwendigerweise von einem spirituellen Erlebnis oder einer spirituellen Suche aus, sondern kann über ganz praktische, kulturelle und soziale Anknüpfungspunkte erfolgen und führt auch in vielen Fällen überhaupt nicht bis zum esoterischen Zentrum der Anthroposophie. Waldorflehrer, Therapeut, Heilpädagoge, Demeterlandwirt, Eurythmist etc. kann man letztlich ganz ohne eine spirituelle Fragestellung im eigentlichen Sinne werden, und auch ohne deswegen an Authentizität zu verlieren.
In diesem Bereich ist Anthroposophie keine spirituelle Ströumung, sondern eine spirituell inspirierte kulturelle Strömung. Betrachtet man Steiners Wirken ab der theosophischen Zeit (ab ca. 1900), so zeigt sich dort rein historisch und biographisch eine Wende in die Theosophie, später die Anthroposophie und damit äußerlich gesehen in eine esoterische, spirituelle Tradition. Das Frühwerk Steiners wird demgegenüber vielfach als "nur" philosophisch bezeichnet und es rankt sich eine Kontroverse um die Frage der Kontinuität zwischen Früh- und Spätwerk. Während die einen die philosophische Phase gleichsam als Preliminarium zur eigentlichen Anthroposophie betrachten, finden Andere wiederum, dass das Spätwerk nur eine Transformation der frühen Ideen in die theosophische Sprache sind. Auch die Frage, ob Steiner jene okkulten Inhalte, wie sie im Spätwerk ausgebreitet sind, schon vor 1900 präsent hatte, ob er also gleichsam schon "Eingeweihter" war und diese Inhalte nur zurückgehalten hat, erhizt die Gemüter. Auch mich hat diese Frage immer beschäftigt, insbesondere weil ich mich mit beiden Seiten verbunden habe. Biographisch zuerst mit dem Spät- und dann mit dem Frühwerk. Und weil für mich auch in meinem unmittelbaren anthroposophischen Alltag stets die Kluft zwischen "normaler", rational nachvollziehbarer Welterklärung unserer Gegenwartskultur und anthroposophischer, rational nicht unmittelbar nachvollziehbarer Welterklärung offenstand und eines meiner dringendsten Anliegen war, diese Kluft zu schließen: kann man Anthroposophie aus der Vorstellungs- und Begriffswelt unserer Gegenwartskultur entwickeln? Ist das philosophische Werk Steiners ein solcher Versuch? Und kann man die Errungenschaften unseres naturwissenschaftlich aufgeklärten Weltbildes aus der Anthroposophie heraus erklären, ohne sie als bloßen Irrtum oder Einseitigkeit abzutun? Ich erlebte beides als zwei voneinander relativ unabhängige aber gültige Welten und mein Anliegen war, die eine in die andere transformieren zu können.
In Steiners Werk findet diese Kluft ihre Entsprechung in dem Schnitt zwischen Früh- und Spätwerk. Und lange Zeit vertrat auch ich die Ansicht, dass das philosophische Frühwerk in gewisser Weise eine Vorstufe zur Anthroposophie sei, das "nur" begriffliche Äquivalent zur geistigen Schauung. Von größerer Klarheit und Nachvollziehbarkeit, aber von geringerer Reichweite. Erst die in den vorangegangenen Darstellungen beschriebenen Veränderungen meiner Weltsicht ließ mich hier zu einer neuen Ansicht kommen. Ich habe diese Ansicht nicht aus der Beschäftigung mit Steiner heraus entwickelt, sondern - wie bereits dargestellt - durch andere Anregungen. Aber ich habe die sich wandelnden und entwickelnden Ansichten stets gegen Steiner validiert und dabei erstaunlicherweise weder Widersprüche noch Bestätigung meiner Steinerinterpretation festgestellt, sondern eine Transformation meines Bildes von Steiner. Neben - und chronologisch vor - dem oben geschilderten Erleben, das ich als die Erfahrung des Nichts bezeichnet habe, bin ich durch eher zufällige Anlässe auf das Werk von Niklas Luhmann gestoßen, der in seiner Systemtheorie einen konstruktivistischen Ansatz für die Soziologie ausgearbeitet hat. Zentral ist dabei die Ansicht Luhmanns, dass Systeme nicht einfach so existieren, sondern dass sie nur dann existieren, wenn sie als Systeme beobachtet werden. Zugleich existiert aber auch der Beobachter (bzw. das beobachtende System) nur dadurch, dass es beobachtet. System und Beobachter bedingen einander nicht nur gegenseitig, sie entstehen autopoetisch aus der systembeobachtenden Operation. Damit setzt Luhmann nicht das Sein, sondern die Operation an den systematischen Beginn der Systeme, die als solche nur ein Konstrukt dieser Operation sind, ebenso wie auch der Beobachter (der Operierende) nur als Teil dieser Konstruktion existiert. Ich habe in meinem oben zitierten Buch "Am Anfang war die Unterscheidung" versucht, diese Dinge ausführlicher darzustellen und zu begründen, warum ich darin einen nicht nur für die Soziologie geeigneten, sondern einen universellen philosophischen Ansatz sehe.
Diese radikale Umstülpung der philosophischen Systematik vom Primat der Ontologie zum Konstruktivismus, in dem das Sein dem Bewusstsein (als universellster Instanz des Beobachtens als Operation) folgt und Objekt wie Subjekt dieser Operation ihr Sein verdanken, ist in philosophischen Worten und Begriffen nichts anderes, als das oben geschilderte Erlebnis des reinen Bewusstseins und des Aufgehobenseins im Nichts und Absoluten. Die Konsequenzen dieser Identifikation sind weitreichend!
Interessanterweise bildete sich bei mir dieser begriffliche Zusammenhang nicht als nachträgliche Erklärung zu dem geschilderten Erlebnis, sondern das Erlebnis folgte der philosophischen Erarbeitung dieser Begriffe. Und im Sinne der oben beschriebenen, immerwährenden und nur verdeckten Anwesenheit dieser Bewusstseinsschicht war vielleicht die philosophische Begegnung mit dem Konstruktivismus eine Bedingung dafür, diese Bewusstseinsschicht dank der Verfügbarkeit geeigneter Begriffe überhaupt wahrnehmen zu können. Was diese Begriffe aber in jedem Falle ermöglichten, das war eine neue Perspektive auf Steiners philosophisches Werk. Denn wie auch in meinem erwähnten Buch beschrieben, finden sich z.B. in Steiners Philosophie der Freiheit Aussagen, die nur unter der Voraussetzung eben dieser radikalen Umstülpung, wie Luhmann sie für den Konstruktivismus formuliert, einen Sinn ergeben. Dass das Subjekt (und das Objekt), wie Steiner schreibt, nur "von des Denkens Gnaden lebt", lässt sich zunächst nur auf einen relativ trivialen sprachphilosophischen Sinn bringen: insofern ich etwas ein Subjekt nenne, muss ich zuvor Begriffe haben, also im weitesten Sinne denken. Im Kontext des Konstruktivismus bekommt aber dieser Satz von Steiner einen ganz anderen und insbesondere einen tieferen, existenziellen Sinn: das Denken ist bei Steiner jene operative Instanz, die Luhmann "Beobachten" nennt, die ich oben Bewusstsein genannt habe und die man mit tausend Worten nicht beschreiben kann. Und dann steht das Subjekt nicht nur in einer begrifflichen Bedeutungsabhängigkeit vom Denken als dem alle Begriffe hervorbringenden, sondern das Subjekt "lebt" tatsächlich nur in diesem und durch dieses Denken. Es ist nicht nur ALS SUBJEKT durch das Denken da, sondern es ist auch als Subjekt nur durch das Denken DA! Es ist nicht nur systematisch sondern auch ontologisch dem Denken untergeordnet.
Und diese Erkenntnis ist, wie bereits geschrieben, philosophischer Ausdruck desjenigen Erlebens, das als Kardinalerfahrung und Ausganspunkt letztlich jedes spirituellen Weltzugangs gelten muss, das ich als Erfahrung des Nichts oder als reines Bewusstsein beschrieben habe, auf das an anderen Stellen als Zeugenschaft, als Erleuchtung, als Achtsamkeit, als absolutes Bewusstsein, als Tao und mit tausend anderen Namen Bezug genommen wird. An dieser Stelle, die Steiner in seiner Philosophie der Freiheit gezielt markiert und die Luhmann ohne spirituelle Zielsetzung, wissenschaftlich aber deutlich schärfer und uns historisch naheliegender darstellt, begegnen sich gleichsam Philosophie und Spiritualität. Und dieser Tatsache, so meine Auffassung, war sich Steiner in ganz eminentem Sinne bewusst! Denn erst unter der Prämisse, dass in Steiners sogenanntem philosophischem Werk tiefste spirituelle Erfahrungen dargestellt werden, machen die schulphilosophisch bisweilen eher dünnwandigen Darstellungen einen Sinn und verleihen den Schriften jene Bedeutung, die ihnen zumindest von anthroposophischer Seite aus zugeschrieben werden.
Was Steiner, durchaus mit philosophischen Mitteln, in seinem Frühwerk niedergelegt hat, das ist keine bloße philosophische Spekulation, sondern das ist im Grunde jene Spiritualität, die wir heute in zahllosen Büchern in jeder Kleinstadtbuchhandlung ausgebreitet finden, die von ungezählten spirituellen Lehrern auf der ganzen Welt gelehrt wird und die sich in den ältesten gnostisch-mystischen Traditionen wiederfindet. Steiner allerdings hat diese Werke ausgearbeitet in einer Zeit, in der selbst Großstadtbuchhandlungen keine Abteilung "Esoterik" kannten und in denen so gut wie kein entsprechender Kontext vorhanden war, um anders, als er es gemacht hat, nämlich philosophisch, diese Dinge zu formulieren. Erst bei den Theosophen, auch diese damals eine mikroskopische Randerscheinung der Gesellschaft, schien Steiner einen Kontext zu finden, der es ihm ermöglichte, über diese Dinge so zu sprechen, das sein Publikum zumindest im Groben verstand, worum es ging. Seinen "philosophischen" Schriften blieb nach seiner eigenen Auskunft dieses Verständnis versagt.
Und mit dieser Einsicht schloss sich für mich auf ganz überraschende Weise plötzlich jene Kluft zwischen anthroposophischer Esoterik und philosophischer Wissenschaft, zwischen Früh- und Spätwerk von Steiner. Aber nicht in jener Weise, die ich vielleicht zuvor gesucht hatte, sondern mit dem überraschenden Ergebnis, dass das "philosophisch" genannte Werk Steiners kein Vorspiel, sondern das eigentliche und unmittelbar spirituelle Werk ist, während das "anthroposophische" oder "theosophische" im Grunde keine Erfüllung der biographischen Entwicklung Steiners zum Eingeweihten ist, auch nicht die Offenbarung der eigentlichen Anthroposophie für das endlich gefundene, reife Publikum. Sondern im Sinne der oben geschilderten Praxisnähe und Kultivierung der Spiritualität ist diese "nachtheosophische Anthroposophie" im Grunde bereits wieder ein Abstieg aus der spirituellen Höhe in die als konstruktivistisch-spirituelle, im Bewusstsein aufgehobene Wirklichkeit erkannte Welt. Die Anthroposophie ist mithin nichts anderes, als die von Steiner geschaffene eigene Wirklichkeit, im Bewusstsein des konstruktivistischen Vorbehalts und im Bewusstsein der Abhängigkeit der Welt vom Subjekt bzw. von der beides hervorbringenden Operation. Anthroposophie (im Sinne des Spätwerkes) ist damit nicht die Auffahrt in die geistig-sprituellen Höhen der Erleuchtung, sondern sie ist das Wiedereintauchen in die sinnliche Wirklichkeit nach der spirituellen oder konstruktivistischen Auflösung der ontologischen Vorurteile unserer naiv-realistischen Welterfahrung. Sie ist im Grunde eine Auferstehung des sich seiner Absolutheit bewusst gewordenen und aus dieser Absolutheit wieder in die Entäußerung sich stürzenden Seins.
Steiner nennt dieses Sein mit einem von vielen Begriffen die "freie Individualität". Und diese Auferstehung und das freie, individuelle und angesichts des Nichts und des Absoluten keinerlei äußerer Motive bedürftige und aus der schieren "Liebe zur Tat" und also aus Spaß an der Freud (s.o.) agierende Sein (das, wie wir mit Luhmann wissen, kein Sein, sondern ein Operieren ist), ist meiner heutigen Meinung nach der Grund für dasjenige, was für mich die Anthroposophie als Kulturströmung nach wie vor und trotz aller Vorbehalte als etwas Besonderes hervorhebt: sich mit ganzem Herzen auf sein Handeln einzulassen und zu versuchen, insbesondere in den Praxisfeldern, seiner Sache alles abzufordern, was sie zu einem Eigentlichen macht. Das gelingt nicht immer, das führt bisweilen auch zu Exzessen und Karrikaturen, das kann auch kontraproduktiv und absurd werden, aber wenn man eine Waldorfschule betritt, dann spürt man unmittelbar, dass hier jemand versucht, Schule so zu machen, wie sie "eigentlich" sein sollte. Wenn man einer Handlung der Christengemeinschaft beiwohnt - auch wenn man wie ich Atheist ist - dann spürt man etwas davon: so stellt sich Gott eine Messe vor! Wenn man ein Demeterbrot kauft, dann schmeckt man, dass hier jemand in der Aufgabe aufgeht, ein richtiges BROT zu backen. Wie gesagt, das misslingt auch oft, manchmal schmeckt's nur noch nach Mühe und vielleicht stellt sich Gott eine Messe manchmal auch beschwingter vor, aber man spürt diese Absicht und diese Absicht scheint mir mit jener oben beschriebenen Auferstehung zu tun zu haben, aus der die Anthropsophie im engeren Sinne ihre Inspiration zieht.
Und diese Kultur der Eigentlichkeit könnte als Kern der Anthroposophie aller Traditionspflege und der schieren Formerhaltung vorgezogen werden. Denn nur in ihr ist derjenige Impuls wirklich lebendig, der die Anthroposophie hervorgebracht hat und der auch noch ganz andere Dinge hervorbringen kann, als nur das, was sich historisch als anthroposophisches Kulturgut ausgeprägt hat. In diesem Impuls kann sich Anthroposophie nicht nur täglich neu erfinden, sondern sich auch mit anderen Kulturen der Eigentlichkeit, ob spirituell, wissenschaftlich oder völlig anders, synergisch verbinden, ohne sich selbst zu verlieren, ohne auf individuelle Ausprägung und liebgewonnene Traditionen verzichten zu müssen.
Wenn ich im Vorstehenden mein Bedauern darüber ausgedrückt habe, dass die Anthroposophie mir nicht den Weg zeigen konnte zu jener Dimension des Bewusstseins, die sich im Nichts aufgehoben erlebt, dann muss relativierend in Betracht gezogen werden, dass das Auffinden dieses Weges in so hohem Maße mit einer inneren Distanzierung und einer Relativierung der eigenen Vorkonfiguration einhergeht, dass es vielleicht geradezu unmöglich ist, aus einer intensiven anthroposophischen Sozialisierung heraus ohne eine gewisse Distanz zu dieser Sozialisierung einen solchen Weg zu finden. Die Emanzipation von meiner Anthroposophie war am Ende die Schlüsselbedingung dafür, diese "Tür", die Anthropsophie zweifellos sein will und für Andere vielleicht auch ist, überhaupt zu sehen. In diesem Sinne war die Anthroposophie für mich der erwähnte Hüter der Schwelle, indem sie mich einerseits solange davon abgehalten hat, diese Tür zu finden, bis ich meinen eigenen Weg zu ihr gefunden hatte, mir gleichzeitig aber auch die Idee einer solchen Tür überhaupt erst verfügbar machte und mir auch ein begriffliches Instrumentarium an die Hand gab, meine Erfahrungen einzuordnen, zu deuten und am Ende überhaupt bemerken zu können. Und so erkenne ich heute in weiten Teilen des Werkes von Rudolf Steiner, ebenso wie in vielen anderen, diese Erlebnisschicht klar und deutlich wieder.
Das Wiedererkennen der Anthroposophie in jener unmittelbaren Erfahrung des reinen Bewusstseins ist aber weit entfernt von all jenen geschilderten anthroposophischen Vorurteilen, jenes intellektuellen und esoterischen Tsunami, den die Rudolf-Steiner-Lektüre andererseits auch über einen jungen Menschen hereinbrechen lassen kann. Aus heutiger Sicht habe ich mir die falschen Vorstellungen - oder in vielen Fällen fälschlicherweise überhaupt Vorstellungen - zu dem gebildet, was Steiner schreibt. Ich hege insofern keinerlei Groll gegen die Anthroposophie, sondern nehme die Verantwortung für die "Behinderung", die sich für mich mit ihr verbunden hat, auf mich selbst und danke ihr zugleich für den Weg, den sie mir trotz alledem bereitet hat, und für den trotz aller Kontroverse beeindruckenden kulturellen Kontext, den sie als spirituelle Bewegung aufgebaut hat und bereit hält. Zugleich sehe ich aber die Problematik, die sich auf meinem persönlichen Weg mit der Anthroposophie verbindet, durchaus auch als ein systematisches Phänomen der Anthroposophie an. Denn obwohl Steiner in die höchsten Dimensionen anhaftungsfreier Spiritualität verweist, hat sich um diesen spirituellen Kern der Anthrposophie herum eine Art ideologischer Wall gebildet, der historisch gesehen einerseits vielleicht unumgänglich war, andererseits aber auch ihre Kontinuität sicherte in einer Zeit wie dem 20. Jahrhundert, in der, anders als heute, Spiritualität weitgehend für obsolet gehalten wurde und ein gesellschaftliches Schattendasein führte. Das vergleichsweise tiefe Eindringen der Anthroposophie in die praktische Alltäglichkeit und ihr wissenschaftlich-rationaler Anspruch machte sie alltagstauglich für ein modernes aufgeklärtes Bewusstsein, lenkte aber auch vom spirituellen Kern ab. Anders als in anderen spirituellen Ströumungen geht der Zugang zur Anthroposophie nicht notwendigerweise von einem spirituellen Erlebnis oder einer spirituellen Suche aus, sondern kann über ganz praktische, kulturelle und soziale Anknüpfungspunkte erfolgen und führt auch in vielen Fällen überhaupt nicht bis zum esoterischen Zentrum der Anthroposophie. Waldorflehrer, Therapeut, Heilpädagoge, Demeterlandwirt, Eurythmist etc. kann man letztlich ganz ohne eine spirituelle Fragestellung im eigentlichen Sinne werden, und auch ohne deswegen an Authentizität zu verlieren.
In diesem Bereich ist Anthroposophie keine spirituelle Ströumung, sondern eine spirituell inspirierte kulturelle Strömung. Betrachtet man Steiners Wirken ab der theosophischen Zeit (ab ca. 1900), so zeigt sich dort rein historisch und biographisch eine Wende in die Theosophie, später die Anthroposophie und damit äußerlich gesehen in eine esoterische, spirituelle Tradition. Das Frühwerk Steiners wird demgegenüber vielfach als "nur" philosophisch bezeichnet und es rankt sich eine Kontroverse um die Frage der Kontinuität zwischen Früh- und Spätwerk. Während die einen die philosophische Phase gleichsam als Preliminarium zur eigentlichen Anthroposophie betrachten, finden Andere wiederum, dass das Spätwerk nur eine Transformation der frühen Ideen in die theosophische Sprache sind. Auch die Frage, ob Steiner jene okkulten Inhalte, wie sie im Spätwerk ausgebreitet sind, schon vor 1900 präsent hatte, ob er also gleichsam schon "Eingeweihter" war und diese Inhalte nur zurückgehalten hat, erhizt die Gemüter. Auch mich hat diese Frage immer beschäftigt, insbesondere weil ich mich mit beiden Seiten verbunden habe. Biographisch zuerst mit dem Spät- und dann mit dem Frühwerk. Und weil für mich auch in meinem unmittelbaren anthroposophischen Alltag stets die Kluft zwischen "normaler", rational nachvollziehbarer Welterklärung unserer Gegenwartskultur und anthroposophischer, rational nicht unmittelbar nachvollziehbarer Welterklärung offenstand und eines meiner dringendsten Anliegen war, diese Kluft zu schließen: kann man Anthroposophie aus der Vorstellungs- und Begriffswelt unserer Gegenwartskultur entwickeln? Ist das philosophische Werk Steiners ein solcher Versuch? Und kann man die Errungenschaften unseres naturwissenschaftlich aufgeklärten Weltbildes aus der Anthroposophie heraus erklären, ohne sie als bloßen Irrtum oder Einseitigkeit abzutun? Ich erlebte beides als zwei voneinander relativ unabhängige aber gültige Welten und mein Anliegen war, die eine in die andere transformieren zu können.
In Steiners Werk findet diese Kluft ihre Entsprechung in dem Schnitt zwischen Früh- und Spätwerk. Und lange Zeit vertrat auch ich die Ansicht, dass das philosophische Frühwerk in gewisser Weise eine Vorstufe zur Anthroposophie sei, das "nur" begriffliche Äquivalent zur geistigen Schauung. Von größerer Klarheit und Nachvollziehbarkeit, aber von geringerer Reichweite. Erst die in den vorangegangenen Darstellungen beschriebenen Veränderungen meiner Weltsicht ließ mich hier zu einer neuen Ansicht kommen. Ich habe diese Ansicht nicht aus der Beschäftigung mit Steiner heraus entwickelt, sondern - wie bereits dargestellt - durch andere Anregungen. Aber ich habe die sich wandelnden und entwickelnden Ansichten stets gegen Steiner validiert und dabei erstaunlicherweise weder Widersprüche noch Bestätigung meiner Steinerinterpretation festgestellt, sondern eine Transformation meines Bildes von Steiner. Neben - und chronologisch vor - dem oben geschilderten Erleben, das ich als die Erfahrung des Nichts bezeichnet habe, bin ich durch eher zufällige Anlässe auf das Werk von Niklas Luhmann gestoßen, der in seiner Systemtheorie einen konstruktivistischen Ansatz für die Soziologie ausgearbeitet hat. Zentral ist dabei die Ansicht Luhmanns, dass Systeme nicht einfach so existieren, sondern dass sie nur dann existieren, wenn sie als Systeme beobachtet werden. Zugleich existiert aber auch der Beobachter (bzw. das beobachtende System) nur dadurch, dass es beobachtet. System und Beobachter bedingen einander nicht nur gegenseitig, sie entstehen autopoetisch aus der systembeobachtenden Operation. Damit setzt Luhmann nicht das Sein, sondern die Operation an den systematischen Beginn der Systeme, die als solche nur ein Konstrukt dieser Operation sind, ebenso wie auch der Beobachter (der Operierende) nur als Teil dieser Konstruktion existiert. Ich habe in meinem oben zitierten Buch "Am Anfang war die Unterscheidung" versucht, diese Dinge ausführlicher darzustellen und zu begründen, warum ich darin einen nicht nur für die Soziologie geeigneten, sondern einen universellen philosophischen Ansatz sehe.
Diese radikale Umstülpung der philosophischen Systematik vom Primat der Ontologie zum Konstruktivismus, in dem das Sein dem Bewusstsein (als universellster Instanz des Beobachtens als Operation) folgt und Objekt wie Subjekt dieser Operation ihr Sein verdanken, ist in philosophischen Worten und Begriffen nichts anderes, als das oben geschilderte Erlebnis des reinen Bewusstseins und des Aufgehobenseins im Nichts und Absoluten. Die Konsequenzen dieser Identifikation sind weitreichend!
Interessanterweise bildete sich bei mir dieser begriffliche Zusammenhang nicht als nachträgliche Erklärung zu dem geschilderten Erlebnis, sondern das Erlebnis folgte der philosophischen Erarbeitung dieser Begriffe. Und im Sinne der oben beschriebenen, immerwährenden und nur verdeckten Anwesenheit dieser Bewusstseinsschicht war vielleicht die philosophische Begegnung mit dem Konstruktivismus eine Bedingung dafür, diese Bewusstseinsschicht dank der Verfügbarkeit geeigneter Begriffe überhaupt wahrnehmen zu können. Was diese Begriffe aber in jedem Falle ermöglichten, das war eine neue Perspektive auf Steiners philosophisches Werk. Denn wie auch in meinem erwähnten Buch beschrieben, finden sich z.B. in Steiners Philosophie der Freiheit Aussagen, die nur unter der Voraussetzung eben dieser radikalen Umstülpung, wie Luhmann sie für den Konstruktivismus formuliert, einen Sinn ergeben. Dass das Subjekt (und das Objekt), wie Steiner schreibt, nur "von des Denkens Gnaden lebt", lässt sich zunächst nur auf einen relativ trivialen sprachphilosophischen Sinn bringen: insofern ich etwas ein Subjekt nenne, muss ich zuvor Begriffe haben, also im weitesten Sinne denken. Im Kontext des Konstruktivismus bekommt aber dieser Satz von Steiner einen ganz anderen und insbesondere einen tieferen, existenziellen Sinn: das Denken ist bei Steiner jene operative Instanz, die Luhmann "Beobachten" nennt, die ich oben Bewusstsein genannt habe und die man mit tausend Worten nicht beschreiben kann. Und dann steht das Subjekt nicht nur in einer begrifflichen Bedeutungsabhängigkeit vom Denken als dem alle Begriffe hervorbringenden, sondern das Subjekt "lebt" tatsächlich nur in diesem und durch dieses Denken. Es ist nicht nur ALS SUBJEKT durch das Denken da, sondern es ist auch als Subjekt nur durch das Denken DA! Es ist nicht nur systematisch sondern auch ontologisch dem Denken untergeordnet.
Und diese Erkenntnis ist, wie bereits geschrieben, philosophischer Ausdruck desjenigen Erlebens, das als Kardinalerfahrung und Ausganspunkt letztlich jedes spirituellen Weltzugangs gelten muss, das ich als Erfahrung des Nichts oder als reines Bewusstsein beschrieben habe, auf das an anderen Stellen als Zeugenschaft, als Erleuchtung, als Achtsamkeit, als absolutes Bewusstsein, als Tao und mit tausend anderen Namen Bezug genommen wird. An dieser Stelle, die Steiner in seiner Philosophie der Freiheit gezielt markiert und die Luhmann ohne spirituelle Zielsetzung, wissenschaftlich aber deutlich schärfer und uns historisch naheliegender darstellt, begegnen sich gleichsam Philosophie und Spiritualität. Und dieser Tatsache, so meine Auffassung, war sich Steiner in ganz eminentem Sinne bewusst! Denn erst unter der Prämisse, dass in Steiners sogenanntem philosophischem Werk tiefste spirituelle Erfahrungen dargestellt werden, machen die schulphilosophisch bisweilen eher dünnwandigen Darstellungen einen Sinn und verleihen den Schriften jene Bedeutung, die ihnen zumindest von anthroposophischer Seite aus zugeschrieben werden.
Was Steiner, durchaus mit philosophischen Mitteln, in seinem Frühwerk niedergelegt hat, das ist keine bloße philosophische Spekulation, sondern das ist im Grunde jene Spiritualität, die wir heute in zahllosen Büchern in jeder Kleinstadtbuchhandlung ausgebreitet finden, die von ungezählten spirituellen Lehrern auf der ganzen Welt gelehrt wird und die sich in den ältesten gnostisch-mystischen Traditionen wiederfindet. Steiner allerdings hat diese Werke ausgearbeitet in einer Zeit, in der selbst Großstadtbuchhandlungen keine Abteilung "Esoterik" kannten und in denen so gut wie kein entsprechender Kontext vorhanden war, um anders, als er es gemacht hat, nämlich philosophisch, diese Dinge zu formulieren. Erst bei den Theosophen, auch diese damals eine mikroskopische Randerscheinung der Gesellschaft, schien Steiner einen Kontext zu finden, der es ihm ermöglichte, über diese Dinge so zu sprechen, das sein Publikum zumindest im Groben verstand, worum es ging. Seinen "philosophischen" Schriften blieb nach seiner eigenen Auskunft dieses Verständnis versagt.
Und mit dieser Einsicht schloss sich für mich auf ganz überraschende Weise plötzlich jene Kluft zwischen anthroposophischer Esoterik und philosophischer Wissenschaft, zwischen Früh- und Spätwerk von Steiner. Aber nicht in jener Weise, die ich vielleicht zuvor gesucht hatte, sondern mit dem überraschenden Ergebnis, dass das "philosophisch" genannte Werk Steiners kein Vorspiel, sondern das eigentliche und unmittelbar spirituelle Werk ist, während das "anthroposophische" oder "theosophische" im Grunde keine Erfüllung der biographischen Entwicklung Steiners zum Eingeweihten ist, auch nicht die Offenbarung der eigentlichen Anthroposophie für das endlich gefundene, reife Publikum. Sondern im Sinne der oben geschilderten Praxisnähe und Kultivierung der Spiritualität ist diese "nachtheosophische Anthroposophie" im Grunde bereits wieder ein Abstieg aus der spirituellen Höhe in die als konstruktivistisch-spirituelle, im Bewusstsein aufgehobene Wirklichkeit erkannte Welt. Die Anthroposophie ist mithin nichts anderes, als die von Steiner geschaffene eigene Wirklichkeit, im Bewusstsein des konstruktivistischen Vorbehalts und im Bewusstsein der Abhängigkeit der Welt vom Subjekt bzw. von der beides hervorbringenden Operation. Anthroposophie (im Sinne des Spätwerkes) ist damit nicht die Auffahrt in die geistig-sprituellen Höhen der Erleuchtung, sondern sie ist das Wiedereintauchen in die sinnliche Wirklichkeit nach der spirituellen oder konstruktivistischen Auflösung der ontologischen Vorurteile unserer naiv-realistischen Welterfahrung. Sie ist im Grunde eine Auferstehung des sich seiner Absolutheit bewusst gewordenen und aus dieser Absolutheit wieder in die Entäußerung sich stürzenden Seins.
Steiner nennt dieses Sein mit einem von vielen Begriffen die "freie Individualität". Und diese Auferstehung und das freie, individuelle und angesichts des Nichts und des Absoluten keinerlei äußerer Motive bedürftige und aus der schieren "Liebe zur Tat" und also aus Spaß an der Freud (s.o.) agierende Sein (das, wie wir mit Luhmann wissen, kein Sein, sondern ein Operieren ist), ist meiner heutigen Meinung nach der Grund für dasjenige, was für mich die Anthroposophie als Kulturströmung nach wie vor und trotz aller Vorbehalte als etwas Besonderes hervorhebt: sich mit ganzem Herzen auf sein Handeln einzulassen und zu versuchen, insbesondere in den Praxisfeldern, seiner Sache alles abzufordern, was sie zu einem Eigentlichen macht. Das gelingt nicht immer, das führt bisweilen auch zu Exzessen und Karrikaturen, das kann auch kontraproduktiv und absurd werden, aber wenn man eine Waldorfschule betritt, dann spürt man unmittelbar, dass hier jemand versucht, Schule so zu machen, wie sie "eigentlich" sein sollte. Wenn man einer Handlung der Christengemeinschaft beiwohnt - auch wenn man wie ich Atheist ist - dann spürt man etwas davon: so stellt sich Gott eine Messe vor! Wenn man ein Demeterbrot kauft, dann schmeckt man, dass hier jemand in der Aufgabe aufgeht, ein richtiges BROT zu backen. Wie gesagt, das misslingt auch oft, manchmal schmeckt's nur noch nach Mühe und vielleicht stellt sich Gott eine Messe manchmal auch beschwingter vor, aber man spürt diese Absicht und diese Absicht scheint mir mit jener oben beschriebenen Auferstehung zu tun zu haben, aus der die Anthropsophie im engeren Sinne ihre Inspiration zieht.
Und diese Kultur der Eigentlichkeit könnte als Kern der Anthroposophie aller Traditionspflege und der schieren Formerhaltung vorgezogen werden. Denn nur in ihr ist derjenige Impuls wirklich lebendig, der die Anthroposophie hervorgebracht hat und der auch noch ganz andere Dinge hervorbringen kann, als nur das, was sich historisch als anthroposophisches Kulturgut ausgeprägt hat. In diesem Impuls kann sich Anthroposophie nicht nur täglich neu erfinden, sondern sich auch mit anderen Kulturen der Eigentlichkeit, ob spirituell, wissenschaftlich oder völlig anders, synergisch verbinden, ohne sich selbst zu verlieren, ohne auf individuelle Ausprägung und liebgewonnene Traditionen verzichten zu müssen.
Fortsetzung: Tu was Du willst!
Mittwoch, 13. Mai 2009
Spirituelle Aufklärung 5
Der Hüter der Schwelle ist Anthroposoph
Die Möglichkeit einer neuen Erlebnisqualität dem Leben gegenüber, wie ich sie im vorigen Abschnitt als singuläres Kulminationsereignis beschrieben habe, war als solches weit weniger spektakulär, als es so beschrieben klingen mag. Es war als Einzelerlebnis nur wie eine kurze Verzückung, wie das Überraschungsgefühl eines Deja-Vues, wie das plötzliche Auftauchen einer Idee. Als solches wäre es nicht bedeutungsvoller als viele andere besondere Momente. Die Intensität, mit der es im Gedächtnis blieb, liegt in der unmittelbaren Gewissheit, dass es etwas ist, das permanent anwesend bleibt, wenn auch nur latent, und dass es auch vor dem Erlebnis selbst schon anwesend war, ohne dass ich es bemerkt hätte. Wie eine unbemerkte Tapetentür oder ein Vexierbild, dessen Muster ganz spontan und plötzlich eine Figur offenbart, die aber immer schon da war.
Die Besonderheit dieser Erfahrung liegt nicht in ihrem Inhalt, sondern in ihrer Qualität. Das Erlebnis war nicht annähernd so intensiv wie das von irgend welchen Rauschzuständen oder anderen extatischen Erlebnissen. Es war mit ihm keinerlei exponierter Inhalt, keine Vision oder ein besonderer begrifflicher Zusammenhang verbunden. Es ist nur stilles bewusst sein. Aber dieses bewusst sein zu finden war überwältigend, weil es gerade mit KEINEM Inhalt verbunden war, sondern sich rein auf das bewusst sein als solches beschränkte. Und weil es durch nichts Äußeres veranlasst war sondern ganz aus der eigenen innneren Haltung entsprang und die gesamte Aufmerksamkeit nur auf diesem bewusst sein ruhte und dieses bewusst sein reine Aufmerksamkeit war. Es ist eine Erfahrung, deren Absolutheit jenseits jeglicher begrifflichen Reflexion in der unmittelbaren Erlebnisqualität liegt.
Diese Absolutheit ist tatsächlich der Ausgang in jenen "Raum", der jenseits der Welt liegt. Es ist das Betreten jener Sphäre, die ich implizit in meiner universellen Frage nach dem, was übrig bleibt, wenn man die Welt entfernt, unterstellt habe. Dieser Raum ist selbstverständlich nicht außerhalb des Universums zu denken, also nicht Richtung Alpha Centauri und dann noch einige Millionen Lichtjahre weiter, am Ende des Alls. Dieser Raum ist vielmehr dasjenige Bewusstsein, durch das, in dem und mit dem die ganze Welt, wie ich sie erlebe, überhaupt erst anhebt. Es ist die Bedingung des Seins der Welt, ihre Gegründetheit in ihrem eigenen Erfahrenwerden. Es ist jene Bewusstseinsschicht, für welche die Gegenstände der Welt da draußen nur Attrappen aus Pappe, nur auf das Nichts projizierte Schatten sind. Es ist das Bewusstsein, in dem nicht nur die Welt sondern auch ich selbst aufgehoben bin. Es ist jene reine präsubjektive Operationalität, welche in konstruktivistischen Begriffen jeglicher ontologischen Instanz vorangeht. Und das Besondere daran ist, dass diese Qualität als reale Dimension des Bewusstseins nicht nur begrifflich erörtert und philosophisch erschlossen, sondern ganz konkret als Bewusstseinsverfassung erfahrbar ist.
Es ist nur wie ein inneres Innehalten und Loslassen nötig, und alles Erlebte tritt etwas zurück. Es ist als tauche man etwas daraus auf und blicke von außen darauf. Es ist jenes Erlebnis, das man haben kann, wenn man im Kino ganz in die spannende Handlung eines Films vertieft ist und plötzlich aufblickt, das Publikum und die Leinwand betrachtet, auf der nach wie vor der Film spielt, der aber plötzlich nicht mehr jener mitreißende, eigentlich als aktuelle Wirklichkeit erlebte Strom ist, in dem das Bewusstsein gerade noch mit strömte, sondern der plötzlich nur noch ein Film ist, betrachtet von einem Publikum. Das, was wir Bewusstseinsinhalt nennen, ändert sich durch dieses Innehalten nicht, nur meine Einstellung dazu ändert sich. Ich nehme plötzlich nicht nur den Bewusstseinsinhalt (den Film) wahr, sondern auch das bewusst sein (das Sitzen im Kino) und die Abhängigkeit und Bedingtheit des Inhaltes in diesem Bewusstsein.
Mit dem Auftauchen dieser Bewusstseinsqualität, die man reines Bewusstsein nennen könnte, entschlüsselte sich für mich auch plötzlich eine bestimmte Schicht jener Mythen und Sagen, jener Fülle an okkulten, esoterischen, gnostischen, spirituellen und religiösen Weisheiten, die in unterschiedlichster Form auf diese Art des bewusst seins Bezug nehmen. All die tautologischen und paradoxen Formeln eines höheren Bewusstseins, die sich von der christlichen Mystik bis zum Zen-Buddhismus finden, und die teilweise in abstrakten Begriffen, teilweise in satten Bildern präsentiert werden, sprechen letztlich alle aus einer solchen und über eine solche Bewusstseinsschicht. Man erkennt plötzlich in diesen Versuchen, das Unsagbare zu sagen, was gemeint ist und weiß zugleich, dass man es nie verstehen würde, hätte man es nicht selbst erlebt. Wie das Vexierbild ist es ein völlig offener und dennoch demjenigen, der den "Sprung" noch nicht gemacht hat, ein völlig verschlossener Code. Und so wie einem vor dem Sprung jeglicher Ansatz zum Erkennen des Codes fehlt und sein Vorhandensein geradezu absurd wirkt, so banal und selbstverständlich wirkt sein Vorhandensein nach diesem Sprung. Es dann wirkt geradezu absurd, ihn nicht sehen zu können.
In dieses reine Bewusstsein fällt die ganze Erleuchtungsrhetorik zusammen. Es ist immer nur wieder eine Beschwörung dieses Nichts des reinen Bewusstseins. Und nichts ist leichter als aus diesem Nichts immer wieder und immer wieder eine weisheitstrunkene Tautologie oder eine mystische Paradoxie zu schöpfen, über die der Unwissende lacht, die den Ahnenden beeindruckt, die der Wissende abgeklärt bestätigt und die dennoch nicht ansatzweise dasjenige beschreiben kann, was sie beschreiben will. Denn dieses Nichts, das sie beschreiben will - und das selbstverständlich auch durch das Wort "Nichts" oder "reines Bewusstsein" oder andere Wörter nicht beschrieben wird - es entzieht sich der Beschreibung nicht nur deswegen, weil Sprache grundsätzlich reduktiv ist, sondern weil es im eminentesten Sinne dasjenige ist, was immer nur beschreibt. Denn zentral an dem Erleben dieses reinen bewusst seins ist nicht der Inhalt dieses Erlebens. Es ist noch nicht einmal die Inhaltslosigkeit dieses Erlebens, die in gewisser Weise Voraussetzung dafür ist. Sondern es ist das Gewahrwerden des Erlebens als vom Erlebten unabhängige Operation und Qualität.
Dieses Gewahrwerden ist ein sehr schlichter Vorgang, der sich eben jenseits des Inhaltes oder Nichtinhaltes nur als eine Modifikation der Bewusstseinshaltung zeigt und der letztlich jeden Bewusstseinsinhalt begleitet, weil er ihn überhaupt erst hervorbringt, von diesem meist nur verdeckt wird. Sich der Welt in dieser Weise erlebend gegenüber zu stellen bedeutet nicht, die Welt zu ändern, sondern nur, sie nicht als Geschehnis sondern als Erlebnis wahrzunehmen und sie so zugleich als etwas unmittelbar eigenes aber auch nur bedingtes zu erkennen. Und als solches ist dieses Erlebnis auch auch nicht die Erfüllung aller Ziele und Zwecke, es ist nicht das Endziel aller karmischen, spirituellen, philosophischen oder biographischen Entwicklungen. Es ist vielmehr eine ganz grundlegende Erfahrung der Einheit, bei der Karma, Spiritualität, Philosophie und Biographie erst beginnen können, sich im eigentlichen Sinne frei zu entfalten.
Was nun mich, als Anthroposoph, an der Entdeckung dieser neuen Erfahrungsschicht besonders überrascht hat, war einerseits die Tatsache, dass sich damit ein Kernanliegen meiner Anthroposophie nicht nur erfüllte, sondern sich auf unprätentiöse Weise in einer Vielzahl spiritueller und meditativer Ansätze wieder erkannte und mir klar wurde, dass hinter der Vielfalt spiritueller Beschreibungen immer wieder diese Erfahrung des Absoluten steckt und dass die ganze Fülle an spirituellen Lebensformen letztlich aus dieser besonderen inneren Haltung entspringt. Andererseits lag eine besondere Überraschung darin, dass die Anthroposophie als spiritueller Schulungsweg im Grunde auf genau diese Dimension der Erfahrung abzielte, dennoch aber im Rückblick alles, was ich ihr an Anleitung und Methodik hierzu entnommen habe, mich in eine völlig andere Richtung geleitet hatte.
Jene Anthroposophie, von der mich abzulösen der Beginn der Entwicklung war, die mich schließlich zu dem geschilderten meditativen Erleben gebracht hatte, führte umfangreiche und komplexe Vorstellungen einer geistigen Welt und ihrer imaginativen, inspirativen und intuitiven Erschließung mit sich. Diese Fülle an präsupponiertem Inhalt, verbunden mit einer pathetischen und teleologischen Entwicklungsrhetorik und der Vorstellung eines primär visionären Charakters einer spirituellen Bewusstseinserweiterung, verstellte mir im Grunde komplett den Zugang zu dieser Erlebnisqualität reiner Bewusstheit. Im Bilde gesprochen versuchte diese Anthroposophie, wie ich sie damals verstanden hatte, das Muster des Vexierbildes mit viel Aufwand auszuradieren, um dahinter das noch viel buntere, eigentliche Bild zu finden, statt sich ohne jede äußere Veranstaltung darauf zu konzentrieren, in dem Gegebenen unmittelbar durch die Veränderung der eigenen Einstellung das Gesuchte zu erkennen. Ich erwartete als Anthroposoph tatsächlich, dass sich im Dunkel der von allen sinnlichen Wahrnehmungen abgeschotteten Innerlichkeit die Vision geistiger Inhalte einstellte und gleichsam nur eine zweite Form der Wahrnehmung die erste ersetzte und ergänzte.
Denn dieses ganz einfache und schlichte Achtsamkeitserlebnis, das ganz aus der Reduktion entsteht und dessen Ambitionen sich in keiner Weise über die schiere Achtsamkeit hinaus erstrecken, tauchte in jener Form der Anthroposophie, die ich gepflegt hatte, nicht auf. Meditation ohne Anspruch auf Visionen, Erkenntnisse, Entwicklungsfortschritt, Übung oder eine andere mit Bedeutung gefütterte Zielsetzung wurde gleichsam als leere und geistferne New-Age-Scharlatanerie abgetan. In dieser Inhalt- und Zweckorientiertheit der meditativen Praxis dieser Anthroposophie taucht deutlich ein Aspekt des protestantischen Ethos wieder auf. Hinzu kommt die Erwartung eines finalen Ereignisses, einer Erleuchtung zum höheren Leben, verbunden mit einer geradezu grotesken Verantwortung für das Schicksal der gesamten Menschheitsentwicklung, in der solche Anthroposophie ihr Ziel sieht und die in ihrem alles irdisch-physische überwindenden Entwicklungsziel jeden menschlichen Zeithorizont überschritt. So galt gleichsam der Umkehrschluss: ein meditatives Erleuchtungserleben, das tatsächlich im Hier und Jetzt stattfindet, kann nicht echt sein. Zurück blieb die ferne Aussicht darauf, sowie die Pflicht, es unbarmherzig anzustreben, aber die Gewissheit, es nie erreichen zu können. Auch dies ein klassisches Motiv protestantischen Erlösungsglaubens: Pflichterfüllung auch im Angesicht der Unerreichbarkeit der Erlösung. Durch diese Überfrachtung mit Finalität und Bedeutung entstand nicht nur ein krankhafter Dualismus zwischen Anspruch und Wirklichkeit sondern auch eine Kultivierung quasi religiöser Praktik, die um ihrer selbst Willen etwas anstrebte ohne konkrete Erfüllung zu finden, während rings umher spirituelle Ströumungen das 20. Jahrhundert bevölkerten, die aus alten oder neuen Quellen schöpfend dem modernen Bewusstsein in unterschiedlichsten Meditationsformen jene Bewusstseinsschicht freizulegen begannen, die ganz unprätentiös die Tür zu demjenigen öffnet, das in der anthroposophischen Terminologie als geistige Welt bezeichnet wird.
Bedauerlich ist dies im Rückblick insbesondere deswegen, weil außer Frage stehen muss, dass Rudolf Steiner diese Tür kannte und nutzte, sie ihm vielleicht wie kaum einem Anderen in unserer Zeit eine gleichsam angeborene Selbstverständlichkeit war. Dies zeigen die durchaus vorhandenen Bemühungen von Steiner, Wege zur geistigen Schulung zu weisen. Dass diese Bemühungen nicht fruchteten sondern Steiner durch seinen auf die Welt zurück gewendeten, sie als geistiges Ereignis verstehenden anthroposophischen Impuls einen ganzen Kosmos der Weltdeutung erschuf, unter dem dieser Zugang gleichsam begraben liegt, das könnte seinen Grund auch darin haben, dass Steiner selbst kein Bewusstsein davon hatte, welcher Schritt normalerweise erforderlich ist, um in einem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein diese Schicht aufzufinden, da sie für ihn vielleicht immer schon offen lag. Jedenfalls hat sein Werk bei allen sonstigen erstaunlichen Wirkungen auf diesem Gebiet historisch versagt und wurde von anderen Ströumungen überholt. Und ein wesentlicher Aspekt der Isolation, in der sich die Anthroposophie, was ihr spirituelles Fundament betrifft, derzeit befindet, scheint mir in diesem Defizit zu liegen und in der Tatsache, dass dieses Defizit von anthroposophischer Seite aus nicht als solches erkannt wird und daher Strömungen, welche die latenten Anlagen der Anthroposophie in dieser Hinsicht erwecken könnten, kategorisch abgelehnt und für atavistisch erklärt werden. Die Anthroposophie erscheint im Kontext moderner spiritueller Ströumungen geradezu philiströs: sie ist bepackt mit einer unglaublichen Fülle an theoretischem spirituellem Inhalt und davon inspirierten praktischen Kulturtechniken - vielleicht mehr als jede andere Strömung derzeit - aber dennoch bleibt sie vor den Toren der viel beschworenen geistigen Erfahrung stehen. Was die für atavistisch gehaltenen Ströumungen des New-Age in vielleicht kleinen anfänglichen Schritten an konkreten Erfahrungen tatsächlich machen, das "weiß" die Anthroposophie zwar schon längst alles und noch viel mehr; das konkrete Erleben fehlt ihr aber. Sie weiß um das höchste Ziel der Menschheitsentwicklung, ist aber gerade dadurch blockiert, den ersten Schritt auch zu tun! Das zumindest ist mein persönlicher Eindruck im Rückblick auf meine Karriere als Anthroposoph und die keineswegs atavistische sondern befruchtende Wirkung der ganz unprätentiösen Hinweise auf die Möglichkeiten des unmittelbaren meditativen Erlebens. Diese Befruchtung, die allerdings erst nach dem radikalen, philosophisch induzierten Abwerfen der Anthroposophie möglich wurde, hat für mich meine Anthroposophie gleichsam aus der selbstverursachten Leichenstarre erweckt und ihr zugleich durch die Relativierung ihres ganzen Inhaltes das erdrückende Gewicht genommen. Ihr eigentliches Anliegen kommt damit hinter all den naïven theoretischen Erwartungen an die geistige Welt erst wirklich zum Vorschein.
Die Möglichkeit einer neuen Erlebnisqualität dem Leben gegenüber, wie ich sie im vorigen Abschnitt als singuläres Kulminationsereignis beschrieben habe, war als solches weit weniger spektakulär, als es so beschrieben klingen mag. Es war als Einzelerlebnis nur wie eine kurze Verzückung, wie das Überraschungsgefühl eines Deja-Vues, wie das plötzliche Auftauchen einer Idee. Als solches wäre es nicht bedeutungsvoller als viele andere besondere Momente. Die Intensität, mit der es im Gedächtnis blieb, liegt in der unmittelbaren Gewissheit, dass es etwas ist, das permanent anwesend bleibt, wenn auch nur latent, und dass es auch vor dem Erlebnis selbst schon anwesend war, ohne dass ich es bemerkt hätte. Wie eine unbemerkte Tapetentür oder ein Vexierbild, dessen Muster ganz spontan und plötzlich eine Figur offenbart, die aber immer schon da war.
Die Besonderheit dieser Erfahrung liegt nicht in ihrem Inhalt, sondern in ihrer Qualität. Das Erlebnis war nicht annähernd so intensiv wie das von irgend welchen Rauschzuständen oder anderen extatischen Erlebnissen. Es war mit ihm keinerlei exponierter Inhalt, keine Vision oder ein besonderer begrifflicher Zusammenhang verbunden. Es ist nur stilles bewusst sein. Aber dieses bewusst sein zu finden war überwältigend, weil es gerade mit KEINEM Inhalt verbunden war, sondern sich rein auf das bewusst sein als solches beschränkte. Und weil es durch nichts Äußeres veranlasst war sondern ganz aus der eigenen innneren Haltung entsprang und die gesamte Aufmerksamkeit nur auf diesem bewusst sein ruhte und dieses bewusst sein reine Aufmerksamkeit war. Es ist eine Erfahrung, deren Absolutheit jenseits jeglicher begrifflichen Reflexion in der unmittelbaren Erlebnisqualität liegt.
Diese Absolutheit ist tatsächlich der Ausgang in jenen "Raum", der jenseits der Welt liegt. Es ist das Betreten jener Sphäre, die ich implizit in meiner universellen Frage nach dem, was übrig bleibt, wenn man die Welt entfernt, unterstellt habe. Dieser Raum ist selbstverständlich nicht außerhalb des Universums zu denken, also nicht Richtung Alpha Centauri und dann noch einige Millionen Lichtjahre weiter, am Ende des Alls. Dieser Raum ist vielmehr dasjenige Bewusstsein, durch das, in dem und mit dem die ganze Welt, wie ich sie erlebe, überhaupt erst anhebt. Es ist die Bedingung des Seins der Welt, ihre Gegründetheit in ihrem eigenen Erfahrenwerden. Es ist jene Bewusstseinsschicht, für welche die Gegenstände der Welt da draußen nur Attrappen aus Pappe, nur auf das Nichts projizierte Schatten sind. Es ist das Bewusstsein, in dem nicht nur die Welt sondern auch ich selbst aufgehoben bin. Es ist jene reine präsubjektive Operationalität, welche in konstruktivistischen Begriffen jeglicher ontologischen Instanz vorangeht. Und das Besondere daran ist, dass diese Qualität als reale Dimension des Bewusstseins nicht nur begrifflich erörtert und philosophisch erschlossen, sondern ganz konkret als Bewusstseinsverfassung erfahrbar ist.
Es ist nur wie ein inneres Innehalten und Loslassen nötig, und alles Erlebte tritt etwas zurück. Es ist als tauche man etwas daraus auf und blicke von außen darauf. Es ist jenes Erlebnis, das man haben kann, wenn man im Kino ganz in die spannende Handlung eines Films vertieft ist und plötzlich aufblickt, das Publikum und die Leinwand betrachtet, auf der nach wie vor der Film spielt, der aber plötzlich nicht mehr jener mitreißende, eigentlich als aktuelle Wirklichkeit erlebte Strom ist, in dem das Bewusstsein gerade noch mit strömte, sondern der plötzlich nur noch ein Film ist, betrachtet von einem Publikum. Das, was wir Bewusstseinsinhalt nennen, ändert sich durch dieses Innehalten nicht, nur meine Einstellung dazu ändert sich. Ich nehme plötzlich nicht nur den Bewusstseinsinhalt (den Film) wahr, sondern auch das bewusst sein (das Sitzen im Kino) und die Abhängigkeit und Bedingtheit des Inhaltes in diesem Bewusstsein.
Mit dem Auftauchen dieser Bewusstseinsqualität, die man reines Bewusstsein nennen könnte, entschlüsselte sich für mich auch plötzlich eine bestimmte Schicht jener Mythen und Sagen, jener Fülle an okkulten, esoterischen, gnostischen, spirituellen und religiösen Weisheiten, die in unterschiedlichster Form auf diese Art des bewusst seins Bezug nehmen. All die tautologischen und paradoxen Formeln eines höheren Bewusstseins, die sich von der christlichen Mystik bis zum Zen-Buddhismus finden, und die teilweise in abstrakten Begriffen, teilweise in satten Bildern präsentiert werden, sprechen letztlich alle aus einer solchen und über eine solche Bewusstseinsschicht. Man erkennt plötzlich in diesen Versuchen, das Unsagbare zu sagen, was gemeint ist und weiß zugleich, dass man es nie verstehen würde, hätte man es nicht selbst erlebt. Wie das Vexierbild ist es ein völlig offener und dennoch demjenigen, der den "Sprung" noch nicht gemacht hat, ein völlig verschlossener Code. Und so wie einem vor dem Sprung jeglicher Ansatz zum Erkennen des Codes fehlt und sein Vorhandensein geradezu absurd wirkt, so banal und selbstverständlich wirkt sein Vorhandensein nach diesem Sprung. Es dann wirkt geradezu absurd, ihn nicht sehen zu können.
In dieses reine Bewusstsein fällt die ganze Erleuchtungsrhetorik zusammen. Es ist immer nur wieder eine Beschwörung dieses Nichts des reinen Bewusstseins. Und nichts ist leichter als aus diesem Nichts immer wieder und immer wieder eine weisheitstrunkene Tautologie oder eine mystische Paradoxie zu schöpfen, über die der Unwissende lacht, die den Ahnenden beeindruckt, die der Wissende abgeklärt bestätigt und die dennoch nicht ansatzweise dasjenige beschreiben kann, was sie beschreiben will. Denn dieses Nichts, das sie beschreiben will - und das selbstverständlich auch durch das Wort "Nichts" oder "reines Bewusstsein" oder andere Wörter nicht beschrieben wird - es entzieht sich der Beschreibung nicht nur deswegen, weil Sprache grundsätzlich reduktiv ist, sondern weil es im eminentesten Sinne dasjenige ist, was immer nur beschreibt. Denn zentral an dem Erleben dieses reinen bewusst seins ist nicht der Inhalt dieses Erlebens. Es ist noch nicht einmal die Inhaltslosigkeit dieses Erlebens, die in gewisser Weise Voraussetzung dafür ist. Sondern es ist das Gewahrwerden des Erlebens als vom Erlebten unabhängige Operation und Qualität.
Dieses Gewahrwerden ist ein sehr schlichter Vorgang, der sich eben jenseits des Inhaltes oder Nichtinhaltes nur als eine Modifikation der Bewusstseinshaltung zeigt und der letztlich jeden Bewusstseinsinhalt begleitet, weil er ihn überhaupt erst hervorbringt, von diesem meist nur verdeckt wird. Sich der Welt in dieser Weise erlebend gegenüber zu stellen bedeutet nicht, die Welt zu ändern, sondern nur, sie nicht als Geschehnis sondern als Erlebnis wahrzunehmen und sie so zugleich als etwas unmittelbar eigenes aber auch nur bedingtes zu erkennen. Und als solches ist dieses Erlebnis auch auch nicht die Erfüllung aller Ziele und Zwecke, es ist nicht das Endziel aller karmischen, spirituellen, philosophischen oder biographischen Entwicklungen. Es ist vielmehr eine ganz grundlegende Erfahrung der Einheit, bei der Karma, Spiritualität, Philosophie und Biographie erst beginnen können, sich im eigentlichen Sinne frei zu entfalten.
Was nun mich, als Anthroposoph, an der Entdeckung dieser neuen Erfahrungsschicht besonders überrascht hat, war einerseits die Tatsache, dass sich damit ein Kernanliegen meiner Anthroposophie nicht nur erfüllte, sondern sich auf unprätentiöse Weise in einer Vielzahl spiritueller und meditativer Ansätze wieder erkannte und mir klar wurde, dass hinter der Vielfalt spiritueller Beschreibungen immer wieder diese Erfahrung des Absoluten steckt und dass die ganze Fülle an spirituellen Lebensformen letztlich aus dieser besonderen inneren Haltung entspringt. Andererseits lag eine besondere Überraschung darin, dass die Anthroposophie als spiritueller Schulungsweg im Grunde auf genau diese Dimension der Erfahrung abzielte, dennoch aber im Rückblick alles, was ich ihr an Anleitung und Methodik hierzu entnommen habe, mich in eine völlig andere Richtung geleitet hatte.
Jene Anthroposophie, von der mich abzulösen der Beginn der Entwicklung war, die mich schließlich zu dem geschilderten meditativen Erleben gebracht hatte, führte umfangreiche und komplexe Vorstellungen einer geistigen Welt und ihrer imaginativen, inspirativen und intuitiven Erschließung mit sich. Diese Fülle an präsupponiertem Inhalt, verbunden mit einer pathetischen und teleologischen Entwicklungsrhetorik und der Vorstellung eines primär visionären Charakters einer spirituellen Bewusstseinserweiterung, verstellte mir im Grunde komplett den Zugang zu dieser Erlebnisqualität reiner Bewusstheit. Im Bilde gesprochen versuchte diese Anthroposophie, wie ich sie damals verstanden hatte, das Muster des Vexierbildes mit viel Aufwand auszuradieren, um dahinter das noch viel buntere, eigentliche Bild zu finden, statt sich ohne jede äußere Veranstaltung darauf zu konzentrieren, in dem Gegebenen unmittelbar durch die Veränderung der eigenen Einstellung das Gesuchte zu erkennen. Ich erwartete als Anthroposoph tatsächlich, dass sich im Dunkel der von allen sinnlichen Wahrnehmungen abgeschotteten Innerlichkeit die Vision geistiger Inhalte einstellte und gleichsam nur eine zweite Form der Wahrnehmung die erste ersetzte und ergänzte.
Denn dieses ganz einfache und schlichte Achtsamkeitserlebnis, das ganz aus der Reduktion entsteht und dessen Ambitionen sich in keiner Weise über die schiere Achtsamkeit hinaus erstrecken, tauchte in jener Form der Anthroposophie, die ich gepflegt hatte, nicht auf. Meditation ohne Anspruch auf Visionen, Erkenntnisse, Entwicklungsfortschritt, Übung oder eine andere mit Bedeutung gefütterte Zielsetzung wurde gleichsam als leere und geistferne New-Age-Scharlatanerie abgetan. In dieser Inhalt- und Zweckorientiertheit der meditativen Praxis dieser Anthroposophie taucht deutlich ein Aspekt des protestantischen Ethos wieder auf. Hinzu kommt die Erwartung eines finalen Ereignisses, einer Erleuchtung zum höheren Leben, verbunden mit einer geradezu grotesken Verantwortung für das Schicksal der gesamten Menschheitsentwicklung, in der solche Anthroposophie ihr Ziel sieht und die in ihrem alles irdisch-physische überwindenden Entwicklungsziel jeden menschlichen Zeithorizont überschritt. So galt gleichsam der Umkehrschluss: ein meditatives Erleuchtungserleben, das tatsächlich im Hier und Jetzt stattfindet, kann nicht echt sein. Zurück blieb die ferne Aussicht darauf, sowie die Pflicht, es unbarmherzig anzustreben, aber die Gewissheit, es nie erreichen zu können. Auch dies ein klassisches Motiv protestantischen Erlösungsglaubens: Pflichterfüllung auch im Angesicht der Unerreichbarkeit der Erlösung. Durch diese Überfrachtung mit Finalität und Bedeutung entstand nicht nur ein krankhafter Dualismus zwischen Anspruch und Wirklichkeit sondern auch eine Kultivierung quasi religiöser Praktik, die um ihrer selbst Willen etwas anstrebte ohne konkrete Erfüllung zu finden, während rings umher spirituelle Ströumungen das 20. Jahrhundert bevölkerten, die aus alten oder neuen Quellen schöpfend dem modernen Bewusstsein in unterschiedlichsten Meditationsformen jene Bewusstseinsschicht freizulegen begannen, die ganz unprätentiös die Tür zu demjenigen öffnet, das in der anthroposophischen Terminologie als geistige Welt bezeichnet wird.
Bedauerlich ist dies im Rückblick insbesondere deswegen, weil außer Frage stehen muss, dass Rudolf Steiner diese Tür kannte und nutzte, sie ihm vielleicht wie kaum einem Anderen in unserer Zeit eine gleichsam angeborene Selbstverständlichkeit war. Dies zeigen die durchaus vorhandenen Bemühungen von Steiner, Wege zur geistigen Schulung zu weisen. Dass diese Bemühungen nicht fruchteten sondern Steiner durch seinen auf die Welt zurück gewendeten, sie als geistiges Ereignis verstehenden anthroposophischen Impuls einen ganzen Kosmos der Weltdeutung erschuf, unter dem dieser Zugang gleichsam begraben liegt, das könnte seinen Grund auch darin haben, dass Steiner selbst kein Bewusstsein davon hatte, welcher Schritt normalerweise erforderlich ist, um in einem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein diese Schicht aufzufinden, da sie für ihn vielleicht immer schon offen lag. Jedenfalls hat sein Werk bei allen sonstigen erstaunlichen Wirkungen auf diesem Gebiet historisch versagt und wurde von anderen Ströumungen überholt. Und ein wesentlicher Aspekt der Isolation, in der sich die Anthroposophie, was ihr spirituelles Fundament betrifft, derzeit befindet, scheint mir in diesem Defizit zu liegen und in der Tatsache, dass dieses Defizit von anthroposophischer Seite aus nicht als solches erkannt wird und daher Strömungen, welche die latenten Anlagen der Anthroposophie in dieser Hinsicht erwecken könnten, kategorisch abgelehnt und für atavistisch erklärt werden. Die Anthroposophie erscheint im Kontext moderner spiritueller Ströumungen geradezu philiströs: sie ist bepackt mit einer unglaublichen Fülle an theoretischem spirituellem Inhalt und davon inspirierten praktischen Kulturtechniken - vielleicht mehr als jede andere Strömung derzeit - aber dennoch bleibt sie vor den Toren der viel beschworenen geistigen Erfahrung stehen. Was die für atavistisch gehaltenen Ströumungen des New-Age in vielleicht kleinen anfänglichen Schritten an konkreten Erfahrungen tatsächlich machen, das "weiß" die Anthroposophie zwar schon längst alles und noch viel mehr; das konkrete Erleben fehlt ihr aber. Sie weiß um das höchste Ziel der Menschheitsentwicklung, ist aber gerade dadurch blockiert, den ersten Schritt auch zu tun! Das zumindest ist mein persönlicher Eindruck im Rückblick auf meine Karriere als Anthroposoph und die keineswegs atavistische sondern befruchtende Wirkung der ganz unprätentiösen Hinweise auf die Möglichkeiten des unmittelbaren meditativen Erlebens. Diese Befruchtung, die allerdings erst nach dem radikalen, philosophisch induzierten Abwerfen der Anthroposophie möglich wurde, hat für mich meine Anthroposophie gleichsam aus der selbstverursachten Leichenstarre erweckt und ihr zugleich durch die Relativierung ihres ganzen Inhaltes das erdrückende Gewicht genommen. Ihr eigentliches Anliegen kommt damit hinter all den naïven theoretischen Erwartungen an die geistige Welt erst wirklich zum Vorschein.
Fortsetzung: Die Kultur der Eigentlichkeit
Samstag, 9. Mai 2009
Spirituelle Aufklärung 4
Das Kamel im Nadelöhr
Einen Emanzipationsprozess wie denjenigen, den ich hier schildere, darf man sich nicht so linear vorstellen, wie er sich notgedrungen in der Schriftlichkeit darstellt. Der Weg ist natürlich nicht gerade, sondern geschlungen und gewunden, hat Verzweigungen und Irrwege, findet auf den verschiedensten Ebenen statt. Was ich hier beschreibe sind auch nur ein paar wenige Fäden dieses Geflechts. Es gibt im Grund überhaupt keinen Weg. Man schlägt sich wild durchs Dickicht und nur die Schneise, die man hinterlässt, wird rückblickend zum Weg. Aber hinzu kommt, dass neben all der Reflexion, Inspiration und Begegnung mit Neuem einfach auch viel Alltag durchläuft. Und dieser Alltag ist vorwiegend aus der Vergangenheit geprägt, trägt noch überhaupt nicht die Spuren neuer Einsichten und Ansichten. So finden diese Reflexionen auf vielen Ebenen statt, die sich nach und nach erst durchdringen. Was mit dem Denken logisch begriffen ist, findet noch lange kein Echo in der Empfindung und braucht Jahre, bis es die Gewohnheiten berührt.
So hatte ich schon mit ca. 25 Jahren in meiner Begegnung mit dem Werk Nietzsches einen klaren Begriff davon, dass es keine absoluten Prinzipien gibt, dass man Prinzipien allenfalls in einem endlosen Regress aufeinander reduzieren kann, nie aber zu einem Absoluten kommt. Gott ist tot, sagte Nietzsche. Und mit dem Verstand hatte ich dies begriffen. Es dauerte etwa 10 Jahre, bis ich auch die entsprechende Empfindung dazu hatte. Denn der Nihilismus knüpfte sich ausgehend von Nietzsche zunächst nur an abstrakte philosophische Überlegungen und die Relativierung von Prinzipien richtete sich menschlicherseits immer erstmal gegen fremde Prinzipien. Die eigenen Prinzipien zu hinterfragen, zu relativieren und letztlich aufzulösen, ja sie überhaupt nur als solche zu erkennen, ist ein Prozess, der tiefer geht als eine spontane philosophische Reflexion.
Tatsächlich begriff ich aber irgendwann, dass ich radikal jedes Prinzip, jeden Wert, jedes Kriterium, jede für sicher gehaltene Ansicht, jede Gewohnheit und jede Konstante meiner Überzeugungen fallen lassen musste. Dies bedeutete insbesondere auch, jenes Vertrauen fallen zu lassen in dasjenige, was ich als "geistige Welt" aus meiner Anthroposophie mitgebracht hatte und was im Grunde nichts anderes ist, als eine Form des Mythos vom Paradies oder vom kindlichen Himmel. Was mir als unhintergehbarste Gewissheit galt, nämlich dass der Welt irgend so etwas wie ein höherer Sinn unterliege, wie immer der auch aussah, das musste ich anzweifeln. Dass es gleichsam etwas wie eine Auflösung des Rätsels gab, die über die unmittelbar sinnliche Welt hinaus ging, das musste ich in Frage stellen. Ich musste als Spiritualist, der ich als Anthroposoph war, zuallererst zum radikalen Materialisten werden. Und selbst daran würde ich noch zweifeln müssen.
Wie erwähnt finden diese Prozesse nicht klar erkennbar und linear statt, sondern über lange Zeiträume und in einzelnen, oft zusammenhanglos erscheinenden Schritten. Und so bemerke ich auch erst im Rückblick, dass sich die philosophischen Überlegungen mit Zeitverzug unmittelbar in meinem Lebensgefühl nieder schlugen. Ich begann nicht nur philosophisch zu zweifeln, sondern ich erlebte tatsächlich den Zweifel, ohne ihn aber als diesen zunächst zu erkennen. Ich fiel immer öfter in eine depressive Stimmung, unter der ich zunehmend litt und die sich in unterschiedlichen Formen immer um das selbe Motiv drehte: die Angst vor dem Nichts. An einigen Stellen dieser depressiven Anfälle ging ich durch die Straßen und sah förmlich nicht mehr Häuser, Menschen, Autos und dergleichen, sondern ich sah sie wie Attrappen aus dünner Pappe. Als wären die Fassaden aus Papier und dahinter das endlose, schwarze Nichts. Das, was ich bislang als Wirklichkeit erlebt hatte, zerrieselte mir zwischen den Fingern. Und das waren keine philosophischen Reflexionen sondern mein unmittelbares Erleben. So wie man bei einer guten Fotographie oder einer 3D-Simulation tatsächlich den Eindruck und die reale Wahrnehmung von handgreiflicher Realität haben kann, wie man tatsächlich nicht mehr das Abbild eines Gegenstandes sondern den Gegenstand vor sich sieht, so hatte ich bei der handgreiflichen Wirklichkeit nur noch den Eindruck einer Simulation, eines Abbildes, einer über das Nichts huschenden Projektion.
Diese Stimmung verdichtete sich und führte mich - biographisch, nicht medizinisch ursächlich - bis zu einer schweren Krankheit, die mich tatsächlich auch biologisch vor das Nichts stellte und mir, nicht hypothetisch sondern als konkrete medizinische Aussicht, die Gewissheit des unmittelbar bevorstehenden Todes als Erlebnis zuteil werden ließ. Und da musste ich feststellen, dass all die anthroposophischen Bilder einer höheren Welt, eines nachtodlichen Aufsteigens in Devachane und Bewusstseins-Sphären, die ich früher für so selbstverständlich hielt und die mir den Tod nur als Geburt zu einem höheren Leben machten, nicht mehr verfügbar waren. Der Tod, das war für mich nun nur noch blankes Nichts. Das Ende. Die Negation des Absoluten. Ich erlebte eine totale Ohnmacht und war über drei Monate wie paralysiert durch die Angst vor diesem Nichts des Todes.
Diese ohnmächtige Angst erinnerte mich an ein Gefühl, das ich insbesondere aus meiner Kindheit kannte und das sich bisweilen ganz spontan einstellte, wenn ich über die Frage nachdachte, was für ein Zufall es ist, dass es mich und die Welt gibt und was wohl wäre, wenn die Welt nicht wäre und "wo" überhaupt die Welt ist; was ist vor und nach ihr, was ist um sie herum? Diese Frage stellte sich mir nicht nur theoretisch sondern in einer ganz realen Vorstellung als existenzielles Problem, das in ein unheimliches Angstgefühl mündete vor der Unbeantwortbarkeit dieser Frage und der Leere, in die alles angesichts dieser Universalfrage zerfiel. Mich überkam als Kind in diesen Momenten ein kurzes aber tiefes Schaudern vor der Gewalt der dunklen Leere, die mir vor das innere Auge trat. Genau dieses Gefühl tauchte nun wieder auf, aber nicht als kurzer Schauer, sondern als andauernde, auf- und abwallende Grundstimmung. Und dieses Gefühl versetzte mich in Panik und Beklemmung.
Aus dieser Ohnmacht meiner Krankheit gegenüber - die sich nach einer kurzen kritischen Phase später harmloser entwickelte als es die ersten Diagnosen erwarten ließen - erweckte mich mein Freund und Arzt Frank Meyer in einem Gespräch, in dem er mir ein paar ganz unspektakuläre Tipps gab, unter anderem einen Verweis auf Jon Kabat-Zinn und dessen meditative Methode zur Stärkung der Selbstheilungskräfte. Bei dem Versuch, diese Meditationen durchzuführen und mich in einen Zustand reiner Aufmerksamkeit zu begeben und alle Bewusstseinsinhalte loszulassen, passierte etwas überraschendes: ich fiel in exakt jenes innere Erleben hinein, das ich als Kind bei meiner Universalfrage fühlte, ich erlebte genau jenen freien Fall ins Nichts, der mich seit 3 Monaten in Angst und Beklemmung versetzte und den ich fürchtete wie der Teufel das Weihwasser - mit einem feinen Unterschied: ich hatte keine Angst! sondern empfand die Leere und das Nichts als reine Stille, Ruhe und Zufriedenheit. Das schwarze Loch war wie durch ein Wunder zu einem weißen Loch geworden. Ich war ihm nicht ausgeliefert, sondern konnte es genießen.
Mit diesem Erlebnis hatte ich nicht nur einen Schlüssel zum aktiven Umgang mit meiner Krankheit und insbesondere mit den sie begleitenden und womöglich viel ursächlicheren Angstzuständen in der Hand. Ich hatte damit auch einen Schlüssel zur Transformation meiner philosophischen Bemühungen in der Hand, mit dem sich das schwarze Nichts des Nihilismus in das weiße Nichts einer spirituellen Aufklärung verwandeln sollte. Und ich hatte damit mein philosophisches Fragen an den existentiellen Ernst eines wahrhaften Fragens zurück gebunden, wie es mich in meiner Kindheit überkommen hatte. Für einen Moment deckten sich in der meditativen Einstellung Philosophie und Alltagsbewusstsein vollständig und mir wurde klar, dass die Angst meiner Krankheit und meine Frage, die ich seit meiner Kindheit mit mir herumtrug und deren existentiellen Tonfall ich nun wieder hörte, ein und das selbe waren. Ich hatte sie nur mit einer ganzen Heilsarmee aus anthroposophischen und anderen Ideologemen zugestellt, die trotz der philosophischen Reflexion erst durch diese existentielle Krise wirklich durchbrochen wurde.
Ich war an einem Punkt angekommen, über den es nicht hinaus ging. Auch philosophisch. Ich hatte gleichsam das letzte theoretische Prinzip hinterfragt, um damit beim Nichts zu landen! Ich war an einem Punkt angekommen, bei dem jedes theoretische Reflektieren versagt und nur das reine, unmittelbare Gewahrwerden dieses Nichts das Bewusstsein bestimmt. Ich war das Kamel im Nadelöhr und spürte, dass ich in diesem Zusammenlaufen meiner philosophsichen Reflexion, meiner Angst, meiner alles umfassenden Frage und dem erlebten Nichts den Angelpunkt meines Seins berührt hatte.
Einen Emanzipationsprozess wie denjenigen, den ich hier schildere, darf man sich nicht so linear vorstellen, wie er sich notgedrungen in der Schriftlichkeit darstellt. Der Weg ist natürlich nicht gerade, sondern geschlungen und gewunden, hat Verzweigungen und Irrwege, findet auf den verschiedensten Ebenen statt. Was ich hier beschreibe sind auch nur ein paar wenige Fäden dieses Geflechts. Es gibt im Grund überhaupt keinen Weg. Man schlägt sich wild durchs Dickicht und nur die Schneise, die man hinterlässt, wird rückblickend zum Weg. Aber hinzu kommt, dass neben all der Reflexion, Inspiration und Begegnung mit Neuem einfach auch viel Alltag durchläuft. Und dieser Alltag ist vorwiegend aus der Vergangenheit geprägt, trägt noch überhaupt nicht die Spuren neuer Einsichten und Ansichten. So finden diese Reflexionen auf vielen Ebenen statt, die sich nach und nach erst durchdringen. Was mit dem Denken logisch begriffen ist, findet noch lange kein Echo in der Empfindung und braucht Jahre, bis es die Gewohnheiten berührt.
So hatte ich schon mit ca. 25 Jahren in meiner Begegnung mit dem Werk Nietzsches einen klaren Begriff davon, dass es keine absoluten Prinzipien gibt, dass man Prinzipien allenfalls in einem endlosen Regress aufeinander reduzieren kann, nie aber zu einem Absoluten kommt. Gott ist tot, sagte Nietzsche. Und mit dem Verstand hatte ich dies begriffen. Es dauerte etwa 10 Jahre, bis ich auch die entsprechende Empfindung dazu hatte. Denn der Nihilismus knüpfte sich ausgehend von Nietzsche zunächst nur an abstrakte philosophische Überlegungen und die Relativierung von Prinzipien richtete sich menschlicherseits immer erstmal gegen fremde Prinzipien. Die eigenen Prinzipien zu hinterfragen, zu relativieren und letztlich aufzulösen, ja sie überhaupt nur als solche zu erkennen, ist ein Prozess, der tiefer geht als eine spontane philosophische Reflexion.
Tatsächlich begriff ich aber irgendwann, dass ich radikal jedes Prinzip, jeden Wert, jedes Kriterium, jede für sicher gehaltene Ansicht, jede Gewohnheit und jede Konstante meiner Überzeugungen fallen lassen musste. Dies bedeutete insbesondere auch, jenes Vertrauen fallen zu lassen in dasjenige, was ich als "geistige Welt" aus meiner Anthroposophie mitgebracht hatte und was im Grunde nichts anderes ist, als eine Form des Mythos vom Paradies oder vom kindlichen Himmel. Was mir als unhintergehbarste Gewissheit galt, nämlich dass der Welt irgend so etwas wie ein höherer Sinn unterliege, wie immer der auch aussah, das musste ich anzweifeln. Dass es gleichsam etwas wie eine Auflösung des Rätsels gab, die über die unmittelbar sinnliche Welt hinaus ging, das musste ich in Frage stellen. Ich musste als Spiritualist, der ich als Anthroposoph war, zuallererst zum radikalen Materialisten werden. Und selbst daran würde ich noch zweifeln müssen.
Wie erwähnt finden diese Prozesse nicht klar erkennbar und linear statt, sondern über lange Zeiträume und in einzelnen, oft zusammenhanglos erscheinenden Schritten. Und so bemerke ich auch erst im Rückblick, dass sich die philosophischen Überlegungen mit Zeitverzug unmittelbar in meinem Lebensgefühl nieder schlugen. Ich begann nicht nur philosophisch zu zweifeln, sondern ich erlebte tatsächlich den Zweifel, ohne ihn aber als diesen zunächst zu erkennen. Ich fiel immer öfter in eine depressive Stimmung, unter der ich zunehmend litt und die sich in unterschiedlichen Formen immer um das selbe Motiv drehte: die Angst vor dem Nichts. An einigen Stellen dieser depressiven Anfälle ging ich durch die Straßen und sah förmlich nicht mehr Häuser, Menschen, Autos und dergleichen, sondern ich sah sie wie Attrappen aus dünner Pappe. Als wären die Fassaden aus Papier und dahinter das endlose, schwarze Nichts. Das, was ich bislang als Wirklichkeit erlebt hatte, zerrieselte mir zwischen den Fingern. Und das waren keine philosophischen Reflexionen sondern mein unmittelbares Erleben. So wie man bei einer guten Fotographie oder einer 3D-Simulation tatsächlich den Eindruck und die reale Wahrnehmung von handgreiflicher Realität haben kann, wie man tatsächlich nicht mehr das Abbild eines Gegenstandes sondern den Gegenstand vor sich sieht, so hatte ich bei der handgreiflichen Wirklichkeit nur noch den Eindruck einer Simulation, eines Abbildes, einer über das Nichts huschenden Projektion.
Diese Stimmung verdichtete sich und führte mich - biographisch, nicht medizinisch ursächlich - bis zu einer schweren Krankheit, die mich tatsächlich auch biologisch vor das Nichts stellte und mir, nicht hypothetisch sondern als konkrete medizinische Aussicht, die Gewissheit des unmittelbar bevorstehenden Todes als Erlebnis zuteil werden ließ. Und da musste ich feststellen, dass all die anthroposophischen Bilder einer höheren Welt, eines nachtodlichen Aufsteigens in Devachane und Bewusstseins-Sphären, die ich früher für so selbstverständlich hielt und die mir den Tod nur als Geburt zu einem höheren Leben machten, nicht mehr verfügbar waren. Der Tod, das war für mich nun nur noch blankes Nichts. Das Ende. Die Negation des Absoluten. Ich erlebte eine totale Ohnmacht und war über drei Monate wie paralysiert durch die Angst vor diesem Nichts des Todes.
Diese ohnmächtige Angst erinnerte mich an ein Gefühl, das ich insbesondere aus meiner Kindheit kannte und das sich bisweilen ganz spontan einstellte, wenn ich über die Frage nachdachte, was für ein Zufall es ist, dass es mich und die Welt gibt und was wohl wäre, wenn die Welt nicht wäre und "wo" überhaupt die Welt ist; was ist vor und nach ihr, was ist um sie herum? Diese Frage stellte sich mir nicht nur theoretisch sondern in einer ganz realen Vorstellung als existenzielles Problem, das in ein unheimliches Angstgefühl mündete vor der Unbeantwortbarkeit dieser Frage und der Leere, in die alles angesichts dieser Universalfrage zerfiel. Mich überkam als Kind in diesen Momenten ein kurzes aber tiefes Schaudern vor der Gewalt der dunklen Leere, die mir vor das innere Auge trat. Genau dieses Gefühl tauchte nun wieder auf, aber nicht als kurzer Schauer, sondern als andauernde, auf- und abwallende Grundstimmung. Und dieses Gefühl versetzte mich in Panik und Beklemmung.
Aus dieser Ohnmacht meiner Krankheit gegenüber - die sich nach einer kurzen kritischen Phase später harmloser entwickelte als es die ersten Diagnosen erwarten ließen - erweckte mich mein Freund und Arzt Frank Meyer in einem Gespräch, in dem er mir ein paar ganz unspektakuläre Tipps gab, unter anderem einen Verweis auf Jon Kabat-Zinn und dessen meditative Methode zur Stärkung der Selbstheilungskräfte. Bei dem Versuch, diese Meditationen durchzuführen und mich in einen Zustand reiner Aufmerksamkeit zu begeben und alle Bewusstseinsinhalte loszulassen, passierte etwas überraschendes: ich fiel in exakt jenes innere Erleben hinein, das ich als Kind bei meiner Universalfrage fühlte, ich erlebte genau jenen freien Fall ins Nichts, der mich seit 3 Monaten in Angst und Beklemmung versetzte und den ich fürchtete wie der Teufel das Weihwasser - mit einem feinen Unterschied: ich hatte keine Angst! sondern empfand die Leere und das Nichts als reine Stille, Ruhe und Zufriedenheit. Das schwarze Loch war wie durch ein Wunder zu einem weißen Loch geworden. Ich war ihm nicht ausgeliefert, sondern konnte es genießen.
Mit diesem Erlebnis hatte ich nicht nur einen Schlüssel zum aktiven Umgang mit meiner Krankheit und insbesondere mit den sie begleitenden und womöglich viel ursächlicheren Angstzuständen in der Hand. Ich hatte damit auch einen Schlüssel zur Transformation meiner philosophischen Bemühungen in der Hand, mit dem sich das schwarze Nichts des Nihilismus in das weiße Nichts einer spirituellen Aufklärung verwandeln sollte. Und ich hatte damit mein philosophisches Fragen an den existentiellen Ernst eines wahrhaften Fragens zurück gebunden, wie es mich in meiner Kindheit überkommen hatte. Für einen Moment deckten sich in der meditativen Einstellung Philosophie und Alltagsbewusstsein vollständig und mir wurde klar, dass die Angst meiner Krankheit und meine Frage, die ich seit meiner Kindheit mit mir herumtrug und deren existentiellen Tonfall ich nun wieder hörte, ein und das selbe waren. Ich hatte sie nur mit einer ganzen Heilsarmee aus anthroposophischen und anderen Ideologemen zugestellt, die trotz der philosophischen Reflexion erst durch diese existentielle Krise wirklich durchbrochen wurde.
Ich war an einem Punkt angekommen, über den es nicht hinaus ging. Auch philosophisch. Ich hatte gleichsam das letzte theoretische Prinzip hinterfragt, um damit beim Nichts zu landen! Ich war an einem Punkt angekommen, bei dem jedes theoretische Reflektieren versagt und nur das reine, unmittelbare Gewahrwerden dieses Nichts das Bewusstsein bestimmt. Ich war das Kamel im Nadelöhr und spürte, dass ich in diesem Zusammenlaufen meiner philosophsichen Reflexion, meiner Angst, meiner alles umfassenden Frage und dem erlebten Nichts den Angelpunkt meines Seins berührt hatte.
Fortsetzung: Der Hüter der Schwelle ist Anthroposoph
Montag, 4. Mai 2009
Spirituelle Aufklärung 3
Da tat der Kommissar das einzig richtige: er wurde absurd!
Der Ausweg aus meiner anthroposophischen Sekte war, wie schon früher geschildert, tatsächlich eine äußerst rationale Überlegung, ausgelöst von der Unzufriedenheit, die dieses so vollkommen erscheinende, in Wahrheit einfach nur hermetische Weltbild bei mir auslöste. Dies begann mit philosophischen Überlegungen, insbesondere mit dem Studium erkenntnistheoretischer Schriften der großen Philosophen und dem Versuch, dies in die Anthroposophie, so wie ich sie verstand, zu integrieren. Dabei reifte nach und nach die Vorstellung heran, dass Bewusstsein nicht jenes innerliche Kino ist, das auf das Einschalten des Geistesweltprojektors wartet, sondern dass Bewusstsein primär eine funktionale und operative Dimension hat und dass "Geist" in diesem Sinne nicht etwas über die Materie und die Sinnlichkeit hereinbrechendes ist, sondern das eigentliche Sein der Sinnlichkeit, sofern wir sie als Bewusstseinstatsache auf uns, auf das Bewusstsein selbst und auf eine über das materielle Sein hinausgehende Bedeutung beziehen. Erst viel später wurden diese Erkenntnisse dann zu jener konstruktivistischen Philosophie, die ich heute vertrete. Interessant für mich war aber, dass im Grunde an jeder Stelle dieses Weges die sich radikal verändernden Ansichten problemlos Steiners erkenntnistheoretische Überlegungen aus seinem Frühwerk integrierten, wenngleich in modifizierter Lesart. Sie erschlossen sich überhaupt erst in ihrem ganzen Ausmaß und in einer Konsequenz, die auch das Spätwerk in einem neuen Licht erscheinen ließ.
Ein anderer Weg, der gleichfalls von Steiner ausging, führte mich zu Nietzsche, in dem ich erstmals die eigentliche Radikalität der monistischen Freiheitsphilosophie Steiners erkannte. Die rhetorische Wucht und das brilliante, kompromisslose Denken Nietzsches riss mich mit in sein nihilistisches Infragestellen der gesamten Welt und ließ mich philosophisch abstrakt jenem Nichts begegnen, auf dem wir die Welt gründen. Während mich in langer Beschäftigung mit Kant zwar dessen Transzendentale Wende in der Erkenntnistheorie, nicht aber seine praktische Philosophie überzeugen konnte, fand ich durch Nietzsche den Hedonismus als einzig mögliche Ethik, da sie auf kein unhintergehbares Prinzip baut, sondern im Grunde nur die These aufstellt, dass jedes moralische Prinzip in letzter Konsequenz Ausdruck für unser Bestreben ist, am Ende nur das - in welcher Hinsicht auch immer - Beste zu tun. Damit liegt am Ende das entscheidende Kriterium immer bei uns selbst. Wir handeln also in jedem Falle egoistisch, egal welche Prinzipien wir uns geben.
Jenseits der philosophischen Überlegungen gab es aber noch eine andere, eine alltäglichere und praktischere Schicht, auf der die Verstellungen meiner bisherigen Weltanschauung aufgelöst werden mussten. Das war die moralisch-ethische Ebene, die mehr als nur das Alltagshandeln auch die Einstellung zum Leben, das Lebensgefühl und nicht zuletzt auch eine Ebene der psychisch-physischen Befindlichkeit betrifft. Und auf dieser Ebene gab es einen prominenten Katalysator (oder Guru), der mir zu einem relativ intensiv erlebten, emotionalen Befreiungsschlag verhielf und dem an dieser Stelle nicht genügend gedankt werden kann. Dieser Guru ist, vielleicht etwas überraschend, niemand anderes als der
Namensgeber dieses Blogs: Helge Schneider!
Seine Filme, Lieder und Shows - initial das Lied "Es gibt Reis, Baby" - dieses völlig anhaftungsfreie Spiel in moralischer Schwerelosigkeit mit den Urmustern und Archetypen des menschlichen Denkens, Redens und Verhaltens, dieser virtuose, unprätentiöse, vor nichts haltmachende aber nichts geringachtende Humor, dieses Phänomen! bewirkte in mir eine eigentümliche Wärme, die all die Panzerscheiben meines pietistisch-protestantischen Moralgefängnisses zum Schmelzen brachte und mein Seelenleben der frischen Luft aussetzte. Dass Helge in völlig deplazierten Plateauschuhen "Ficken" und "Saupillemannarschloch" sagte oder die Verwendung seiner Katze als Stiefelkratzer besang, ohne dass es vulgär oder abfällig klang, sondern stets liebenswürdiger Humor blieb, war nicht deswegen ein Schlüsselerlebnis für mich, weil damit Grenzen überschritten, Tabus gebrochen und sittlicher Ungehorsam geleistet wurde - meine Pubertät war lange vorbei - sondern weil Helge in seiner unnachahmlichen Weise damit gerade KEINE Grenzen überschritt, gerade KEINE Tabus brach. Seine Albernheit, sein Unsinn, sein Verstoß gegen jede Regel ist keine Auflehnung, sondern Gelassenheit gegenüber diesen Regeln. Das Wort "Ficken" trägt auch in einer Helge-Schneider-Show durchaus die Markierung der Unanständigkeit, aber Unanständigkeit wird zugelassen und nicht tabuisiert, sie wird nicht bewertet sondern neutral in ihrer humoristischen, ästhetischen Qualität eingesetzt. All dieser Ernst um Ästhetik, Ethik, Wahrheit und Güte, Pflicht und Ideale, dieses ganze Pathos der Weltverbesserung, das ich mit mir herumtrug, wurde dadurch fünf Etagen tiefer gehängt und das Menschliche, der Humor, die Freude am Diesseits, das Leben grade heraus rückten ins Zentrum.
Diese Kultivierung des Absurden bedeutete nicht, dass ich nun nur noch in Albernheit versank, aber ich bekam eine neue Perspektive auch auf die "ernste" Kultur, auf klassische Musik, Philosophie, Literatur und nicht zuletzt Anthroposophie: sie wurden mir durch den Lebenssaft, den ich bei Helge trank, nicht verleidet, sondern ich erkannte, dass ich sie nicht um ihres Ernstes und ihrer Weltmission, sondern um der selben Lust willen betrieb, die sich in einer Helge Schneider Show auslebte. Es löste sich die Unterscheidung zwischen "ernst" und "albern" auf, zwischen Kultur und Unterhaltung, zwischen hoher Kunst und trivialem Spaß, zwischen Profanität und Heiligkeit. Ich fand im Ernst des Humors von Helge ebensoviel Heiligkeit, wie ich Profanität in affektierter Kulturbeflissenheit finden konnte. Erst viel später fand ich in dem Buch
"Missionen" von Sebastian Gronbach das Begriffspaar "Grundlegend" und "Bedeutend", das diese Relativierung begrifflich in eine neue Struktur brachte und jene Differenz, die sich in kultureller Betätigung durchaus finden lässt, in einen wertfreies System brachte.
Diese Übersteigung meines konventionellen Wertekataloges war die Tür aus dem Trampelpfad der Sittlichkeit: nicht die moralischen Prinzipien negieren und durch andere ersetzen. Auch nicht Moral als Qualität des Handelns relativieren oder ignorieren, sondern den moralischen Prinzipien gegenüber jene Gelassenheit entwickeln, die alles zulassen kann, ohne es zu glorifizieren und auf alles verzichten kann, ohne es zu verdammen. Meine sozialisierten Wertvorstellungen nicht auszutauschen oder zu verwerfen, sondern sich von ihnen zu emanzipieren, das regte Helge Schneider in mir an. Er verkörperte nicht zuletzt so ziemlich alles, was den Wertvorstellungen meines Sozialisierungskontextes widersprach: unernste Musik, sinnfreies Spiel, banaler Humor, plärrende Ästhetik, den Bruch mit allen formalen Regeln, eitle Selbstdarstellung, Hinwendung ans Unnötige aus schierer Lust. Über all das hätte ich meine anthroposophisch geeichte Nase rümpfen müssen. Doch die Intensität, mit der Helges Genie mich im Innersten berührte, zersprengte mit einem Mal all diese verknöcherten Vorurteile und machten mir deutlich, dass sie mich künstlich von meinem eigenen Wesen als Mensch fernhielten.
Ich ließ mit dem prinzipiellen Verzicht auf Prinzipien die schwerste Bürde fallen und fühlte plötzlich das ganze Leben in mir. Und die ganze Welt, all die Mannigfaltigkeit des Lebens, all die möglichen Lebensweisen, all das Individuelle und Absurde, all die Sehnsüchte und Lüste, die Gewohnheiten und Schrullen, die jeden von uns in eine andere Ecke treiben, waren plötzlich willkommene Gäste in meiner Welt. Ich hätte jeden Menschen umarmen können, nur weil er so völlig anders lebte als ich, weil er gegen meine Gewohnheiten und Sittlichkeitsmuster verstieß, weil er Lust mit Dingen verband, die ich verabscheute und umgekehrt.
Und dazu gehörte insbesondere auch meine Anthroposophie: sie war nur eine Möglichkeit von vielen, nur meine Sehnsucht, meine Schrulle. Vielleicht auch mein Talent, meine Chance. Ganz egal: dass man auch ganz ohne Anthroposophie leben kann, mit völlig anderen Ansichten und Ansätzen, mit karmischen Unmöglichkeiten und ohne jeden erkennbaren Erkenntnispfad, dass all das überhaupt nicht zählt, sondern die Menschen einfach Mensch sind wie ich, dass wir in der selben Welt leben und auf der gleichen Suche waren, dass das wahre wahre Leben nicht in irgend einem anthroposophischen Biotop, sondern da draußen in all der Mannigfaltigkeit unterschiedlichster Überzeugungen und Lebensweisen stattfand, dass es keine niedere und höhere Wirklichkeit gab, sondern dass die eine Wirklichkeit da draußen auch zugleich die wahre Wirklichkeit war - wahrhaftig: was für eine Befreiung!
Dass es viele Jahre brauchte und noch immer braucht, um diese Einsicht, dieses unmittelbare Loslassen meiner Prinzipien, auch in meinen Empfindungen und Neigungen, in meinen Gewohnheiten und Reflexen zu pflegen, ist selbstverständlich. So wie die Sozialisierung sprichwörtlich in Fleisch und Blut übergegangen ist, so muss man sich auch in Fleisch und Blut von ihr emanzipieren. Das ist ein langer, nie abschließender Prozess. Und je äußerlicher, je alltäglicher die Dinge sind, umso mehr sehe ich mich heute immer mehr meiner Sozialisierung gemäß handelnd. Der feine Unterschied ist aber, dass ich mir dieses Umstandes bewusst bin und diesem Handeln keine Wertung beilegen muss. Ich muss es weder als defizitär tabuisieren und innerlich mit Übungen dagegen opponieren, noch muss ich es als einzig gesunde Lebensweise glorifizieren. Ich bin so und ich handle so. Frei von jeder moralischen Implikation.
Der Ausweg aus meiner anthroposophischen Sekte war, wie schon früher geschildert, tatsächlich eine äußerst rationale Überlegung, ausgelöst von der Unzufriedenheit, die dieses so vollkommen erscheinende, in Wahrheit einfach nur hermetische Weltbild bei mir auslöste. Dies begann mit philosophischen Überlegungen, insbesondere mit dem Studium erkenntnistheoretischer Schriften der großen Philosophen und dem Versuch, dies in die Anthroposophie, so wie ich sie verstand, zu integrieren. Dabei reifte nach und nach die Vorstellung heran, dass Bewusstsein nicht jenes innerliche Kino ist, das auf das Einschalten des Geistesweltprojektors wartet, sondern dass Bewusstsein primär eine funktionale und operative Dimension hat und dass "Geist" in diesem Sinne nicht etwas über die Materie und die Sinnlichkeit hereinbrechendes ist, sondern das eigentliche Sein der Sinnlichkeit, sofern wir sie als Bewusstseinstatsache auf uns, auf das Bewusstsein selbst und auf eine über das materielle Sein hinausgehende Bedeutung beziehen. Erst viel später wurden diese Erkenntnisse dann zu jener konstruktivistischen Philosophie, die ich heute vertrete. Interessant für mich war aber, dass im Grunde an jeder Stelle dieses Weges die sich radikal verändernden Ansichten problemlos Steiners erkenntnistheoretische Überlegungen aus seinem Frühwerk integrierten, wenngleich in modifizierter Lesart. Sie erschlossen sich überhaupt erst in ihrem ganzen Ausmaß und in einer Konsequenz, die auch das Spätwerk in einem neuen Licht erscheinen ließ.
Ein anderer Weg, der gleichfalls von Steiner ausging, führte mich zu Nietzsche, in dem ich erstmals die eigentliche Radikalität der monistischen Freiheitsphilosophie Steiners erkannte. Die rhetorische Wucht und das brilliante, kompromisslose Denken Nietzsches riss mich mit in sein nihilistisches Infragestellen der gesamten Welt und ließ mich philosophisch abstrakt jenem Nichts begegnen, auf dem wir die Welt gründen. Während mich in langer Beschäftigung mit Kant zwar dessen Transzendentale Wende in der Erkenntnistheorie, nicht aber seine praktische Philosophie überzeugen konnte, fand ich durch Nietzsche den Hedonismus als einzig mögliche Ethik, da sie auf kein unhintergehbares Prinzip baut, sondern im Grunde nur die These aufstellt, dass jedes moralische Prinzip in letzter Konsequenz Ausdruck für unser Bestreben ist, am Ende nur das - in welcher Hinsicht auch immer - Beste zu tun. Damit liegt am Ende das entscheidende Kriterium immer bei uns selbst. Wir handeln also in jedem Falle egoistisch, egal welche Prinzipien wir uns geben.
Jenseits der philosophischen Überlegungen gab es aber noch eine andere, eine alltäglichere und praktischere Schicht, auf der die Verstellungen meiner bisherigen Weltanschauung aufgelöst werden mussten. Das war die moralisch-ethische Ebene, die mehr als nur das Alltagshandeln auch die Einstellung zum Leben, das Lebensgefühl und nicht zuletzt auch eine Ebene der psychisch-physischen Befindlichkeit betrifft. Und auf dieser Ebene gab es einen prominenten Katalysator (oder Guru), der mir zu einem relativ intensiv erlebten, emotionalen Befreiungsschlag verhielf und dem an dieser Stelle nicht genügend gedankt werden kann. Dieser Guru ist, vielleicht etwas überraschend, niemand anderes als der
Seine Filme, Lieder und Shows - initial das Lied "Es gibt Reis, Baby" - dieses völlig anhaftungsfreie Spiel in moralischer Schwerelosigkeit mit den Urmustern und Archetypen des menschlichen Denkens, Redens und Verhaltens, dieser virtuose, unprätentiöse, vor nichts haltmachende aber nichts geringachtende Humor, dieses Phänomen! bewirkte in mir eine eigentümliche Wärme, die all die Panzerscheiben meines pietistisch-protestantischen Moralgefängnisses zum Schmelzen brachte und mein Seelenleben der frischen Luft aussetzte. Dass Helge in völlig deplazierten Plateauschuhen "Ficken" und "Saupillemannarschloch" sagte oder die Verwendung seiner Katze als Stiefelkratzer besang, ohne dass es vulgär oder abfällig klang, sondern stets liebenswürdiger Humor blieb, war nicht deswegen ein Schlüsselerlebnis für mich, weil damit Grenzen überschritten, Tabus gebrochen und sittlicher Ungehorsam geleistet wurde - meine Pubertät war lange vorbei - sondern weil Helge in seiner unnachahmlichen Weise damit gerade KEINE Grenzen überschritt, gerade KEINE Tabus brach. Seine Albernheit, sein Unsinn, sein Verstoß gegen jede Regel ist keine Auflehnung, sondern Gelassenheit gegenüber diesen Regeln. Das Wort "Ficken" trägt auch in einer Helge-Schneider-Show durchaus die Markierung der Unanständigkeit, aber Unanständigkeit wird zugelassen und nicht tabuisiert, sie wird nicht bewertet sondern neutral in ihrer humoristischen, ästhetischen Qualität eingesetzt. All dieser Ernst um Ästhetik, Ethik, Wahrheit und Güte, Pflicht und Ideale, dieses ganze Pathos der Weltverbesserung, das ich mit mir herumtrug, wurde dadurch fünf Etagen tiefer gehängt und das Menschliche, der Humor, die Freude am Diesseits, das Leben grade heraus rückten ins Zentrum.
Diese Kultivierung des Absurden bedeutete nicht, dass ich nun nur noch in Albernheit versank, aber ich bekam eine neue Perspektive auch auf die "ernste" Kultur, auf klassische Musik, Philosophie, Literatur und nicht zuletzt Anthroposophie: sie wurden mir durch den Lebenssaft, den ich bei Helge trank, nicht verleidet, sondern ich erkannte, dass ich sie nicht um ihres Ernstes und ihrer Weltmission, sondern um der selben Lust willen betrieb, die sich in einer Helge Schneider Show auslebte. Es löste sich die Unterscheidung zwischen "ernst" und "albern" auf, zwischen Kultur und Unterhaltung, zwischen hoher Kunst und trivialem Spaß, zwischen Profanität und Heiligkeit. Ich fand im Ernst des Humors von Helge ebensoviel Heiligkeit, wie ich Profanität in affektierter Kulturbeflissenheit finden konnte. Erst viel später fand ich in dem Buch
Diese Übersteigung meines konventionellen Wertekataloges war die Tür aus dem Trampelpfad der Sittlichkeit: nicht die moralischen Prinzipien negieren und durch andere ersetzen. Auch nicht Moral als Qualität des Handelns relativieren oder ignorieren, sondern den moralischen Prinzipien gegenüber jene Gelassenheit entwickeln, die alles zulassen kann, ohne es zu glorifizieren und auf alles verzichten kann, ohne es zu verdammen. Meine sozialisierten Wertvorstellungen nicht auszutauschen oder zu verwerfen, sondern sich von ihnen zu emanzipieren, das regte Helge Schneider in mir an. Er verkörperte nicht zuletzt so ziemlich alles, was den Wertvorstellungen meines Sozialisierungskontextes widersprach: unernste Musik, sinnfreies Spiel, banaler Humor, plärrende Ästhetik, den Bruch mit allen formalen Regeln, eitle Selbstdarstellung, Hinwendung ans Unnötige aus schierer Lust. Über all das hätte ich meine anthroposophisch geeichte Nase rümpfen müssen. Doch die Intensität, mit der Helges Genie mich im Innersten berührte, zersprengte mit einem Mal all diese verknöcherten Vorurteile und machten mir deutlich, dass sie mich künstlich von meinem eigenen Wesen als Mensch fernhielten.
Ich ließ mit dem prinzipiellen Verzicht auf Prinzipien die schwerste Bürde fallen und fühlte plötzlich das ganze Leben in mir. Und die ganze Welt, all die Mannigfaltigkeit des Lebens, all die möglichen Lebensweisen, all das Individuelle und Absurde, all die Sehnsüchte und Lüste, die Gewohnheiten und Schrullen, die jeden von uns in eine andere Ecke treiben, waren plötzlich willkommene Gäste in meiner Welt. Ich hätte jeden Menschen umarmen können, nur weil er so völlig anders lebte als ich, weil er gegen meine Gewohnheiten und Sittlichkeitsmuster verstieß, weil er Lust mit Dingen verband, die ich verabscheute und umgekehrt.
Und dazu gehörte insbesondere auch meine Anthroposophie: sie war nur eine Möglichkeit von vielen, nur meine Sehnsucht, meine Schrulle. Vielleicht auch mein Talent, meine Chance. Ganz egal: dass man auch ganz ohne Anthroposophie leben kann, mit völlig anderen Ansichten und Ansätzen, mit karmischen Unmöglichkeiten und ohne jeden erkennbaren Erkenntnispfad, dass all das überhaupt nicht zählt, sondern die Menschen einfach Mensch sind wie ich, dass wir in der selben Welt leben und auf der gleichen Suche waren, dass das wahre wahre Leben nicht in irgend einem anthroposophischen Biotop, sondern da draußen in all der Mannigfaltigkeit unterschiedlichster Überzeugungen und Lebensweisen stattfand, dass es keine niedere und höhere Wirklichkeit gab, sondern dass die eine Wirklichkeit da draußen auch zugleich die wahre Wirklichkeit war - wahrhaftig: was für eine Befreiung!
Dass es viele Jahre brauchte und noch immer braucht, um diese Einsicht, dieses unmittelbare Loslassen meiner Prinzipien, auch in meinen Empfindungen und Neigungen, in meinen Gewohnheiten und Reflexen zu pflegen, ist selbstverständlich. So wie die Sozialisierung sprichwörtlich in Fleisch und Blut übergegangen ist, so muss man sich auch in Fleisch und Blut von ihr emanzipieren. Das ist ein langer, nie abschließender Prozess. Und je äußerlicher, je alltäglicher die Dinge sind, umso mehr sehe ich mich heute immer mehr meiner Sozialisierung gemäß handelnd. Der feine Unterschied ist aber, dass ich mir dieses Umstandes bewusst bin und diesem Handeln keine Wertung beilegen muss. Ich muss es weder als defizitär tabuisieren und innerlich mit Übungen dagegen opponieren, noch muss ich es als einzig gesunde Lebensweise glorifizieren. Ich bin so und ich handle so. Frei von jeder moralischen Implikation.
Fortsetzung: Das Kamel im Nadelöhr
Samstag, 2. Mai 2009
Spirituelle Aufklärung 2
Meine anthroposophische Privatsekte
Die Form von Anthroposophie, in der ich aufwuchs und die ich mir dann als junger Erwachsener aktiv ausstaffierte, ist nach außen zunächst keine besonders enge und restriktive Weltanschauung. Sie mag unkonventionell und absurd wirken, aber sie gab sich durchaus freiheitlich und aufgeklärt. Meine Eltern haben mich weder missioniert noch weltfremd erzogen. Ich hatte eine ganz normale und schöne Kindheit. Als Waldorfschüler kam ich in den Genuss vieler der positiven Errungenschaften der Anthroposophie. Und der Drang nach Freiheit und geistiger Emanzipation lebt ja durchaus in Steiners Werk, was nicht zuletzt dazu führte, dass Steiners Freiheitsphilosophie für mich mit ein Auslöser für den Ausstieg aus meinem anthroposophischen Dogma war.
Aber dieser freiheitliche Gestus der Anthroposophie verdeckt auch oft eine tiefer liegende Schicht an Dogmen, die den Lebensalltag prägten, ohne direkt ausgesprochen worden zu sein oder gar in Verboten und Regeln gefasst zu werden. Das inspirierende Pathos der Anthroposophie verband sich in meiner Sozialisierung mit der kruden Ethik und Moral protestantisch-pietistischer Christlichkeit. Daraus resultierte eine relativ alltagstaugliche, weil auf letztlich konventionellen Prinzipien basierende Weltanschauung, die ihre Normen nicht durch Regeln und Verbote, nicht durch starre Formen, sondern geradezu waldorfpädagogisch über Nachahmung, Einbindung, Begeisterung und Identifikation durchsetzte. Durch den Freiheitsduktus der Anthroposophie stürzte sich mein jugendlicher Idealismus geradezu euphorisch auf diese Normen und adaptierte sie als vermeintlich autonome Überzeugungen.
Nicht alles war schlimm, aber hinter der bunten und oft auch freizügigen Welt anthroposophischer Lebensart steckten als Selbstverständlichkeit tradierte ethische und moralische Rammböcke. Arbeitsethik, Leistungsmoral, Lustfeindlichkeit, Leid- und Schmerzkultur, Jenseitsglaube, Subordination, Anstand und Sitte, Altruismus, Prüderie, Pflicht, Normalität... All dies war auf anthroposophische Inhalte ausgelegt und uminterpretiert, im Kern unterschied es sich aber nicht von den traditionellen Werten insbesondere der protestantischen Ethik. Der Sinn des Lebens war das Dienen - nicht Gott, sondern der Anthroposophie. Das anthroposophische Endziel, dass wir einst alle werden wie Rudolf Steiner - allgütige, allwissende, vergeistigte Eingeweihte - das war das selbst gesetzte Leistungsdiktat. Dass es eine bodenlose Anmaßung war, zu glauben, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen und mehr als nur ein Millionstel des Weges in der gegenwärtigen Inkarnation zurücklegen zu können, war das Büßerhemd. Die Peitsche war der als heilige Pflicht empfundene Entwicklungspfad, auf dem die gesamte Beschäftigung mit der Anthroposophie zur Katharsis wurde, zur Übung, zur Reifung durch Arbeit (man las Bücher nicht, man "arbeitete" sie!). Gerade Schmerz und Leid galten als besondere Pfade der Tugend und wurden im seelischen Bootcamp meiner Anthroposophie freudig empfangen. Ganz im Kantschen Sinne, dass nichts wahrhaft gut sein kann, solange es noch Lust bereitet.
So war zum Beispiel Sex nur in seiner unumgänglichen Grundform geduldetes und nie thematisiertes Übel und alle Varianten sexueller und körperlicher Lust, die um ihrer selbst Willen kultiviert werden, wurden tabuisiert. SM und Fetischismus ebenso wie Sauna, FKK oder übermäßiges Make-Up. Was sich auf den Körper bezog, wurde als vulgär ausgeklammert. Reiner Spaß an der Freud' wurde als primitive Unkultur gebrandmarkt. Erfreuen durfte man sich nur an Dingen, die einen zugleich "weiter brachten". Stets dräute im Hintergrund der Schulungspfad und wenn man sich doch auch mal an niederen Dingen delektierte, die nicht Teil der anthroposophischen Wertewelt waren, so war man sich zumindest deutlich bewusst, dass man gerade vom Pfad abwich, seine Lebenszeit verschwendete und danach umso mehr üben musste, um den Rückstand aufzuholen. Es gab keine äußere oder metaphysische Autorität, die einen dafür strafte. Das war auch nicht nötig, denn man strafte sich selbst zusammen mit dem anthroposophischen Kontext schon mehr als genug. Es gab einen ungeschriebenen Katalog der Gos und Nogos, was anthroposophically correct und incorrect ist. Was immer mir vor die Nase tritt, auch heute noch kann ich es zielsicher in diesen Katalog einordnen. Es ist ein so zutiefst verachtenswürdiger Moralkodex, der in schierer Schwarz-Weiß-Logik die Welt in zwei Teile bricht: in die anthroposophische und in die schlechte Welt. Das Bewerten aller Phänomene ist geradezu eine anthroposophische Zwangsneurose. Und dieser Kodex hat sicherlich individuelle Färbungen, aber im Kern ist er intersubjektives Gut bei einem beachtlichen Teil der anthroposophischen Szene.
Als Freiheits-Anthroposoph konfrontierte man aber nicht, man bekämpfte nicht und diskreditierte nicht offen; man strafte Unmoral durch Tabuisierung, sprach höchstens "unter sich" offen darüber und pflegte so latente Vorurteile aller Art. Gegen Homosexualität, gegen Amerikanismus, gegen Juden, gegen vermeintlich rückständige Kulturen, gegen Materialisten, gegen Wissenschaftler, gegen Fußball, gegen die nichtanthroposophischen Nachbarn, gegen Leistungssport, gegen Popkultur, gegen Rockmusik, im Grunde gegen jede Form von individueller Lebenslust und unprätentiösem Mainstream. Die Vorurteile wurden nicht als offene Diskriminierung formuliert, sondern immer als Diagnose einer Abweichung vom anthroposophischen Ideal und letztlich eines irgend karmischen Entwicklungsdefekts. Am Ende wurden sie mit der Höchststrafe belegt: mit Mitleid und womöglich der Absicht, Hilfe zu leisten!
Das anthroposophische Weltbild, diese persönliche Geisteswelt von Rudolf Steiner, auf die ein unmittelbarer, nicht über das Schrifttum zu erschließender Weg nur theoretisch möglich war, weil er praktisch immer an der oben geschilderten Pflicht zur Selbstverachtung scheiterte, bot in ihrer teilweisen Bezogenheit auf die christliche Mythologie ein reichhaltiges Sammelsurium, um diese protestantischen Tugenden mit spirituell wirkendem Überbau zu versehen. Die Fülle und die lebendige Offenheit der Steinerschen Gedanken machten es möglich, jede noch so krude ethische Verirrung in die Anthroposophie zu importieren und so sein konventionelles, traditionelles Weltbild mit neuen Farben und zugegebenermaßen attraktiveren Aussichten, aber im Kern unverändert weiter zu pflegen. Problemlos konnte man seinen Dualismus in den gröbsten pseudosinnlichen Vorstellungen von der "geistigen Welt" pflegen und den naivsten Heilserwartungen an dieses Jenseits nachhängen. Und die Anthroposophie als vermeintlicher Backstagepass zu dieser Geistwelt war der Münchhausengriff um diesen Dualismus als Monismus, diesen voraufgeklärten christlichen Idealismus als aufklärerische Freiheitsphilosophie missverstehen zu können. Das Protestantische Christentum ist nicht die einzige Weltanschauung, die in der Anthroposophie ihre Modernisierung sucht. Die Anthroposophie wird von den unterschiedlichsten Heilserwartungen inkorporiert, wodurch sie oft ein eigenes, über die Ebene schierer Religiosität hinausgehendes Profil verliert. Der anthroposophische Anspruch, überreligiös zu sein, verirrt sich in der Realität, jede Form von Religion zu adaptieren und so am Ende zu einer Art Universalreligion zu werden. Im Vergleich zu sich bekriegenden Einzelreligionen wäre das zwar schon ein Fortschritt, im Vergleich zu den spirituellen und wissenschaftlichen Ansprüchen der Anthroposophie ist es aber absolut disqualifizierend.
Wohlgemerkt, ich spreche hier im Wesentlichen von MEINER Anthroposophie, wie ich sie im Kontext meiner Sozialisierung und aus meinem eigenen Idealismus heraus konstruiert und erlebt habe. Dass ich "man" statt "ich" schreibe, illustriert die Tatsache, dass ich diese meine Anthroposophie als intersubjektive Selbstverständlichkeit aufgefasst hatte. Ich wurde darin allerdings von meiner anthroposophischen Umwelt auch nicht widerlegt. Ich bin also überzeugt, dass ich kein Einzelfall bin, aber was ich hier schildere, ist dennoch nur eine Möglichkeit, Anthroposophie (miss-) zu verstehen. Es ist kein objektives oder allgemeingültiges Bild der Anthroposophie. Und wäre ich ein weniger zu philosophischen Fragen neigender Mensch, hätte ich wahrscheinlich weder so viel Idealismus in die Erschaffung dieser Missgeburt gesteckt, noch am Ende so viel Energie gebraucht, um mich daraus zu befreien, sondern hätte die positiven Sozialisierungseinflüsse genutzt und mich von den negativen emanzipiert. Allein der Blick in die nächste Verwandtschaft zeigt, dass dies unter ganz ähnlichen Sozialisierungsbedingungen offenbar möglich ist.
Das fatale an dieser Weltsicht ist nicht nur, dass ich ganz freiwillig darin lebte und glaubte, eigenen Überzeugungen zu folgen und den wahren Pfad gefunden zu haben. Fatal ist, dass die Anthroposophie es zuließ, sich dabei auch noch für besonders unkonventionell, besonders frei, besonders originell, besonders individuell, besonders liberal zu halten. So konnte noch nicht einmal eine Konfrontation mit aufklärerischen Idealen zur Emanzipation anregen, weil ich mich dieser Ideale bereits inne wähnte und sie so überhaupt nicht als Konfrontation erlebte.
Eine autopoetische Hirnwäsche, die perfekte Ein-Mann-Sekte!
Die Form von Anthroposophie, in der ich aufwuchs und die ich mir dann als junger Erwachsener aktiv ausstaffierte, ist nach außen zunächst keine besonders enge und restriktive Weltanschauung. Sie mag unkonventionell und absurd wirken, aber sie gab sich durchaus freiheitlich und aufgeklärt. Meine Eltern haben mich weder missioniert noch weltfremd erzogen. Ich hatte eine ganz normale und schöne Kindheit. Als Waldorfschüler kam ich in den Genuss vieler der positiven Errungenschaften der Anthroposophie. Und der Drang nach Freiheit und geistiger Emanzipation lebt ja durchaus in Steiners Werk, was nicht zuletzt dazu führte, dass Steiners Freiheitsphilosophie für mich mit ein Auslöser für den Ausstieg aus meinem anthroposophischen Dogma war.
Aber dieser freiheitliche Gestus der Anthroposophie verdeckt auch oft eine tiefer liegende Schicht an Dogmen, die den Lebensalltag prägten, ohne direkt ausgesprochen worden zu sein oder gar in Verboten und Regeln gefasst zu werden. Das inspirierende Pathos der Anthroposophie verband sich in meiner Sozialisierung mit der kruden Ethik und Moral protestantisch-pietistischer Christlichkeit. Daraus resultierte eine relativ alltagstaugliche, weil auf letztlich konventionellen Prinzipien basierende Weltanschauung, die ihre Normen nicht durch Regeln und Verbote, nicht durch starre Formen, sondern geradezu waldorfpädagogisch über Nachahmung, Einbindung, Begeisterung und Identifikation durchsetzte. Durch den Freiheitsduktus der Anthroposophie stürzte sich mein jugendlicher Idealismus geradezu euphorisch auf diese Normen und adaptierte sie als vermeintlich autonome Überzeugungen.
Nicht alles war schlimm, aber hinter der bunten und oft auch freizügigen Welt anthroposophischer Lebensart steckten als Selbstverständlichkeit tradierte ethische und moralische Rammböcke. Arbeitsethik, Leistungsmoral, Lustfeindlichkeit, Leid- und Schmerzkultur, Jenseitsglaube, Subordination, Anstand und Sitte, Altruismus, Prüderie, Pflicht, Normalität... All dies war auf anthroposophische Inhalte ausgelegt und uminterpretiert, im Kern unterschied es sich aber nicht von den traditionellen Werten insbesondere der protestantischen Ethik. Der Sinn des Lebens war das Dienen - nicht Gott, sondern der Anthroposophie. Das anthroposophische Endziel, dass wir einst alle werden wie Rudolf Steiner - allgütige, allwissende, vergeistigte Eingeweihte - das war das selbst gesetzte Leistungsdiktat. Dass es eine bodenlose Anmaßung war, zu glauben, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen und mehr als nur ein Millionstel des Weges in der gegenwärtigen Inkarnation zurücklegen zu können, war das Büßerhemd. Die Peitsche war der als heilige Pflicht empfundene Entwicklungspfad, auf dem die gesamte Beschäftigung mit der Anthroposophie zur Katharsis wurde, zur Übung, zur Reifung durch Arbeit (man las Bücher nicht, man "arbeitete" sie!). Gerade Schmerz und Leid galten als besondere Pfade der Tugend und wurden im seelischen Bootcamp meiner Anthroposophie freudig empfangen. Ganz im Kantschen Sinne, dass nichts wahrhaft gut sein kann, solange es noch Lust bereitet.
So war zum Beispiel Sex nur in seiner unumgänglichen Grundform geduldetes und nie thematisiertes Übel und alle Varianten sexueller und körperlicher Lust, die um ihrer selbst Willen kultiviert werden, wurden tabuisiert. SM und Fetischismus ebenso wie Sauna, FKK oder übermäßiges Make-Up. Was sich auf den Körper bezog, wurde als vulgär ausgeklammert. Reiner Spaß an der Freud' wurde als primitive Unkultur gebrandmarkt. Erfreuen durfte man sich nur an Dingen, die einen zugleich "weiter brachten". Stets dräute im Hintergrund der Schulungspfad und wenn man sich doch auch mal an niederen Dingen delektierte, die nicht Teil der anthroposophischen Wertewelt waren, so war man sich zumindest deutlich bewusst, dass man gerade vom Pfad abwich, seine Lebenszeit verschwendete und danach umso mehr üben musste, um den Rückstand aufzuholen. Es gab keine äußere oder metaphysische Autorität, die einen dafür strafte. Das war auch nicht nötig, denn man strafte sich selbst zusammen mit dem anthroposophischen Kontext schon mehr als genug. Es gab einen ungeschriebenen Katalog der Gos und Nogos, was anthroposophically correct und incorrect ist. Was immer mir vor die Nase tritt, auch heute noch kann ich es zielsicher in diesen Katalog einordnen. Es ist ein so zutiefst verachtenswürdiger Moralkodex, der in schierer Schwarz-Weiß-Logik die Welt in zwei Teile bricht: in die anthroposophische und in die schlechte Welt. Das Bewerten aller Phänomene ist geradezu eine anthroposophische Zwangsneurose. Und dieser Kodex hat sicherlich individuelle Färbungen, aber im Kern ist er intersubjektives Gut bei einem beachtlichen Teil der anthroposophischen Szene.
Als Freiheits-Anthroposoph konfrontierte man aber nicht, man bekämpfte nicht und diskreditierte nicht offen; man strafte Unmoral durch Tabuisierung, sprach höchstens "unter sich" offen darüber und pflegte so latente Vorurteile aller Art. Gegen Homosexualität, gegen Amerikanismus, gegen Juden, gegen vermeintlich rückständige Kulturen, gegen Materialisten, gegen Wissenschaftler, gegen Fußball, gegen die nichtanthroposophischen Nachbarn, gegen Leistungssport, gegen Popkultur, gegen Rockmusik, im Grunde gegen jede Form von individueller Lebenslust und unprätentiösem Mainstream. Die Vorurteile wurden nicht als offene Diskriminierung formuliert, sondern immer als Diagnose einer Abweichung vom anthroposophischen Ideal und letztlich eines irgend karmischen Entwicklungsdefekts. Am Ende wurden sie mit der Höchststrafe belegt: mit Mitleid und womöglich der Absicht, Hilfe zu leisten!
Das anthroposophische Weltbild, diese persönliche Geisteswelt von Rudolf Steiner, auf die ein unmittelbarer, nicht über das Schrifttum zu erschließender Weg nur theoretisch möglich war, weil er praktisch immer an der oben geschilderten Pflicht zur Selbstverachtung scheiterte, bot in ihrer teilweisen Bezogenheit auf die christliche Mythologie ein reichhaltiges Sammelsurium, um diese protestantischen Tugenden mit spirituell wirkendem Überbau zu versehen. Die Fülle und die lebendige Offenheit der Steinerschen Gedanken machten es möglich, jede noch so krude ethische Verirrung in die Anthroposophie zu importieren und so sein konventionelles, traditionelles Weltbild mit neuen Farben und zugegebenermaßen attraktiveren Aussichten, aber im Kern unverändert weiter zu pflegen. Problemlos konnte man seinen Dualismus in den gröbsten pseudosinnlichen Vorstellungen von der "geistigen Welt" pflegen und den naivsten Heilserwartungen an dieses Jenseits nachhängen. Und die Anthroposophie als vermeintlicher Backstagepass zu dieser Geistwelt war der Münchhausengriff um diesen Dualismus als Monismus, diesen voraufgeklärten christlichen Idealismus als aufklärerische Freiheitsphilosophie missverstehen zu können. Das Protestantische Christentum ist nicht die einzige Weltanschauung, die in der Anthroposophie ihre Modernisierung sucht. Die Anthroposophie wird von den unterschiedlichsten Heilserwartungen inkorporiert, wodurch sie oft ein eigenes, über die Ebene schierer Religiosität hinausgehendes Profil verliert. Der anthroposophische Anspruch, überreligiös zu sein, verirrt sich in der Realität, jede Form von Religion zu adaptieren und so am Ende zu einer Art Universalreligion zu werden. Im Vergleich zu sich bekriegenden Einzelreligionen wäre das zwar schon ein Fortschritt, im Vergleich zu den spirituellen und wissenschaftlichen Ansprüchen der Anthroposophie ist es aber absolut disqualifizierend.
Wohlgemerkt, ich spreche hier im Wesentlichen von MEINER Anthroposophie, wie ich sie im Kontext meiner Sozialisierung und aus meinem eigenen Idealismus heraus konstruiert und erlebt habe. Dass ich "man" statt "ich" schreibe, illustriert die Tatsache, dass ich diese meine Anthroposophie als intersubjektive Selbstverständlichkeit aufgefasst hatte. Ich wurde darin allerdings von meiner anthroposophischen Umwelt auch nicht widerlegt. Ich bin also überzeugt, dass ich kein Einzelfall bin, aber was ich hier schildere, ist dennoch nur eine Möglichkeit, Anthroposophie (miss-) zu verstehen. Es ist kein objektives oder allgemeingültiges Bild der Anthroposophie. Und wäre ich ein weniger zu philosophischen Fragen neigender Mensch, hätte ich wahrscheinlich weder so viel Idealismus in die Erschaffung dieser Missgeburt gesteckt, noch am Ende so viel Energie gebraucht, um mich daraus zu befreien, sondern hätte die positiven Sozialisierungseinflüsse genutzt und mich von den negativen emanzipiert. Allein der Blick in die nächste Verwandtschaft zeigt, dass dies unter ganz ähnlichen Sozialisierungsbedingungen offenbar möglich ist.
Das fatale an dieser Weltsicht ist nicht nur, dass ich ganz freiwillig darin lebte und glaubte, eigenen Überzeugungen zu folgen und den wahren Pfad gefunden zu haben. Fatal ist, dass die Anthroposophie es zuließ, sich dabei auch noch für besonders unkonventionell, besonders frei, besonders originell, besonders individuell, besonders liberal zu halten. So konnte noch nicht einmal eine Konfrontation mit aufklärerischen Idealen zur Emanzipation anregen, weil ich mich dieser Ideale bereits inne wähnte und sie so überhaupt nicht als Konfrontation erlebte.
Eine autopoetische Hirnwäsche, die perfekte Ein-Mann-Sekte!
Freitag, 1. Mai 2009
Stephan Guber
Ich bin ab sofort offizieller Stephan Guber Fan!
Vorgestern haben ich einen Vertrag unterzeichnet, der dem Künstler
Stephan Guber eine monatliche Zuwendung meinerseits sichert, und mir den Zugriff auf seine Kunstwerke im Gegenwert der Zuwendung, sowie ein paar besondere Privilegien, über die ich mehr erfahre, wenn ich demnächst mein "Starter-Kit" erhalte, das der Künstler mir in Aussicht stellte, als ich den Vertrag anlässlich einer Ausstellungseröffnung im Rathaus in Eschborn bei Frankfurt übergab. Stephan Guber finanziert sein Leben nun schon seit vielen Jahren mit diesem Modell. Ein partielles Grundeinkommen könnte man das nennen und es scheint zu funktionieren.
Das liegt allerdings nicht nur an der Originalität dieses Finanzierungsmodells, sondern schlicht an der Qualität seiner Arbeit. Sein thematischer Grundstrom ist "das Rätselhafte", sein Material ist Holz, Feuer, Bienenwachs und andere urtypische Naturmaterialien. Seine schlanken, schüchtern-heroischen Holzplastiken arbeitet er unter anderem mit der Motorsäge aus mannshohen Eichen-Spaltlingen heraus. Mit dem Flammenwerfer werden die Figuren in ihr eigenes Kohlekleid gehüllt, das dann im Gesicht wieder teilweise abgeschliffen wird, so dass das Holz hervorleuchtet. So entstehen geheimnisvolle Figuren, düster und leuchtend zugleich, wie traumwandelnd eine Verheißung flüsternd.
Auch in den Bildern - auf Holz gebrachtes Bienenwachs, Pollen, Kohle und anderes - spürt man, wie der Künstler dem Material eine Geschichte abringt. Immer versucht, nichts aufzuzwingen sondern die Formen entstehen zu lassen, aber stets aufmerksam kontrollierend, um nicht Beliebigkeit entstehen zu lassen. Auch die Bilder bleiben in jenem instabilen Gleichgewicht zwischen Offenbarung und Verhüllung, das unsere ästhetische Phantasie herausfordert und uns jenen Dialog fühlen lässt, in dem der Künstler mit seinem Werk stand.
Selten habe ich den Eindruck, so authentisch und intim durch das Werk ins Innere des Künstlers zu blicken. Man erlebt im Betrachten mit, wie der Künstler der Form nachspürt. Das Rätselhafte, das Geheimnisvolle, dieses Paradox aus Unsichtbarkeit und Verlockung, dieses Wechselspiel aus Vorenthaltung und sich Zeigen, ist das Urbild von Dialog und Kommunikation und die eigentliche Erotik der Begegnung. Meisterhaft ist die unprätentiöse Ästhetik, mit der Guber diese Urgesten so faszinierend in Szene setzt, dass man den Blick nicht mehr abwenden kann. Und am Ende sind seine Werke eines vor allen anderen Dingen: außergewöhnlich schön!
Mehr Info:
www.stephan-guber.de
Vorgestern haben ich einen Vertrag unterzeichnet, der dem Künstler
Das liegt allerdings nicht nur an der Originalität dieses Finanzierungsmodells, sondern schlicht an der Qualität seiner Arbeit. Sein thematischer Grundstrom ist "das Rätselhafte", sein Material ist Holz, Feuer, Bienenwachs und andere urtypische Naturmaterialien. Seine schlanken, schüchtern-heroischen Holzplastiken arbeitet er unter anderem mit der Motorsäge aus mannshohen Eichen-Spaltlingen heraus. Mit dem Flammenwerfer werden die Figuren in ihr eigenes Kohlekleid gehüllt, das dann im Gesicht wieder teilweise abgeschliffen wird, so dass das Holz hervorleuchtet. So entstehen geheimnisvolle Figuren, düster und leuchtend zugleich, wie traumwandelnd eine Verheißung flüsternd.
Auch in den Bildern - auf Holz gebrachtes Bienenwachs, Pollen, Kohle und anderes - spürt man, wie der Künstler dem Material eine Geschichte abringt. Immer versucht, nichts aufzuzwingen sondern die Formen entstehen zu lassen, aber stets aufmerksam kontrollierend, um nicht Beliebigkeit entstehen zu lassen. Auch die Bilder bleiben in jenem instabilen Gleichgewicht zwischen Offenbarung und Verhüllung, das unsere ästhetische Phantasie herausfordert und uns jenen Dialog fühlen lässt, in dem der Künstler mit seinem Werk stand.
Selten habe ich den Eindruck, so authentisch und intim durch das Werk ins Innere des Künstlers zu blicken. Man erlebt im Betrachten mit, wie der Künstler der Form nachspürt. Das Rätselhafte, das Geheimnisvolle, dieses Paradox aus Unsichtbarkeit und Verlockung, dieses Wechselspiel aus Vorenthaltung und sich Zeigen, ist das Urbild von Dialog und Kommunikation und die eigentliche Erotik der Begegnung. Meisterhaft ist die unprätentiöse Ästhetik, mit der Guber diese Urgesten so faszinierend in Szene setzt, dass man den Blick nicht mehr abwenden kann. Und am Ende sind seine Werke eines vor allen anderen Dingen: außergewöhnlich schön!
Mehr Info:
Dienstag, 28. April 2009
Spirituelle Aufklärung 1
Emanzipation von meinem anthroposophischen Dogma
Als ich Anfang zwanzig war, saß neben mir an der Bar ein seltsamer Mensch, der einen recht unilateralen Dialog mit mir führte und mir in mehr oder weniger verständlichen Worten die Welt erklärte. Oder zumindest was er, wie ich glaubte, dafür hielt. Ich erinnere mich konkret nur noch an eines: seinen Rat, keine Bücher mehr zu lesen. Er legte mir sehr ans Herz, dass Bücher ungesund seien und dumm machten und daher ungelesen bleiben sollten. Ich war damals höflich und widersprach nicht, ich war mir aber sicher, dass die wirre Frisur auf dem Kopf des Thekennachbars das unmittelbare Abbild seines Geisteszustandes war und widmete mich denn auch ungebrochen meiner damals nahezu exzessiven Lektüre, die sich vorwiegend auf das Werk von Rudolf Steiner und seinen Epigonen richtete. Ich fraß dieses Werk regelrecht in mich hinein und schwelgte in den lebendigen Bildern und all den Bedeutungen, die mir die Welt und sogar das, was "hinter" ihr liegt, erschließbar erscheinen ließen. Bücher ungesund? Der sprudelnde Quell des Geistes waren sie für mich und die Warnung dieses Stadtstreichers schnell vergessen.
Irgendwann aber tauchte dieser Satz wieder auf. Irgendwann in meinem Studium begann ich etwas eigentümliches festzustellen: ich bemerkte, dass das Wissen, das mir die Bücher gaben, mich wie ein Gefängnis umgab. Ich war geradezu gefangen in dieser Anthroposophie, die für jede Frage eine passable Antwort bereit hielt - und sei es nur als Stichwort in einer Bibliographie, das verbürgte, dass Steiner irgendwo auch zu dieser Frage etwas gesagt haben würde. Ich hatte das Gefühl von Leere und Einsamkeit, weil mir für mein Studium etwas fehlte: Neugier, die Möglichkeit, etwas zu entdecken, eine neue Erfahrungsschicht der Welt und des Lebens freizulegen. Denn ich hatte in der Anthroposophie vermeintlich schon den letzten, höchsten und universellsten Schlüssel zur Wahrheit gefunden. Auch wenn das Tor noch nicht geöffnet war, so stand doch außer Frage, dass nur dieser Schlüssel es irgendwann öffnen würde. Alles Neue, jede Erkenntnis, jeder mögliche Denkansatz, jedes Buch und jeder Autor wurde in meinem Hirn automatisch durch den Steiner-TÜV geprüft, klassifiziert und in bekannten Kategorien abgelegt. Es stand außer Frage, dass ich nichts würde lernen können, das nicht von Steiners Anthroposophie immer schon überstiegen und eingefasst wäre.
Mir fehlte aber genau jene Faszination am Unbekannten, jene Goldgräberstimmung bei der Suche nach einem neuen Weltbild, jene Begeisterung beim Aufstoßen eines lang gesuchten und kaum für möglich gehaltenen Tores in eine neue Welt, von der Menschen berichten, die irgendwo in ihrer Biographie zur Anthroposophie (oder zu anderen Sinnsystemen) gefunden haben. Sie fehlte mir, weil ich gleichsam Anthroposoph von Geburt an war. Aber an einem bestimmten Punkt war mir diese Faszination wichtiger als der Weg und all das (scheinbare) Wissen, das mir die Anthroposophie gab. Ich beschloss also, Neues zu suchen.
Nun konnte ich nicht einfach die Anthroposophie vergessen oder grundlos für Unsinn erklären, aber ich war mir sicher, dass es etwas geben müsse, was darüber hinaus noch entdeckbar wäre. Es musste noch eine Schicht der Welterfahrung möglich sein, die durch diese Anthroposophie nicht abgedeckt war. Es war in dieser Zeit, als mir wieder der Satz des Stadtstreichers ins Gedächtnis kam und von da ab unermüdlich an meiner Überzeugung nagte. Als stünde er noch immer neben mir mit einem Grinsen, darauf wartend, dass er Recht behalten würde. Ich erkannte, dass sich Wissen und Erkenntnis zueinander verhalten wie der Tod zum Leben. Das absurde war, dass es Steiners Anthroposophie selbst war, die mir die Instrumente lieh, um diese Erkenntnis zu erfassen. Steiner beschreibt, dass der Ätherleib als System der Lebenskräfte während des zweiten Jahrsiebts in gewissem Sinne freigesetzt wird, weil ein großer Teil seiner Aufgabe erfüllt ist und dass er dann die Grundlage der Erinnerung wird. Ich fand diesen Zusammenhang lange völlig absurd, bis es mir klar wurde: Erinnerung ist nichts anderes, als konserviertes, festgewordenes, totgewordenes Leben. Um etwas aufzubewahren muss es der Veränderung entzogen werden, es muss konserviert, eingefroren werden. Dort wo der Ätherleib nicht mehr bildet und schafft, wo er nicht mehr "lebt", da tritt Tod ein, da erstarrt das Gebildete zur Form und wird im Bewusstsein zur Erinnerung.
Wissen ist aber nichts anderes als Erinnerung. Angelesenes Wissen ist toter Ätherleib. Alles, was sich nicht mehr verändert, was nicht aufgelöst und neu erschaffen wird, ist toter Ätherleib. Erkenntnis ist aber immer das Hinzufügen eines Neuen oder das Verändern eines vorhandenen Wissens. Erkenntnis ist Ausdruck des Lebens, Wissen ist Ausdruck des Todes. Wissen ist erstarrte Erkenntnis. Natürlich ist beides nötig und hat beides seinen rechten Ort, aber es war dieser Ausdruck des Todes, den ich spürte, als ich etwas über die angelesene Anthroposophie Hinausgehendes suchte. Und es war vielleicht auch dieser Ausdruck des Todes, der den Stadtstreicher zu der Bemerkung veranlasste, dass Lesen ungesund sei. Vielleicht hat er es auch nur so dahingesagt. Das ändert aber nichts.
Ich habe in der Folge tatsächlich die Bücher zur Seite gelegt und mit etwas begonnen, das eigentlich Steiner an jeder Ecke predigt und das man als braver Anthroposoph, der ich war, doch nie wirklich pflegt - zumindest nicht seinen eigenen Überzeugungen gegenüber: Unbefangenheit und Zweifel. Und gerade die eigenen Überzeugungen sind doch ihr legitimes Opfer. Ich habe mir gesagt: wenn ich schon die Anthroposophie nicht verwerfen kann, dann muss ich sie doch zumindest systematisch so anzweifeln, dass ich sie mir selbst neu erschließen kann. Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, dass dieser systematische Zweifel zu einer so grundlegenden Neuerschließung führen würde, dass sprichwörtlich kein Stein auf dem anderen blieb. Tatsächlich löste sich irgendwann nicht nur die Anthroposophie für meine Erkenntnis auf, sondern die ganze Welt. Mein Zweifel wurde universal und existenziell. Und obwohl dem Nichts zu begegnen ein bedrohliches Erlebnis ist, so war es doch auch eine Befreiung, denn so sehr einen der Tod aus dem Dunkel des Nichts anstarrt, so sehr ist es als Akt das schiere Leben, mit dem man diese Erkenntnis erfasst. Es ist etwas, das man auch in tausend Büchern nicht lesen kann. Ich erkannte, dass wahre Philosophie nicht im Anhäufen von Wissen, im Aufbauen von Lehren und Systemen, im Liefern von Erklärungen besteht, sondern im Abtragen von Vorurteilen, im Relativieren von Systemen, im systematischen Zweifeln.
Nachdem ich so für mich die Anthroposophie zerschlagen hatte, konnte ich endlich - was für eine Befreiung! - andere Autoren mit der Unbefangenheit der echten Neugier lesen. Ich konnte aber plötzlich auch Steiner mit dieser Unbefangenheit lesen und feststellen, dass die Fragestellungen der Anthroposophie durchaus universell sind, dass Steiners Antworten nicht die einzigen aber auch nicht die schlechtesten sind, dass sie aber noch keineswegs den Horizont des Fragbaren markierten. Ich sah andere Autoren plötzlich nicht mehr durch die anthroposophische Brille sondern sah ihr eigenes Anliegen, ihre spezifische Weise, mit dem großen Rätsel Welt umzugehen, so wie ich auch in Steiner plötzlich nicht mehr den unhinterfragten Automaten für übersubjektive Welterklärungen sah, sondern einen ebenso Suchenden und Rätselnden, der auf eine große Goldmine gestoßen ist. Ich war hinter den Kulissen, ich hatte meinen eigenen Erkenntnisweg gefunden, mit dem ich mich von der Lektüre sicheren aber ebenso toten Wissens emanzipiert hatte und mir die Freiheit der eigenen, lebendigen Reflexion genommen hatte. Ich bin vom Antworten zum Fragen aufgestiegen. Nicht dass ich nichts mehr lesen würde - ich schreibe sogar - aber ich sehe darin etwas Sekundäres. Das Primäre ist das unmittelbare lebendige Denken, der unbefangene systematische Zweifel, der die innersten Verankerungen des Seins hinter Mauern aus Vorurteilen und Vorstellungen freilegt und erkennt, dass zuletzt überhaupt nichts übrig bleibt. Und in diesem Nichts ist alles aufgehoben und kann von mir konstruktiv gefasst werden.
So wird nicht nur Anthroposophie, aber auch Anthroposophie zu einer ganz neuen Veranstaltung, die an Unmittelbarkeit und Lebensfülle so viel gewinnt, wie das Spielen einer Symphonie gegenüber der bloßen Lektüre der Partitur. Und zugleich verblassen angesichts dieser Fülle all die für wichtig gehaltenen Zeichen und Muster der Partitur zu bloßen Hilfskonstruktionen und Platzhaltern für das darin überhaupt nicht konservierbare sondern stets neu zu erzeugende Eigentliche.
Als ich Anfang zwanzig war, saß neben mir an der Bar ein seltsamer Mensch, der einen recht unilateralen Dialog mit mir führte und mir in mehr oder weniger verständlichen Worten die Welt erklärte. Oder zumindest was er, wie ich glaubte, dafür hielt. Ich erinnere mich konkret nur noch an eines: seinen Rat, keine Bücher mehr zu lesen. Er legte mir sehr ans Herz, dass Bücher ungesund seien und dumm machten und daher ungelesen bleiben sollten. Ich war damals höflich und widersprach nicht, ich war mir aber sicher, dass die wirre Frisur auf dem Kopf des Thekennachbars das unmittelbare Abbild seines Geisteszustandes war und widmete mich denn auch ungebrochen meiner damals nahezu exzessiven Lektüre, die sich vorwiegend auf das Werk von Rudolf Steiner und seinen Epigonen richtete. Ich fraß dieses Werk regelrecht in mich hinein und schwelgte in den lebendigen Bildern und all den Bedeutungen, die mir die Welt und sogar das, was "hinter" ihr liegt, erschließbar erscheinen ließen. Bücher ungesund? Der sprudelnde Quell des Geistes waren sie für mich und die Warnung dieses Stadtstreichers schnell vergessen.
Irgendwann aber tauchte dieser Satz wieder auf. Irgendwann in meinem Studium begann ich etwas eigentümliches festzustellen: ich bemerkte, dass das Wissen, das mir die Bücher gaben, mich wie ein Gefängnis umgab. Ich war geradezu gefangen in dieser Anthroposophie, die für jede Frage eine passable Antwort bereit hielt - und sei es nur als Stichwort in einer Bibliographie, das verbürgte, dass Steiner irgendwo auch zu dieser Frage etwas gesagt haben würde. Ich hatte das Gefühl von Leere und Einsamkeit, weil mir für mein Studium etwas fehlte: Neugier, die Möglichkeit, etwas zu entdecken, eine neue Erfahrungsschicht der Welt und des Lebens freizulegen. Denn ich hatte in der Anthroposophie vermeintlich schon den letzten, höchsten und universellsten Schlüssel zur Wahrheit gefunden. Auch wenn das Tor noch nicht geöffnet war, so stand doch außer Frage, dass nur dieser Schlüssel es irgendwann öffnen würde. Alles Neue, jede Erkenntnis, jeder mögliche Denkansatz, jedes Buch und jeder Autor wurde in meinem Hirn automatisch durch den Steiner-TÜV geprüft, klassifiziert und in bekannten Kategorien abgelegt. Es stand außer Frage, dass ich nichts würde lernen können, das nicht von Steiners Anthroposophie immer schon überstiegen und eingefasst wäre.
Mir fehlte aber genau jene Faszination am Unbekannten, jene Goldgräberstimmung bei der Suche nach einem neuen Weltbild, jene Begeisterung beim Aufstoßen eines lang gesuchten und kaum für möglich gehaltenen Tores in eine neue Welt, von der Menschen berichten, die irgendwo in ihrer Biographie zur Anthroposophie (oder zu anderen Sinnsystemen) gefunden haben. Sie fehlte mir, weil ich gleichsam Anthroposoph von Geburt an war. Aber an einem bestimmten Punkt war mir diese Faszination wichtiger als der Weg und all das (scheinbare) Wissen, das mir die Anthroposophie gab. Ich beschloss also, Neues zu suchen.
Nun konnte ich nicht einfach die Anthroposophie vergessen oder grundlos für Unsinn erklären, aber ich war mir sicher, dass es etwas geben müsse, was darüber hinaus noch entdeckbar wäre. Es musste noch eine Schicht der Welterfahrung möglich sein, die durch diese Anthroposophie nicht abgedeckt war. Es war in dieser Zeit, als mir wieder der Satz des Stadtstreichers ins Gedächtnis kam und von da ab unermüdlich an meiner Überzeugung nagte. Als stünde er noch immer neben mir mit einem Grinsen, darauf wartend, dass er Recht behalten würde. Ich erkannte, dass sich Wissen und Erkenntnis zueinander verhalten wie der Tod zum Leben. Das absurde war, dass es Steiners Anthroposophie selbst war, die mir die Instrumente lieh, um diese Erkenntnis zu erfassen. Steiner beschreibt, dass der Ätherleib als System der Lebenskräfte während des zweiten Jahrsiebts in gewissem Sinne freigesetzt wird, weil ein großer Teil seiner Aufgabe erfüllt ist und dass er dann die Grundlage der Erinnerung wird. Ich fand diesen Zusammenhang lange völlig absurd, bis es mir klar wurde: Erinnerung ist nichts anderes, als konserviertes, festgewordenes, totgewordenes Leben. Um etwas aufzubewahren muss es der Veränderung entzogen werden, es muss konserviert, eingefroren werden. Dort wo der Ätherleib nicht mehr bildet und schafft, wo er nicht mehr "lebt", da tritt Tod ein, da erstarrt das Gebildete zur Form und wird im Bewusstsein zur Erinnerung.
Wissen ist aber nichts anderes als Erinnerung. Angelesenes Wissen ist toter Ätherleib. Alles, was sich nicht mehr verändert, was nicht aufgelöst und neu erschaffen wird, ist toter Ätherleib. Erkenntnis ist aber immer das Hinzufügen eines Neuen oder das Verändern eines vorhandenen Wissens. Erkenntnis ist Ausdruck des Lebens, Wissen ist Ausdruck des Todes. Wissen ist erstarrte Erkenntnis. Natürlich ist beides nötig und hat beides seinen rechten Ort, aber es war dieser Ausdruck des Todes, den ich spürte, als ich etwas über die angelesene Anthroposophie Hinausgehendes suchte. Und es war vielleicht auch dieser Ausdruck des Todes, der den Stadtstreicher zu der Bemerkung veranlasste, dass Lesen ungesund sei. Vielleicht hat er es auch nur so dahingesagt. Das ändert aber nichts.
Ich habe in der Folge tatsächlich die Bücher zur Seite gelegt und mit etwas begonnen, das eigentlich Steiner an jeder Ecke predigt und das man als braver Anthroposoph, der ich war, doch nie wirklich pflegt - zumindest nicht seinen eigenen Überzeugungen gegenüber: Unbefangenheit und Zweifel. Und gerade die eigenen Überzeugungen sind doch ihr legitimes Opfer. Ich habe mir gesagt: wenn ich schon die Anthroposophie nicht verwerfen kann, dann muss ich sie doch zumindest systematisch so anzweifeln, dass ich sie mir selbst neu erschließen kann. Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, dass dieser systematische Zweifel zu einer so grundlegenden Neuerschließung führen würde, dass sprichwörtlich kein Stein auf dem anderen blieb. Tatsächlich löste sich irgendwann nicht nur die Anthroposophie für meine Erkenntnis auf, sondern die ganze Welt. Mein Zweifel wurde universal und existenziell. Und obwohl dem Nichts zu begegnen ein bedrohliches Erlebnis ist, so war es doch auch eine Befreiung, denn so sehr einen der Tod aus dem Dunkel des Nichts anstarrt, so sehr ist es als Akt das schiere Leben, mit dem man diese Erkenntnis erfasst. Es ist etwas, das man auch in tausend Büchern nicht lesen kann. Ich erkannte, dass wahre Philosophie nicht im Anhäufen von Wissen, im Aufbauen von Lehren und Systemen, im Liefern von Erklärungen besteht, sondern im Abtragen von Vorurteilen, im Relativieren von Systemen, im systematischen Zweifeln.
Nachdem ich so für mich die Anthroposophie zerschlagen hatte, konnte ich endlich - was für eine Befreiung! - andere Autoren mit der Unbefangenheit der echten Neugier lesen. Ich konnte aber plötzlich auch Steiner mit dieser Unbefangenheit lesen und feststellen, dass die Fragestellungen der Anthroposophie durchaus universell sind, dass Steiners Antworten nicht die einzigen aber auch nicht die schlechtesten sind, dass sie aber noch keineswegs den Horizont des Fragbaren markierten. Ich sah andere Autoren plötzlich nicht mehr durch die anthroposophische Brille sondern sah ihr eigenes Anliegen, ihre spezifische Weise, mit dem großen Rätsel Welt umzugehen, so wie ich auch in Steiner plötzlich nicht mehr den unhinterfragten Automaten für übersubjektive Welterklärungen sah, sondern einen ebenso Suchenden und Rätselnden, der auf eine große Goldmine gestoßen ist. Ich war hinter den Kulissen, ich hatte meinen eigenen Erkenntnisweg gefunden, mit dem ich mich von der Lektüre sicheren aber ebenso toten Wissens emanzipiert hatte und mir die Freiheit der eigenen, lebendigen Reflexion genommen hatte. Ich bin vom Antworten zum Fragen aufgestiegen. Nicht dass ich nichts mehr lesen würde - ich schreibe sogar - aber ich sehe darin etwas Sekundäres. Das Primäre ist das unmittelbare lebendige Denken, der unbefangene systematische Zweifel, der die innersten Verankerungen des Seins hinter Mauern aus Vorurteilen und Vorstellungen freilegt und erkennt, dass zuletzt überhaupt nichts übrig bleibt. Und in diesem Nichts ist alles aufgehoben und kann von mir konstruktiv gefasst werden.
So wird nicht nur Anthroposophie, aber auch Anthroposophie zu einer ganz neuen Veranstaltung, die an Unmittelbarkeit und Lebensfülle so viel gewinnt, wie das Spielen einer Symphonie gegenüber der bloßen Lektüre der Partitur. Und zugleich verblassen angesichts dieser Fülle all die für wichtig gehaltenen Zeichen und Muster der Partitur zu bloßen Hilfskonstruktionen und Platzhaltern für das darin überhaupt nicht konservierbare sondern stets neu zu erzeugende Eigentliche.
Fortsetzung: Meine anthroposophische Privatsekte
Geschrieben von Christian Grauer
in Anthroposophie, Infosophie
um
21:24
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Mittwoch, 1. April 2009
Das Grundeinkommen ist da!
Endlich hat die Bundesregierung reagiert! Nachdem in einer Petition über 50.000 Bürger das Grundeinkommen gefordert haben kann man es ab sofort bei der Bundesagentur für Einkommen
online beantragen . Weitere Informationen sind auf der
Website der Bundesagentur zu finden.
Montag, 2. Februar 2009
Mit 5 Klicks zur Revolution!
Einfach die Petition zum Grundeinkommen unterschreiben. Verlängert bis zum 17. Februar 2009[1]!
Es gibt Ideen und Institutionen, die sind so selbstverständlich, einleuchtend und naheliegend, dass man sich nach ihrer Einführung nicht mehr vorstellen kann, wie die Menschheit ohne sie ausgekommen ist. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine solche. Mit dem Unterschied, dass wir derzeit noch vor ihrer Einführung stehen.
Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine Utopie einer neuen Gesellschaftsordnung, in der alles viel besser ist als heute, in der am grünen Tisch das Paradies entworfen wird. Das bedingungslose Grundeinkommen ist die Anerkennung der sozialen Realität. All diese Provisorien, Umwege, Notlösungen, Behelfsinstitutionen und Zugeständnisse an scheinbare Sachzwänge, mit denen wir versuchen ein längst obsoletes soziales Konzept zum Schein noch aufrecht zu erhalten, werden ersetzt durch eine geradlinige neue institutionelle Form für die soziale Realität, die hinter diesen Hilfskonstruktionen steckt.
Schon längst sind Arbeit und Einkommen getrennt - weniger als 50% der Bürger sind erwerbstätig. Längst wird jeder bei Bedarf mit einem Mindesteinkommen versorgt - wir betrachten es aber als Notlösung, als "Stütze" und diskriminieren die Betroffenen. Schon längst geben wir mehr als die Hälfte unseres Einkommens dem Staat zur solidarischen Verwendung - wir verstecken diese hohe Staatsquote nur hinter einem gigantisch komplexen Steuersystem. Schon längst leben wir von den Leistungen der Gesellschaft und nicht von unserer eigenen - indem wir Arbeitsplätze wie Waren behandeln täuschen wir nur vor, unsere Leistung zu verkaufen. Schon längst führen wir eine Nivellierung der Einkommen durch - wir machen es nur versteckt mit Sozialnachlässen, Steuerprogression, Luxussteuern, Freibeträgen etc.
All diese Dinge und noch viel mehr werden vom bedingungslosen Grundeinkommen nicht wie eigentlich zu behebende Defekte behandelt, sondern sie werden als gesellschaftliche Realität ganz neutral anerkannt und mit möglichst effizienten Mitteln verwaltet, statt einem obsoleten gesellschaftlichen Konzept nachzuhängen, das auf fragwürdigen Zwangsvorstellungen einer Leistungs- und Verdienstethik basiert, das seine Wirtschaft zwischen Sozialneid und sozialer Verantwortung aufreibt und sich an ausrangierten Prinzipien wie Vollbeschäftigung und staatlicher Gnade orientiert.
Das bedingungslose Grundeinkommen schafft nicht das Paradies auf Erden, aber es macht Schluss mit der sozialen Schizophrenie, die uns nicht nur daran hindert, allen Menschen die Grundlage für ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, ohne sie mit dem Stigma des Scheiterns zu belegen, sondern die uns auch daran hindert, eine effiziente Marktwirtschaft zu betreiben, die uns von Arbeit befreit, statt uns um des Einkommens Willen an sinnlose, ineffiziente und unattraktive Produktions- und Arbeitsmethoden zu binden. Und die uns nicht zuletzt zu einem Verwaltungsaufwand zwingt, der allein schon einen großen Teil der eingenommenen und wieder verteilten Steuern verschlingt.
Bis zum 10. Februar gibt es die Möglichkeit, bei einer Petition an den Bundestag zu unterschreiben, die diesen veranlasst, das Thema Grundeinkommen endlich auf die Tagesordnung zu setzen und ernsthaft die Vor- und Nachteile dieser Idee zu besprechen, die sich immer mehr als eine der drängendsten Forderungen unserer Zeit gerade aus der gesellschaftlichen Basis heraus formuliert.
Petition zum Grundeinkommen
Man muss sich für die Petition anmelden, das ist aber ganz unkompliziert und in fünf Minuten erledigt.
Weitere Infos zum Grundeinkommen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Grundeinkommen
http://www.grundeinkommen.tv/blog/ mit einem hervorragenden Film zum Downloaden über das Grundeinkommen!
[1] Ergänzung vom 9.2.09: lt. Angaben des Netzwerk Grundeinkommen (www.grundeinkommen.de) wurde die Petition aufgrund anhaltender technischer Probleme in den letzten Tagen um eine Woche bis zum 17.2.2009 verlängert.
Es gibt Ideen und Institutionen, die sind so selbstverständlich, einleuchtend und naheliegend, dass man sich nach ihrer Einführung nicht mehr vorstellen kann, wie die Menschheit ohne sie ausgekommen ist. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine solche. Mit dem Unterschied, dass wir derzeit noch vor ihrer Einführung stehen.
Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine Utopie einer neuen Gesellschaftsordnung, in der alles viel besser ist als heute, in der am grünen Tisch das Paradies entworfen wird. Das bedingungslose Grundeinkommen ist die Anerkennung der sozialen Realität. All diese Provisorien, Umwege, Notlösungen, Behelfsinstitutionen und Zugeständnisse an scheinbare Sachzwänge, mit denen wir versuchen ein längst obsoletes soziales Konzept zum Schein noch aufrecht zu erhalten, werden ersetzt durch eine geradlinige neue institutionelle Form für die soziale Realität, die hinter diesen Hilfskonstruktionen steckt.
Schon längst sind Arbeit und Einkommen getrennt - weniger als 50% der Bürger sind erwerbstätig. Längst wird jeder bei Bedarf mit einem Mindesteinkommen versorgt - wir betrachten es aber als Notlösung, als "Stütze" und diskriminieren die Betroffenen. Schon längst geben wir mehr als die Hälfte unseres Einkommens dem Staat zur solidarischen Verwendung - wir verstecken diese hohe Staatsquote nur hinter einem gigantisch komplexen Steuersystem. Schon längst leben wir von den Leistungen der Gesellschaft und nicht von unserer eigenen - indem wir Arbeitsplätze wie Waren behandeln täuschen wir nur vor, unsere Leistung zu verkaufen. Schon längst führen wir eine Nivellierung der Einkommen durch - wir machen es nur versteckt mit Sozialnachlässen, Steuerprogression, Luxussteuern, Freibeträgen etc.
All diese Dinge und noch viel mehr werden vom bedingungslosen Grundeinkommen nicht wie eigentlich zu behebende Defekte behandelt, sondern sie werden als gesellschaftliche Realität ganz neutral anerkannt und mit möglichst effizienten Mitteln verwaltet, statt einem obsoleten gesellschaftlichen Konzept nachzuhängen, das auf fragwürdigen Zwangsvorstellungen einer Leistungs- und Verdienstethik basiert, das seine Wirtschaft zwischen Sozialneid und sozialer Verantwortung aufreibt und sich an ausrangierten Prinzipien wie Vollbeschäftigung und staatlicher Gnade orientiert.
Das bedingungslose Grundeinkommen schafft nicht das Paradies auf Erden, aber es macht Schluss mit der sozialen Schizophrenie, die uns nicht nur daran hindert, allen Menschen die Grundlage für ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, ohne sie mit dem Stigma des Scheiterns zu belegen, sondern die uns auch daran hindert, eine effiziente Marktwirtschaft zu betreiben, die uns von Arbeit befreit, statt uns um des Einkommens Willen an sinnlose, ineffiziente und unattraktive Produktions- und Arbeitsmethoden zu binden. Und die uns nicht zuletzt zu einem Verwaltungsaufwand zwingt, der allein schon einen großen Teil der eingenommenen und wieder verteilten Steuern verschlingt.
Bis zum 10. Februar gibt es die Möglichkeit, bei einer Petition an den Bundestag zu unterschreiben, die diesen veranlasst, das Thema Grundeinkommen endlich auf die Tagesordnung zu setzen und ernsthaft die Vor- und Nachteile dieser Idee zu besprechen, die sich immer mehr als eine der drängendsten Forderungen unserer Zeit gerade aus der gesellschaftlichen Basis heraus formuliert.
Petition zum Grundeinkommen
Man muss sich für die Petition anmelden, das ist aber ganz unkompliziert und in fünf Minuten erledigt.
Weitere Infos zum Grundeinkommen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Grundeinkommen
http://www.grundeinkommen.tv/blog/ mit einem hervorragenden Film zum Downloaden über das Grundeinkommen!
[1] Ergänzung vom 9.2.09: lt. Angaben des Netzwerk Grundeinkommen (www.grundeinkommen.de) wurde die Petition aufgrund anhaltender technischer Probleme in den letzten Tagen um eine Woche bis zum 17.2.2009 verlängert.
Freitag, 9. Januar 2009
Waldorfhasser setzen auf Lügen
Die Anti-Waldorf-Front um
Michael Grandt ,
Andreas Lichte ,
Alexander Kissler und andere, sowie Foren wie NWA und Esowatch haben im vergangenen Jahr groß aufgefahren, um die
Waldorfpädagogik zu bekämpfen. Dass die seit bald 100 Jahren ins offizielle Schulsystem integrierten Schulen mit besonderer pädagogischer Ausrichtung nur Kaderschmieden für eine gefährliche rassistische Sekte seien, versuchen die Autoren mit zum Teil haarsträubenden Ausführungen und umstrittenen publizistischen Mitteln glauben zu machen. Eines dieser Mittel sind schlichte Lügen, wie ich am Beispiel des "Schwarzbuch Waldorf" von Michael Grandt
nachgewiesen habe, der mit einem verfälschten Zitat behaupten wollte, der Bund der Freien Waldorfschulen empfehle angeblich Literatur, die Prügelstrafen gutheißt.
Nun wird auf der Website der Zeitschrift info3
eine Arbeit vorgestellt, in der gezeigt wird, dass auch die von Claudia Goldner aufgestellte Behauptung, Steiner habe „Ohrfeigen für grundsätzlich legitim“ gehalten, jeglicher Grundlage entbehrt.
Und die Website "
Nachsichten aus der Welt der Anthroposophie " befasst sich seit einiger Zeit intensiv mit Michael Grandt. Die "Nachsichten" zeigen anhand von verschiedenen Publikationen von
Michael Grandt , dass dieser nicht nur in Bezug auf die Waldorfpädagogik abwegige Ansichten vertritt: so glaubt Grandt offenbar auch an Ufos, er lobt China als Hort der Freiheit wegen der dort möglichen Ufoforschung und er demonstriert eine sehr fragwürdige Sympathie mit der Terrororganisation Hamas, die er in einem
Artikel auf der Website des Kopp-Verlages zur Bürgerrechtsbewegung idealisiert. Angeblich hat Grandt den Nachsichten wegen dieser Veröffentlichungen bereits mit Gerichtsklagen gedroht - ein rechtsstaatliches Mittel, dessen Anwendung er dem Bund der Waldorfschulen allerdings stets als Beweis für Agressivität und Sektierertum vorhält. Doch auch der Kopp-Verlag, der diesen Artikel veröffentlichte, rudert bereits zurück, indem er den ursprünglichen antiisraelischen Hetz-Titel "Gaza: Israels Massenmord an den Palästinensern" in "Gaza-Krieg: Kollektivbestrafung an Palästinensern?" änderte (die URL des Links verrät noch den ursprünglichen Titel).
Es ist leicht, mit Falschbehauptungen ein schlechtes Licht auf Steiner und die Waldorfschulen oder auf andere kulturelle Minderheitsbewegungen zu werfen. Diese Anwürfe aufzuklären und richtig zu stellen, ist weit mühsamer. Manche Anthroposophen glauben, in Gerichtsklagen das geeignete Mittel hierfür gefunden zu haben. Die genannten Beispiele zeigen aber, wieviel effektiver publizistische Mittel sind, insbesondere dann, wenn sich Protagonisten wie Grandt auf lange Sicht ohne große Mühe selbst disqualifizieren. Und Websites wie info3 und die Nachsichten, aber auch die Blogs der sog. "Anthro-Sphäre" beweisen, dass Anfeindungen wie die von Grandt et al. keineswegs unwidersprochen bleiben, auch wenn auf legitime juristische Mittel verzichtet wird.
Nun wird auf der Website der Zeitschrift info3
Und die Website "
Es ist leicht, mit Falschbehauptungen ein schlechtes Licht auf Steiner und die Waldorfschulen oder auf andere kulturelle Minderheitsbewegungen zu werfen. Diese Anwürfe aufzuklären und richtig zu stellen, ist weit mühsamer. Manche Anthroposophen glauben, in Gerichtsklagen das geeignete Mittel hierfür gefunden zu haben. Die genannten Beispiele zeigen aber, wieviel effektiver publizistische Mittel sind, insbesondere dann, wenn sich Protagonisten wie Grandt auf lange Sicht ohne große Mühe selbst disqualifizieren. Und Websites wie info3 und die Nachsichten, aber auch die Blogs der sog. "Anthro-Sphäre" beweisen, dass Anfeindungen wie die von Grandt et al. keineswegs unwidersprochen bleiben, auch wenn auf legitime juristische Mittel verzichtet wird.
Montag, 5. Januar 2009
Wir sind Israel!
Ab sofort prangen bei Schachtelhalm oben links zwei Fähnchen von Deutschland und Israel und verweisen auf eine
Informationsseite von "The Israel Project" über Israel und den Nahostkonflikt.
Noch immer wird in Deutschland antiisraelische Hetze betrieben und unter dem heuchlerischen Namen des Pazifismus der palästinensische und islamistische Terrorismus verharmlost und naiv romantisierend zum Friedens- und Freiheitskampf stilisiert. Berge von Halbwahrheiten und unreflektierter tendenziöser Desinformation versuchen davon abzulenken, dass da eine Horde rein ideologisch motivierter, politisch völlig unkontrollierter und gezielt mordender Terroristen gegen einen demokratischen Staat steht, der seine Zivilbevölkerung militärisch gegen diese Angriffe verteidigt. Das Blutvergießen ist schrecklich, aber wenn wir uns nicht hinter Israel stellen, stellen wir uns außerhalb der freiheitlich-demokratischen Werteordnung, auf der unsere zivilisierte Welt gründet. Dieser Werteordnung ist auch die israelische Offensive verpflichtet und durch sie legitimiert, weil die Provokationen der Hamas und ihrer islamistischen Gesinnungsgenossen nicht nur jenseits dieser Werteordnung stehen, sondern sie gezielt, mit feiger Gewalt und zynischer Propaganda bekämpfen.
Denn ganz gleich wie groß die Mitschuld Israels an diesem Krieg ist und ob ihre Mittel angemessen sind - Israel steht auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Zivilisation. Israel will Frieden, Sicherheit und sein Existenzrecht. Und es verteidigt diese mit den selben Mitteln, die auch wir uns als demokratische Nation zur Verteidigung unseres Landes vorbehalten. Die Hamas hingegen will erklärtermaßen keinen Frieden für Palästina, sondern die Vernichtung Israels mit allen Mitteln. Niemand, der auch nur einen Funken politischen Verstand hat und dem das Wohl und der Frieden des palästinensischen Volkes am Herzen liegt, handelt wie die Hamas handelt. Die Hamas missbraucht das geschundene palästinensische Volk, insbesondere die zahllosen zu Kampfmaschinen und als Schutzschilde missbrauchten Kinder und Jugendlichen, für ihren ideologischen Kampf gegen die Freiheit. Und dieser Kampf gilt nicht nur Israel, er gilt ebenso Europa, er gilt der gesamten freien Welt; er gilt auch uns!
Wir sind Israel!
Beispiele für die antiisraelische bis antisemitische Pro-Terrorismus-Propaganda:
All diese Seiten - und das sind nur wenige Beispiele - verharmlosen und solidarisieren sich mit der Hamas, die von den USA und der EU als terroristische Vereinigung eingestuft ist und in deren Charta u.a. folgende Überzeugungen niedergelegt sind:
Das ist nicht die Stimme eines verfolgten und unterdrückten Volkes, nicht die Stimme eines Kampfes für Freiheit und Frieden, es ist die Stimme eines barbarischen Vernichtungswillens und kompromissloser Agression, die weder Recht noch Gnade kennen.
Wem das nicht genügt, wer die Hamas noch immer für eine Pfadfindertruppe hält, die bedrohte Kinder und Mütter schützt und sich nur gegen die angebliche israelische Unterdrückung wehrt; wer nicht verstehen will, dass Israel nicht gegen die Palästinenser sondern gegen die Hames kämpft und dass die Palästinenser nicht von Israel sondern von der Hamas instrumentalisiert und in diesen Krieg hineingezogen wird, um eines fundamentlistisch-ideologischen Kreuzzuges Willen, der weit über die Vernichtung Israels hinaus zielt; wer immer noch nicht begreift, dass man sich mit Anit-Israel-Demonstrationen an die Seite von Terroristen und gegen die europäische und amerikanische Zivilisation stellt, der möge sich im Originalton anhören, was und wem er da seine Stimme gibt:
Noch Fragen?
Noch immer wird in Deutschland antiisraelische Hetze betrieben und unter dem heuchlerischen Namen des Pazifismus der palästinensische und islamistische Terrorismus verharmlost und naiv romantisierend zum Friedens- und Freiheitskampf stilisiert. Berge von Halbwahrheiten und unreflektierter tendenziöser Desinformation versuchen davon abzulenken, dass da eine Horde rein ideologisch motivierter, politisch völlig unkontrollierter und gezielt mordender Terroristen gegen einen demokratischen Staat steht, der seine Zivilbevölkerung militärisch gegen diese Angriffe verteidigt. Das Blutvergießen ist schrecklich, aber wenn wir uns nicht hinter Israel stellen, stellen wir uns außerhalb der freiheitlich-demokratischen Werteordnung, auf der unsere zivilisierte Welt gründet. Dieser Werteordnung ist auch die israelische Offensive verpflichtet und durch sie legitimiert, weil die Provokationen der Hamas und ihrer islamistischen Gesinnungsgenossen nicht nur jenseits dieser Werteordnung stehen, sondern sie gezielt, mit feiger Gewalt und zynischer Propaganda bekämpfen.
Denn ganz gleich wie groß die Mitschuld Israels an diesem Krieg ist und ob ihre Mittel angemessen sind - Israel steht auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Zivilisation. Israel will Frieden, Sicherheit und sein Existenzrecht. Und es verteidigt diese mit den selben Mitteln, die auch wir uns als demokratische Nation zur Verteidigung unseres Landes vorbehalten. Die Hamas hingegen will erklärtermaßen keinen Frieden für Palästina, sondern die Vernichtung Israels mit allen Mitteln. Niemand, der auch nur einen Funken politischen Verstand hat und dem das Wohl und der Frieden des palästinensischen Volkes am Herzen liegt, handelt wie die Hamas handelt. Die Hamas missbraucht das geschundene palästinensische Volk, insbesondere die zahllosen zu Kampfmaschinen und als Schutzschilde missbrauchten Kinder und Jugendlichen, für ihren ideologischen Kampf gegen die Freiheit. Und dieser Kampf gilt nicht nur Israel, er gilt ebenso Europa, er gilt der gesamten freien Welt; er gilt auch uns!
Wir sind Israel!
Beispiele für die antiisraelische bis antisemitische Pro-Terrorismus-Propaganda:
- Die
"Freunde Palästinas" huldigen dem Terror und promoten
Prof. Dr. Udo Steinbach von der Uni Marburg mit haarsträunden Aussagen wie "die Hamas ist eine kämpfende Gruppe, die sich in gewisser Weise zur Wehr setzt. Aber das eigentliche Problem liegt bei den Israelis"! Steinbach hält es gar für "normal", dass "die Menschen militant werden". Von Israel hingegen fordert er Verzicht auf militärische Mittel und Abwehr der 3200 Raketenangriffe allein im letzten Jahr ausschließlich durch politisches Engegenkommen! Es ist bodenlos, was ein staatlich bezahlter Universitätsprofessor da öffentlich an proterroristischer Propaganda von sich gibt. - Auf dem
Palästina-Portal vergreift sich Ehardt Arendt am Begriff des Genozids, den er einem Land vorwirft, aus dem seit Beginn der aktuellen Eskalation u.a. 178 Wagenladungen Hilfsgüter nach Gaza gebracht wurden. - Ein alter Bekannter:
Ufologe und
Lügenjournalist Michael Grandt
hetzt beim Kopp-Verlag . Wer sich näher mit Grandt beschäftigt hat, dem fällt dazu überhaupt nichts mehr ein. Dieser "Journalist" ist seine eigene Karrikatur! - Der
Muslim-Markt betreibt offen antisemitische Hetze gegen die angeblich "rassistische Ideologie" Israels und des Zionismus und fordert die Tilgung des israelischen Staates. Der Muslim-Markt hält es sogar für nötig, sich dann aber doch ausdrücklich von Adolf Hitler zu distanzieren. So groß ist die ideologische Nähe! - Die
Linkezeitung empört sich "über die Grausamkeit und Brutalität Israels" und fordert "umgehend Verhandlungen für einen gerechten Frieden". Über die 3200 Raketen der Hamas in ein Land, das die Hamas und Gaza mit Hilfsgütern versorgt, empört sie sich nicht und auch nicht darüber, dass die Hamas die für Verhandlungen notwendige Waffenruhe einseitig beendet hat...
All diese Seiten - und das sind nur wenige Beispiele - verharmlosen und solidarisieren sich mit der Hamas, die von den USA und der EU als terroristische Vereinigung eingestuft ist und in deren Charta u.a. folgende Überzeugungen niedergelegt sind:
Hamas ist eines der Glieder in der Kette des Djihad, die sich der zionistischen Invasion entgegenstellt. (...) Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn!
(...)
Ansätze zum Frieden, die sogenannten friedlichen Lösungen und die internationalen Konferenzen zur Lösung der Palästinafrage stehen sämtlichst im Widerspruch zu den Auffassungen der Islamischen Widerstandsbewegung. Denn auf irgendeinen Teil Palästinas zu verzichten bedeutet, auf einen Teil der Religion zu verzichten; (...) Für die Palästina-Frage gibt es keine andere Lösung als den Djihad. Die Initiativen, Vorschläge und Internationalen Konferenzen sind reine Zeitverschwendung und eine Praxis der Sinnlosigkeit.
Das ist nicht die Stimme eines verfolgten und unterdrückten Volkes, nicht die Stimme eines Kampfes für Freiheit und Frieden, es ist die Stimme eines barbarischen Vernichtungswillens und kompromissloser Agression, die weder Recht noch Gnade kennen.
Wem das nicht genügt, wer die Hamas noch immer für eine Pfadfindertruppe hält, die bedrohte Kinder und Mütter schützt und sich nur gegen die angebliche israelische Unterdrückung wehrt; wer nicht verstehen will, dass Israel nicht gegen die Palästinenser sondern gegen die Hames kämpft und dass die Palästinenser nicht von Israel sondern von der Hamas instrumentalisiert und in diesen Krieg hineingezogen wird, um eines fundamentlistisch-ideologischen Kreuzzuges Willen, der weit über die Vernichtung Israels hinaus zielt; wer immer noch nicht begreift, dass man sich mit Anit-Israel-Demonstrationen an die Seite von Terroristen und gegen die europäische und amerikanische Zivilisation stellt, der möge sich im Originalton anhören, was und wem er da seine Stimme gibt:
Noch Fragen?
Donnerstag, 25. Dezember 2008
In welcher Zeit lebt die Anthroposophie?
Der info3-Artikel
"Kulturfaktor mit Eintrittskarte?" von Ramon Brüll hat viel Staub aufgewirbelt. Seiner These, dass die anthroposophische Gesellschaft als soziale Form für die anthroposophische Bewegung nicht mehr zeitgemäß sei, wird erwartungsgemäß von vielen Seiten widersprochen.
Wenn die Frage gestellt wird, ob eine vor knapp 100 Jahren gegründete Institution noch die zeitgemäße Form für den anthroposophischen Impuls darstellt, dann ist es schon ein wagemutiges Unterfangen, dieser Frage mit Zitaten zu begegnen, die aus dem Kontext der Gründung dieser Institution stammen. Komplett absurd wird es, wenn diese Zitate im Grunde das genaue Gegenteil dessen aussagen, wofür sie herangezogen werden.
Hartwig Schiller führt in seinem Aufsatz mit dem programmatischen Titel
"Die unsterbliche Gesellschaft" gegen die Thesen von Brüll das folgende Zitat Steiners an: "Aber, meine lieben Freunde, wenn wir die Anthroposophische Gesellschaft auflösen würden, so wäre sie gar nicht aufgelöst. Wir haben gar nicht so wie andere Gesellschaften und Vereine die Möglichkeit, die Anthroposophische Gesellschaft so ohne weiteres aufzulösen. Denn wir unterscheiden uns als Anthroposophische Gesellschaft, die eine Gesellschaft für eine geisteswissenschaftliche Bewegung ist, von anderen Gesellschaften gerade dadurch, dass wir nicht auf Programmpunkte, das heißt nicht auf Irreales, bloß Gedachtes, sondern uns auf Reales begründen, auf einer wirklichen Basis stehen."
Und er führt noch weitere Zitate an, um die Idee des übersinnlichen Wesens der Anthroposophie, das seine Realität unabhängig von aller äußeren Form wahrt, zu fundieren. Sein überraschendes Fazit allerdings: "Die Anthroposophische Gesellschaft will Basis, Werkzeug und Vollzug einer solchen Bewegung sein. Das war sie in der Vergangenheit zu großen Teilen, ist es in der Gegenwart und wird es bei hinreichender Anstrengung auch in der Zukunft sein können."
Es ist geradezu rohe Gewalt, die Schiller anwenden muss, um das "unsterbliche" Wesen der Anthroposophie, das er mit Pathos und Überzeugung vorträgt, als Argument für die "Unsterblichkeit" der Anthroposophischen Gesellschaft einzusetzen. Mit diesem Fazit leugnet er im Grunde alles, was er zuvor ausgeführt hat und reduziert die Anthroposophie auf das, was sie auch nach Steiner eben gerade nicht ist: ein Verein, der mit seiner Auflösung verschwindet! Die Verwechslung von sozialer Form und spirituellem Inhalt könnte fataler nicht sein. Die selbe Verwechslung liegt all jenen Kommentaren zugrunde, die Brüll und info3 nun idiotischerweise vorwerfen, er wolle die Anthroposophie vernichten.
Für Andreas Neider tritt mit dem Artikel von Ramon Brüll "ein zunehmender Rückzug vom Werk Rudolf Steiners vor Augen, zugunsten einer immer stärkeren Beschäftigung mit esoterischen Praktiken und Traditionen amerikanischer Herkunft (K. Wilber, A. Cohen, N.D. Walsh u. a.). Und zunehmend vermisse ich dabei das, was Rudolf Steiner von jedem seiner Schüler erwartete, nämlich die eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung eben dieser Anthroposophie."
Und offenbar fällt ihm der Widerspruch, der sich in diesen beiden Sätzen symptomatisch ausdrückt, überhaupt nicht auf. Symptomatisch deswegen, weil sich offenbar noch immer hartnäckig die Überzeugung hält, dass Steiner-Exegese und Konservierung der von Steiner geschaffenen Formen "eigenständige esoterische Erarbeitung" sei und die Weiterentwicklung der Anthroposophie in einer Abschottung gegen jegliche Form von ideellem Input bestehe.
Eine eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung der Anthroposophie und die Einsicht in das unsterbliche geistige Wesen der Anthroposophie muss nicht notwendigerweise zu der Überzeugung führen, dass die Anthroposophische Gesellschaft als zeitgemäße Form ausgedient habe, aber sie muss unbedingt in der Lage sein, diesen Gedanken in einem gegenwärtigen Kontext zu denken, ohne sich reflexartig an Steinerzitate zu klammern und gerade dasjenige, was die scheinbar ketzerische Idee von Brüll zur Diskussion stellt, nämlich die äußere Form der anthroposophischen Bewegung, als Gegenargument anzuführen. Oder mit etwas weniger Pathos ausgedrückt: wenn jemand die AAG für obsolet hält, entbehrt es jeglicher Logik, sein Gegenargument auf die "Unsterblichkeit" dieser Institution zu stützen, denn genau diese Prämisse ist es, die zur Debatte steht.
Dass Brülls Artikel eine so heftige Diskussion ausgelöst hat, ist nicht nur ein gutes Zeichen sondern es zeigt auch, dass seine Fragen virulent sind. Dass die Diskussion allerdings auf einem so niedrigen argumentativen Niveau stattfindet, in dem bei Licht besehen im Grunde nur Dogmen ausgetauscht werden, ist sehr bedauerlich, wenngleich nicht unbedingt überraschend. Richtig ärgerlich ist aber das bornierte spirituelle Spießbürgertum, das sich in den hier wie anderswo nicht enden wollenden Anfeindungen gegen info3 niederschlägt, weil sie unbequeme Fragen stellt, weil sie Ernst macht mit dem "eigenständigen Erarbeiten" und weil sie die Anthroposophie schon für so gereift und salonfähig hält, dass sie mit anderen spirituellen Bewegungen in einen Dialog treten kann, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Ganz im Gegenteil: gerade in solchen Dialogen könnte sich die Anthroposophie als eine der pubertären Egozentrik entwachsene, kulturell relevante Bewegung wiederfinden. Es ist eines der größten Verdienste der Redaktion von Info3, diesen Entwicklungsschritt einzuleiten. Denn eine Bewegung, die bei jedem geringsten Ansatz von Pluralität "Ketzer" und "Häretiker" schreit und am liebsten jedem Andersdenkenden das Recht absprechen möchte, sich Anthroposoph zu nennen, steckt derart in ihrem eigenen Dogma fest, dass die bisweilen panisch anmutenden Reaktionen auf den Auflösungsvorschlag den Schluss nahelegen, dass sich das lebendige Wesen des anthroposophischen Kulturimpulses aus seiner äußeren Hülle längst verabschiedet hat und diese nur noch als leere Puppe ihrem schieren institutionellen Selbsterhaltungstrieb folgt.
Hier verschränkt sich der Diskurs mit seiner eigenen Metaebene und die angeführten Argumentationen gegen die Thesen von Ramon Brüll werden selbst zu deren metadiskursorischen Bestätigung! Sofern die liebe Anthroposophia also noch lebt, wird dies erst der spärliche Anfang einer weitreichenden Debatte sein.
Wenn die Frage gestellt wird, ob eine vor knapp 100 Jahren gegründete Institution noch die zeitgemäße Form für den anthroposophischen Impuls darstellt, dann ist es schon ein wagemutiges Unterfangen, dieser Frage mit Zitaten zu begegnen, die aus dem Kontext der Gründung dieser Institution stammen. Komplett absurd wird es, wenn diese Zitate im Grunde das genaue Gegenteil dessen aussagen, wofür sie herangezogen werden.
Hartwig Schiller führt in seinem Aufsatz mit dem programmatischen Titel
Es ist geradezu rohe Gewalt, die Schiller anwenden muss, um das "unsterbliche" Wesen der Anthroposophie, das er mit Pathos und Überzeugung vorträgt, als Argument für die "Unsterblichkeit" der Anthroposophischen Gesellschaft einzusetzen. Mit diesem Fazit leugnet er im Grunde alles, was er zuvor ausgeführt hat und reduziert die Anthroposophie auf das, was sie auch nach Steiner eben gerade nicht ist: ein Verein, der mit seiner Auflösung verschwindet! Die Verwechslung von sozialer Form und spirituellem Inhalt könnte fataler nicht sein. Die selbe Verwechslung liegt all jenen Kommentaren zugrunde, die Brüll und info3 nun idiotischerweise vorwerfen, er wolle die Anthroposophie vernichten.
Für Andreas Neider tritt mit dem Artikel von Ramon Brüll "ein zunehmender Rückzug vom Werk Rudolf Steiners vor Augen, zugunsten einer immer stärkeren Beschäftigung mit esoterischen Praktiken und Traditionen amerikanischer Herkunft (K. Wilber, A. Cohen, N.D. Walsh u. a.). Und zunehmend vermisse ich dabei das, was Rudolf Steiner von jedem seiner Schüler erwartete, nämlich die eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung eben dieser Anthroposophie."
Eine eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung der Anthroposophie und die Einsicht in das unsterbliche geistige Wesen der Anthroposophie muss nicht notwendigerweise zu der Überzeugung führen, dass die Anthroposophische Gesellschaft als zeitgemäße Form ausgedient habe, aber sie muss unbedingt in der Lage sein, diesen Gedanken in einem gegenwärtigen Kontext zu denken, ohne sich reflexartig an Steinerzitate zu klammern und gerade dasjenige, was die scheinbar ketzerische Idee von Brüll zur Diskussion stellt, nämlich die äußere Form der anthroposophischen Bewegung, als Gegenargument anzuführen. Oder mit etwas weniger Pathos ausgedrückt: wenn jemand die AAG für obsolet hält, entbehrt es jeglicher Logik, sein Gegenargument auf die "Unsterblichkeit" dieser Institution zu stützen, denn genau diese Prämisse ist es, die zur Debatte steht.
Dass Brülls Artikel eine so heftige Diskussion ausgelöst hat, ist nicht nur ein gutes Zeichen sondern es zeigt auch, dass seine Fragen virulent sind. Dass die Diskussion allerdings auf einem so niedrigen argumentativen Niveau stattfindet, in dem bei Licht besehen im Grunde nur Dogmen ausgetauscht werden, ist sehr bedauerlich, wenngleich nicht unbedingt überraschend. Richtig ärgerlich ist aber das bornierte spirituelle Spießbürgertum, das sich in den hier wie anderswo nicht enden wollenden Anfeindungen gegen info3 niederschlägt, weil sie unbequeme Fragen stellt, weil sie Ernst macht mit dem "eigenständigen Erarbeiten" und weil sie die Anthroposophie schon für so gereift und salonfähig hält, dass sie mit anderen spirituellen Bewegungen in einen Dialog treten kann, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Ganz im Gegenteil: gerade in solchen Dialogen könnte sich die Anthroposophie als eine der pubertären Egozentrik entwachsene, kulturell relevante Bewegung wiederfinden. Es ist eines der größten Verdienste der Redaktion von Info3, diesen Entwicklungsschritt einzuleiten. Denn eine Bewegung, die bei jedem geringsten Ansatz von Pluralität "Ketzer" und "Häretiker" schreit und am liebsten jedem Andersdenkenden das Recht absprechen möchte, sich Anthroposoph zu nennen, steckt derart in ihrem eigenen Dogma fest, dass die bisweilen panisch anmutenden Reaktionen auf den Auflösungsvorschlag den Schluss nahelegen, dass sich das lebendige Wesen des anthroposophischen Kulturimpulses aus seiner äußeren Hülle längst verabschiedet hat und diese nur noch als leere Puppe ihrem schieren institutionellen Selbsterhaltungstrieb folgt.
Hier verschränkt sich der Diskurs mit seiner eigenen Metaebene und die angeführten Argumentationen gegen die Thesen von Ramon Brüll werden selbst zu deren metadiskursorischen Bestätigung! Sofern die liebe Anthroposophia also noch lebt, wird dies erst der spärliche Anfang einer weitreichenden Debatte sein.
Mittwoch, 10. Dezember 2008
Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Wer würde sich nicht über Anerkennung freuen? Aber es kommt auch darauf an, wofür man Anerkennung bekommt! Bescheidenheit ist oft nur selektive Anerkennungssucht: der anspruchsvolle Narziss gibt sich nicht mit beliebigem Lob zufrieden: er möchte erst für das gelobt werden, was ihm selbst als die wichtigste Leistung erscheint und nicht für Banalitäten. Deswegen ist die Aufmerksamkeit, die Henk Goorhuis durch seine Rezension in der Novemberausgabe (S. 89) von Info3
- aber auch in einem spannenden privaten Austausch - meinem Buch
geschenkt hat, für mich besonders wertvoll.
Goorhuis ist überzeugter Konstruktivist und er geht daher in seinem Artikel besonders auf meinen Bezug zur systemisch-konstruktivistischen Perspektiven ein. "Grauer entwirft dabei eine Linie von Kant über Husserl und Steiner zur Systemtheorie Luhmanns, um dann auch in Rudolf Steiners Werk die konstruktivistische Grundhaltung der Systemtheorie hervorzuheben, wonach jede Weltbetrachtung auch einen aktiven, gestalterischen Aspekt hat und die erscheinende Welt immer auch als Produkt (oder eben als Konstruktion) dieser Weltbetrachtung verstanden werden sollte. (...) Diese systemisch-konstruktivistische Beleuchtung von Steiners Werk erlaubt nun einen völlig neuen Brückenschlag zur modernen Wissenschaft... (...) ...dieses kleine Buch könnte einen äußerst wichtigen Beitrag dazu liefern." (Info3 11/08, S.89).
Darin findet sich eine Anerkennung gleich zweier meiner ganz zentralen Anliegen, die hinter der Verfassung des Buches standen: zum Einen die Erkenntnis, dass in Steiners ganzen erkenntnistheoretischen aber auch erkenntnispraktischen, philosophischen wie esoterischen Bemühungen, die letztlich immer wieder auf das Denken fokussieren, eben jene Idee steckt, dass der eigentliche Kern des Seins, das Urwesen alles Seins nicht Substanz, Materie, Geist oder andere Substrate sind, sondern dass sich alles Sein letztlich in einer Aktivität auflöst, auf die Steiner mit Begriffen wie Denken, Erkenntnis, Intuition verweist. Wenn ich mein Buch in einem Satz zusammenfassen sollte, dann würde ich so etwas schreiben wie: "der Ursprung und das Wesen allen Seins ist erkenntnishaft".
Das andere Anliegen ist die Anerkennung des Konstruktivismus als eines sehr feinsinnigen philosophischen Ansatzes, der auch in Wechselwirkung mit der Anthroposophie, sowohl in ihr als auch in sich, großartige Ideen hervorbringen kann und der keineswegs eine relativistische, egoistische und geistverneinende Theorie ist, sondern eine philosophische Haltung, die bei ihren Vertretern zu einer geradezu noblen theoretischen Zurückhaltung, zu diskursiver Toleranz und reflektiver Ernsthaftigkeit führt. Den Konstruktivismus als solchen zu vertreten, aber auch die Anthroposophie für diese ihr eigentlich immanente Perspektive zu öffnen und sie damit auch an die gegenwärtige philosophische Entwicklung anzuschließen, sind mir besondere Anliegen.
Hierfür von berufener Seite gelobt zu werden, ist genau die Anerkennung, um derentwillen der Narziss in mir das Buch geschrieben hat. Danke Henk Goorhuis!
Eine weitere Rezension, die dieser Tage erschienen ist, findet sich in der Zeitschrift "Das Goetheanum"
aus Dornach, bekanntermaßen das offizielle Organ der Anthroposophischen Gesellschaft und der Hochschule am Goetheanum, das der journalistischen Reflexion des anthroposophischen Kulturschaffens gewidmet ist. Sie wurde verfasst von Renatus Ziegler, Mathematiker und Physiker am Forschungsinstitut Hiscia
. Er war vor ca. 7 Jahren bei einigen der Sitzungen jenes philosophischen Kreises von Jens Heisterkamp in Frankfurt dabei, in dem letztlich die Idee zu meinem Buch gereift ist. Schon dort, aber auch bei der Lektüre seines Buches "Intuition und Ich-Erfahrung" habe ich ihn als jemanden kennen gelernt, der "mit dem Denken Ernst macht" und der insbesondere jene für die Anthroposophie, aber eben auch für phänomenologische, systemische und konstruktivistische Ansätze typische Umstellung des Fokus vom Denkinhalt (der rein analytischen Gültigkeit des Gedankens) auf den Denkakt (der Bewusstseinsoperation als konkretem Phänomen) - oder mit Husserl gesprochen vom Noema auf die Noesis - zum paradigmatischen Ausgangspunkt macht.
Diese Übereinstimmung - und das zeigt sich auch in der zweiseitigen Behandlung meines Buches - findet aber insbesondere auf der pragmatischen Ebene statt. Bei Zieglers Rezension zieht der Narziss in mir seine Genugtuung nicht nur daraus, dass mein Buch überhaupt zur Kenntnis genommen wird, sondern dass es als "eine mit Denk und Erlebensfreude zu lesende Einführung in eine monistische Erkenntnistheorie" (Das Goetheanum Nr. 49/08, S. 7-8) bezeichnet wird. "Das eigene Denken wird herausgefordert und nicht ersetzt: Erkenntnistheorie als persönliche Erlebnispraxis." (ebd.) Renatus Ziegler ist einer jener doch seltenen Menschen, denen Denken ein echtes Anliegen ist und das spiegelt sich für mich und meinen Narziss in seiner Rezension als Anerkennung wieder, die ich dankend aufnehme und die ganz und gar unbeschadet davon bleibt, dass wir offenbar inhaltlich nicht zur selben Position finden.
Das schöne an der Rezension ist, das Renatus Ziegler meine Gedanken präzise verstanden und wiedergegeben hat. Durch einen Konjunktiv will er mir ein Hintertür öffnen, die ich aber gar nicht brauche, denn es trifft exakt das, was ich meine, wenn er schreibt "Mir scheint als würde Grauer Verschiedenheit und Unterscheidung identifizieren und damit den Erkenntnisakt zum Seins- oder Schöpfungsakt (im Kontrast zum Bewusstseinsakt) machen. Damit wird Erkenntnistheorie zur Ontologie und Bewusstseinsentwicklung zur Weltentstehung." (a.a.O.) Ganz genau! Allerdings nicht "im Kontrast zum Bewusstseinsakt" sondern "als Bewusstseinsakt".
Für mich wird nicht ganz klar, ob Renatus Ziegler meinem Monismus wirklich einen Dualismus entgegenstellen will. Es hat zunächst den Anschein, ich gebe aber auch zu, dass mein Begriff des "ontologischen Monismus" etwas dunkel ist. Dahinter steht der Versuch, die offensichtlichen Schwächen eines radikalen Monismus zu relativieren. Unter ontologischem Monismus verstehe ich die Auffassung, dass das Sein nur dann wirklich als monistische Einheit zu bezeichnen ist, solange es als ununterschiedenes Sein, gleichsam als bloßes Welt-Potential verstanden wird. Sobald es zur Erscheinung und damit zum Seienden und Existierenden wird - also zur eigentlichen "Welt" - so entäußert es sich schon in eine Dualität, die sich in dem Begriff der Unterscheidung findet. Wo immer uns Welt begegnet, begegnet sie uns notwendigerweise dualistisch. Der Dualismus ist gleichsam im "Begegnen" bereits eingebaut. Zugleich ist aber in der Unterscheidung auch die Einheit immer schon eingebaut, weil nur unterschieden werden kann, was Eins ist und weil der Akt des Unterscheidens zugleich das Unterschiedene gleichsam als Objekte der einen Unterscheidung verbindet. Dieses Eins sein ist aber kein existierender, sondern nur ein potentieller Zustand, der das Sein als allgemeinste Spezifikation all dessen, was ist, charakterisiert. Erkenntnis und mit ihr die erscheinende Welt ist stets dualistisch, Einheit verbürgt nur die der Erkenntnis zugrunde liegende schiere Operationalität des Bewusstseins, die durch Unterscheidung diesen Dualismus erst schafft. Das ist mit dem Zusatz "ontologisch" zum Monismus gemeint und ich glaube, dass wir in diesem Punkt, nämlich der Ansicht, dass die Welt in letzter Konsequenz trotz aller Dualität einen ungeteilten Urgrund hat, zu einer Einigung finden können.
Wo die Kritik von Renatus Ziegler m.E. wirklich ansetzt, wird deutlich, wenn er meinem Verweis auf Steiners "das Subjekt lebt nur von des Denkens Gnaden" entgegen hält, dass diese Sicht nur für die analytisch-begriffliche Bestimmung des Ichs als Subjekt gilt und damit das Denken dem Subjekt nur systematisch voraus geht, dass aber eben dieses Bestimmen als Denkakt abhängig ist von meinem individuellen Ich, das den Denkakt hervorbringt. Dieses Argument ist glasklar und nachvollziehbar und vor dem Hintergrund der gesamten mitteleuropäischen Philosophiegeschichte fast trivial. Dennoch wendet es sich natürlich gegen einen der Kernpunkte meines Buches, gegen das, was ich im Rückgriff auf eine Formulierung Kants in einem Vortrag einmal als dritte Kopernikanische Wende bezeichnet habe und das mir wie ein Erweckungserlebnis durch die Lektüre der Systemtheorie von Niklas Luhman klar geworden ist: die Infragestellung des ontologischen Primats des Agens gegenüber dem Akt und die Formulierung der Idee, dass nicht das Agens den Akt, sondern der Akt das Agens hervor- oder besser vielleicht mit sich bringt.
Gerade in anthroposophischem Umfeld entzünden sich in Diskussionen gerade an dieser Idee immer wieder die engagiertesten Debatten und es stellt sich der Widerspruch für mich bisweilen weniger als rationale Überzeugung, sondern vielmehr als eine subtile Form der Angst vor dem Verlust des eigenen Ichs als letzter Bastion der Unhintergehbarkeit dar. Auch ich kenne diese Angst, denn sie ist eine systematische Angst, notwendig mit dem Ich und seinen Konstitutionsbedingungen verbunden. Und in ihr scheint mir das selbe Element zu liegen, das konstruktivistischen Ansätzen insgesamt als Vorbehalt oft entgegensteht: der vermeintliche Verlust eines sichernden Grundes, einer Verlässlichkeit und das Aufgehen jeglichen Sinns in relativistischer Beliebigkeit. Nicht dass das irgend ein Beweis für irgend etwas wäre, aber es ist ein Symptom dafür, dass dieses Problem nicht nur an die Grundfesten der Philosophie reicht, sondern auch an die existenziellsten Fragen, mit denen sich der Mensch überhaupt konfrontiert sehen kann. Und ich könnte mir nichts spannenderes vorstellen, als gerade an diesem Punkt in eine vertiefende Diskussion mit einem Gesprächspartner wie Renatus Ziegler einzutreten. Vielleicht ergibt sich in irgend einer Form die Möglichkeit dazu, denn es liegt mir fern, an dieser Stelle nun zu glauben, die Kritik von Ziegler irgendwie widerlegen zu müssen. Vielmehr möchte ich sie dankend auf- und zum Anlass nehmen, in einen philosophischen Dialog zu finden - jene Aktivität, in der das philosophische Herz seine höchste Bestimmung sieht.
Goorhuis ist überzeugter Konstruktivist und er geht daher in seinem Artikel besonders auf meinen Bezug zur systemisch-konstruktivistischen Perspektiven ein. "Grauer entwirft dabei eine Linie von Kant über Husserl und Steiner zur Systemtheorie Luhmanns, um dann auch in Rudolf Steiners Werk die konstruktivistische Grundhaltung der Systemtheorie hervorzuheben, wonach jede Weltbetrachtung auch einen aktiven, gestalterischen Aspekt hat und die erscheinende Welt immer auch als Produkt (oder eben als Konstruktion) dieser Weltbetrachtung verstanden werden sollte. (...) Diese systemisch-konstruktivistische Beleuchtung von Steiners Werk erlaubt nun einen völlig neuen Brückenschlag zur modernen Wissenschaft... (...) ...dieses kleine Buch könnte einen äußerst wichtigen Beitrag dazu liefern." (Info3 11/08, S.89).
Darin findet sich eine Anerkennung gleich zweier meiner ganz zentralen Anliegen, die hinter der Verfassung des Buches standen: zum Einen die Erkenntnis, dass in Steiners ganzen erkenntnistheoretischen aber auch erkenntnispraktischen, philosophischen wie esoterischen Bemühungen, die letztlich immer wieder auf das Denken fokussieren, eben jene Idee steckt, dass der eigentliche Kern des Seins, das Urwesen alles Seins nicht Substanz, Materie, Geist oder andere Substrate sind, sondern dass sich alles Sein letztlich in einer Aktivität auflöst, auf die Steiner mit Begriffen wie Denken, Erkenntnis, Intuition verweist. Wenn ich mein Buch in einem Satz zusammenfassen sollte, dann würde ich so etwas schreiben wie: "der Ursprung und das Wesen allen Seins ist erkenntnishaft".
Das andere Anliegen ist die Anerkennung des Konstruktivismus als eines sehr feinsinnigen philosophischen Ansatzes, der auch in Wechselwirkung mit der Anthroposophie, sowohl in ihr als auch in sich, großartige Ideen hervorbringen kann und der keineswegs eine relativistische, egoistische und geistverneinende Theorie ist, sondern eine philosophische Haltung, die bei ihren Vertretern zu einer geradezu noblen theoretischen Zurückhaltung, zu diskursiver Toleranz und reflektiver Ernsthaftigkeit führt. Den Konstruktivismus als solchen zu vertreten, aber auch die Anthroposophie für diese ihr eigentlich immanente Perspektive zu öffnen und sie damit auch an die gegenwärtige philosophische Entwicklung anzuschließen, sind mir besondere Anliegen.
Hierfür von berufener Seite gelobt zu werden, ist genau die Anerkennung, um derentwillen der Narziss in mir das Buch geschrieben hat. Danke Henk Goorhuis!
Eine weitere Rezension, die dieser Tage erschienen ist, findet sich in der Zeitschrift "Das Goetheanum"
Diese Übereinstimmung - und das zeigt sich auch in der zweiseitigen Behandlung meines Buches - findet aber insbesondere auf der pragmatischen Ebene statt. Bei Zieglers Rezension zieht der Narziss in mir seine Genugtuung nicht nur daraus, dass mein Buch überhaupt zur Kenntnis genommen wird, sondern dass es als "eine mit Denk und Erlebensfreude zu lesende Einführung in eine monistische Erkenntnistheorie" (Das Goetheanum Nr. 49/08, S. 7-8) bezeichnet wird. "Das eigene Denken wird herausgefordert und nicht ersetzt: Erkenntnistheorie als persönliche Erlebnispraxis." (ebd.) Renatus Ziegler ist einer jener doch seltenen Menschen, denen Denken ein echtes Anliegen ist und das spiegelt sich für mich und meinen Narziss in seiner Rezension als Anerkennung wieder, die ich dankend aufnehme und die ganz und gar unbeschadet davon bleibt, dass wir offenbar inhaltlich nicht zur selben Position finden.
Das schöne an der Rezension ist, das Renatus Ziegler meine Gedanken präzise verstanden und wiedergegeben hat. Durch einen Konjunktiv will er mir ein Hintertür öffnen, die ich aber gar nicht brauche, denn es trifft exakt das, was ich meine, wenn er schreibt "Mir scheint als würde Grauer Verschiedenheit und Unterscheidung identifizieren und damit den Erkenntnisakt zum Seins- oder Schöpfungsakt (im Kontrast zum Bewusstseinsakt) machen. Damit wird Erkenntnistheorie zur Ontologie und Bewusstseinsentwicklung zur Weltentstehung." (a.a.O.) Ganz genau! Allerdings nicht "im Kontrast zum Bewusstseinsakt" sondern "als Bewusstseinsakt".
Für mich wird nicht ganz klar, ob Renatus Ziegler meinem Monismus wirklich einen Dualismus entgegenstellen will. Es hat zunächst den Anschein, ich gebe aber auch zu, dass mein Begriff des "ontologischen Monismus" etwas dunkel ist. Dahinter steht der Versuch, die offensichtlichen Schwächen eines radikalen Monismus zu relativieren. Unter ontologischem Monismus verstehe ich die Auffassung, dass das Sein nur dann wirklich als monistische Einheit zu bezeichnen ist, solange es als ununterschiedenes Sein, gleichsam als bloßes Welt-Potential verstanden wird. Sobald es zur Erscheinung und damit zum Seienden und Existierenden wird - also zur eigentlichen "Welt" - so entäußert es sich schon in eine Dualität, die sich in dem Begriff der Unterscheidung findet. Wo immer uns Welt begegnet, begegnet sie uns notwendigerweise dualistisch. Der Dualismus ist gleichsam im "Begegnen" bereits eingebaut. Zugleich ist aber in der Unterscheidung auch die Einheit immer schon eingebaut, weil nur unterschieden werden kann, was Eins ist und weil der Akt des Unterscheidens zugleich das Unterschiedene gleichsam als Objekte der einen Unterscheidung verbindet. Dieses Eins sein ist aber kein existierender, sondern nur ein potentieller Zustand, der das Sein als allgemeinste Spezifikation all dessen, was ist, charakterisiert. Erkenntnis und mit ihr die erscheinende Welt ist stets dualistisch, Einheit verbürgt nur die der Erkenntnis zugrunde liegende schiere Operationalität des Bewusstseins, die durch Unterscheidung diesen Dualismus erst schafft. Das ist mit dem Zusatz "ontologisch" zum Monismus gemeint und ich glaube, dass wir in diesem Punkt, nämlich der Ansicht, dass die Welt in letzter Konsequenz trotz aller Dualität einen ungeteilten Urgrund hat, zu einer Einigung finden können.
Wo die Kritik von Renatus Ziegler m.E. wirklich ansetzt, wird deutlich, wenn er meinem Verweis auf Steiners "das Subjekt lebt nur von des Denkens Gnaden" entgegen hält, dass diese Sicht nur für die analytisch-begriffliche Bestimmung des Ichs als Subjekt gilt und damit das Denken dem Subjekt nur systematisch voraus geht, dass aber eben dieses Bestimmen als Denkakt abhängig ist von meinem individuellen Ich, das den Denkakt hervorbringt. Dieses Argument ist glasklar und nachvollziehbar und vor dem Hintergrund der gesamten mitteleuropäischen Philosophiegeschichte fast trivial. Dennoch wendet es sich natürlich gegen einen der Kernpunkte meines Buches, gegen das, was ich im Rückgriff auf eine Formulierung Kants in einem Vortrag einmal als dritte Kopernikanische Wende bezeichnet habe und das mir wie ein Erweckungserlebnis durch die Lektüre der Systemtheorie von Niklas Luhman klar geworden ist: die Infragestellung des ontologischen Primats des Agens gegenüber dem Akt und die Formulierung der Idee, dass nicht das Agens den Akt, sondern der Akt das Agens hervor- oder besser vielleicht mit sich bringt.
Gerade in anthroposophischem Umfeld entzünden sich in Diskussionen gerade an dieser Idee immer wieder die engagiertesten Debatten und es stellt sich der Widerspruch für mich bisweilen weniger als rationale Überzeugung, sondern vielmehr als eine subtile Form der Angst vor dem Verlust des eigenen Ichs als letzter Bastion der Unhintergehbarkeit dar. Auch ich kenne diese Angst, denn sie ist eine systematische Angst, notwendig mit dem Ich und seinen Konstitutionsbedingungen verbunden. Und in ihr scheint mir das selbe Element zu liegen, das konstruktivistischen Ansätzen insgesamt als Vorbehalt oft entgegensteht: der vermeintliche Verlust eines sichernden Grundes, einer Verlässlichkeit und das Aufgehen jeglichen Sinns in relativistischer Beliebigkeit. Nicht dass das irgend ein Beweis für irgend etwas wäre, aber es ist ein Symptom dafür, dass dieses Problem nicht nur an die Grundfesten der Philosophie reicht, sondern auch an die existenziellsten Fragen, mit denen sich der Mensch überhaupt konfrontiert sehen kann. Und ich könnte mir nichts spannenderes vorstellen, als gerade an diesem Punkt in eine vertiefende Diskussion mit einem Gesprächspartner wie Renatus Ziegler einzutreten. Vielleicht ergibt sich in irgend einer Form die Möglichkeit dazu, denn es liegt mir fern, an dieser Stelle nun zu glauben, die Kritik von Ziegler irgendwie widerlegen zu müssen. Vielmehr möchte ich sie dankend auf- und zum Anlass nehmen, in einen philosophischen Dialog zu finden - jene Aktivität, in der das philosophische Herz seine höchste Bestimmung sieht.
Samstag, 29. November 2008
Spinat-Ricotta-Ravioli und Höhlengnome
Es duftet nach Bienenwachs und gebrannten Mandeln, an den Wänden hängt Tannenreisig, Kerzen brennen, handgemalte Schilder weisen den Weg zu Stuben und Buden, in denen allerlei Handgemachtes aus Wolle und Holz verkauft wird. Nicht ganz perfekte, aber liebevolle Unikate. Alles ist zurechtgemacht, profane Funktionselemente des Schulgebäudes sind mit Seidentüchern oder Weihnachtsgestecken kaschiert, von irgendwo tönt Musik. Die Ästhetik der Waren und Dekorationen zeugt von Anspruch, wird bisweilen aber auch von allzu ernster Schwere erdrückt. Kinder werden mit Märchen, bekerzten Nussschalenschiffchen und der langwierigen schichtweisen Herstellung von Bienenwachskerzen unterhalten. Grellbuntes, Aufdringliches, Quäkendes und Plärrendes, profanes Plastik und monotone Industrieware muss draußen bleiben. Alles folgt einer stillschweigenden ästhetischen und qualitativen Norm: Adventsbasar an der Waldorfschule!
Die typische Athmosphäre eines Waldorfbasars kennt nur, wer dort war. Und als Schüler war ich notgedrungen jedes Jahr dort. Heute war ich nach gut 20 Jahren wieder einmal auf dem Adventsbasar meiner ehemaligen Schule. Besagte Atmosphäre allerdings nicht. Dabei war vordergründig alles wie immer. Kerzenziehen, gebrannte Mandeln, Märchen, Kuchen, Filz und Naturfarben. Alles war da. Aber bei näherem Hinsehen: ein waldorfpädagogisches No-Go nach dem anderen! Kaum Reisig an den Wänden. Unverhüllte Feuerlöscher. Die Zimmer durchnummeriert. Statt wachskreidenbemalter Wegzeiger ein schnöder Orientierungsplan. Zu Essen gab es Spinat-Ricotta-Ravioli in Schinken-Sahne-Sauce mit Parmesan und Ruccola an Balsamico. Zwar lecker, aber vom Adventsbasar-Charme her nicht im Ansatz mit Wienerli & Kartoffelsalat oder selbstgebackenen Waffeln zu vergleichen. An den Verkaufsständen zum größten Teil kommerzielle Waren von externen Anbietern: Bücher, Kurzwaren aus Wolle, Obst und Gemüse, Perlen und Schmuck, Spielwaren. Die handgemachten Weidezäune für die waldorfkompatible Ritterburg, selbstgefilzte Höhlengnome und handbemaltes Tongeschirr musste man teilweise erfolglos suchen. Schließlich doch noch eine Bastelecke, in der man sich für 50 Cent aus Baumscheiben, Moos und Wachsknete eine weihnachtliche Miniaturlandschaft basteln konnte.
Ich kann nicht so einfach sagen, was mir fehlte. Denn im Grunde darf man froh sein, dass die enge und bisweilen von jeglicher Frischluftzufuhr abgeschnittene Subkultur der klassisch waldorfpiätistischen Weleda-Ästhetik in weiten Teilen der Vergangenheit angehört. Bei diesem Adventsbasar hatte ich allerdings das Gefühl, dass damit zugleich etwas über Bord geworfen wurde, das nicht nur zur gewohnten Atmosphäre des Basars gehört, sondern auch zur originären Idee der Waldorfpädagogik. Denn was hinter der ästhetischen Enge immer auch noch steckte, war ein gewisser Qualitätsanspruch, der sich - nicht unbedingt in dieser Ausformung, aber in seiner Haltung - überall dort findet, wo versucht wird, seinem Tun über die rein technische Funktion hinaus einen Sinn zu verleihen, der sich nicht an der Sache, sondern am Menschen orientiert. "Für Menschen mit Sinn gestaltet" könnte der passende Marketing-Slogan lauten. Sinn für Gediegenheit, für Ursprünglichkeit, für Originalität, für die unmittelbare Sinnlichkeit des natürlichen, für die seelenpflegende Wirkung von Ästhetik, für den wechselseitigen Einfluss von Form und Funktion, für die charakterbildende Kraft des Wahren, Schönen und Guten, für die soziale und persönliche Reifung durch sinnstiftende Kulturtechniken. Kurz ein Sinn für den Sinn einer an einem geistigen Menschenbild und an der konkreten Individualität des Einzelnen Kindes orientierten Pädagogik. Denn geistiges Menschenbild heißt nichts anderes als ein Bild, das den Menschen nicht nur als kausal wirkender Teil einer physikalisch-biologischen Natur sieht, sondern darüber hinaus als einen, der sich und seine Umwelt aus sich heraus mit einem ganz eigenen, alles physikalisch-biologisch-kausale übersteigenden Sinnzusammenhang versieht. In diesem Sinnzusammenhang kann der Mensch überhaupt erst seine Freiheit entfalten, weil er selbst es ist, der den ansich profan und wertneutral der Kausalität folgenden Dingen eine höhere Bedeutung verleiht.
Pädagogik - weit über Schule hinaus - ist aber am Ende nichts anderes, als die behutsame Einführung eines rein biologisch-kausal funktionierenden Eiweißbündels in die Kunst der autopoetischen Sinngebung, in das Herausheben des eigenen Ichs aus der nichtssagenden Relativität der schieren kausalen Sterblichkeit, in die Zeugung der eigenen Biographie. Und Schule stellt in unserer Kultur dafür einen der wichtigsten Parcours an Anregungen, um diesen eigentlich paradoxen Sprung aus der kausalen Funktionalität hinein in das spontane und freie Versehen der Welt mit Sinn zu schaffen. So wie sich die Freiheit des Gedankens erst dann entfalten kann, wenn das Denken sich zuerst in das Korsett der Regeln einer Sprache gezwängt hat und an ihrem Erlernen überhaupt erst prototypisch die Bedeutung von 'Bedeutung' für sich gleichsam aus dem Nichts erschaffen hat, so kann sich auch der junge Mensch erst dann seinen eigenen Sinn geben, wenn er die Fähigkeit der Sinngebung an einer sinnhaften Welt erlernt hat. Nicht weil er diesen Sinn übernehmen soll, sondern weil er daran die Fähigkeit zur selbständigen Sinnstiftung und damit zum freien Handeln in einer über das biophysische hinaus gehenden psychischen, sozialen, künstlerischen und geistigen Welt erlernen muss.
Das ist die eigentliche Idee der "Erziehung zur Freiheit", die hinter der Waldorfpädagogik steckt und die trotz all der muffigen Szeneästhetik als originärer und bewusster Qualitätsanspruch immer zu spüren war. Doch sie scheint immer mehr verloren zu gehen und einer an Traditionen, Gewohnheiten, Moden und scheinbaren Sachzwängen orientierten Beliebigkeit zu weichen, die sich zwar durchaus an netten Dingen erfreut - an Spinat-Ricotta-Ravioli und Unterhosen aus Wolle-Seide-Gemisch zum Beispiel - die aber nicht mehr den Unterschied spürt, zwischen dem Inhalt einer Sache und ihrem Sinn, ihrem inneren Zusammenhang in der Welt. Genau da ist aber der Unterschied zwischen einer Pippi-Langstrumpf-CD und einer Märchenerzählerin, die im Kerzenschein und von Wurzeln und Wollzwergen umringt die Kinder mit ihrer Erzählkunst fasziniert. Nicht weil Pippi-Langstrumpf-CDs irgendwie gefährlich oder ungesund wären, sondern weil die Märchenerzählerin dem Kind (im richtigen Alter) ganz unabhängig vom Inhalt schon als schierer Akt und Performance einen viel reicheren Sinnzusammenhang gibt, an den das Kind anknüpfen kann und durch den das Kind in seiner autopoetischen Sinnstiftung angeregt wird. Es ist nicht die Versorgung des Kindes mit der Information über den Inhalt des Märchens, der den eigentlichen pädagogischen Wert darstellt, sondern der Akt des Erzählens, das Eintauchen in die Geschichte, der Soziale Akt der Veranstaltung, das Erleben des Besonderen, die Interaktion mit Menschen und die Faszination an der Evokation von Vorstellungen. Das alles bringt natürlich auch die CD mit sich, aber in viel schwächerem Maße. Sie ist im Vergleich zur Märchenerzählerin für das Kind wie eine trockene Brotrinde zu einem opulenten Festmahl.
Ob also die Zwerge aus Filz und naturfarben oder ob sie aus Plastik und neonbunt sind, wäre letztlich egal, wenn sie denn nur nicht als beliebiger Dekoartikel in einem Sammelsurium an Zufälligkeiten auftreten (und das tun auch die Filzzwerge mittlerweile viel zu oft), sondern wenn sie sich als Teil eines nachvollziehbaren und sinnlich opulent erfahrbaren Sinnzusammenhanges darstellen, an dem sich die pädagogische Stimulation zur autopoetischen Biographie-Zeugung entzünden kann. Denn das tut die fünfhundertste Merchandising-Figur aus Plastik nicht, der Filzzwerg aber durchaus, weil er seine feste Rolle in der Märchenwelt und damit in jenem kindlichen Instrumentarium zur protoreflektiven Handhabung seiner Innerlichkeit hat. Die Plastikfigur hat da allenfalls eine feste Rolle in der kommerziellen Konsumerziehung.
Und so ist auch der Adventsbasar nur in zweiter Linie eine Verkaufsveranstaltung zur Finanzierung der Schule (so richtig gewichtig ist der Erlös ohnehin nicht) und deswegen auch das Augenmerk auf Verkaufbarkeit, Marktfähigkeit und Nachfrageorientierung der Artikel nur bedingt interessant. In erster Linie ist es ein sozialer Akt, ein Event und eine Gelegenheit, nicht nur für die Kinder sondern auch für die Eltern und Lehrer und nicht zuletzt für die Besucher, sich als Schulgemeinschaft und Schulumwelt, aber auch als Einzelne zur Sinnstiftung anzuregen, indem man gemeinsam in einen zwar beliebig zu wählenden, aber in sich nicht beliebigen Zusammenhang eintaucht, durchaus auch ohne gleich darin zu ersticken.
Das ist es, was ich hinter all der ästhetischen Zumutung, die ein Adventsbasar bisweilen mit sich brachte, heute an meiner ehemaligen Schule vermisst habe. Die Aufmerksamkeit für Gediegenheit, für Zusammenhang und Sinn, die sich im Detail in der nur scheinbar funktional überflüssigen Ästhetik und Qualität niederschlägt. Kurz: Kultur! Und das steht nur als pars pro toto für den Eindruck, den ich von der Waldorfpädagogik insgesamt gegenwärtig habe - man korrigiere mich gerne mit empirischen Belegen! - sie verliert ihre Marotten, aber zugleich auch ihre Substanz.
Die typische Athmosphäre eines Waldorfbasars kennt nur, wer dort war. Und als Schüler war ich notgedrungen jedes Jahr dort. Heute war ich nach gut 20 Jahren wieder einmal auf dem Adventsbasar meiner ehemaligen Schule. Besagte Atmosphäre allerdings nicht. Dabei war vordergründig alles wie immer. Kerzenziehen, gebrannte Mandeln, Märchen, Kuchen, Filz und Naturfarben. Alles war da. Aber bei näherem Hinsehen: ein waldorfpädagogisches No-Go nach dem anderen! Kaum Reisig an den Wänden. Unverhüllte Feuerlöscher. Die Zimmer durchnummeriert. Statt wachskreidenbemalter Wegzeiger ein schnöder Orientierungsplan. Zu Essen gab es Spinat-Ricotta-Ravioli in Schinken-Sahne-Sauce mit Parmesan und Ruccola an Balsamico. Zwar lecker, aber vom Adventsbasar-Charme her nicht im Ansatz mit Wienerli & Kartoffelsalat oder selbstgebackenen Waffeln zu vergleichen. An den Verkaufsständen zum größten Teil kommerzielle Waren von externen Anbietern: Bücher, Kurzwaren aus Wolle, Obst und Gemüse, Perlen und Schmuck, Spielwaren. Die handgemachten Weidezäune für die waldorfkompatible Ritterburg, selbstgefilzte Höhlengnome und handbemaltes Tongeschirr musste man teilweise erfolglos suchen. Schließlich doch noch eine Bastelecke, in der man sich für 50 Cent aus Baumscheiben, Moos und Wachsknete eine weihnachtliche Miniaturlandschaft basteln konnte.
Ich kann nicht so einfach sagen, was mir fehlte. Denn im Grunde darf man froh sein, dass die enge und bisweilen von jeglicher Frischluftzufuhr abgeschnittene Subkultur der klassisch waldorfpiätistischen Weleda-Ästhetik in weiten Teilen der Vergangenheit angehört. Bei diesem Adventsbasar hatte ich allerdings das Gefühl, dass damit zugleich etwas über Bord geworfen wurde, das nicht nur zur gewohnten Atmosphäre des Basars gehört, sondern auch zur originären Idee der Waldorfpädagogik. Denn was hinter der ästhetischen Enge immer auch noch steckte, war ein gewisser Qualitätsanspruch, der sich - nicht unbedingt in dieser Ausformung, aber in seiner Haltung - überall dort findet, wo versucht wird, seinem Tun über die rein technische Funktion hinaus einen Sinn zu verleihen, der sich nicht an der Sache, sondern am Menschen orientiert. "Für Menschen mit Sinn gestaltet" könnte der passende Marketing-Slogan lauten. Sinn für Gediegenheit, für Ursprünglichkeit, für Originalität, für die unmittelbare Sinnlichkeit des natürlichen, für die seelenpflegende Wirkung von Ästhetik, für den wechselseitigen Einfluss von Form und Funktion, für die charakterbildende Kraft des Wahren, Schönen und Guten, für die soziale und persönliche Reifung durch sinnstiftende Kulturtechniken. Kurz ein Sinn für den Sinn einer an einem geistigen Menschenbild und an der konkreten Individualität des Einzelnen Kindes orientierten Pädagogik. Denn geistiges Menschenbild heißt nichts anderes als ein Bild, das den Menschen nicht nur als kausal wirkender Teil einer physikalisch-biologischen Natur sieht, sondern darüber hinaus als einen, der sich und seine Umwelt aus sich heraus mit einem ganz eigenen, alles physikalisch-biologisch-kausale übersteigenden Sinnzusammenhang versieht. In diesem Sinnzusammenhang kann der Mensch überhaupt erst seine Freiheit entfalten, weil er selbst es ist, der den ansich profan und wertneutral der Kausalität folgenden Dingen eine höhere Bedeutung verleiht.
Pädagogik - weit über Schule hinaus - ist aber am Ende nichts anderes, als die behutsame Einführung eines rein biologisch-kausal funktionierenden Eiweißbündels in die Kunst der autopoetischen Sinngebung, in das Herausheben des eigenen Ichs aus der nichtssagenden Relativität der schieren kausalen Sterblichkeit, in die Zeugung der eigenen Biographie. Und Schule stellt in unserer Kultur dafür einen der wichtigsten Parcours an Anregungen, um diesen eigentlich paradoxen Sprung aus der kausalen Funktionalität hinein in das spontane und freie Versehen der Welt mit Sinn zu schaffen. So wie sich die Freiheit des Gedankens erst dann entfalten kann, wenn das Denken sich zuerst in das Korsett der Regeln einer Sprache gezwängt hat und an ihrem Erlernen überhaupt erst prototypisch die Bedeutung von 'Bedeutung' für sich gleichsam aus dem Nichts erschaffen hat, so kann sich auch der junge Mensch erst dann seinen eigenen Sinn geben, wenn er die Fähigkeit der Sinngebung an einer sinnhaften Welt erlernt hat. Nicht weil er diesen Sinn übernehmen soll, sondern weil er daran die Fähigkeit zur selbständigen Sinnstiftung und damit zum freien Handeln in einer über das biophysische hinaus gehenden psychischen, sozialen, künstlerischen und geistigen Welt erlernen muss.
Das ist die eigentliche Idee der "Erziehung zur Freiheit", die hinter der Waldorfpädagogik steckt und die trotz all der muffigen Szeneästhetik als originärer und bewusster Qualitätsanspruch immer zu spüren war. Doch sie scheint immer mehr verloren zu gehen und einer an Traditionen, Gewohnheiten, Moden und scheinbaren Sachzwängen orientierten Beliebigkeit zu weichen, die sich zwar durchaus an netten Dingen erfreut - an Spinat-Ricotta-Ravioli und Unterhosen aus Wolle-Seide-Gemisch zum Beispiel - die aber nicht mehr den Unterschied spürt, zwischen dem Inhalt einer Sache und ihrem Sinn, ihrem inneren Zusammenhang in der Welt. Genau da ist aber der Unterschied zwischen einer Pippi-Langstrumpf-CD und einer Märchenerzählerin, die im Kerzenschein und von Wurzeln und Wollzwergen umringt die Kinder mit ihrer Erzählkunst fasziniert. Nicht weil Pippi-Langstrumpf-CDs irgendwie gefährlich oder ungesund wären, sondern weil die Märchenerzählerin dem Kind (im richtigen Alter) ganz unabhängig vom Inhalt schon als schierer Akt und Performance einen viel reicheren Sinnzusammenhang gibt, an den das Kind anknüpfen kann und durch den das Kind in seiner autopoetischen Sinnstiftung angeregt wird. Es ist nicht die Versorgung des Kindes mit der Information über den Inhalt des Märchens, der den eigentlichen pädagogischen Wert darstellt, sondern der Akt des Erzählens, das Eintauchen in die Geschichte, der Soziale Akt der Veranstaltung, das Erleben des Besonderen, die Interaktion mit Menschen und die Faszination an der Evokation von Vorstellungen. Das alles bringt natürlich auch die CD mit sich, aber in viel schwächerem Maße. Sie ist im Vergleich zur Märchenerzählerin für das Kind wie eine trockene Brotrinde zu einem opulenten Festmahl.
Ob also die Zwerge aus Filz und naturfarben oder ob sie aus Plastik und neonbunt sind, wäre letztlich egal, wenn sie denn nur nicht als beliebiger Dekoartikel in einem Sammelsurium an Zufälligkeiten auftreten (und das tun auch die Filzzwerge mittlerweile viel zu oft), sondern wenn sie sich als Teil eines nachvollziehbaren und sinnlich opulent erfahrbaren Sinnzusammenhanges darstellen, an dem sich die pädagogische Stimulation zur autopoetischen Biographie-Zeugung entzünden kann. Denn das tut die fünfhundertste Merchandising-Figur aus Plastik nicht, der Filzzwerg aber durchaus, weil er seine feste Rolle in der Märchenwelt und damit in jenem kindlichen Instrumentarium zur protoreflektiven Handhabung seiner Innerlichkeit hat. Die Plastikfigur hat da allenfalls eine feste Rolle in der kommerziellen Konsumerziehung.
Und so ist auch der Adventsbasar nur in zweiter Linie eine Verkaufsveranstaltung zur Finanzierung der Schule (so richtig gewichtig ist der Erlös ohnehin nicht) und deswegen auch das Augenmerk auf Verkaufbarkeit, Marktfähigkeit und Nachfrageorientierung der Artikel nur bedingt interessant. In erster Linie ist es ein sozialer Akt, ein Event und eine Gelegenheit, nicht nur für die Kinder sondern auch für die Eltern und Lehrer und nicht zuletzt für die Besucher, sich als Schulgemeinschaft und Schulumwelt, aber auch als Einzelne zur Sinnstiftung anzuregen, indem man gemeinsam in einen zwar beliebig zu wählenden, aber in sich nicht beliebigen Zusammenhang eintaucht, durchaus auch ohne gleich darin zu ersticken.
Das ist es, was ich hinter all der ästhetischen Zumutung, die ein Adventsbasar bisweilen mit sich brachte, heute an meiner ehemaligen Schule vermisst habe. Die Aufmerksamkeit für Gediegenheit, für Zusammenhang und Sinn, die sich im Detail in der nur scheinbar funktional überflüssigen Ästhetik und Qualität niederschlägt. Kurz: Kultur! Und das steht nur als pars pro toto für den Eindruck, den ich von der Waldorfpädagogik insgesamt gegenwärtig habe - man korrigiere mich gerne mit empirischen Belegen! - sie verliert ihre Marotten, aber zugleich auch ihre Substanz.
Geschrieben von Christian Grauer
in Anthroposophie, Gesellschaft
um
23:16
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Sonntag, 16. November 2008
Dummheit und Gegendummheit
"Denn wen, wenn er ein Kind geschlagen hat, nicht die brennende Scham ergreift, der sollte die Hände lassen vom Erzieherberuf." (Erich Gabert)
"Und jeder Schlag, den er trotzdem in der Erregung des Augenblicks etwa noch austeilt, wird ihn je länger je mehr in seinem Gewissen brennen. Er wird auf ihn zurückschauend sich eingestehen müssen, daß er hier trotz allem und allem, was man anführen kann, doch eigentlich pädagogisch versagt hat, als er zu diesem kümmerlichsten, primitivsten aller erzieherischen Mittel griff, daß in diesem Augenblick Zorn, Gekränktheit, Bequemlichkeit, mangelnde Phantasie und Lieblosigkeit in ihm die Oberhand gewonnen hatten." (Erich Gabert)Dies sind Passagen aus dem Kapitel "Soll man Kinder Schlagen?" aus dem Buch "Die Strafe in der Selbsterziehung und in der Erziehung des Kindes" von Erich Gabert, das Michael Grandt in seinem "Schwarzbuch Waldorf" als Beleg dafür heranziehen will, dass die Waldorfpädagogik die Anwendung körperlicher Gewalt toleriere.
Die zitierten Passagen beweisen schon hinlänglich, dass Grandts Urteil völlig absurd ist. Es kommt dadurch zustande, dass er - absichtlich oder aus Nachlässigkeit - die von Gabert in indirekter Rede ausgeführte Verteidigungsrede eines hypothetischen Prügelstrafenbefürworters zitiert und diese seinen Lesern stillschweigend als die Ansicht Gaberts verkauft. Außerdem stellt er Passagen aus unterschiedlichen Kapiteln so zusammen, dass ein scheinbarer Bezug vorgetäuscht wird, der im Buch nicht besteht und er stellt Negativbeispiele von Gabert so dar, als gäben sie die Ansicht Gaberts wieder. Ich führe am Ende dieses Beitrages den kompletten Text des betreffenden Kapitels aus Gaberts Buch auf, so dass sich jeder Leser selbst ein Urteil bilden kann.
Es ist anhand des Volltextes unschwer zu erkennen, dass Erich Gabert - wohlgemerkt im Jahre 1951, als Prügelstrafen in öffentlichen Schulen noch Gang und Gäbe waren - sich klar und deutlich gegen Prügelstrafen ausspricht, wenn er sie als die "kümmerlichsten, primitivsten aller erzieherischen Mittel" bezeichnet. Dass er dabei, anders als das ein heutige Autor machen würde, Prügelstrafen als etwas weitgehend "normales" behandelt ("Der Autor schließt körperliche Strafen nicht ausdrücklich aus, sondern zieht sie sogar in Betracht" (Grandt, S. 56)), hat seinen Grund nicht darin, dass er sie gutheißt, sondern dass sie im Jahre 1951 außerhalb der Waldorfschulen tatsächlich noch etwas normales waren! Grandt liefert hier mit seiner bewussten Verfälschung der klaren Aussagen von Gabert ein Paradebeispiel für seinen Schmierenjournalismus. Andere Publikationen wie z.B. der anonyme Waldorfhasser "Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie", der eine besondere Vorliebe für die Verzerrung der Wirklichkeit hat, hängen sich an Grandts Verfälschungen und lügen ihre Leser unbekümmert an: "Der 'renommierte' Waldorfpädagoge Erich Gabert sieht hingegen ganz klar, was in solchen Fällen zu tun ist: Kinder, die andere Kinder schlagen, müssen ihrerseits Prügel von einem Erwachsenen beziehen."
Dieser Umstand wäre angesichts der Tatsache, dass das ganze Buch von Grandt auf diesem Qualitätsniveau erstellt ist, nicht weiter erwähnenswert, hätte nicht der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFW) eben diesen Verweis auf das Buch von Gabert zum Gegenstand einer seiner Klagen auf Einstweilige Verfügung gegen Grandts Machwerk gemacht. Allerdings moniert der BdFW keineswegs die völlige Falschdarstellung der Inhalte des Buches von Gabert, sondern nur dass Grand eine alte Auflage zitiert und die neue, überarbeitete Version nicht erwähnt. Damit räumt der BdFW implizit ein, dass die von Grandt erhobenen Vorwürfe zumindest für die alte, unkommentierte Ausgabe eine gewisse Berechtigung hätten.
Der BdFW prägte damit in der Öffentlichkeit selbst ein völlig verzerrtes Bild des Buches von Gabert, das überhaupt erst durch die Klage des BdFW ins Gespräch gebracht wurde. Der BdFW erweckte den Eindruck, als vertete das Buch von Gabert in der ursprünglichen Version tatsächlich die Prügelstrafe als legitimes Erziehungsmittel und als hätte erst die Überarbeitung durch Georg Kniebe eine deutliche Abkehr von der Prügelstrafe kenntlich gemacht. Offenbar kennt der BdFW seine eigenen Bücher nicht. Denn bevor ich das Gabert-Buch im Original gelesen hatte, folgte auch für mich aus der Klage des BdFW auf Berücksichtigung der Neufassung, dass die Originalfassung offenbar fragwürdige Passagen enthalten müsse. Und der BdFW hat nichts unternommen, diesen Eindruck zu korrigieren. Nirgends findet sich eine Stellungnahme, in der das Bild des Gabert-Buches richtig gestellt wird. Selbst die waldorfnahe Zeitschrift info3, die das Grandt-Buch vehement kritisiert, spricht von den "umstrittenen Passagen aus dem Buch von Erich Gabert"
Dass dieses Bild entstanden ist und nunmehr die Diskussion unweigerlich prägt, hat der Bund der Freien Waldorfschulen zu verantworten. Es ist ein weiteres Beispiel
Zuguterletzt folgt hier noch das vollständige Kapitel aus dem Buch von Erich Gabert, und zwar in der ursprünglichen, nicht überarbeiteten Version, die Grandt für sein Buch verwendet hat. Die Hervorhebungen sind von mir und beziehen sich auf meine Anmerkungen oben.
Geschrieben von Christian Grauer
in Anthroposophie, Esobashing
um
02:19
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Freitag, 7. November 2008
Esowatch watet weiter durch den Sumpf
Die Esobasher-Szene hat tief gewühlt und aus dem Archiv der Rudolf-Steiner-Mailingliste
eine Diskussion aus dem Jahre 2005 zum damals tagesaktuellen Thema Kindesmissbrauch ausgegraben.
In dieser Diskussion vertrat Felix Hau eine kontroverse Meinung und warf in durchaus provokanten Worten der gesellschaftlichen Diskussion vor, unangemessene Hysterisieung und Pauschalisierung zu betreiben, statt das Problem sachlich und mit Augenmaß zu behandeln. Er forderte, sexuelle Handlungen mit Jugendlichen von Vergewaltigungen mit Kindern deutlicher zu unterscheiden, insbesondere hinsichtlich der Traumatisierung und dem Umstand, dass solche Handlungen von Jugendlichen teilweise auch provoziert werden. Weiter sah er durch die Hysterisierung im Einzelfall eine unnötige Verstärkung der Traumatisierung der Opfer. Ebenso stellte er in Frage, inwieweit die oralen oder exhibitionistischen Praktiken der damals diskutierten Fälle im Strafmaß sowie in der gesellschaftlichen Ächtung eine Gleichstellung mit Kindesvergewaltigungen rechtfertigten. Die Diskussion ist auf Felix Haus Blog Berzengeschnetz
dokumentiert .
Esowatch pickt nun in einem
Blogeintrag einige Passagen der Diskussion heraus und beweist in unfreiwilliger Selbstironie prototypisch, was Felix Hau mit Pauschalisierung und Hysterisierung meint. Im Konzert mit der Esobasher-Szene, die im wesentlichen aus
Andreas Lichte , „Christoph“, dem mutmaßlichen Autor des anonymen Blogs
NWA , einer Schar anonymer alter egos von
Andreas Lichte , den Autoren von Esowatch, dem Blog „Netzklempnerin“, „elphaba“, Autorin des Blogs „ADS/ADHS Chaos im Kopf“, dem
"RatgeberNews-Blog" und Alexander Otto alias „chefarztfrau“ besteht, wird nun eine der primitivsten Kampagnen gegen Felix Hau aufgefahren, in der er u.a. von
Andreas Lichte alias „Justine“ als
"Kindesmissbrauchverharmloser" und von Alexander Otto als
„Pädophiler Anthroposoph“ diffamiert wird. Der mutmaßliche Autor des
NWA-Blogs entblödet sich nicht, Felix Haus Thesen als
"Plädoyer für den Kindesmissbrauch" zu bezeichnen (der Kommentar wurde zwischenzeitlich vom Blogbetreiber wieder entfernt, der Beleg ist ein Screenshot meines Feedreaders).
Dass diese Vorwürfe nicht nur infam und haltlos sondern deswegen auch justiziabel sind, stört die Esobasher keineswegs. Diffamierungskampagnen gehören zu deren Standardinstrumentarium. Hierfür betreibt Esowatch z.B. extra eine
Sammlung von Dossiers über unliebsame Personen, in denen die Diffamierungen zusammengefasst werden. Ein Beispiel für die Perfidie, mit der dabei vorgegangen wird, zeigt sich in dem harmlos erscheinenden Kommentar von „elphaba“, in dem sie über Hau schreibt: "wen interessiert schon seine Homosexualität, die bringt er laufend ins Spiel, von sonst niemandem wurde die nämlich bis jetzt genannt."
#link> Tatsächlich hat aber Hau an keiner Stelle seine Homosexualität thematisiert, sondern eben mit diesem Satz hat „elphaba“ selbst Haus Homosexualität bewusst ins Spiel gebracht, um damit die klassischen Ingredienzen für eine Art von Hetzkampagnen zu haben, mit der sie sich in eine lange und traurige Tradition der Denunziation und Intoleranz stellt.
Einmal mehr zeigt sich überdeutlich, welche Absicht die Esobasher verfolgen: die Denunziation und existentielle Vernichtung der pauschal als böse vorverurteilten Vertreter bestimmter weltanschaulicher Richtungen. Die Motivation ist ihre Angst vor Andersdenkenden und vor der Erosion des eigenen festgefügten positivistischen Weltbildes. Das Ziel ist kulturelle Gleichschaltung und die totalitäre Verhinderung der Abweichung von den Deutungsansprüchen der für absolut gehaltenen eigenen Weltanschauung. Das methodische Repertoire reduziert sich dabei letztlich auf Lüge und Verleumdung, auf Hass und Diffamierung. Scheinheilige Rückfragen im Verhörstil transportieren bereits Urteile und Unterstellungen und sollen dem Opfer einen Widerruf entlocken, der ihm dann als Bestätigung aller Vorurteile ausgelegt wird. Die faulen rhetorischen Taschenspielertricks stinken vom Kopfe her und sind allzu durchschaubar. Daher sind auch Diskussionsversuche, Aufklärungs- und Klarstellungsversuche von vorneherein zum Scheitern verurteilt, weil sie von Esowatch und den Esobashern nur als Anlass und Steinbruch für weitere Diffamierungen genutzt werden. Völlig zurecht zieht Felix Hau in seiner
Stellungnahme Parallelen zu jener Mentalität, auf der totalitäre Systeme gedeihen.
In einer demokratischen, humanistisch gebildeten und rechtsstaatlich pluralistischen Gesellschaft hat solcherlei Denunziantentum keinen Platz, auch wenn es sich um eine winzige, im wesentlichen auf einige Internetseiten beschränkte Gruppe von Akteuren handelt. Denn diese Art der Agitation hat weder mit Aufklärung noch mit Kritik etwas zu tun, denn sie geht jeder Form von Dialog, Differenzierung und sachlicher Kritik gezielt aus dem Weg. Die zur Schau getragene Empörung und der unschuldig aufklärerische Impetus, mit dem die Diffamierungen immer wieder eingeleitet und gerechtfertigt werden, sind nur sympathieheischende Maske für eine gezielte und tatktisch perfide berechnete Hass- und Vernichtungskampagne gegen Andersdenkende.
---
Nachtrag:

Ohne (weitere) Worte...
In dieser Diskussion vertrat Felix Hau eine kontroverse Meinung und warf in durchaus provokanten Worten der gesellschaftlichen Diskussion vor, unangemessene Hysterisieung und Pauschalisierung zu betreiben, statt das Problem sachlich und mit Augenmaß zu behandeln. Er forderte, sexuelle Handlungen mit Jugendlichen von Vergewaltigungen mit Kindern deutlicher zu unterscheiden, insbesondere hinsichtlich der Traumatisierung und dem Umstand, dass solche Handlungen von Jugendlichen teilweise auch provoziert werden. Weiter sah er durch die Hysterisierung im Einzelfall eine unnötige Verstärkung der Traumatisierung der Opfer. Ebenso stellte er in Frage, inwieweit die oralen oder exhibitionistischen Praktiken der damals diskutierten Fälle im Strafmaß sowie in der gesellschaftlichen Ächtung eine Gleichstellung mit Kindesvergewaltigungen rechtfertigten. Die Diskussion ist auf Felix Haus Blog Berzengeschnetz
Esowatch pickt nun in einem
Dass diese Vorwürfe nicht nur infam und haltlos sondern deswegen auch justiziabel sind, stört die Esobasher keineswegs. Diffamierungskampagnen gehören zu deren Standardinstrumentarium. Hierfür betreibt Esowatch z.B. extra eine
Einmal mehr zeigt sich überdeutlich, welche Absicht die Esobasher verfolgen: die Denunziation und existentielle Vernichtung der pauschal als böse vorverurteilten Vertreter bestimmter weltanschaulicher Richtungen. Die Motivation ist ihre Angst vor Andersdenkenden und vor der Erosion des eigenen festgefügten positivistischen Weltbildes. Das Ziel ist kulturelle Gleichschaltung und die totalitäre Verhinderung der Abweichung von den Deutungsansprüchen der für absolut gehaltenen eigenen Weltanschauung. Das methodische Repertoire reduziert sich dabei letztlich auf Lüge und Verleumdung, auf Hass und Diffamierung. Scheinheilige Rückfragen im Verhörstil transportieren bereits Urteile und Unterstellungen und sollen dem Opfer einen Widerruf entlocken, der ihm dann als Bestätigung aller Vorurteile ausgelegt wird. Die faulen rhetorischen Taschenspielertricks stinken vom Kopfe her und sind allzu durchschaubar. Daher sind auch Diskussionsversuche, Aufklärungs- und Klarstellungsversuche von vorneherein zum Scheitern verurteilt, weil sie von Esowatch und den Esobashern nur als Anlass und Steinbruch für weitere Diffamierungen genutzt werden. Völlig zurecht zieht Felix Hau in seiner
In einer demokratischen, humanistisch gebildeten und rechtsstaatlich pluralistischen Gesellschaft hat solcherlei Denunziantentum keinen Platz, auch wenn es sich um eine winzige, im wesentlichen auf einige Internetseiten beschränkte Gruppe von Akteuren handelt. Denn diese Art der Agitation hat weder mit Aufklärung noch mit Kritik etwas zu tun, denn sie geht jeder Form von Dialog, Differenzierung und sachlicher Kritik gezielt aus dem Weg. Die zur Schau getragene Empörung und der unschuldig aufklärerische Impetus, mit dem die Diffamierungen immer wieder eingeleitet und gerechtfertigt werden, sind nur sympathieheischende Maske für eine gezielte und tatktisch perfide berechnete Hass- und Vernichtungskampagne gegen Andersdenkende.
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Nachtrag:
Ohne (weitere) Worte...
Geschrieben von Christian Grauer
in Anthroposophie, Esobashing
um
19:41
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Samstag, 25. Oktober 2008
Wo steckt unser Ich?
Egal ob Materialist naturwissenschaftlicher Prägung oder anthroposophischer Spiritualist, die Antwort auf diese Frage ist im Grunde immer die gleiche. Das Ich wird als Zentrum der eigenen Person betrachtet, sei es nun im Sinne einer materiell-funktionalen Einheit oder im Sinne eines geistigen Wesenskernes. In jedem Falle wird das Ich als Subjekt des persönlichen Handelns und somit als Substrat unseres Handelns und unseres Bewusstseins betrachtet. Das Ich ist die letzte Instanz auf der Suche nach dem Agens hinter der Person und als solches die eigentliche geistige Identität des Menschen, die letzte Bastion der Wirklichkeit hinter den Schichten bloß außenweltlicher Prädikationen und Anhaftungen.
Doch was, wenn auch das Ich nur eine letzte Schicht der Äußerlichkeit ist, ohne weiteren Kern, ohne ein darunter liegendes Supersubstrat, ohne absolute Identität? Man kann auch bei Steiner über Passagen stolpern, wo er das Ich in der Umwelt verortet. Um das Ich zu finden, müssen wir nicht im Menschen, sondern in seiner Umwelt suchen. Das Ich ist nicht der Ausgangspunkt der Person und ihres individuellen Handelns, es ist vielmehr deren Ergebnis. Im Handeln, im Eingebundensein in die Mannigfaltigkeit der äußeren sinnlichen Welt, in der sozialen Interaktion und nicht zuletzt im Umgang mit der Körperlichkeit fügen sich Einzeloperationen zu einem Bedeutungszusammenhang des Operierens und Handelns zusammen, dessen Einheit wir als Subjekt und hypostasierend als Ich bezeichnen und erleben. Wir sind als Ich nichts anderes als die an der Beobachtung der Außenwelt gezeugte Innenwelt, gleichsam ein bloß perspektivisch gedachter Fluchtpunkt der Einheit der Mannigfaltigkeit des Äußeren Seins.
Wo also steckt unser Ich? Es steckt überhaupt nicht sondern ist nur ein Modus des die Außenwelt erlebend erschaffenden Bewusstseins, um diesem Erleben eine Einheit und damit eine Bedeutung zu geben. Wo wir einen Baum als Baum bezeichnen und ihm damit die für uns mit einem Baum verbundene Bedeutung geben, da reißen wir diesen Baum aus dem indifferenten Sein heraus in die Vereinzelung der sinnlichen Erfahrbarkeit. Die Leerstelle, die bleibt, der Negativabdruck im Sein, der durch das Entäußern des Baumes entsteht, den bezeichnen wir als Ich. Dieses Ich ist weder Urheber oder Vollstrecker des "Herausreißens", noch ist es ein unabhängig von der Äußerlichkeit (dem Baum) existierendes Substrat, es ist vielmehr eine hinterlassene Spur der Erzeugung der äußeren Wirklichkeit des Baumes durch das beobachtende und erlebende Bewusstsein. Im Grunde existiert das Ich damit im Baum und in allen Dingen und Wesen der Außenwelt. Es ist nichts anderes als der Umkehrschluss der Außenwelt, es ist das fundamentalste Wesen in den Dingen, das in der schieren Äußerlichkeit, dem sich Gegenüberstellen als solchem besteht. Ich ist nichts anders als Außenwelt zu haben und die gesamte Vielfalt der Außenwelt repräsentiert das Wesen und die Individualität des Ich. Wir sind die Welt, in der wir leben. Im Kern der Zwiebel aus Schichten an Außenwelten bleibt nichts übrige. Ich bin selbst die Zwiebel!
Es ist letzlich dieser Gedanke, den das Buch "Wo steckt unser Ich?" in drei Beiträgen auf drei ganz unterschiedlichen Ebenen verfolgt: im Anschluss an das Konzept des "Zwischen-Menschen", eines kollektiven und überindividuellen Ich in der Japanischen Sprache und Lebensphilosophie (Gernot Böhme), in einer gehirnphysiologischen Betrachtung des Verhältnis von Bewusstsein und Umwelt (Thomas Fuchs) und in einer konsequent phänomenalistischen Betrachtung von biologischen Rhythmen als Wechselspiel von Entäußerung und Identifikation (Jan Vagedes). Insbesondere der Beitrag von Gernot Böhme stellt dabei das westlich-europäische Konzept des Ich so radikal in Frage, dass man sich beim Lesen mehrfach versichern muss, tatsächlich ein Buch aus einem anthroposophischen Verlag in Händen zu halten. Denn die Anthroposopohie pflegt in weiten Teilen aus ihrem individualistischen Ansatz heraus eine positivistische Verabsolutierung des Ich als eigentliche, geistige Wirklichkeit, die das zur Maja degradierte äußere sinnliche Sein nur ersetzt, um nicht in das schwarze Loch eines Nihilismus zu fallen.
Umso erstaunlicher und erfreulicher ist dieses von Andreas Neider herausgegebene Buch. Es ist ein Beitrag dazu, die Anthroposophie in einen modernen Diskurs sowohl auf naturwissenschaftlichem als auch spirituellem Gebiet einzubinden und sie an ihre wirklich originellen Ideen zu erinnern, mit denen Steiner bereits vor einem guten Jahrhundert moderne Bewusstseinskonzepte antizipiert hat, indem er das Denken als den eigentlichen Quell der Wirklichkeit und damit auch als Erzeuger des Ich identifiziert und ins Zentrum seines Schaffens gestellt hat.
Andreas Neider (Hrg.): Wo steckt unser Ich?
Beiträge einer 'sphärischen Anthropologie'
Verlag: Freies Geistesleben 2008, 128 Seiten, ISBN10: 3-772-52192-4 / ISBN13: 978-3-772521-92-8
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Doch was, wenn auch das Ich nur eine letzte Schicht der Äußerlichkeit ist, ohne weiteren Kern, ohne ein darunter liegendes Supersubstrat, ohne absolute Identität? Man kann auch bei Steiner über Passagen stolpern, wo er das Ich in der Umwelt verortet. Um das Ich zu finden, müssen wir nicht im Menschen, sondern in seiner Umwelt suchen. Das Ich ist nicht der Ausgangspunkt der Person und ihres individuellen Handelns, es ist vielmehr deren Ergebnis. Im Handeln, im Eingebundensein in die Mannigfaltigkeit der äußeren sinnlichen Welt, in der sozialen Interaktion und nicht zuletzt im Umgang mit der Körperlichkeit fügen sich Einzeloperationen zu einem Bedeutungszusammenhang des Operierens und Handelns zusammen, dessen Einheit wir als Subjekt und hypostasierend als Ich bezeichnen und erleben. Wir sind als Ich nichts anderes als die an der Beobachtung der Außenwelt gezeugte Innenwelt, gleichsam ein bloß perspektivisch gedachter Fluchtpunkt der Einheit der Mannigfaltigkeit des Äußeren Seins.
Wo also steckt unser Ich? Es steckt überhaupt nicht sondern ist nur ein Modus des die Außenwelt erlebend erschaffenden Bewusstseins, um diesem Erleben eine Einheit und damit eine Bedeutung zu geben. Wo wir einen Baum als Baum bezeichnen und ihm damit die für uns mit einem Baum verbundene Bedeutung geben, da reißen wir diesen Baum aus dem indifferenten Sein heraus in die Vereinzelung der sinnlichen Erfahrbarkeit. Die Leerstelle, die bleibt, der Negativabdruck im Sein, der durch das Entäußern des Baumes entsteht, den bezeichnen wir als Ich. Dieses Ich ist weder Urheber oder Vollstrecker des "Herausreißens", noch ist es ein unabhängig von der Äußerlichkeit (dem Baum) existierendes Substrat, es ist vielmehr eine hinterlassene Spur der Erzeugung der äußeren Wirklichkeit des Baumes durch das beobachtende und erlebende Bewusstsein. Im Grunde existiert das Ich damit im Baum und in allen Dingen und Wesen der Außenwelt. Es ist nichts anderes als der Umkehrschluss der Außenwelt, es ist das fundamentalste Wesen in den Dingen, das in der schieren Äußerlichkeit, dem sich Gegenüberstellen als solchem besteht. Ich ist nichts anders als Außenwelt zu haben und die gesamte Vielfalt der Außenwelt repräsentiert das Wesen und die Individualität des Ich. Wir sind die Welt, in der wir leben. Im Kern der Zwiebel aus Schichten an Außenwelten bleibt nichts übrige. Ich bin selbst die Zwiebel!
Es ist letzlich dieser Gedanke, den das Buch "Wo steckt unser Ich?" in drei Beiträgen auf drei ganz unterschiedlichen Ebenen verfolgt: im Anschluss an das Konzept des "Zwischen-Menschen", eines kollektiven und überindividuellen Ich in der Japanischen Sprache und Lebensphilosophie (Gernot Böhme), in einer gehirnphysiologischen Betrachtung des Verhältnis von Bewusstsein und Umwelt (Thomas Fuchs) und in einer konsequent phänomenalistischen Betrachtung von biologischen Rhythmen als Wechselspiel von Entäußerung und Identifikation (Jan Vagedes). Insbesondere der Beitrag von Gernot Böhme stellt dabei das westlich-europäische Konzept des Ich so radikal in Frage, dass man sich beim Lesen mehrfach versichern muss, tatsächlich ein Buch aus einem anthroposophischen Verlag in Händen zu halten. Denn die Anthroposopohie pflegt in weiten Teilen aus ihrem individualistischen Ansatz heraus eine positivistische Verabsolutierung des Ich als eigentliche, geistige Wirklichkeit, die das zur Maja degradierte äußere sinnliche Sein nur ersetzt, um nicht in das schwarze Loch eines Nihilismus zu fallen.
Umso erstaunlicher und erfreulicher ist dieses von Andreas Neider herausgegebene Buch. Es ist ein Beitrag dazu, die Anthroposophie in einen modernen Diskurs sowohl auf naturwissenschaftlichem als auch spirituellem Gebiet einzubinden und sie an ihre wirklich originellen Ideen zu erinnern, mit denen Steiner bereits vor einem guten Jahrhundert moderne Bewusstseinskonzepte antizipiert hat, indem er das Denken als den eigentlichen Quell der Wirklichkeit und damit auch als Erzeuger des Ich identifiziert und ins Zentrum seines Schaffens gestellt hat.
Andreas Neider (Hrg.): Wo steckt unser Ich?
Beiträge einer 'sphärischen Anthropologie'
Verlag: Freies Geistesleben 2008, 128 Seiten, ISBN10: 3-772-52192-4 / ISBN13: 978-3-772521-92-8
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Samstag, 13. September 2008
Der Bund der Freien Waldorfschulen begeht Selbstmord
Gerade begann es so richtig genüsslich zu werden, wie das neue Buch von Michael Grandt, "Schwarzbuch Waldorf", nicht nur in anthroposophischen und waldorfnahen, sondern auch in Zeitungen wie der Süddeutschen und der ZEIT als niveauloses Machwerk in die Bedeutungslosigkeit rezensiert wurde. Da ereilt uns die Nachricht vom vorzeitigen gesellschaftlichen Selbstmordversuch des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFW).
Wie eben dieser Bund in einer Rundmail mitteilt, wurde nun beim Landgericht Stuttgart eine einstweilige Verfügung gegen das "Schwarzbuch Waldorf" erwirkt und damit die Auslieferung des Buches vorläufig gestoppt. Der Bund begründet den drastischen Schritt damit, dass Grandt falsche Tatsachenbehauptungen aufstellt, "in einem besonders gravierenden Fall die Behauptung, der Bund der Waldorfschulen verharmlose und rechtfertige körperliche Züchtigungen an Schülerinnen und Schülern". Da in einem direkten Gespräch mit dem Verlag offenbar keine Einigung gefunden werden konnte, entschloss sich der Bund, den juristischen Weg zu beschreiten.
Sowohl Grandt als auch die Anthroposophen sind geübt: vor 10 Jahren hatte man das "Schwarzbuch Anthroposophie" von Grandt auf diese Weise verbieten lassen und dadurch erreicht, dass es später mit gerichtlich angeordneten Schwärzungen doch erschienen ist, was nicht nur seinen Enthüllungsnimbus steigerte, sondern auch die nicht-geschwärzten Stellen gleichsam als gerichtlich abgesegnete Wahrheit erscheinen ließ. Von der Werbewirkung der Aktion für das Buch und den Image-Schaden für eine sich provinziell unsportlich gebärdende Anthroposophie ganz zu schweigen!
Die Dummheit, diesen faux Pas nun erneut zu begehen, verursacht fast physischen Schmerz. Gibt es denn in Stuttgart keine PR-Berater? Auf solche Aktionen haben Grandt und seine Mitstreiter doch nur gewartet wie ausgehungerte Piranhas, denn sie sind die beste PR für das Buch. Der Enthüllungsanspruch von Grandt, der hinter Waldorf eine rigorose Sekte vermutet, wird dadurch nur bestätigt und die gesellschaftliche Diskussionsunfähigkeit der Waldorfvertreter wird aktenkundig demonstriert. Statt mit einer offenen Debatte voll Esprit und Humor auf die tumbe Agitation von Grandt zu reagieren, begibt man sich noch weit unter dessen eigenes Niveau. Die heren Ansprüche von freiem Geistesleben und Pluralismus, mit dem man sich als Privatschule stets rechtfertigt, weichen einer geradezu spießbürgerlichen Borniertheit. Statt auf Argumente und positive gesellschaftliche Präsenz zu setzen manövriert man sich mit beispielloser Unprofessionalität ins gesellschaftliche Abseits einer Pitbull-Sekte, die auf unbescholtene Journalisten mit Klagen und Verfügungen losgeht.
Was können denn so jämmerliche Figuren wie Grandt und seine paranoiden Agitationen ausrichten gegen die offene und kultivierte Wirklichkeit der Waldorfschulen, gegen Generationen von Waldorfschülern, die in erfolgreich gelebten Biographien - ob prominent oder nicht - für Waldorfschulen Zeugnis ablegen, gegen die Ressourcen an gebildeten und geistreichen Anthropsophen und Waldorfleuten, die solch ungelenk formulierte Kritik mit Witz und Intelligenz zu kontern wissen, und schließlich gegen eine offene Diskussion und eine PR, die Waldorf als integrales Konzept einer freiheitlich-demokratischen, pluralistischen und humanistischen Gesellschaft in Szene setzt?
Diese peinliche Aktion treibt jedem Waldorfschüler die Schamesröte ins Gesicht und sie ist ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die sich mit Engagement und Phantasie öffentlich für die Ideen der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik einsetzen und die einzigartigen Leistungen und Potentiale gegen die ebenso menschlichen Schattenseiten hervorzuheben bemüht sind. Denn hier endet mein Verständnis für die Menschlichkeit der offenbar vollständig unfähigen PR-Abteilung des Bundes der Waldorfschulen und ich weigere mich als Mitglied einer Waldorfschule, einen solchen Bund als Vertretung anzuerkennen.
Wie eben dieser Bund in einer Rundmail mitteilt, wurde nun beim Landgericht Stuttgart eine einstweilige Verfügung gegen das "Schwarzbuch Waldorf" erwirkt und damit die Auslieferung des Buches vorläufig gestoppt. Der Bund begründet den drastischen Schritt damit, dass Grandt falsche Tatsachenbehauptungen aufstellt, "in einem besonders gravierenden Fall die Behauptung, der Bund der Waldorfschulen verharmlose und rechtfertige körperliche Züchtigungen an Schülerinnen und Schülern". Da in einem direkten Gespräch mit dem Verlag offenbar keine Einigung gefunden werden konnte, entschloss sich der Bund, den juristischen Weg zu beschreiten.
Sowohl Grandt als auch die Anthroposophen sind geübt: vor 10 Jahren hatte man das "Schwarzbuch Anthroposophie" von Grandt auf diese Weise verbieten lassen und dadurch erreicht, dass es später mit gerichtlich angeordneten Schwärzungen doch erschienen ist, was nicht nur seinen Enthüllungsnimbus steigerte, sondern auch die nicht-geschwärzten Stellen gleichsam als gerichtlich abgesegnete Wahrheit erscheinen ließ. Von der Werbewirkung der Aktion für das Buch und den Image-Schaden für eine sich provinziell unsportlich gebärdende Anthroposophie ganz zu schweigen!
Die Dummheit, diesen faux Pas nun erneut zu begehen, verursacht fast physischen Schmerz. Gibt es denn in Stuttgart keine PR-Berater? Auf solche Aktionen haben Grandt und seine Mitstreiter doch nur gewartet wie ausgehungerte Piranhas, denn sie sind die beste PR für das Buch. Der Enthüllungsanspruch von Grandt, der hinter Waldorf eine rigorose Sekte vermutet, wird dadurch nur bestätigt und die gesellschaftliche Diskussionsunfähigkeit der Waldorfvertreter wird aktenkundig demonstriert. Statt mit einer offenen Debatte voll Esprit und Humor auf die tumbe Agitation von Grandt zu reagieren, begibt man sich noch weit unter dessen eigenes Niveau. Die heren Ansprüche von freiem Geistesleben und Pluralismus, mit dem man sich als Privatschule stets rechtfertigt, weichen einer geradezu spießbürgerlichen Borniertheit. Statt auf Argumente und positive gesellschaftliche Präsenz zu setzen manövriert man sich mit beispielloser Unprofessionalität ins gesellschaftliche Abseits einer Pitbull-Sekte, die auf unbescholtene Journalisten mit Klagen und Verfügungen losgeht.
Was können denn so jämmerliche Figuren wie Grandt und seine paranoiden Agitationen ausrichten gegen die offene und kultivierte Wirklichkeit der Waldorfschulen, gegen Generationen von Waldorfschülern, die in erfolgreich gelebten Biographien - ob prominent oder nicht - für Waldorfschulen Zeugnis ablegen, gegen die Ressourcen an gebildeten und geistreichen Anthropsophen und Waldorfleuten, die solch ungelenk formulierte Kritik mit Witz und Intelligenz zu kontern wissen, und schließlich gegen eine offene Diskussion und eine PR, die Waldorf als integrales Konzept einer freiheitlich-demokratischen, pluralistischen und humanistischen Gesellschaft in Szene setzt?
Diese peinliche Aktion treibt jedem Waldorfschüler die Schamesröte ins Gesicht und sie ist ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die sich mit Engagement und Phantasie öffentlich für die Ideen der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik einsetzen und die einzigartigen Leistungen und Potentiale gegen die ebenso menschlichen Schattenseiten hervorzuheben bemüht sind. Denn hier endet mein Verständnis für die Menschlichkeit der offenbar vollständig unfähigen PR-Abteilung des Bundes der Waldorfschulen und ich weigere mich als Mitglied einer Waldorfschule, einen solchen Bund als Vertretung anzuerkennen.
Montag, 8. September 2008
Tagung Ursprüngliche Anthroposophie 20./21.9.08 in Berlin
Wie bereits vorangekündigt findet am 20./21. September in Berlin die Veranstaltung "Ursprüngliche Anthroposophie" statt (weitere Infos s.u.), die bereits im Vorfeld für Aufregung sorgte. Ein großer Kreis der Anthroposophen betrachtet die frühen Werke von Steiner nur als philosophische Vorläufer dessen, was er nach der Jahrhundertwende (nach der Verbindung mit der Theosophie) als Anthroposophie in esoterisch-geisteswissenschaftlicher Arbeit entfaltet hat. Mancher hält die Beschäftigung mit Steiners Frühwerk und noch mehr mit anderen spirituellen Strömungen im Rahmen der Anthroposophie daher für eine Zerstörung derselben und warnt in privaten Zuschriften vor der Veranstaltung und ihren Referenten!
Die theosophische Anthroposophie nach der Jahrhundertwende fasziniert durch einen enormen Reichtum an Bildern, detaillierten Zusammenhängen und einer Aktivierung und Reaktivierung vor allem christlicher aber auch anderer tiefer spiritueller Weisheiten. Die Geschlossenheit, mit der Steiner diese Inhalte in eine ganz neue, individuelle und dem (damals) modernen Bewusstsein angemessene Form brachte und zu einem enorm inspirierenden Gesamtwerk machte, ist eine der faszinierendsten Leistungen Steiners. Diese Anthroposophie beschränkt sich aber trotz ihrer auf den ersten Blick ungewöhnlich esoterischen und blumigen Sprache nicht auf sonntägliche Erbauungsstunden oder private Selbstfindung und Bewusstseinsarbeit, sondern entzündete als kultureller Motor eine weltweite Bewegung und inspirierte Menschen auf den vielfältigsten praktischen Gebieten des Alltagslebens.
Das ist soweit bekannt und eine unanfechtbare Leistung der nachtheosophischen Anthroposophie. Ein Kennzeichen dieser Anthroposophie ist aber auch, dass sie als individuelle Leistung Steiners zugleich auf seine Authentizität und Autorität als Person und Inspirator fokussiert. Je größer die historische Distanz zu Steiner wird, desto schwieriger wird es, aus dieser Authentizität zu schöpfen und so zeigt sich bisweilen die schiere Tradierung auf Vertrauensbasis als ein Hindernis in der anthroposophischen Arbeit und macht sie zu einem teilweise hermetischen und die Anthroposophie als Offenbarung instrumentalisierenden Dogma, das mehr behindert als inspiriert. Ihre Vertreter, die durchaus noch die Authentizität der Steinerschen Inspiration intuitiv erfassen und als selbstgewählte Orientierung für ihre Arbeit wählen, können diese Authentizität aber nicht mehr an Dritte vermitteln. Die Anthroposophie erscheint dann vielfach als dogmatisches Lehrgebäude, das Traditionen wahrt in der Illusion, damit jene Authentizität sichern zu können.
Viele Anthroposophen spüren aber, dass sie nun selbst gefordert sind, jene Authentizität und Autorität zu bilden, die Steiner als Initiator der Anthroposophie ganz natürlich und in ganz besonderem Maße hatte. Nicht um Steiner zu negieren, nicht um mit der Anthroposophie zu brechen, sondern um ihren eigentlichen Kern, das eigentliche Erneuerungspotential zu nutzen, das in ihr liegt. Sie spüren, dass die lebendige Anthroposophie, die sich als spirituelle Strömung einem Dialog mit der Gegenwart stellte, zu einer blutleeren, dogmatisch tradierten Lehre wird, wenn sie nicht von uns selbst mit jener Authentizität und Unmittelbarkeit vertreten werden kann, wie sie das von Steiner wurde. Denn das Potential der Anthroposophie liegt nicht in ihren Traditionen und Gewohnheiten, in Arbeitsweisen und Detailerkenntnissen, sondern in einem spezifischen Zugang zur Welt, in einer Erkenntnishaltung und Fragestellung an das Leben, die sich aus Unbefangenheit und in spiritueller Aufklärung für die Integration einer geistigen Wirklichkeit öffnet, die nicht jenseits, sondern diesseits des sinnlichen Realitätsverständnisses liegt.
Die Veranstaltung "Ursprüngliche Anthroposophie" möchte im Frühwerk Steiners einer Erkenntnisdimension nachspüren, in der sich auch bei ihm noch vor der Ausarbeitung der Anthroposophie als solcher, ein unmittelbarer Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens finden. Dieses frühe Werk weist nicht den hohen Grad an Konkretion und Ausarbeitung auf, wie die spätere Anthroposophie. Es verzichtet auch auf Bezüge zu allerelei esoterischen, okkulten, mythischen und mystischen Traditionen. Dafür ist es aber auch frei von jeglichem traditionellen Ballast und sucht mit fast spröder Nüchternheit den Kern der spirituellen Erfahrung in philosophische Worte zu fassen. Sicherlich hat das Spätwerk eine andere biographische Reife. Dies zeigt sich insbesondere auch in seiner ganz anderen sozialen und kulturellen Wirkung. Aber keineswegs ist das Frühwerk deswegen aus spiritueller Sicht als minderwertig oder nur vorläufig anzusehen. Unter der Oberfläche philosophischer Ausdrucksweise und scheinbar paradoxer Formulierungen wird die selbe spirituelle Tiefe angesprochen, die sich durch die gesamte Anthroposophie zieht. Indem sich die frühen Schriften an das reine Denken wenden, sind sie oft schwerer zugänglich, als die faszinierenden theosophischen Bilder, sind sie aber zugleich auch unabhängiger von kulturellen Voreinstellungen und von der Authentizität des Autors. Sie stellen auch nach Steiners eigenen Aussagen eine Form des ursprünglichen Zugangs dar, aus dem eine Anthroposophie jederzeit individuell und authentisch hervorgehen kann.
Auch Verbindungen zu anderen modernen spirituellen Strömungen sind aus dieser Perspektive leichter als aus der kulturell stark geprägten nachtheosophischen Anthroposophie. Dies wird sich in der Veranstaltung am Beispiel von Ken Wilber darstellen, dessen Ansatz durch Michael Habecker vertreten sein wird. An diesem Beispiel kann vielleicht deutlich werden, wie jener ursprüngliche Zugang zur Anthroposophie zugleich auch Teil hat an jenem allgemein ursprünglichen spirituellen Zugang zum Leben, der sich als höchste oder tiefste Dimension letztlich hinter allen Versuchen, das Leben mit Erkenntnis zu durchdringen, auffinden lässt.
Als Referent dieser Veranstaltung sehe ich darin ein Chance, nicht nur die Anthroposophie mit neuer Lebenskraft zu versorgen, sondern auch für mich selbst einen Weg zu den Ursprüngen der Anthroposophie zu finden, ohne die Traditionen deswegen pauschal negieren zu müssen, aber um dadurch und auch im Dialog mit anderen modernen Inspirationen selbst jene Form der Authentizität für mich zu finden, die das Werk Steiners so kraftvoll und charismatisch macht.
Jeder, der sich dafür interessiert, mit diesem Ansatz neue, ggf. auch experimentelle Wege der Anthroposophie und der Spiritualität zu beschreiten und darüber ins Gespräch zu kommen, ist herzlich zu unserer Veranstaltung eingeladen. Ein zentraler Ansatz der Veranstaltung ist es daher auch, das Gewicht weg von den Vorträgen und hin auf die Gespräche und Übungen mit allen Teilnehmern zu lenken, um nicht nur vorbereitete Weisheiten abzuspulen sondern in einen lebendigen und unmittelbaren Erkenntnisdialog zu kommen.
"Ursprüngliche Anthroposophie"
Tagung mit Impulsreferaten, Übungen und Gesprächen
Referentinnen und Referenten:
Anna-Katharina Dehmelt
Christian Grauer
Sebastian Gronbach
Michael Habecker
Jens Heisterkamp
Termin: von Sa. 20.9.08 14:00 Uhr bis So. 2.9.08
Ort: Teltower Damm 269, 14167 Berlin
Teilnahmegebühr: 40 EUR (an der Tageskasse)
Veranstalter:
Zeitschrift info3,
Werkgemeinschaft Berlin-Brandenburg, Sozialtherapeutische Werkstätten gGmbH
Organisation und Durchführung: Frithkof Scholz, Uwe Gräßer (Werkgemeinschaft), Jens Heisterkamp (info3)
Programm:
Samstag, 14:00 Uhr
Teil 1:
Ursprüngliche Anthroposophie. Eine Spurensuche im Lebenswerk RUdolf Steiners.
Impulsreferat von Dr. Jens Heisterkamp. Übungen mit Anna-Katharina Dehmelt.
Bewusstsein als absolute Dimension unserer Erfahrung. Phänomenologische Annäherung an das Bewusstsein mit Christian Grauer
Teil 2:
Authentische Spirituelle Erfahrung: Bewusstseinserfahrung als Gotteserfahrung. Impulsreferat von Sebastian Gronbach
Sonntag, 9:30 Uhr
Teil 3:
Die höhere Wahrheit im Dialog. Krieterien einer zeitgemäßen und post-metaphysischen Spiritualität im Anschluss an Ken Wilber. Impulsreferat von Michael Habecker.#
Jede Einheit mit Übungen (A.-K. Dehmelt) und Gesprächen.
Die theosophische Anthroposophie nach der Jahrhundertwende fasziniert durch einen enormen Reichtum an Bildern, detaillierten Zusammenhängen und einer Aktivierung und Reaktivierung vor allem christlicher aber auch anderer tiefer spiritueller Weisheiten. Die Geschlossenheit, mit der Steiner diese Inhalte in eine ganz neue, individuelle und dem (damals) modernen Bewusstsein angemessene Form brachte und zu einem enorm inspirierenden Gesamtwerk machte, ist eine der faszinierendsten Leistungen Steiners. Diese Anthroposophie beschränkt sich aber trotz ihrer auf den ersten Blick ungewöhnlich esoterischen und blumigen Sprache nicht auf sonntägliche Erbauungsstunden oder private Selbstfindung und Bewusstseinsarbeit, sondern entzündete als kultureller Motor eine weltweite Bewegung und inspirierte Menschen auf den vielfältigsten praktischen Gebieten des Alltagslebens.
Das ist soweit bekannt und eine unanfechtbare Leistung der nachtheosophischen Anthroposophie. Ein Kennzeichen dieser Anthroposophie ist aber auch, dass sie als individuelle Leistung Steiners zugleich auf seine Authentizität und Autorität als Person und Inspirator fokussiert. Je größer die historische Distanz zu Steiner wird, desto schwieriger wird es, aus dieser Authentizität zu schöpfen und so zeigt sich bisweilen die schiere Tradierung auf Vertrauensbasis als ein Hindernis in der anthroposophischen Arbeit und macht sie zu einem teilweise hermetischen und die Anthroposophie als Offenbarung instrumentalisierenden Dogma, das mehr behindert als inspiriert. Ihre Vertreter, die durchaus noch die Authentizität der Steinerschen Inspiration intuitiv erfassen und als selbstgewählte Orientierung für ihre Arbeit wählen, können diese Authentizität aber nicht mehr an Dritte vermitteln. Die Anthroposophie erscheint dann vielfach als dogmatisches Lehrgebäude, das Traditionen wahrt in der Illusion, damit jene Authentizität sichern zu können.
Viele Anthroposophen spüren aber, dass sie nun selbst gefordert sind, jene Authentizität und Autorität zu bilden, die Steiner als Initiator der Anthroposophie ganz natürlich und in ganz besonderem Maße hatte. Nicht um Steiner zu negieren, nicht um mit der Anthroposophie zu brechen, sondern um ihren eigentlichen Kern, das eigentliche Erneuerungspotential zu nutzen, das in ihr liegt. Sie spüren, dass die lebendige Anthroposophie, die sich als spirituelle Strömung einem Dialog mit der Gegenwart stellte, zu einer blutleeren, dogmatisch tradierten Lehre wird, wenn sie nicht von uns selbst mit jener Authentizität und Unmittelbarkeit vertreten werden kann, wie sie das von Steiner wurde. Denn das Potential der Anthroposophie liegt nicht in ihren Traditionen und Gewohnheiten, in Arbeitsweisen und Detailerkenntnissen, sondern in einem spezifischen Zugang zur Welt, in einer Erkenntnishaltung und Fragestellung an das Leben, die sich aus Unbefangenheit und in spiritueller Aufklärung für die Integration einer geistigen Wirklichkeit öffnet, die nicht jenseits, sondern diesseits des sinnlichen Realitätsverständnisses liegt.
Die Veranstaltung "Ursprüngliche Anthroposophie" möchte im Frühwerk Steiners einer Erkenntnisdimension nachspüren, in der sich auch bei ihm noch vor der Ausarbeitung der Anthroposophie als solcher, ein unmittelbarer Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens finden. Dieses frühe Werk weist nicht den hohen Grad an Konkretion und Ausarbeitung auf, wie die spätere Anthroposophie. Es verzichtet auch auf Bezüge zu allerelei esoterischen, okkulten, mythischen und mystischen Traditionen. Dafür ist es aber auch frei von jeglichem traditionellen Ballast und sucht mit fast spröder Nüchternheit den Kern der spirituellen Erfahrung in philosophische Worte zu fassen. Sicherlich hat das Spätwerk eine andere biographische Reife. Dies zeigt sich insbesondere auch in seiner ganz anderen sozialen und kulturellen Wirkung. Aber keineswegs ist das Frühwerk deswegen aus spiritueller Sicht als minderwertig oder nur vorläufig anzusehen. Unter der Oberfläche philosophischer Ausdrucksweise und scheinbar paradoxer Formulierungen wird die selbe spirituelle Tiefe angesprochen, die sich durch die gesamte Anthroposophie zieht. Indem sich die frühen Schriften an das reine Denken wenden, sind sie oft schwerer zugänglich, als die faszinierenden theosophischen Bilder, sind sie aber zugleich auch unabhängiger von kulturellen Voreinstellungen und von der Authentizität des Autors. Sie stellen auch nach Steiners eigenen Aussagen eine Form des ursprünglichen Zugangs dar, aus dem eine Anthroposophie jederzeit individuell und authentisch hervorgehen kann.
Auch Verbindungen zu anderen modernen spirituellen Strömungen sind aus dieser Perspektive leichter als aus der kulturell stark geprägten nachtheosophischen Anthroposophie. Dies wird sich in der Veranstaltung am Beispiel von Ken Wilber darstellen, dessen Ansatz durch Michael Habecker vertreten sein wird. An diesem Beispiel kann vielleicht deutlich werden, wie jener ursprüngliche Zugang zur Anthroposophie zugleich auch Teil hat an jenem allgemein ursprünglichen spirituellen Zugang zum Leben, der sich als höchste oder tiefste Dimension letztlich hinter allen Versuchen, das Leben mit Erkenntnis zu durchdringen, auffinden lässt.
Als Referent dieser Veranstaltung sehe ich darin ein Chance, nicht nur die Anthroposophie mit neuer Lebenskraft zu versorgen, sondern auch für mich selbst einen Weg zu den Ursprüngen der Anthroposophie zu finden, ohne die Traditionen deswegen pauschal negieren zu müssen, aber um dadurch und auch im Dialog mit anderen modernen Inspirationen selbst jene Form der Authentizität für mich zu finden, die das Werk Steiners so kraftvoll und charismatisch macht.
Jeder, der sich dafür interessiert, mit diesem Ansatz neue, ggf. auch experimentelle Wege der Anthroposophie und der Spiritualität zu beschreiten und darüber ins Gespräch zu kommen, ist herzlich zu unserer Veranstaltung eingeladen. Ein zentraler Ansatz der Veranstaltung ist es daher auch, das Gewicht weg von den Vorträgen und hin auf die Gespräche und Übungen mit allen Teilnehmern zu lenken, um nicht nur vorbereitete Weisheiten abzuspulen sondern in einen lebendigen und unmittelbaren Erkenntnisdialog zu kommen.
"Ursprüngliche Anthroposophie"
Tagung mit Impulsreferaten, Übungen und Gesprächen
Referentinnen und Referenten:
Anna-Katharina Dehmelt
Christian Grauer
Sebastian Gronbach
Michael Habecker
Jens Heisterkamp
Termin: von Sa. 20.9.08 14:00 Uhr bis So. 2.9.08
Ort: Teltower Damm 269, 14167 Berlin
Teilnahmegebühr: 40 EUR (an der Tageskasse)
Veranstalter:
Zeitschrift info3,
Werkgemeinschaft Berlin-Brandenburg, Sozialtherapeutische Werkstätten gGmbH
Organisation und Durchführung: Frithkof Scholz, Uwe Gräßer (Werkgemeinschaft), Jens Heisterkamp (info3)
Programm:
Samstag, 14:00 Uhr
Teil 1:
Ursprüngliche Anthroposophie. Eine Spurensuche im Lebenswerk RUdolf Steiners.
Impulsreferat von Dr. Jens Heisterkamp. Übungen mit Anna-Katharina Dehmelt.
Bewusstsein als absolute Dimension unserer Erfahrung. Phänomenologische Annäherung an das Bewusstsein mit Christian Grauer
Teil 2:
Authentische Spirituelle Erfahrung: Bewusstseinserfahrung als Gotteserfahrung. Impulsreferat von Sebastian Gronbach
Sonntag, 9:30 Uhr
Teil 3:
Die höhere Wahrheit im Dialog. Krieterien einer zeitgemäßen und post-metaphysischen Spiritualität im Anschluss an Ken Wilber. Impulsreferat von Michael Habecker.#
Jede Einheit mit Übungen (A.-K. Dehmelt) und Gesprächen.
Donnerstag, 4. September 2008
Esowatch - für Herrn Gerlach persönlich
Da der Esowatch-Blog meine Kommentare nur teilweise zulässt, mich ansonsten auf einer "Blacklist" führt (was Esowatch absurderweise abstreitet und als eine erfundene "Ausrede" meinerseits bezeichnet), veröffentliche ich den Rest meines etwas längeren Kommentars in Antwort auf Herrn Gerlach einfach hier. Er wird sich schon hier her verirren und vielleicht schaffe ich ja noch, den 4. und letzten Teil auch bei Esowatch zu posten. Die ersten 3 durfte ich immerhin schon.

Lieber Herr Gerlach,
Sie wollen es vorgekaut und ausführlich, weil sie zu faul sind, selbst zu lesen? Bitte, können Sie haben. Ich komme allerdings nicht umhin, etwas ausführlicher zu werden, weil die Wahrheit nunmal kein Multiple-Choice-Test ist, wie Sie sich das gerne vorstellen. Im Grunde ist es albern, aber ich will versuchen, Ihnen zu antworten und zu erläutern, warum ich zu dem in meinem Artikel gefällten Urteil über Esowatch und eine Reihe anderer Anthroposophie-Kritiker komme.
Ich habe bereits betont, dass sich meine Kritik nicht ausschließlich und auch keineswegs vorwiegend an Esowatch richtet. Ich darf Ihnen sogar sagen, dass ich grundsätzlich gegen das Anliegen, das Esowatch ausgibt, überhaupt nichts einzuwenden habe. Es gibt tatsächlich sehr viel Unsinn, Scharlatanerie und teilweise auch wirkliche Gefahren in dem nahezu endlosen Spektrum esoterischer, spiritistischer, religiöser und parapsychologischer Bewegungen. Und selbstverständlich gibt es da auch Skandale und Fehlverhalten. Ich nehme da weder die Kirchen noch die Anthroposophie aus. Und es ist legitim und zu begrüßen, wenn jemand darüber sachlich informiert. D.h. es WÄRE zu begrüßen, denn Esowatch informiert zwar, aber leider nicht sachlich. Und genau das ist das Problem.
Mein Artikel richtet sich also nicht primär gegen die Kritik, die vorgebracht wird, sondern gegen die Art und Weise, wie sie vorgebracht wird und mit welcher Absicht sie vorgebracht wird. Insbesondere habe ich keine Probleme damit, wenn Misstände an Schulen, rassistische Äußerungen bei Steiner oder seinen Anhängern, mögliche Kindesmisshandlungen und dergleichen angeprangert werden. Was ich kritisiere ist einmal die Pauschalisierung, mit der Anthroposophen unter Generalverdacht gestellt werden, wenn in irgend einer Institution etwas vorfällt. Und noch mehr die Instrumentalisierung dieser Vorfälle zur Diffamierung der Anthroposophie als solcher und einer ganzen Gruppen von Menschen, die mit dem Vorfall nichts zu tun haben, außer dass sie die selben Bücher lesen. Den Nachweis über einen systematischen Zusammenhang bleibt Esowatch aber schuldig. Es behauptet ihn einfach, bringt aber weder Beweise noch Begründungen. Es wird einfach konstatiert: „Gewalt ist dem anthroposophischen 'Denken' immanent.“ („rincewind“ http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=78&catid=4 ) Begründung? Fehlanzeige. Der Einzelfall wird einfach zum Normalfall erklärt, ohne sich an der Tatsache zu stören, dass er dann eigentlich in allen, immerhin in den meisten Waldorfschulen vorkommen müsste und nur in diesen. Das tut er aber nachweislich nicht. Solche Fälle sind in Waldorfschulen ebenso die Ausnahme wie in anderen Schulen. Warum berichtet Esowatch nicht über Missbrauch an staatlichen Schulen? Und warum erklärt es Gewalt nicht auch dem Denken der Bundesrepublik Deutschland, dem Grundgesetz oder der konventionellen Pädagogik als immanent? Ich hatte in einer staatlichen Schule einen Lehrer, der geprügelt hat. Ich wäre bislang nie auf die Idee gekommen, Alexander v. Humboldt dafür verantwortlich zu machen...
Wenn also Esowatch schreibt „Von einem 'ultimativen Sündenpfuhl' spricht nur er selbst. Wenigstens Esowatch bezieht sich auf konkrete Fälle,“ dann ist das schlicht eine Illusion: Esowatch bezieht sich nicht nur auf konkrete Fälle, sondern pauschalisiert, sonst würde es nicht wenige Zeilen später erklären: „Its a feature, not a bug“. Wollen Sie bestreiten, dass eine Bewegung, die gezielt und systematisch Institutionen zum Zwecke der Misshandlung von Kindern („feature“) ein ultimativer Sündenpfuhl wäre? Mein Vorwurf, die Esobasher hielten die Anthroposophie für einen ultimativen Sündenpfuhl ist also durchaus zutreffend. Um diese von Esowatch vertretene Ansicht zu erkennen, genügt es eben nicht, wie Sie es hier immer mit dem unschuldigen Staunen eines Waldorfschülers im Gesicht fordern, irgend einen Satz zu zitieren. Das scheint hier ja auch die einzige bekannte hermeneutische Methode zu sein; die Wissenschaft und Literatur hat seit der Steinzeit allerdings auch noch um einiges raffiniertere Methoden entwickelt, mit denen Sie sich dringend beschäftigen sollten!
Auch mein Vorwurf, die Esobasher sähen hinter der Anthroposophie eine straff organisierte Lobby mit einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit, wird von Esowatch immer wieder bestätigt. So schreibt „thomas“, nach allem was ich schließen muss einer der Autoren von Esowatch (man korrigiere mich bitte): „Ein Irrsinn, der mM nach vor dem Hintergrund der gut funktionierenden Anthroposophen-Lobby gesehen werden muss.“
http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=83&catid=4
oder „cohen“, ebenfalls Autor: „Eins ist klar, die Anthros spielen auf der Klaviatur der Öffentlichkeitsarbeit sehr geschickt.“
http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=78&catid=4
Das ist aber für jeden, der die Anthroposophische Öffentlichkeitsarbeit kennt, einfach nur ein Brüller. Sonst nichts. Offenabar kennt aber Esowatch die Öffentlichkeitsarbeit nicht so gut. Wie es überhaupt nicht immer sonderlich informiert wirkt – ein weiterer Vorwurf von mir! Aber wie auch, schließlich kommt Esowatch nach eigenem Bekunden (s.o.) ohne fremde Geldmittel aus. Da kann man natürlich nur spärlich recherchieren, denn fundierte Recherche ist aufwändig! Da reicht ein bisschen Googlen nicht aus. So finden sich in dem Wikipedia-Klon, der natürlich aus ganz zufälligen Gründen identisch aussieht (eine Farbangabe im CSS zu ändern, ein Hintergrundbild zu ändern ist natürlich soooo viel Arbeit. Und Esowatch hat ja kein Geld. Das können nur andere wie Anthrowiki sich leisten, die haben ja eine Lobby im Hintergrund... Nie und nimmer versucht Esowatch damit, eine Ähnlichkeit mit Wikipedia vorzutäuschen und damit auf das Image der OpenSource-Enzyklopäde zu spekulieren. Nein nein...), Informationen, die so lächerlich falsch sind, dass es schmerzt. Über Rudolf Steiner steht zu lesen, er habe sich für die Widergeburt Jesu Christi gehalten. (http://www.esowatch.com/index.php?title=Rudolf_Steiner) Fein! Wer nur ein Mindestmaß an Sachkenntnis hat, weiß, dass sich eine solche Ansicht in Steiners Werk nicht findet – folgerichtig bleibt Esowatch natürlich auch einen Beleg schuldig, was hier übrigens auch ein „feature“ ist... - sondern sich mit seinen vielen Darstellung über Christus in jeder Hinsicht widerspricht. Nicht zuletzt wurde er aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen, weil er die These vertrat, dass sich Christus überhaupt nicht, in keinem Menschen je wiederverkörpern würde.
Das ist ein Beispiel für meinen Vorwurf der Uninformiertheit. Auch er ist also zutreffend und ich konnte ihn sogar mit einem Beispiel belegen, das ganz nach Ihrem Gusto linear zitierbar ist! Wenn man den Artikel im Wiki über „Waldorf Pädagogik“ liest, dann wird es vollkommen haarsträubend. Da ist nicht nur über weite Strecken das Thema verfehlt (der Autor schreibt über Märchen statt über Pädagogik) sondern die Darstellung ist so unsachlich und polemisch auf die billigsten Stereotypen über Waldorfpädagogik ausgerichtet, dass ein Stammtischwitz dagegen Nobelpreisverdächtig wirkt. Der Autor ignoriert nicht nur die mittlerweile umfangreiche (nicht-anthroposophische) wissenschaftliche Literatur zur Waldorfpädagogik sondern hat offenbar nicht auch nur den Hauch einer persönlichen Erfahrung. Klar, wieder fehlt das Geld zum recherchieren... Da liest man dann z.B.: „Die folgenden sieben Jahre [7. bis 14. Lebensjahr, cg] stehen unter dem Motto ´Die Welt ist schön´. Der Unterricht ist ausgefüllt mit Geschichten, Fabeln, Legenden und Bildern. Wie ein roter Faden durchziehen die Märchen von Hänsel und Gretel, von Dornröschen und Aschenputtel den Unterrricht.“ (http://www.esowatch.com/index.php?title=Waldorf_P
Bei aller Liebe und Verständnis für Kritik, bitte gestehen Sie mir zu, dass ich mich die nächste halbe Stunde einem Lachkrampf widme. Sie verlangen hoffentlich nicht von mir eine Gegendarstellung. Abgesehen nämlich davon, dass diese Darstellung ganz offensichtlich an Blödheit nicht zu überbieten ist, frage ich mich wirklich ernsthaft, was für ein Bild der Welt ein Autor hat, der tatsächlich davon ausgeht, dass in Deutschland und weltweit seit ca. 90 Jahren öffentliche Schulen existieren, in deren 1. bis 8. Klasse ausschließlich Märchen, Fabeln und Legenden erzählt werden. Sonst nichts. Kein Matheunterricht, kein Lesen, kein Deutsch, keine Sprachen, keine Geographie etc... Hätte ich diesen Wikieintrag schon gekannt, als ich meinen Artikel geschrieben habe, wäre der in Bezug auf Esowatch noch um einiges belustigender ausgefallen, das kann ich Ihnen versichern!
Noch einen gefällig? Im Wikieintrag über Anthroposophie lese ich, „Sie [die Anthroposophisce Gesellschaft] verfügt über weitverzweigte Wirtschaftsbetriebe (Wala, Weleda, Demeter), über eigene Banken, Finanzgesellschaften, Film- und Fernsehproduktionsstätten, Krankenhäuser, Studienzentren und private Hochschulen“ (http://www.esowatch.com/index.php?title=Anthroposophie) Noch so ein Brüller. Weleda wurde von Steiner gegründet und ist mit der AAG verknüpft. In der Tat. Ein Studienzentrum und eine Hochschule ist das Goetheanum auch gerne. Ansonsten, insbesondere bei den „weitverzweigten Wirtschaftsbetrieben“: Fehlalarm. Die AAG verfügt da über gar nichts. Aber diese leere Behauptung wirkt natürlich enorm diffamierend. Sektenmafia mit Schwarzgeldern aus der Wirtschaft und so. Da kann man schon mal ein bisschen Flunkern um Wirkung zu erzielen. Und die Vokabel „verfügt“ scheint wohl gerade so vage, dass man sich nicht komplett angreifbar macht. Aber Verfügen hat durchaus eine klare juristische Bedeutung, die hier schlicht zu einer falschen Darstellung führt. Demeter ist schon mal kein Wirtschaftsbetrieb, sondern ein Verband (Recherche kostet...), Wala ist ein unabhängiges Privatunternehmen. Dann wird’s leider unkonkret „Banken, Finanzgesellschaften etc.“. Nein, die AAG betreibt weder Banken noch Finanzgesellschaften oder dergleichen. So richtig lustig ist aber die Vorstellung, die AAG betriebe Fernsehproduktionsstätten. Und gleich mehrere!!! Klar, Ahriman7 und 3Glied! Mit Bodo von Plato als Nachrichtensprecher und Michaela Glöckler als Moderatorin von „Gesundheit heute“. Sebastian Gronbach kommentiert „Anthro Alaaf“ und Sergej Prokofieff die Reality-Soap „Wir fanden einen Pfad“! Der nächste Lachkrampf wartet schon.
Nun kommen wir zum Vorwurf des Faschismus und der – wie Felix es sehr treffend nannte – Blockwartsmentalität. Auch da dürfen Sie wieder keine simplen „Zitate“ von mir erwarten, sondern müssen sich schon bemühen, Kontext und Zusammenhänge zu erkennen. Der Blick wird wieder auf das Wiki gelenkt. Dort finden sich einschlägige Dossiers über unliebsame Protagonisten der Esoszene, in denen wie beim Beispiel Detlef Hardorp listenförmig dessen „Skandale“ aufgeführt sind. Inhaltlich etwas aufgepumpt, weil sich sachlich nicht wirklich viel findet, aber in schönster Stasi-Manier: „Hardorp fällt auch durch seine unkritische Steinerbewunderung auf.“, „Herr Hardorp kommt aus einer anthroposophisch orientierten Familie, sein Onkel Benedictus Hardorp ist Altpräsident von Weleda.“, „Die Diskussion um den Rassismus in Steiners Werk hofft Hardorp zu entschärfen, indem er ihn durch ein moderneres Vokabular kaschiert“. Also Hardorp ist Subversiv (er „kaschiert“ den Rassismus), er ist „auffällig“ und er pflegt imperialistische – äh verzeihung anthroposophische Kontakte zu einem einschlägig bekannten Onkel... Dass das nicht nur zufällige Lapsus sind wird deutlich, wenn man den folgenden Kommentar von „thomas“ liest: „Was Dr. Hardorp betrifft: Der ist jetzt weit oben auf meiner Liste, danke für die vielen Hinweise. Ein Bild von ihm hab ich auch schon aus dem Netz. Das wird ein FEST :-)“ http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=78&catid=4
(Wenig später erscheint das Dossier über Hardorp auf dem Esowatch-Wiki) Wir führen also eine „Liste“ und feiern es als „Fest“, wenn man wieder jemanden Denunzieren kann. Aha.
Weiter geht es mit meinem Vorwurf, Anthroposophen würden pauschal als Idioten bezeichnet. Und wir reden hier nicht von Polemik oder einem etwas zu scharf geratenen Schimpfwort. Danach würde kein Hahn krähen. Nein, es geht um eine handfeste Pathologisierung, die gleich mehrfach zitierbar ist (haben Sie eigentlich diese Seiten hier gar nicht gelesen???): „Sowas mögen Anthroposophen gar nicht, wenn etwas an die Öffentlichkeit gelangt, was den Irrwitz dieses idiotischen Glaubenssystems in seiner echten Ausprägung zeigt. Sie möchten halt gern verrückt und normal zugleich sein. Leider ist das eine Konstellation, die häufig zu einer echten psychischen Erkrankung führt, oder von psychisch Erkrankten dankbar angenommen wird.“ (http://blog.esowatch.com/index.php?catid=4&blogid=1), „Steiner hatte Scheiße im Schädel“ (http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=90&catid=4), „Ein irrwitziger Verein huldigt dem Wahnsinn. Es wäre schön, wenn sich hier mal ein echter Profi in Sachen Psychiatrie melden würde.“ („rincewind“ auf http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=99&catid=4)
Und damit kommen wir zum dunkelsten Kapitel des kurzen Lebens von Esowatch, der Physiognomik. Was auf Wikipedia – der echten! – folgendermaßen beurteilt wird: „In der Gegenwart ist die Physiognomik wegen ihres rassistischen Kontextes und ihrer Neigung zu unbeweisbaren Schlüssen als Wissenschaft völlig diskreditiert. Lediglich in Kreisen der Esoterik [sic!] zirkuliert sie teilweise weiterhin als 'Geheimwissen'.“, das wird nun ausgerechnet von Esowatch bemüht, um sich ein Urteil über die Protagonisten seiner Kritik zu bilden:
„Alleine aufgrund eines Bildes soll man ja kein Urteil fällen, wobei ich aber meine, dass ab bestimmten Punkten geistiger Erkrankungen durchaus wenigstens Tendenzen optisch manifest werden können.“ (http://blog.esowatch.com/index.php?catid=4&blogid=1) Und das stammt nicht etwa aus einem Kommentar in irgend einer emotional aufgeladenen Diskussion, sondern aus einem offiziellen Blogeintrag.
Das ist der Stil von Esowatch!
Ich hoffe, ich konnte Ihnen und vielleicht auch anderen damit weiter helfen und sie verstehen meinen Artikel nun etwas mehr.
PS was die Blacklist betrifft: dass mir von den Betreibern hier unterstellt wird, ich hätte das erfunden – aus welchen Gründen auch immer – ist reichlich billig. Entweder ihr habt jeden Funken Anstand verloren, oder Ihr solltet Euch etwas mehr mit Eurer Blogsoftware auseinandersetzen. Aber natürlich, Anthroposophen lügen ja immer. Das liegt in der Natur der anthroposophischen Rasse, nicht wahr, das sieht man ihnen ja schon am Gesicht an...
Ich habe also von verschiedenen IP-Adressen (212.60.148.3, 212.60.148.1 und einer Arcor Einwähladresse, die ich nicht mehr weiß) zu posten versucht, stets meinen Namen und meine E-Mail-Adresse angegeben und erhielt mindestens 20 Mal die Antwort, dass mein Post nicht möglich ist, weil meine IP-Adresse auf einer Blacklist steht. Die Meldung erschien im Layout von Esowatch, ist also nicht von irgend welchen Proxyservern generiert und hat auch nichts mit meinen Systemen zu tun. Das passierte so nach meinem ersten Posting gestern, dann konnte ich zwei weitere Postings machen und danach war wieder Schluss. Ob das jetzige durch geht, weiß ich jetzt, wo ich dies schreibe, natürlich auch noch nicht. [Nachtrag: es ging wie gesagt nur teilweise, s.o.] Außerdem wurde in einem meiner Posts die Wortfolge „Staatsanwaltschaft München“ durch Sterne ersetzt.
PPS: bevor Sie jetzt kommen und schreiben – Sie dürfen das später gerne machen - „Herr Grauer, Sie haben aber auch XYZ geschrieben und dafür noch keinen Beleg gebracht“ oder „Dieser und jener Beleg ist schwach“ oder dergleichen, bevor Sie vielleicht überhaupt etwas anderes schreiben, beantworten Sie doch bitte einmal eine einfache Frage von mir: finden Sie das, was ich hier aufgezeigt habe, ganz egal, ob es nun alle Thesen meines Artikels bestätigt oder nicht, finden Sie das in Ordnung? Stimmen Sie damit überein? Würden Sie auch unterstreichen, dass man aus den Gesichtszügen eines Menschen dessen psychische Verfassung ermitteln kann? Ich meine mich zu erinnern, dass Sie Waldorfschüler waren: finden Sie wirklich, dass das Wiki Ihre Schulzeit – bei aller Kritik, die Sie gerne daran üben dürfen - sachlich treffend und halbwegs umfassend dargestellt hat? Und falls ich mich mit Ihrer Waldorfschülerschaft irre: glauben Sie wirklich dass so der Alltag an Waldorfschulen aussieht? Auf eine Antwort Ihrerseits wäre ich jetzt sehr gespannt. Sie dürfen gerne so ausladend sein wie ich (auch das wurde mir ja schon als eine typisch anthropososophische und damit natürlich negative Eigenschaft bescheinigt – dabei dachte ich, Typologien gibt’s nur in der rassistischen Anthroposophie!), oder Sie antworten einfach mit Ja oder Nein. Über jedwede Art von Antwort würde ich mich sehr freuen!
Lieber Herr Gerlach,
Sie wollen es vorgekaut und ausführlich, weil sie zu faul sind, selbst zu lesen? Bitte, können Sie haben. Ich komme allerdings nicht umhin, etwas ausführlicher zu werden, weil die Wahrheit nunmal kein Multiple-Choice-Test ist, wie Sie sich das gerne vorstellen. Im Grunde ist es albern, aber ich will versuchen, Ihnen zu antworten und zu erläutern, warum ich zu dem in meinem Artikel gefällten Urteil über Esowatch und eine Reihe anderer Anthroposophie-Kritiker komme.
Ich habe bereits betont, dass sich meine Kritik nicht ausschließlich und auch keineswegs vorwiegend an Esowatch richtet. Ich darf Ihnen sogar sagen, dass ich grundsätzlich gegen das Anliegen, das Esowatch ausgibt, überhaupt nichts einzuwenden habe. Es gibt tatsächlich sehr viel Unsinn, Scharlatanerie und teilweise auch wirkliche Gefahren in dem nahezu endlosen Spektrum esoterischer, spiritistischer, religiöser und parapsychologischer Bewegungen. Und selbstverständlich gibt es da auch Skandale und Fehlverhalten. Ich nehme da weder die Kirchen noch die Anthroposophie aus. Und es ist legitim und zu begrüßen, wenn jemand darüber sachlich informiert. D.h. es WÄRE zu begrüßen, denn Esowatch informiert zwar, aber leider nicht sachlich. Und genau das ist das Problem.
Mein Artikel richtet sich also nicht primär gegen die Kritik, die vorgebracht wird, sondern gegen die Art und Weise, wie sie vorgebracht wird und mit welcher Absicht sie vorgebracht wird. Insbesondere habe ich keine Probleme damit, wenn Misstände an Schulen, rassistische Äußerungen bei Steiner oder seinen Anhängern, mögliche Kindesmisshandlungen und dergleichen angeprangert werden. Was ich kritisiere ist einmal die Pauschalisierung, mit der Anthroposophen unter Generalverdacht gestellt werden, wenn in irgend einer Institution etwas vorfällt. Und noch mehr die Instrumentalisierung dieser Vorfälle zur Diffamierung der Anthroposophie als solcher und einer ganzen Gruppen von Menschen, die mit dem Vorfall nichts zu tun haben, außer dass sie die selben Bücher lesen. Den Nachweis über einen systematischen Zusammenhang bleibt Esowatch aber schuldig. Es behauptet ihn einfach, bringt aber weder Beweise noch Begründungen. Es wird einfach konstatiert: „Gewalt ist dem anthroposophischen 'Denken' immanent.“ („rincewind“ http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=78&catid=4 ) Begründung? Fehlanzeige. Der Einzelfall wird einfach zum Normalfall erklärt, ohne sich an der Tatsache zu stören, dass er dann eigentlich in allen, immerhin in den meisten Waldorfschulen vorkommen müsste und nur in diesen. Das tut er aber nachweislich nicht. Solche Fälle sind in Waldorfschulen ebenso die Ausnahme wie in anderen Schulen. Warum berichtet Esowatch nicht über Missbrauch an staatlichen Schulen? Und warum erklärt es Gewalt nicht auch dem Denken der Bundesrepublik Deutschland, dem Grundgesetz oder der konventionellen Pädagogik als immanent? Ich hatte in einer staatlichen Schule einen Lehrer, der geprügelt hat. Ich wäre bislang nie auf die Idee gekommen, Alexander v. Humboldt dafür verantwortlich zu machen...
Wenn also Esowatch schreibt „Von einem 'ultimativen Sündenpfuhl' spricht nur er selbst. Wenigstens Esowatch bezieht sich auf konkrete Fälle,“ dann ist das schlicht eine Illusion: Esowatch bezieht sich nicht nur auf konkrete Fälle, sondern pauschalisiert, sonst würde es nicht wenige Zeilen später erklären: „Its a feature, not a bug“. Wollen Sie bestreiten, dass eine Bewegung, die gezielt und systematisch Institutionen zum Zwecke der Misshandlung von Kindern („feature“) ein ultimativer Sündenpfuhl wäre? Mein Vorwurf, die Esobasher hielten die Anthroposophie für einen ultimativen Sündenpfuhl ist also durchaus zutreffend. Um diese von Esowatch vertretene Ansicht zu erkennen, genügt es eben nicht, wie Sie es hier immer mit dem unschuldigen Staunen eines Waldorfschülers im Gesicht fordern, irgend einen Satz zu zitieren. Das scheint hier ja auch die einzige bekannte hermeneutische Methode zu sein; die Wissenschaft und Literatur hat seit der Steinzeit allerdings auch noch um einiges raffiniertere Methoden entwickelt, mit denen Sie sich dringend beschäftigen sollten!
Auch mein Vorwurf, die Esobasher sähen hinter der Anthroposophie eine straff organisierte Lobby mit einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit, wird von Esowatch immer wieder bestätigt. So schreibt „thomas“, nach allem was ich schließen muss einer der Autoren von Esowatch (man korrigiere mich bitte): „Ein Irrsinn, der mM nach vor dem Hintergrund der gut funktionierenden Anthroposophen-Lobby gesehen werden muss.“
http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=83&catid=4
oder „cohen“, ebenfalls Autor: „Eins ist klar, die Anthros spielen auf der Klaviatur der Öffentlichkeitsarbeit sehr geschickt.“
http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=78&catid=4
Das ist aber für jeden, der die Anthroposophische Öffentlichkeitsarbeit kennt, einfach nur ein Brüller. Sonst nichts. Offenabar kennt aber Esowatch die Öffentlichkeitsarbeit nicht so gut. Wie es überhaupt nicht immer sonderlich informiert wirkt – ein weiterer Vorwurf von mir! Aber wie auch, schließlich kommt Esowatch nach eigenem Bekunden (s.o.) ohne fremde Geldmittel aus. Da kann man natürlich nur spärlich recherchieren, denn fundierte Recherche ist aufwändig! Da reicht ein bisschen Googlen nicht aus. So finden sich in dem Wikipedia-Klon, der natürlich aus ganz zufälligen Gründen identisch aussieht (eine Farbangabe im CSS zu ändern, ein Hintergrundbild zu ändern ist natürlich soooo viel Arbeit. Und Esowatch hat ja kein Geld. Das können nur andere wie Anthrowiki sich leisten, die haben ja eine Lobby im Hintergrund... Nie und nimmer versucht Esowatch damit, eine Ähnlichkeit mit Wikipedia vorzutäuschen und damit auf das Image der OpenSource-Enzyklopäde zu spekulieren. Nein nein...), Informationen, die so lächerlich falsch sind, dass es schmerzt. Über Rudolf Steiner steht zu lesen, er habe sich für die Widergeburt Jesu Christi gehalten. (http://www.esowatch.com/index.php?title=Rudolf_Steiner) Fein! Wer nur ein Mindestmaß an Sachkenntnis hat, weiß, dass sich eine solche Ansicht in Steiners Werk nicht findet – folgerichtig bleibt Esowatch natürlich auch einen Beleg schuldig, was hier übrigens auch ein „feature“ ist... - sondern sich mit seinen vielen Darstellung über Christus in jeder Hinsicht widerspricht. Nicht zuletzt wurde er aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen, weil er die These vertrat, dass sich Christus überhaupt nicht, in keinem Menschen je wiederverkörpern würde.
Das ist ein Beispiel für meinen Vorwurf der Uninformiertheit. Auch er ist also zutreffend und ich konnte ihn sogar mit einem Beispiel belegen, das ganz nach Ihrem Gusto linear zitierbar ist! Wenn man den Artikel im Wiki über „Waldorf Pädagogik“ liest, dann wird es vollkommen haarsträubend. Da ist nicht nur über weite Strecken das Thema verfehlt (der Autor schreibt über Märchen statt über Pädagogik) sondern die Darstellung ist so unsachlich und polemisch auf die billigsten Stereotypen über Waldorfpädagogik ausgerichtet, dass ein Stammtischwitz dagegen Nobelpreisverdächtig wirkt. Der Autor ignoriert nicht nur die mittlerweile umfangreiche (nicht-anthroposophische) wissenschaftliche Literatur zur Waldorfpädagogik sondern hat offenbar nicht auch nur den Hauch einer persönlichen Erfahrung. Klar, wieder fehlt das Geld zum recherchieren... Da liest man dann z.B.: „Die folgenden sieben Jahre [7. bis 14. Lebensjahr, cg] stehen unter dem Motto ´Die Welt ist schön´. Der Unterricht ist ausgefüllt mit Geschichten, Fabeln, Legenden und Bildern. Wie ein roter Faden durchziehen die Märchen von Hänsel und Gretel, von Dornröschen und Aschenputtel den Unterrricht.“ (http://www.esowatch.com/index.php?title=Waldorf_P
C3A4dagogik) Es folgt die Nacherzählung eines Märchens (Gänsemagd) und eine ausführliche Kritik an diesem Märchen als Kinderliteratur. Das wars. Damit ist der Lehrplan der Klassen 1 bis 8 dargestellt. Das versteht Esowatch unter sachlicher Information.
Bei aller Liebe und Verständnis für Kritik, bitte gestehen Sie mir zu, dass ich mich die nächste halbe Stunde einem Lachkrampf widme. Sie verlangen hoffentlich nicht von mir eine Gegendarstellung. Abgesehen nämlich davon, dass diese Darstellung ganz offensichtlich an Blödheit nicht zu überbieten ist, frage ich mich wirklich ernsthaft, was für ein Bild der Welt ein Autor hat, der tatsächlich davon ausgeht, dass in Deutschland und weltweit seit ca. 90 Jahren öffentliche Schulen existieren, in deren 1. bis 8. Klasse ausschließlich Märchen, Fabeln und Legenden erzählt werden. Sonst nichts. Kein Matheunterricht, kein Lesen, kein Deutsch, keine Sprachen, keine Geographie etc... Hätte ich diesen Wikieintrag schon gekannt, als ich meinen Artikel geschrieben habe, wäre der in Bezug auf Esowatch noch um einiges belustigender ausgefallen, das kann ich Ihnen versichern!
Noch einen gefällig? Im Wikieintrag über Anthroposophie lese ich, „Sie [die Anthroposophisce Gesellschaft] verfügt über weitverzweigte Wirtschaftsbetriebe (Wala, Weleda, Demeter), über eigene Banken, Finanzgesellschaften, Film- und Fernsehproduktionsstätten, Krankenhäuser, Studienzentren und private Hochschulen“ (http://www.esowatch.com/index.php?title=Anthroposophie) Noch so ein Brüller. Weleda wurde von Steiner gegründet und ist mit der AAG verknüpft. In der Tat. Ein Studienzentrum und eine Hochschule ist das Goetheanum auch gerne. Ansonsten, insbesondere bei den „weitverzweigten Wirtschaftsbetrieben“: Fehlalarm. Die AAG verfügt da über gar nichts. Aber diese leere Behauptung wirkt natürlich enorm diffamierend. Sektenmafia mit Schwarzgeldern aus der Wirtschaft und so. Da kann man schon mal ein bisschen Flunkern um Wirkung zu erzielen. Und die Vokabel „verfügt“ scheint wohl gerade so vage, dass man sich nicht komplett angreifbar macht. Aber Verfügen hat durchaus eine klare juristische Bedeutung, die hier schlicht zu einer falschen Darstellung führt. Demeter ist schon mal kein Wirtschaftsbetrieb, sondern ein Verband (Recherche kostet...), Wala ist ein unabhängiges Privatunternehmen. Dann wird’s leider unkonkret „Banken, Finanzgesellschaften etc.“. Nein, die AAG betreibt weder Banken noch Finanzgesellschaften oder dergleichen. So richtig lustig ist aber die Vorstellung, die AAG betriebe Fernsehproduktionsstätten. Und gleich mehrere!!! Klar, Ahriman7 und 3Glied! Mit Bodo von Plato als Nachrichtensprecher und Michaela Glöckler als Moderatorin von „Gesundheit heute“. Sebastian Gronbach kommentiert „Anthro Alaaf“ und Sergej Prokofieff die Reality-Soap „Wir fanden einen Pfad“! Der nächste Lachkrampf wartet schon.
Nun kommen wir zum Vorwurf des Faschismus und der – wie Felix es sehr treffend nannte – Blockwartsmentalität. Auch da dürfen Sie wieder keine simplen „Zitate“ von mir erwarten, sondern müssen sich schon bemühen, Kontext und Zusammenhänge zu erkennen. Der Blick wird wieder auf das Wiki gelenkt. Dort finden sich einschlägige Dossiers über unliebsame Protagonisten der Esoszene, in denen wie beim Beispiel Detlef Hardorp listenförmig dessen „Skandale“ aufgeführt sind. Inhaltlich etwas aufgepumpt, weil sich sachlich nicht wirklich viel findet, aber in schönster Stasi-Manier: „Hardorp fällt auch durch seine unkritische Steinerbewunderung auf.“, „Herr Hardorp kommt aus einer anthroposophisch orientierten Familie, sein Onkel Benedictus Hardorp ist Altpräsident von Weleda.“, „Die Diskussion um den Rassismus in Steiners Werk hofft Hardorp zu entschärfen, indem er ihn durch ein moderneres Vokabular kaschiert“. Also Hardorp ist Subversiv (er „kaschiert“ den Rassismus), er ist „auffällig“ und er pflegt imperialistische – äh verzeihung anthroposophische Kontakte zu einem einschlägig bekannten Onkel... Dass das nicht nur zufällige Lapsus sind wird deutlich, wenn man den folgenden Kommentar von „thomas“ liest: „Was Dr. Hardorp betrifft: Der ist jetzt weit oben auf meiner Liste, danke für die vielen Hinweise. Ein Bild von ihm hab ich auch schon aus dem Netz. Das wird ein FEST :-)“ http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=78&catid=4
(Wenig später erscheint das Dossier über Hardorp auf dem Esowatch-Wiki) Wir führen also eine „Liste“ und feiern es als „Fest“, wenn man wieder jemanden Denunzieren kann. Aha.
Weiter geht es mit meinem Vorwurf, Anthroposophen würden pauschal als Idioten bezeichnet. Und wir reden hier nicht von Polemik oder einem etwas zu scharf geratenen Schimpfwort. Danach würde kein Hahn krähen. Nein, es geht um eine handfeste Pathologisierung, die gleich mehrfach zitierbar ist (haben Sie eigentlich diese Seiten hier gar nicht gelesen???): „Sowas mögen Anthroposophen gar nicht, wenn etwas an die Öffentlichkeit gelangt, was den Irrwitz dieses idiotischen Glaubenssystems in seiner echten Ausprägung zeigt. Sie möchten halt gern verrückt und normal zugleich sein. Leider ist das eine Konstellation, die häufig zu einer echten psychischen Erkrankung führt, oder von psychisch Erkrankten dankbar angenommen wird.“ (http://blog.esowatch.com/index.php?catid=4&blogid=1), „Steiner hatte Scheiße im Schädel“ (http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=90&catid=4), „Ein irrwitziger Verein huldigt dem Wahnsinn. Es wäre schön, wenn sich hier mal ein echter Profi in Sachen Psychiatrie melden würde.“ („rincewind“ auf http://blog.esowatch.com/index.php?itemid=99&catid=4)
Und damit kommen wir zum dunkelsten Kapitel des kurzen Lebens von Esowatch, der Physiognomik. Was auf Wikipedia – der echten! – folgendermaßen beurteilt wird: „In der Gegenwart ist die Physiognomik wegen ihres rassistischen Kontextes und ihrer Neigung zu unbeweisbaren Schlüssen als Wissenschaft völlig diskreditiert. Lediglich in Kreisen der Esoterik [sic!] zirkuliert sie teilweise weiterhin als 'Geheimwissen'.“, das wird nun ausgerechnet von Esowatch bemüht, um sich ein Urteil über die Protagonisten seiner Kritik zu bilden:
„Alleine aufgrund eines Bildes soll man ja kein Urteil fällen, wobei ich aber meine, dass ab bestimmten Punkten geistiger Erkrankungen durchaus wenigstens Tendenzen optisch manifest werden können.“ (http://blog.esowatch.com/index.php?catid=4&blogid=1) Und das stammt nicht etwa aus einem Kommentar in irgend einer emotional aufgeladenen Diskussion, sondern aus einem offiziellen Blogeintrag.
Das ist der Stil von Esowatch!
Ich hoffe, ich konnte Ihnen und vielleicht auch anderen damit weiter helfen und sie verstehen meinen Artikel nun etwas mehr.
PS was die Blacklist betrifft: dass mir von den Betreibern hier unterstellt wird, ich hätte das erfunden – aus welchen Gründen auch immer – ist reichlich billig. Entweder ihr habt jeden Funken Anstand verloren, oder Ihr solltet Euch etwas mehr mit Eurer Blogsoftware auseinandersetzen. Aber natürlich, Anthroposophen lügen ja immer. Das liegt in der Natur der anthroposophischen Rasse, nicht wahr, das sieht man ihnen ja schon am Gesicht an...
Ich habe also von verschiedenen IP-Adressen (212.60.148.3, 212.60.148.1 und einer Arcor Einwähladresse, die ich nicht mehr weiß) zu posten versucht, stets meinen Namen und meine E-Mail-Adresse angegeben und erhielt mindestens 20 Mal die Antwort, dass mein Post nicht möglich ist, weil meine IP-Adresse auf einer Blacklist steht. Die Meldung erschien im Layout von Esowatch, ist also nicht von irgend welchen Proxyservern generiert und hat auch nichts mit meinen Systemen zu tun. Das passierte so nach meinem ersten Posting gestern, dann konnte ich zwei weitere Postings machen und danach war wieder Schluss. Ob das jetzige durch geht, weiß ich jetzt, wo ich dies schreibe, natürlich auch noch nicht. [Nachtrag: es ging wie gesagt nur teilweise, s.o.] Außerdem wurde in einem meiner Posts die Wortfolge „Staatsanwaltschaft München“ durch Sterne ersetzt.
PPS: bevor Sie jetzt kommen und schreiben – Sie dürfen das später gerne machen - „Herr Grauer, Sie haben aber auch XYZ geschrieben und dafür noch keinen Beleg gebracht“ oder „Dieser und jener Beleg ist schwach“ oder dergleichen, bevor Sie vielleicht überhaupt etwas anderes schreiben, beantworten Sie doch bitte einmal eine einfache Frage von mir: finden Sie das, was ich hier aufgezeigt habe, ganz egal, ob es nun alle Thesen meines Artikels bestätigt oder nicht, finden Sie das in Ordnung? Stimmen Sie damit überein? Würden Sie auch unterstreichen, dass man aus den Gesichtszügen eines Menschen dessen psychische Verfassung ermitteln kann? Ich meine mich zu erinnern, dass Sie Waldorfschüler waren: finden Sie wirklich, dass das Wiki Ihre Schulzeit – bei aller Kritik, die Sie gerne daran üben dürfen - sachlich treffend und halbwegs umfassend dargestellt hat? Und falls ich mich mit Ihrer Waldorfschülerschaft irre: glauben Sie wirklich dass so der Alltag an Waldorfschulen aussieht? Auf eine Antwort Ihrerseits wäre ich jetzt sehr gespannt. Sie dürfen gerne so ausladend sein wie ich (auch das wurde mir ja schon als eine typisch anthropososophische und damit natürlich negative Eigenschaft bescheinigt – dabei dachte ich, Typologien gibt’s nur in der rassistischen Anthroposophie!), oder Sie antworten einfach mit Ja oder Nein. Über jedwede Art von Antwort würde ich mich sehr freuen!
Freitag, 22. August 2008
Missionen – Brief statt Rezension
Lieber Sebastian,
meine Vorstellung Deines Buches soll nun ebenso persönlich werden, wie das Buch es ist. Subjektiv muss diese Rezension ohnehin sein, denn ein Buch, auf dessen Einband man seinen eigenen Namen findet, kann man nicht unbefangen lesen. Von Freundschaft und „Geheimbünden“ ganz zu schweigen...
Dieser subjektive Blick erlaubt es mir aber auch, ganz unausgewogen nur über das zu schreiben, was mich besonders berührt hat und zu loben und tadeln, wie es mir gefällt und all das, was alles noch in dem Buch steht, unerwähnt und den Leser Deines Buches entdecken zu lassen. Ich hatte mich ehrlich gesagt etwas vor dem Buch gefürchtet, weil ich der Überschwänglichkeit Deines Stils nicht in allen Deinen Texten Sympathie entgegen bringen konnte – ganz anders als in Deinen Vorträgen übrigens! Auch hoffte ich nicht zu sehr mit Heldenepen und Aufrufen zu allerlei Kreuzzügen behelligt zu werden – der Titel „Missionen“ dient ja dahingehend eher abschreckend. Glücklicherweise wurde ich in allen diesen Dingen weitgehend enttäuscht.
Sicher, mit Diskussionen über den Begriff der Elite und über die Bedeutung von Gewaltmonopol und Selbstverteidigung könnten wir beide noch einige Abende füllen, aber auch die wären nicht grundsätzlicher sondern nur differenzierender Natur. Und der am Anfang noch etwas unsichere und durchaus hier und da zum emotionalen Schnörkel neigende Stil reift im Verlaufe des Buches zu einem echten Charakter heran. Ich möchte sogar behaupten, dass Du mit diesem Buch stilistisch ein neues Genre erfunden hast: ein zwischen Schrift und Sprache angesiedeltes Selbstgespräch mit dem Leser. Wenn ich das so sagen darf. Und ich finde das nicht nur höchst erquicklich sondern auch eminent modern.
Sachlich gefällt mir das 6. Kapitel am besten. Und zwar trotz oder gerade weil ich dort auch die wenigen Anlässe für Einwände finden würde. Wie ein reinigendes Gewitter hast Du die verstaubten Begriffe und Mottenkisten der Anthroposophie abgestaubt, ausgemistet und mit neuem Glanz versehen. Und das nicht durch Überlackieren der Patina, sondern durch deren Entfernen, so dass sie wieder von innen heraus strahlen können. Du ersetzt zwar die Mythologeme der traditionellen Anthroposophie oft auch nur durch neue Mythologeme, aber eben durch solche, die der Gegenwart entstammen und nicht dem Mittelalter und der Romantik, und die außerdem durchsichtig genug sind, um mithilfe Deiner einfühlenden Erläuterungen als solche im Wortsinne durchschaubar zu werden. Auch hier setzt Dein Buch neue Maßstäbe. Die Leichtigkeit, mit der Du in einem Atemzug über Steiner, Freiheit, Toilettenpapier, Liebe, Sex und Klofrauen sprechen kannst, ohne trivial oder lächerlich zu werden, aber auch ohne Überheblichkeit und Defätismus, ist eine Qualität, die in der Anthroposophie so neu ist, dass ich noch keinen Begriff dafür finde.
Besonders aber gefällt mir das Begriffspaar „Grundlegend“ und „Bedeutend“, mit dem Du eine ganze Hundertschaft saublöder Alternativen und scheinbarer Antinomien transzendierst. Diese Begriffe hast Du so brillant konturiert, dass sich daraus in ganz wunderbarer Weise die Idee der Entwicklung und dessen, was Du Mission nennst, gegen den einschläfernden Kultur- und Bewusstseinsrelativismus behauptet, und zwar ganz frei von teleologischer Dogmatik einerseits und kulturchauvinistischer Überheblichkeit andererseits, weil Du Entwicklung und Mission stets vom Individuum, vom Subjekt und seiner konstruktiven Perspektive her denkst und so den Fehler der Verabsolutierung der Hierarchisierungen vermeidest. Bedeutend ist, wem ich Bedeutung verleihe, Grundlegend ist, worauf ich gründe. „Das ist meine Mission“ rufst Du dem Leser zu und fragst zugleich: „und was ist Deine?“ Wunderbar!
Rudolf Steiner erklärte irgendwo und irgendwann auf die Frage nach der rechten Art, seine Philosophie der Freiheit aufzufassen, dass es sich dabei „nur“ um das Protokoll seines persönlichen Erkenntnisdramas handelt und dass die wahre Lektüre der Philosophie der Freiheit für den Leser eigentlich darin bestehen müsste, seine ganz eigene, individuelle Philosophie der Freiheit zu schreiben. Dein Buch ist eine solche und eine großartige dazu. Vielleicht ist historisch gesehen die von Steiner größer, aktuell betrachtet ist die Deine in jedem Falle zeitgemäßer und hat das Zeug, gerade für die jungen Menschen unserer Zeit zum Kultbuch zu werden. Für mich ist sie das schon jetzt. Danke!
Herzlichst,
Dein Christian
Sebastian Gronbach: Missionen
Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008
ISBN 9783772520778,
meine Vorstellung Deines Buches soll nun ebenso persönlich werden, wie das Buch es ist. Subjektiv muss diese Rezension ohnehin sein, denn ein Buch, auf dessen Einband man seinen eigenen Namen findet, kann man nicht unbefangen lesen. Von Freundschaft und „Geheimbünden“ ganz zu schweigen...
Dieser subjektive Blick erlaubt es mir aber auch, ganz unausgewogen nur über das zu schreiben, was mich besonders berührt hat und zu loben und tadeln, wie es mir gefällt und all das, was alles noch in dem Buch steht, unerwähnt und den Leser Deines Buches entdecken zu lassen. Ich hatte mich ehrlich gesagt etwas vor dem Buch gefürchtet, weil ich der Überschwänglichkeit Deines Stils nicht in allen Deinen Texten Sympathie entgegen bringen konnte – ganz anders als in Deinen Vorträgen übrigens! Auch hoffte ich nicht zu sehr mit Heldenepen und Aufrufen zu allerlei Kreuzzügen behelligt zu werden – der Titel „Missionen“ dient ja dahingehend eher abschreckend. Glücklicherweise wurde ich in allen diesen Dingen weitgehend enttäuscht.
Sicher, mit Diskussionen über den Begriff der Elite und über die Bedeutung von Gewaltmonopol und Selbstverteidigung könnten wir beide noch einige Abende füllen, aber auch die wären nicht grundsätzlicher sondern nur differenzierender Natur. Und der am Anfang noch etwas unsichere und durchaus hier und da zum emotionalen Schnörkel neigende Stil reift im Verlaufe des Buches zu einem echten Charakter heran. Ich möchte sogar behaupten, dass Du mit diesem Buch stilistisch ein neues Genre erfunden hast: ein zwischen Schrift und Sprache angesiedeltes Selbstgespräch mit dem Leser. Wenn ich das so sagen darf. Und ich finde das nicht nur höchst erquicklich sondern auch eminent modern.
Sachlich gefällt mir das 6. Kapitel am besten. Und zwar trotz oder gerade weil ich dort auch die wenigen Anlässe für Einwände finden würde. Wie ein reinigendes Gewitter hast Du die verstaubten Begriffe und Mottenkisten der Anthroposophie abgestaubt, ausgemistet und mit neuem Glanz versehen. Und das nicht durch Überlackieren der Patina, sondern durch deren Entfernen, so dass sie wieder von innen heraus strahlen können. Du ersetzt zwar die Mythologeme der traditionellen Anthroposophie oft auch nur durch neue Mythologeme, aber eben durch solche, die der Gegenwart entstammen und nicht dem Mittelalter und der Romantik, und die außerdem durchsichtig genug sind, um mithilfe Deiner einfühlenden Erläuterungen als solche im Wortsinne durchschaubar zu werden. Auch hier setzt Dein Buch neue Maßstäbe. Die Leichtigkeit, mit der Du in einem Atemzug über Steiner, Freiheit, Toilettenpapier, Liebe, Sex und Klofrauen sprechen kannst, ohne trivial oder lächerlich zu werden, aber auch ohne Überheblichkeit und Defätismus, ist eine Qualität, die in der Anthroposophie so neu ist, dass ich noch keinen Begriff dafür finde.
Besonders aber gefällt mir das Begriffspaar „Grundlegend“ und „Bedeutend“, mit dem Du eine ganze Hundertschaft saublöder Alternativen und scheinbarer Antinomien transzendierst. Diese Begriffe hast Du so brillant konturiert, dass sich daraus in ganz wunderbarer Weise die Idee der Entwicklung und dessen, was Du Mission nennst, gegen den einschläfernden Kultur- und Bewusstseinsrelativismus behauptet, und zwar ganz frei von teleologischer Dogmatik einerseits und kulturchauvinistischer Überheblichkeit andererseits, weil Du Entwicklung und Mission stets vom Individuum, vom Subjekt und seiner konstruktiven Perspektive her denkst und so den Fehler der Verabsolutierung der Hierarchisierungen vermeidest. Bedeutend ist, wem ich Bedeutung verleihe, Grundlegend ist, worauf ich gründe. „Das ist meine Mission“ rufst Du dem Leser zu und fragst zugleich: „und was ist Deine?“ Wunderbar!
Rudolf Steiner erklärte irgendwo und irgendwann auf die Frage nach der rechten Art, seine Philosophie der Freiheit aufzufassen, dass es sich dabei „nur“ um das Protokoll seines persönlichen Erkenntnisdramas handelt und dass die wahre Lektüre der Philosophie der Freiheit für den Leser eigentlich darin bestehen müsste, seine ganz eigene, individuelle Philosophie der Freiheit zu schreiben. Dein Buch ist eine solche und eine großartige dazu. Vielleicht ist historisch gesehen die von Steiner größer, aktuell betrachtet ist die Deine in jedem Falle zeitgemäßer und hat das Zeug, gerade für die jungen Menschen unserer Zeit zum Kultbuch zu werden. Für mich ist sie das schon jetzt. Danke!
Herzlichst,
Dein Christian
Sebastian Gronbach: Missionen
Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008
ISBN 9783772520778,
Geschrieben von Christian Grauer
in Anthroposophie, Bücher, Infosophie
um
21:01
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Donnerstag, 21. August 2008
Die neue Waldorfschule
„Denn nichts haben wir in der Sache, um die es geht, dringender nötig als Phantasie“
Die Sache, um die es in dem neuen Buch von Rüdiger Iwan geht, ist jene seit fast 90 Jahren erfolgreiche Schulform, die sich „Phantasie“ quasi als Markenzeichen reserviert hat: die Waldorfschule. Die Diagnose „Phantasiemangel“ ist wahrscheinlich das fundamentalste und radikalste Urteil, dem sich die Waldorfschule ausgesetzt sehen kann. Aber hier wütet keineswegs ein außenstehender Kritiker, der Waldorf ausrotten will, hier schreibt ein engagierter Waldorflehrer und die drastische Schärfe seiner Diagnose resultiert nicht aus ablehnender Distanz sondern aus verantwortungsvoller Liebe zum Gegenstand: zur pädagogischen Ursprungsidee der Waldorfschule!
Rüdiger Iwan formuliert in seinem Buch „Die neue Waldorfschule“ in sachlich und fachlich fundierter Kritik all jene Enttäuschungen und Vorbehalte gegen die Entwicklung bzw. Nicht-Entwicklung der Waldorfschulen, die in mir als ein Gebräu aus unreflektierter Schülererfahrung, dumpfen Ahnungen, philosophisch abstrakten Überlegungen und zersplitterten Einblicken und Informationen seit langem rumoren. Ich möchte dieses Buch und seinen Autor dafür umarmen! Es ist eine Wohltat, seinen sachlichen Darstellungen, seinen zielsicheren Analysen und seinen Ideenreichen Konzepten zu folgen. Ein Buch, das Mut macht, das auf Zukunft hoffen lässt, das Anthroposophie als Gegenwart erleben lässt, das mir Zuversicht gibt, nicht allein zu sein mit dem Drang, nicht nur Formen von Schule sondern Schule als Form in Frage zu stellen und nach modernen Konzepten zu suchen, die Strukturen ändern und nicht nur Etiketten, die neue Lebenswelten schaffen und nicht nur bildungsbürgerliche Schutznischen.
Denn die Kritik richtet sich nicht an die Idee der Waldorfschule, sondern an die konkrete Form, in der diese Idee zur eigenen Karrikatur erstarrt ist. Iwan geißelt das unreflektierte Tradieren von starren Formen, das hilflose sich Ausliefern unter den scheinbaren Druck staatlicher Vorgaben (Dauermenetekel „Abitur“) und den Dilettantismus und die Ignoranz bei der Reflexion von Strukturen, Prozessen und Methoden sowohl im pädagogischen, didaktischen als auch im administrativen Bereich. Dabei muss er nur selten moderne wissenschaftliche Erkenntnisse oder revolutionäre Ideale als Maßstab heranziehen, es genügt meist der Vergleich mit den Ausführungen und Anregungen Rudolf Steiners, mit denen dieser seine Ideen dem Gründungskollegium zu vermitteln versuchte – offenbar schon damals ohne großen Erfolg – um zu zeigen, wo die real existierende Waldorfpädagogik feststeckt.
Anhand von exemplarischen Kochlöffeln – eine anekdotische Metapher für die unreflektierte Pflege von inhaltsentleerten Formen – zeigt Rüdiger Iwan ganz konkret, wie die revolutionären Ideen Steiners in den Waldorfschulen den angestammten Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten einer preußisch-behördlichen Schul- und Lehrermentalität und der Ideenlosigkeit eines sich selbst reproduzierenden Erfolgsmodelles zum Opfer fallen: Monatsfeier als institutionalisierte Langeweile, Verbalbeurteilung als subjektivierte Buchstabenzensur, Hausaufgaben als Vernichtung von Qualitätsansprüchen, Epochenunterricht als Scheinalternative zum Stundenplan. Er entzaubert den Nimbus dieser Parade-Waldorf-Institutionen, indem er zeigt, dass sie nur als leblose Blaupausen einer einst lebendigen und auf Entwicklung angelegten Idee fortbestehen und dass sie teilweise geradezu kontraproduktiv das am Schüler orientierte Waldorf-Ideal negieren. Er entwickelt und beschreibt aber auch Alternativen und Lösungsmodelle, die oft überraschend kreativ die scheinbar festgefahrenen Kontroversen und Antinomien transzendieren. Und er tut dies nicht als theoretischer Utopist, sondern als Pädagoge in der konkreten Praxis der Schulwirklichkeit oder anhand von realen Modellprojekten, die weit ab von der Waldorfwirklichkeit pädagogische Zukunft erfinden.
Und so doziert Iwan im zweiten, „positiven“ Teil seines Buches keineswegs über methodische Theorien, er erörtert keine didaktischen Konzepte und er analysiert weder Feldstudien noch Statistiken. Er erzählt, was bereits an einzelnen Schulen, in einzelnen Projekten, in seiner eigenen Klasse und bei einzelnen Kollegen gemacht wird. Vom Portfolio, von bewegten Klassenzimmern, von Projektunterricht, von Schülern, die in der Pause freiwillig über den Unterrichtsinhalt diskutieren, von Lehrern, die ihre Rolle als Dozent gegen die des methodischen Beraters eintauschen. Von Drittklässlern die ihren Mitschülern aus der Zweiten die selbstgebauten Häuser „verkaufen“, von Arbeitgebern und Ausbildern, die gerne auf abstrakte Zensuren verzichten und ganz wild auf konkrete Leistungsvorlagen sind, von Personalchefs großer Unternehmen, die eine erweiterte Monatsfeier nutzen, um mit möglichen Azubis über deren Arbeitsproben zu sprechen. Die Berichte sind so lebendig und die neuen Methoden – deren Vielfalt hier nicht einmal ansatzweise mitgeteilt werden kann – leuchten dem Leser so unmittelbar ein, dass die erläuternden Worte des Autors im Grund überflüssig sind. Iwan breitet weniger systematisch als exemplarisch eine Collage aus Anregungen und Ideen für „Lernen in Freiheit“ und „Lernen aus dem Leben“ aus, die nur zu lesen auch für einen ehemaligen Waldorfschüler eine wahre Erlösung sind! Ihre lebenspraktische Wahrheit ist unmittelbar sichtbar wie die ästhetische Unanzweifelbarkeit eines Gemäldes von Marc Chagall oder einer Symphonie von Beethoven.
Denn im Grunde sind es – und das ist das vernichtendste Urteil für den status quo der Waldorf- und sonstigen Schulen – denn im Grunde sind es Binsenweisheiten, auf denen die Methoden beruhen: Selbstverantwortung, Eigenkontrolle, Veranschaulichung, Feedback, Reflexion, Phantasie, Teamarbeit, Gegenseitiges lehren und lernen, Realitätsbezug, Positive Verstärkung, Motivation und so weiter und so weiter. Es braucht nur Phantasie und pädagogische Fertigkeit, sie in Lernmodelle zu konkretisieren und Mut, sie gegen die eigenen und die gesellschaftlichen Gewohnheiten und Vorurteile auf allen Ebenen durchzusetzen.
Mein Loblied mag subjektiv sein wie es will und die „neue Waldorfschule“, die Iwan als Leitbild und Zukunftsziel entwirft, mag als Konzept im Detail überzeugen oder nicht – der Gewissensfrage, die er mit der Analyse der Defizite und dem Aufzeigen realer Möglichkeiten zu einem radikalen Methodenwandel stellt, kann sich niemand mehr entziehen. Und seine Aufarbeitung des status quo und der Geschichte der Waldorfschule ist ein Meilenstein inneranthroposophischer Reflexion und Kritik und in ihrer Sachlichkeit und Präzision in diesem Bereich einzigartig. Denn die Waldorfschule steht, wie Iwan präzise diagnostiziert, an dem Scheideweg, ob sie von der alternativen Schulform, die sie (noch) ist, zu dem werden will, was sie ursprünglich sein wollte: eine Alternative zur Schule! oder ob sie auch den letzten Rest an Originalität der Anbiederung an Sachzwänge und Phantasielosigkeit opfern und zur privaten Regelschule verkommen will.
Das Buch stellt damit die alles entscheidende Frage, ob „Waldorf“ nur noch eine sich an ihrer Umgebung abschleifende, historisch irgendwie entstandene und tradierte Form ist, oder ob die originäre Idee, in der diese Institution als Alternative zur Schule ihren Ursprung hat, noch lebt und in Gegenwart und Zukunft entwicklungsfähig ist. Und so wird an diesem Buch langfristig keiner vorbei kommen, der sich ernsthaft mit dem Thema Waldorf auseinandersetzen will. „Die neue Waldorfschule“ von Rüdiger Iwan ist Pflichtlektüre für Waldorfeltern ebenso wie für jeden einzelnen Waldorflehrer. Wie diese für sich selbst die Fragen beantworten, die das Buch stellt, entscheidet über die Zukunft der Waldorfschulen.
Rüdiger Iwan: Die neue Waldorfschule. Ein Erfolgsmodell wird renoviert
Rowohlt Verlag, Hamburg 2007
ISBN 9783498032289
Die Sache, um die es in dem neuen Buch von Rüdiger Iwan geht, ist jene seit fast 90 Jahren erfolgreiche Schulform, die sich „Phantasie“ quasi als Markenzeichen reserviert hat: die Waldorfschule. Die Diagnose „Phantasiemangel“ ist wahrscheinlich das fundamentalste und radikalste Urteil, dem sich die Waldorfschule ausgesetzt sehen kann. Aber hier wütet keineswegs ein außenstehender Kritiker, der Waldorf ausrotten will, hier schreibt ein engagierter Waldorflehrer und die drastische Schärfe seiner Diagnose resultiert nicht aus ablehnender Distanz sondern aus verantwortungsvoller Liebe zum Gegenstand: zur pädagogischen Ursprungsidee der Waldorfschule!
Rüdiger Iwan formuliert in seinem Buch „Die neue Waldorfschule“ in sachlich und fachlich fundierter Kritik all jene Enttäuschungen und Vorbehalte gegen die Entwicklung bzw. Nicht-Entwicklung der Waldorfschulen, die in mir als ein Gebräu aus unreflektierter Schülererfahrung, dumpfen Ahnungen, philosophisch abstrakten Überlegungen und zersplitterten Einblicken und Informationen seit langem rumoren. Ich möchte dieses Buch und seinen Autor dafür umarmen! Es ist eine Wohltat, seinen sachlichen Darstellungen, seinen zielsicheren Analysen und seinen Ideenreichen Konzepten zu folgen. Ein Buch, das Mut macht, das auf Zukunft hoffen lässt, das Anthroposophie als Gegenwart erleben lässt, das mir Zuversicht gibt, nicht allein zu sein mit dem Drang, nicht nur Formen von Schule sondern Schule als Form in Frage zu stellen und nach modernen Konzepten zu suchen, die Strukturen ändern und nicht nur Etiketten, die neue Lebenswelten schaffen und nicht nur bildungsbürgerliche Schutznischen.
Denn die Kritik richtet sich nicht an die Idee der Waldorfschule, sondern an die konkrete Form, in der diese Idee zur eigenen Karrikatur erstarrt ist. Iwan geißelt das unreflektierte Tradieren von starren Formen, das hilflose sich Ausliefern unter den scheinbaren Druck staatlicher Vorgaben (Dauermenetekel „Abitur“) und den Dilettantismus und die Ignoranz bei der Reflexion von Strukturen, Prozessen und Methoden sowohl im pädagogischen, didaktischen als auch im administrativen Bereich. Dabei muss er nur selten moderne wissenschaftliche Erkenntnisse oder revolutionäre Ideale als Maßstab heranziehen, es genügt meist der Vergleich mit den Ausführungen und Anregungen Rudolf Steiners, mit denen dieser seine Ideen dem Gründungskollegium zu vermitteln versuchte – offenbar schon damals ohne großen Erfolg – um zu zeigen, wo die real existierende Waldorfpädagogik feststeckt.
Anhand von exemplarischen Kochlöffeln – eine anekdotische Metapher für die unreflektierte Pflege von inhaltsentleerten Formen – zeigt Rüdiger Iwan ganz konkret, wie die revolutionären Ideen Steiners in den Waldorfschulen den angestammten Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten einer preußisch-behördlichen Schul- und Lehrermentalität und der Ideenlosigkeit eines sich selbst reproduzierenden Erfolgsmodelles zum Opfer fallen: Monatsfeier als institutionalisierte Langeweile, Verbalbeurteilung als subjektivierte Buchstabenzensur, Hausaufgaben als Vernichtung von Qualitätsansprüchen, Epochenunterricht als Scheinalternative zum Stundenplan. Er entzaubert den Nimbus dieser Parade-Waldorf-Institutionen, indem er zeigt, dass sie nur als leblose Blaupausen einer einst lebendigen und auf Entwicklung angelegten Idee fortbestehen und dass sie teilweise geradezu kontraproduktiv das am Schüler orientierte Waldorf-Ideal negieren. Er entwickelt und beschreibt aber auch Alternativen und Lösungsmodelle, die oft überraschend kreativ die scheinbar festgefahrenen Kontroversen und Antinomien transzendieren. Und er tut dies nicht als theoretischer Utopist, sondern als Pädagoge in der konkreten Praxis der Schulwirklichkeit oder anhand von realen Modellprojekten, die weit ab von der Waldorfwirklichkeit pädagogische Zukunft erfinden.
Und so doziert Iwan im zweiten, „positiven“ Teil seines Buches keineswegs über methodische Theorien, er erörtert keine didaktischen Konzepte und er analysiert weder Feldstudien noch Statistiken. Er erzählt, was bereits an einzelnen Schulen, in einzelnen Projekten, in seiner eigenen Klasse und bei einzelnen Kollegen gemacht wird. Vom Portfolio, von bewegten Klassenzimmern, von Projektunterricht, von Schülern, die in der Pause freiwillig über den Unterrichtsinhalt diskutieren, von Lehrern, die ihre Rolle als Dozent gegen die des methodischen Beraters eintauschen. Von Drittklässlern die ihren Mitschülern aus der Zweiten die selbstgebauten Häuser „verkaufen“, von Arbeitgebern und Ausbildern, die gerne auf abstrakte Zensuren verzichten und ganz wild auf konkrete Leistungsvorlagen sind, von Personalchefs großer Unternehmen, die eine erweiterte Monatsfeier nutzen, um mit möglichen Azubis über deren Arbeitsproben zu sprechen. Die Berichte sind so lebendig und die neuen Methoden – deren Vielfalt hier nicht einmal ansatzweise mitgeteilt werden kann – leuchten dem Leser so unmittelbar ein, dass die erläuternden Worte des Autors im Grund überflüssig sind. Iwan breitet weniger systematisch als exemplarisch eine Collage aus Anregungen und Ideen für „Lernen in Freiheit“ und „Lernen aus dem Leben“ aus, die nur zu lesen auch für einen ehemaligen Waldorfschüler eine wahre Erlösung sind! Ihre lebenspraktische Wahrheit ist unmittelbar sichtbar wie die ästhetische Unanzweifelbarkeit eines Gemäldes von Marc Chagall oder einer Symphonie von Beethoven.
Denn im Grunde sind es – und das ist das vernichtendste Urteil für den status quo der Waldorf- und sonstigen Schulen – denn im Grunde sind es Binsenweisheiten, auf denen die Methoden beruhen: Selbstverantwortung, Eigenkontrolle, Veranschaulichung, Feedback, Reflexion, Phantasie, Teamarbeit, Gegenseitiges lehren und lernen, Realitätsbezug, Positive Verstärkung, Motivation und so weiter und so weiter. Es braucht nur Phantasie und pädagogische Fertigkeit, sie in Lernmodelle zu konkretisieren und Mut, sie gegen die eigenen und die gesellschaftlichen Gewohnheiten und Vorurteile auf allen Ebenen durchzusetzen.
Mein Loblied mag subjektiv sein wie es will und die „neue Waldorfschule“, die Iwan als Leitbild und Zukunftsziel entwirft, mag als Konzept im Detail überzeugen oder nicht – der Gewissensfrage, die er mit der Analyse der Defizite und dem Aufzeigen realer Möglichkeiten zu einem radikalen Methodenwandel stellt, kann sich niemand mehr entziehen. Und seine Aufarbeitung des status quo und der Geschichte der Waldorfschule ist ein Meilenstein inneranthroposophischer Reflexion und Kritik und in ihrer Sachlichkeit und Präzision in diesem Bereich einzigartig. Denn die Waldorfschule steht, wie Iwan präzise diagnostiziert, an dem Scheideweg, ob sie von der alternativen Schulform, die sie (noch) ist, zu dem werden will, was sie ursprünglich sein wollte: eine Alternative zur Schule! oder ob sie auch den letzten Rest an Originalität der Anbiederung an Sachzwänge und Phantasielosigkeit opfern und zur privaten Regelschule verkommen will.
Das Buch stellt damit die alles entscheidende Frage, ob „Waldorf“ nur noch eine sich an ihrer Umgebung abschleifende, historisch irgendwie entstandene und tradierte Form ist, oder ob die originäre Idee, in der diese Institution als Alternative zur Schule ihren Ursprung hat, noch lebt und in Gegenwart und Zukunft entwicklungsfähig ist. Und so wird an diesem Buch langfristig keiner vorbei kommen, der sich ernsthaft mit dem Thema Waldorf auseinandersetzen will. „Die neue Waldorfschule“ von Rüdiger Iwan ist Pflichtlektüre für Waldorfeltern ebenso wie für jeden einzelnen Waldorflehrer. Wie diese für sich selbst die Fragen beantworten, die das Buch stellt, entscheidet über die Zukunft der Waldorfschulen.
Rüdiger Iwan: Die neue Waldorfschule. Ein Erfolgsmodell wird renoviert
Rowohlt Verlag, Hamburg 2007
ISBN 9783498032289
Donnerstag, 14. August 2008
Untertitel als Grundversorgung
Ich muss mal wieder auf mein Lieblingsthema kommen: auf das "Informationsschreiben der GEZ und/oder Schreiben, mit dessen Hilfe der gesetzliche Auskunftsanspruch des § 4 Abs. 5 RGebStV geltend gemacht wird". Ja, so heißt das. Nicht etwa nur GEZ-Brief. Das Schriftdeutsche, als solche schon eine deutsche Einmaligkeit (es gibt kein Schriftenglisch oder Schriftitalienisch), entstand ursprünglich aus einer Behördensprache (insb. durch Luthers Bibel), die weit von den lebendigen Dialekten entfernt war. Erst viel später näherte sie sich an, wurde gleichsam verumgangssprachlicht. Allerdings weht der Behördengeist noch allenthalben in ihr. So ist es ein Zeitvertreib der Deutschen, für alle möglichen Dinge des Lebens, für die sie schöne und treffende Wörter haben, sich "offizielle" Begriffe auszudenken: Amtliches Fernsprechbuch für das Telefonbuch, Postwertzeichen für die Briefmarke, Fahrtrichtungsanzeiger für Blinker. Schön ist es z.B. Polizisten im Fernsehen zuzuhören, wenn sie fast an ihren Sätzen ersticken, weil sie nicht einfach sagen können: "Der Golf fuhr beim überholen auf den Traktor auf, weil der ohne zu blinken links in einen Feldweg einbog." sondern glauben sagen zu müssen "Das landwirtschaftliche Zugfahrzeug leitete ohne Setzen des Fahrtrichtungsanzeigers einen Abbiegevorgang in einen linksseitig in die Straße mündenden Land- und Forstwirtschaftlichen Verkehrsweg ein und verursachte dadurch das Auffahren des sich in einem Überholvorgang befindlichen Kraftfahrzeugs der Marke Volkswagen." Dabei bricht meist unterwegs noch die Syntax zusammen und am Ende fehlt ein finites Verb, weil der Beamte mit seinem Satzungeheuer selbst überfordert ist. Aber er glaubt, nur so sei es wirklich genau und wirklich offiziell. Schließlich arbeitet er ja bei einer Behörde und was er sagt, muss Brief und Siegel haben! Auch wenn es anders jedermann verstünde, darauf kommt es in Deutschland nicht an.
Auch die GEZ ist so etwas wie eine Behörde. Allerdings gibt die sich nicht damit zufrieden, selbst Behördendeutsch zu pflegen, nein, sie reitet auf ihrem Amtsschimmel durchs Internet und versucht unbescholtene Herausgeber von Webseiten mit Strafen zu drohen falls diese sich nicht anschicken, statt verständlicher und allgemein gebräuchlicher Wörter an den Haaren herbeigezogene amtliche Ungetüme zu verwenden. Tatsächlich hat die GEZ vor einem Jahr das Webportal akademie.de abgemahnt, weil es gewagt hatte, "GEZ-Brief" zu schreiben, statt des oben zitierten Amtsgeschwurbels. Das eigentliche Anliegen war natürlich, auf diese Weise Kritik an der GEZ und den Rundfunkgebühren zu unterbinden. Näheres dazu findet sich in dem u.a. Link!
Die Abmahnung ist mittlerweile offenbar vom Tisch und die GEZ musste sich damit arrangieren, dass die Sprecher der Deutschen Sprache selbst entscheiden, wie sie sprechen und sich das nicht von einem staatlichen Zwangsabgaben-Inkassobetrieb vorschreiben lassen. Mir kommt es bisweilen so vor, als sei die GEZ nur ein Experiment, um herauszubekommen, wie man eine Behörde errichtet, die es schafft, über alle Vorbehalte hinaus, die Behörden in der Bevölkerung ohnehin schon genießen, sich so richtig unbeliebt zu machen und das Image einer regelrechten Landplage zu entwickeln.
Aber das war ja nur ein Fundstück auf meiner abendlichen Suche nach Informationen über Untertitel und die juristischen Details zur sog. Grundversorgung der Medienanstalten. Denn heute habe ich in der Fußgängerzone an einer Unterschriftenaktion von Gehörlosen teilgenommen (s. Links), die mehr Untertitel in Fernsehsendungen fordern. Um genau zu sein fordern sie, was in anderen Ländern schon Alltag ist, nämlich Untertitel für ALLE Sendungen. Zuerst dachte ich: schön, wieder jemand, der nicht begriffen hat, dass man in der Marktwirtschaft Waren und Leistungen nicht fordert sondern nachfragt und dass sie nicht per Dekret sondern als Angebot bereitgestellt werden. Aber hoppla! War da nicht was? Wir leben kulturell und medial ja gar nicht in einer Marktwirtschaft sondern im Staatsfeudalismus. Und da sind Untertitel ganz klar eine Aufgabe staatlich-solidarischer Grundversorgung! Also hurtig unterschrieben, damit unsere GEZ-Gelder (vorsicht Abmahnung!) in Zukunft für Untertitel ausgegeben werden und nicht mehr nur für schlecht gemachte Reality-Soaps und Casting-Shows von den Privaten, die in den Öffentlich-Rechtlichen noch schlechter nachgemacht werden oder für die Live-Übertragung von Hochzeiten fremdländischer Monarchien, die allerdings auch schon auf drei anderen Kanälen live übertragen werden.
Denn 100% Untertitel für Gehörlose wären tatsächlich mal etwas, das den Namen solidarische Grundversorgung verdienen würde. Ich frage mich auch, ob die Gehörlosen statt einer Unterschriftenaktion nicht lieber eine Klage einreichen und sich ihre Grundversorgung vor Gericht erstreiten sollten, in dem Stil wie das auch die GEZ mit den dafür zu verwendenden Worten macht. Aber wahrscheinlich ist "Grundversorgung" auch nur wieder einer dieser Amtseuphemismen, der gar nichts mit dem zu tun hat, was wir normalsprachlichen Bürger darunter verstehen...
Links:
Die Aktion Recht auf 100 Prozent Untertitel!
Wie die GEZ versucht, die deutsche Sprache zu zensieren:
http://www.akademie.de/private-finanzen/gez-und-rundfunkgebuehren/tipps/gez_gebuehren/gez-abmahnung.html
Mehr zur Deutschen Sprachgeschichte:
http://www.rhetorik-netz.de/rhetorik/deutsch.htm
"Beamtendeutsch" auf Wikipedia
Auch die GEZ ist so etwas wie eine Behörde. Allerdings gibt die sich nicht damit zufrieden, selbst Behördendeutsch zu pflegen, nein, sie reitet auf ihrem Amtsschimmel durchs Internet und versucht unbescholtene Herausgeber von Webseiten mit Strafen zu drohen falls diese sich nicht anschicken, statt verständlicher und allgemein gebräuchlicher Wörter an den Haaren herbeigezogene amtliche Ungetüme zu verwenden. Tatsächlich hat die GEZ vor einem Jahr das Webportal akademie.de abgemahnt, weil es gewagt hatte, "GEZ-Brief" zu schreiben, statt des oben zitierten Amtsgeschwurbels. Das eigentliche Anliegen war natürlich, auf diese Weise Kritik an der GEZ und den Rundfunkgebühren zu unterbinden. Näheres dazu findet sich in dem u.a. Link!
Die Abmahnung ist mittlerweile offenbar vom Tisch und die GEZ musste sich damit arrangieren, dass die Sprecher der Deutschen Sprache selbst entscheiden, wie sie sprechen und sich das nicht von einem staatlichen Zwangsabgaben-Inkassobetrieb vorschreiben lassen. Mir kommt es bisweilen so vor, als sei die GEZ nur ein Experiment, um herauszubekommen, wie man eine Behörde errichtet, die es schafft, über alle Vorbehalte hinaus, die Behörden in der Bevölkerung ohnehin schon genießen, sich so richtig unbeliebt zu machen und das Image einer regelrechten Landplage zu entwickeln.
Aber das war ja nur ein Fundstück auf meiner abendlichen Suche nach Informationen über Untertitel und die juristischen Details zur sog. Grundversorgung der Medienanstalten. Denn heute habe ich in der Fußgängerzone an einer Unterschriftenaktion von Gehörlosen teilgenommen (s. Links), die mehr Untertitel in Fernsehsendungen fordern. Um genau zu sein fordern sie, was in anderen Ländern schon Alltag ist, nämlich Untertitel für ALLE Sendungen. Zuerst dachte ich: schön, wieder jemand, der nicht begriffen hat, dass man in der Marktwirtschaft Waren und Leistungen nicht fordert sondern nachfragt und dass sie nicht per Dekret sondern als Angebot bereitgestellt werden. Aber hoppla! War da nicht was? Wir leben kulturell und medial ja gar nicht in einer Marktwirtschaft sondern im Staatsfeudalismus. Und da sind Untertitel ganz klar eine Aufgabe staatlich-solidarischer Grundversorgung! Also hurtig unterschrieben, damit unsere GEZ-Gelder (vorsicht Abmahnung!) in Zukunft für Untertitel ausgegeben werden und nicht mehr nur für schlecht gemachte Reality-Soaps und Casting-Shows von den Privaten, die in den Öffentlich-Rechtlichen noch schlechter nachgemacht werden oder für die Live-Übertragung von Hochzeiten fremdländischer Monarchien, die allerdings auch schon auf drei anderen Kanälen live übertragen werden.
Denn 100% Untertitel für Gehörlose wären tatsächlich mal etwas, das den Namen solidarische Grundversorgung verdienen würde. Ich frage mich auch, ob die Gehörlosen statt einer Unterschriftenaktion nicht lieber eine Klage einreichen und sich ihre Grundversorgung vor Gericht erstreiten sollten, in dem Stil wie das auch die GEZ mit den dafür zu verwendenden Worten macht. Aber wahrscheinlich ist "Grundversorgung" auch nur wieder einer dieser Amtseuphemismen, der gar nichts mit dem zu tun hat, was wir normalsprachlichen Bürger darunter verstehen...
Links:
Die Aktion Recht auf 100 Prozent Untertitel!
Wie die GEZ versucht, die deutsche Sprache zu zensieren:
http://www.akademie.de/private-finanzen/gez-und-rundfunkgebuehren/tipps/gez_gebuehren/gez-abmahnung.html
Mehr zur Deutschen Sprachgeschichte:
http://www.rhetorik-netz.de/rhetorik/deutsch.htm
"Beamtendeutsch" auf Wikipedia
Sonntag, 3. August 2008
Jetzt regulier ich mich selbst!
Gesundheit ist keine Frage der Vermeidung bzw. Behebung von Defekten, sondern das permanente Aufrechterhalten eines unnatürlichen Zustandes: das kontinuierliche Beleben, Bewegen und Begeistern eines Materiehaufens, der für sich gesehen viel lieber zusammenfallen würde.
Frank Meyer
, der für mich nicht nur ein engagierter Arzt ist sondern auch postmoderner Schamane und virtueller Guru, hat mir diese Erkenntnis in einem Zustand real praktisch vermittelt, in dem sich meine Erfahrung gerade das genaue Gegenteil davon zueigen gemacht hatte.
Jetzt hat er eine Sammlung seiner Aufsätze bei Info3 als Buch herausgebracht. Die Aufsätze behandeln alltägliche Gesundheitsthemen und regen mit undogmatischer Frische zu einer neuen Perspektive auf alte Probleme an. Selbstregulation ist nicht das blinde Vertrauen auf Selbstheilung sondern das aktive Gestalten seiner Gesundheit durch einen achtsamen und lebensfreundlichen Umgang mit dem eigenen Organismus.
Ich empfehle das Buch nicht, weil ich für den Verlag arbeite, sondern weil ich Frank kenne und seine magische Fähigkeit, die Selbstregulation anzuregen, wortwörtlich am eigenen Leib erlebt habe.
» Kaufen!
» www.selbstregulation.de
Frank Meyer
Jetzt hat er eine Sammlung seiner Aufsätze bei Info3 als Buch herausgebracht. Die Aufsätze behandeln alltägliche Gesundheitsthemen und regen mit undogmatischer Frische zu einer neuen Perspektive auf alte Probleme an. Selbstregulation ist nicht das blinde Vertrauen auf Selbstheilung sondern das aktive Gestalten seiner Gesundheit durch einen achtsamen und lebensfreundlichen Umgang mit dem eigenen Organismus.
Ich empfehle das Buch nicht, weil ich für den Verlag arbeite, sondern weil ich Frank kenne und seine magische Fähigkeit, die Selbstregulation anzuregen, wortwörtlich am eigenen Leib erlebt habe.
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» www.selbstregulation.de
Dienstag, 29. Juli 2008
Das Experiment (6)
Auf der vorigen Inkarnation von Schachtelhalm (Schachtelhalm /old) habe ich begonnen, von einem Experiment zu berichten, das sich mit der Rodung von Schachtelhalm befasste. Leider sind die Berichte aufgrund der dramatischen Ereignisse, welche diese Rodung ausgelöst haben, an einem bestimmten Punkte abgebrochen. Jetzt, nachdem die schlimmsten Folgen der Verwüstung behoben sind, möchte ich versuchen, den geneigten Leser über die vorläufigen Ergebnisse in Kenntnis zu setzen.
Wie wir wissen begann das Experiment mit dem Niederbrennen von Schachtelhalm aller Art: Grundsätze, Gewohnheiten, Axiome, Prinzipien, Wörter, Begriffe, Vorstellungen... was auch immer. Das Denken selbst, das all diesen Schachtelhalm hervorbringt, vernichtet ihn auch. Doch wenn alles verbrannt ist, erlischt die Feuersbrunst. Das Denken ist nichts ohne Gedachtes. Das ist das Dilemma des Rationalismus: so wie das Feuer nur aus dem lebt, das es vernichtet, so basiert der Rationalismus auf Irrationalismus. Die äscherne Steppe ist das, was vom Rationalismus übrigbleibt, wenn er sich ernst nimmt!
Das darf nicht sein, und so hatten wir im letzen Experiment noch festgestellt, dass etwas übrig sei, das bleibt. Etwas, das die Feuersbrunst überdauere und übrig bleibe. Eine Art Subsistenz des Feuers. Gleichsam ein Urfeuer, das weder brennt noch verbrennt sondern dem Feuer das Sein ist. "Ich" hatten wir es genannt. Subjekt nennen es viele. Schachtelhalm heißt es selbstverständlich auch.
Allein, das war ein Irrtum. Das Experiment hat das Gegenteil erwiesen. Und folglich war es ein gutes Experiment. Und da ist auch schon der Grund, warum der Bericht eingestellt wurde: der Berichterstatter ist mitverbrannt! Das Feuer erlosch und es blieb übrig: nichts! Kein Urfeuer, keine Subsistenz, kein Subjekt! Denn das Feuer ist nur da, solange es brennt. Es ist das Brennen selbst und nichts weiter als das Brennen. Und das, auf dem die Flamme ruht, das wird vom Feuer zerstört. Das Feuer ist die einzige echte Metapher des Denkens: es hat kein anderes Sein als das schiere brennen, es besteht im Vernichten von Materie und ist nur, sofern es brennt.
Zu glauben, hinter dem Denken verstecke sich ein Subjekt, das vor dem, nach dem und ohne das Denken da sein könnte, ist so absurd wie der Versuch, die Flamme festzuhalten, sie in die Tasche zu stecken und nach Hause zu tragen. Aber genau das wollen die Menschen und deswegen haben sie einen besonderen Schachtelhalm gezüchtet: die Taschenlampe. Mit ihr geht der Rationalist umher und glaubt, damit Licht ins Dunkel bringen zu können. Dabei strahlt er nur Gespenster und Schatten des Schachtelhalm an, den er als Flamme verzehren müsste, um ihn zu erkennen.
Rationalismus ist der Irrtum, man könne die Wahrheit erkennen, ohne sie zu vernichten. Als gäbe es eine Flamme, die nicht brennt.
Wie wir wissen begann das Experiment mit dem Niederbrennen von Schachtelhalm aller Art: Grundsätze, Gewohnheiten, Axiome, Prinzipien, Wörter, Begriffe, Vorstellungen... was auch immer. Das Denken selbst, das all diesen Schachtelhalm hervorbringt, vernichtet ihn auch. Doch wenn alles verbrannt ist, erlischt die Feuersbrunst. Das Denken ist nichts ohne Gedachtes. Das ist das Dilemma des Rationalismus: so wie das Feuer nur aus dem lebt, das es vernichtet, so basiert der Rationalismus auf Irrationalismus. Die äscherne Steppe ist das, was vom Rationalismus übrigbleibt, wenn er sich ernst nimmt!
Das darf nicht sein, und so hatten wir im letzen Experiment noch festgestellt, dass etwas übrig sei, das bleibt. Etwas, das die Feuersbrunst überdauere und übrig bleibe. Eine Art Subsistenz des Feuers. Gleichsam ein Urfeuer, das weder brennt noch verbrennt sondern dem Feuer das Sein ist. "Ich" hatten wir es genannt. Subjekt nennen es viele. Schachtelhalm heißt es selbstverständlich auch.
Allein, das war ein Irrtum. Das Experiment hat das Gegenteil erwiesen. Und folglich war es ein gutes Experiment. Und da ist auch schon der Grund, warum der Bericht eingestellt wurde: der Berichterstatter ist mitverbrannt! Das Feuer erlosch und es blieb übrig: nichts! Kein Urfeuer, keine Subsistenz, kein Subjekt! Denn das Feuer ist nur da, solange es brennt. Es ist das Brennen selbst und nichts weiter als das Brennen. Und das, auf dem die Flamme ruht, das wird vom Feuer zerstört. Das Feuer ist die einzige echte Metapher des Denkens: es hat kein anderes Sein als das schiere brennen, es besteht im Vernichten von Materie und ist nur, sofern es brennt.
Zu glauben, hinter dem Denken verstecke sich ein Subjekt, das vor dem, nach dem und ohne das Denken da sein könnte, ist so absurd wie der Versuch, die Flamme festzuhalten, sie in die Tasche zu stecken und nach Hause zu tragen. Aber genau das wollen die Menschen und deswegen haben sie einen besonderen Schachtelhalm gezüchtet: die Taschenlampe. Mit ihr geht der Rationalist umher und glaubt, damit Licht ins Dunkel bringen zu können. Dabei strahlt er nur Gespenster und Schatten des Schachtelhalm an, den er als Flamme verzehren müsste, um ihn zu erkennen.
Rationalismus ist der Irrtum, man könne die Wahrheit erkennen, ohne sie zu vernichten. Als gäbe es eine Flamme, die nicht brennt.
Donnerstag, 24. Juli 2008
Esobashing: Aufklärung oder Linksfaschismus?
Esobashing ist ein neuer Volkssport im Internet. Mit den allzu strapazierfähigen Schlagwörtern Demokratie und Wissenschaftlichkeit im Munde und dem Banner der Aufklärung in der Hand ziehen die Esobasher zu Felde gegen alles, was von der bürgerlichen Normalität und der naturwissenschaftlich untermauerten Mainstream-Weltanschauung abweicht. Natürlich steht alles Anthroposophische im direkten Fokus dieser Kreuzritter der Rationalität, nicht nur, weil es einen esoterischen Hintergrund hat, sondern weil es auch in der Praxis relativ erfolgreich ist. Journalisten wie Michael Grandt bauen so ganze Karrieren auf den Kampf gegen Waldorf und Anthro auf.
Dass in anthroposophischen Einrichtungen oder in Waldorfschulen nicht alles immer nur eitel Sonnenschein ist, ist kein Geheimnis. Ich bin ehemaliger Waldorfschüler und auch heute noch allenthalben in der Szene unterwegs und könnte ganze Bücher mit Kritik füllen (und werde das vielleicht auch noch tun, wenn ich Zeit dazu finde). Auch habe ich keinen Grund, mit Kritik zurückzuhalten, wenn mir anthroposophische Borniertheit überhand zu nehmen scheint (s. z.B. Info3-Blog). Aber gerade weil ich die Szene gut kenne bin ich auch regelmäßig belustigt über die donquijoteske Art, mit der die Esobasher sie als den ultimativen Sündenpfuhl entlarven und undurchdringbare Verschwörungstheorien aufbauen, die sich nicht nur auf Anthroposophen und Waldorfs richten, sondern auch die staatlichen Stellen einbeziehen, die derlei esoterisches Treiben ja offenbar gestatten und womöglich - anthroposophisch unterwandert! - auch noch fördern und decken.
Natürlich sind Gewalt in einem Erziehungsheim oder rassistische Thesen in der Lehrerbildung Skandale und ich wünsche da nicht nur lückenlose Aufklärung, sondern betreibe diese im Rahmen des mir möglichen auch aktiv (s. meinen aktuellen Artikel in der Rudolf Steiner Sphäre). Und da wirkt die Kritik auch der Esobasher hilfreich, die vor sich hindämmernde Anthroszene wachzurütteln, dass sie solche Entgleisungen in ihren eigenen Reihen aufmerksamer beobachtet und verhindert. Wenn ich dann allerdings Foren lese, wie Esoblog oder NWA, wo unzulänglich informierte Zeitgenossen sich an der Pauschalisierung ihrer Halbwahrheiten selbstbefriedigen und sich in ihrem Kampf gegen die esoterische Verschwörung gegenseitig aufgeilen, dann schwanke ich zwischen kopschüttelndem Schmunzeln und dem Ausbilden eines Magengeschwürs ob des blutunterlaufenen Fanatismus. Die allzu durchschaubare populistische Manier, mit der z.B. der anonyme Autor von NWA Halbwahrheiten zu Feindbildern zusammenhäkelt und auch trotz Gegenbeweisen auf den handfestesten Irrtümern und Fehlinformationen beharrt und jeden ansatzweise kritischen Kommentar löscht, ist kaum noch ernst zu nehmen.
Besonders aber amüsiert mich stets, wenn das positive Bild, das die Waldorfbewegung allgemein genießt, als das Resultat eines professionellen Marketing und einer aggressiven Lobbyarbeit dargestellt wird, mit dem verschleiert werden soll, dass es sich in Wahrheit um eine Sekte handelt, die jedes Mitglied einer Gehirnwäsche unterzieht und die im Geheimen allerlei abartige Praktiken pflegt. Von Sexorgien bis zu Teufelsaustreibungen ist alles vertreten. Amüsant ist das, weil ich dieses "Marketing" und diese "Lobbyarbeit" kenne und weiß, dass es kaum etwas unprofessionelleres und kontraproduktiveres in der anthroposophischen Welt gibt als deren Öffentlichkeitsarbeit. Natürlich gibt es Broschüren und Websites, natürlich gibt es auch Verbände und Interessensvertretungen und natürlich versuchen auch Waldorfschulen ihre Rechte ggf. vor Gericht zu erstreiten. Darin sehen Esobasher aber regelmäßig einen Beweis dafür, dass hinter Waldorf eine rücksichtslose Mafia von Rechtsanwälten lauert, die alles und jeden versucht mundtot zu machen.
Der rationalistische und demokratische Anspruch der Esobasher wirkt zunächst sehr aufgeklärt und sachlich. Und wer könnte etwas dagegen haben, wenn Kindesmisshandlung angeprangert wird! Doch im Verlaufe einer Diskussion zeigt sich nicht selten, dass die scheinbar sachliche Kritik mehr und mehr zur Polemik mutiert, deren Argumentation nicht weiter als bis zu der Gleichung Eso=irrational=böse reicht. So werden Vertreter der Anthroposophie oder anderer esoterischer Richtungen und deren Arbeit pauschal als Idioten und Verrückte bezeichnet und es gilt als eine naturgegebene Selbstverständlichkeit, dass alles, was vom Dogma der Wissenschaftlichkeit abweicht, ausgemachter Blödsinn ist und allein aus diesem Grunde verboten werden sollte.
An dieser Stelle wird es dann weniger amüsant, denn da zeigt sich, wo die eigentliche Motivation steckt. Die polemischen und sophistischen Argumentationen zielen keineswegs auf einen Dialog ab. Es ist daher auch aussichtslos, einer Diskussion mit rationalen Argumenten beizukommen. Das Esobashing zielt vielmehr stets auf eine Stigmatisierung und eine daraus abgeleitete Forderung nach Verbot ab. Dafür ist in der Diskussion fast jedes Mittel recht und jede Halbwahrheit billig. Da stehen dann am Ende nicht selten die bedenklichsten Formen von Dogmatismus und Totalitarismus. Die Totalablehnung von Anthro und Waldorf gründet letzlich in einem dogmatisch einseitig szientistischen, linksideologischen oder christlich-dogmatischen Anspruch auf Interpretationshoheit jeder zivilen kulturellen Betätigung. Es geht dem Esobasher nicht darum, Gefahren und Irrungen der esoterischen Welt aufzudecken und anzuklagen, sondern es geht ihm darum, jeden von seiner eigenen Weltanschauung abweichenden Lebensentwurf als Normabweichung zu deklarieren und als solchen zu unterbinden. Und dafür wird durchaus auch schon mal das Grundgesetz und die dort garantierten freiheitlichen Rechte in Frage gestellt. So argumentiert
Andreas Lichte gegen den Bestand von Privatschulen mit den Worten "Der Staat vertritt die Interessen der Allgemeinheit. Partikularinteressen können den Interessen der Allgemeinheit zuwiderlaufen. Die Kontrolle MUSS daher der Staat ausüben." (comment-3289">aus einem Blogkommentar).
Das zeigt deutlich, worum es eigentlich geht: um staatliche Normpädagogik und kulturelle Gleichschaltung. Populärstes und populistischstes "Argument" ist immer wieder die Entrüstung darüber, dass der Staat überhaupt private Schulen und damit Pluralität finanziert! Die Rassismen in Steiners Werk, die Skandale an Waldorfschulen, das Aufbauschen der Schrulligkeit der Anthroszene zu einer bedrohlichen Sekte - es ist nichts anderes als der Kampf um das Alleinvertretungsrecht einer Ideologie. Es ist Antipluralismus, Intoleranz und letztlich ein faschistischer Anspruch einer Unterordnung des zivilen kulturellen Lebens und der individuellen Selbstbestimmung unter die Kontrolle einer staatlich-normativen Ideologie. Und die stets im Munde geführte Demokratie erweist sich als schierer Strohmann, um sich ins rechte Licht zu setzen. In Wahrheit werden zentrale demokratische Werte wie Selbstbestimmung, Bildungsfreiheit und Freiheit des weltanschaulichen Bekenntnisses in Frage gestellt. Was uns die Esobasher als Demokratie verkaufen wollen ist nichts anderes, als ein säkularer Religionsstaat, eine Diktatur der Norm und Einheitskultur.
Das ist in seiner Brisanz und seiner politischen Gefahr weit bedenklicher als alle Hinterwäldlereien und Irrationalismen der am Ende harmlos in ihrem eigenen Ätherleib verstrickten Anthroposophen zusammen! Es bleibt zu hoffen, dass es sich um eine ideologische Minderheit handelt, die sich nur dem am Thema Interessierten als ein nachhaltiges Phänomen zeigt und die nicht zuletzt mit Mitteln wie einem anonymen Blog (s. NWA, weil die Anthros ja eine gefährliche Mafia sind) oder zirkulären Selbstrefernzen versucht, sich Bedeutung anzudichten. Ich denke nicht, dass der gesellschaftliche Mainstream sich solchen antidemokratischen und totalitären Gesinnungen anschließen würde. Allerdings steckt diese Gesinnung hinter einer Maske aus wissenschaftlichem und aufklärerischem Pathos, die sicherlich manchen über die echten Beweggründe dieser Genossen täuschen wird. Und das ungefilterte Internet lässt ja so manche Filzlaus als Elefant erscheinen.
Störend für die Anthroposophie und die Waldorfbewegung sind sie aber nicht deswegen, weil sie Kritik daran üben, sondern weil ihr an der Sache völlig desinteressierter und auf die Ausrottung von weltanschaulicher Pluratlität ausgerichteter Kreuzzug eine sachliche Kritik an Anthroposophie und Waldorf stets lauthals überlagern, entqualifizieren und damit letzlich unmöglich machen. Denn, auch das muss gesagt werden, gerade eine sachliche Kritik und aufgeklärte Selbstreflexion fehlt der Anthroposophie und der Waldorfbewegung in geradezu lebensbedrohlicher Weise. Es gibt tatsächlich viel zu viele skandalöse Ansatzpunkte für die Enthüllungsritter und insbesondere wird die Aufarbeitung dieser Skandale und der Strukturen, auf denen sie wachsen, von innen sträflich und in nicht mehr nachvollziehbarem Maße vernachlässigt.
Dass in anthroposophischen Einrichtungen oder in Waldorfschulen nicht alles immer nur eitel Sonnenschein ist, ist kein Geheimnis. Ich bin ehemaliger Waldorfschüler und auch heute noch allenthalben in der Szene unterwegs und könnte ganze Bücher mit Kritik füllen (und werde das vielleicht auch noch tun, wenn ich Zeit dazu finde). Auch habe ich keinen Grund, mit Kritik zurückzuhalten, wenn mir anthroposophische Borniertheit überhand zu nehmen scheint (s. z.B. Info3-Blog). Aber gerade weil ich die Szene gut kenne bin ich auch regelmäßig belustigt über die donquijoteske Art, mit der die Esobasher sie als den ultimativen Sündenpfuhl entlarven und undurchdringbare Verschwörungstheorien aufbauen, die sich nicht nur auf Anthroposophen und Waldorfs richten, sondern auch die staatlichen Stellen einbeziehen, die derlei esoterisches Treiben ja offenbar gestatten und womöglich - anthroposophisch unterwandert! - auch noch fördern und decken.
Natürlich sind Gewalt in einem Erziehungsheim oder rassistische Thesen in der Lehrerbildung Skandale und ich wünsche da nicht nur lückenlose Aufklärung, sondern betreibe diese im Rahmen des mir möglichen auch aktiv (s. meinen aktuellen Artikel in der Rudolf Steiner Sphäre). Und da wirkt die Kritik auch der Esobasher hilfreich, die vor sich hindämmernde Anthroszene wachzurütteln, dass sie solche Entgleisungen in ihren eigenen Reihen aufmerksamer beobachtet und verhindert. Wenn ich dann allerdings Foren lese, wie Esoblog oder NWA, wo unzulänglich informierte Zeitgenossen sich an der Pauschalisierung ihrer Halbwahrheiten selbstbefriedigen und sich in ihrem Kampf gegen die esoterische Verschwörung gegenseitig aufgeilen, dann schwanke ich zwischen kopschüttelndem Schmunzeln und dem Ausbilden eines Magengeschwürs ob des blutunterlaufenen Fanatismus. Die allzu durchschaubare populistische Manier, mit der z.B. der anonyme Autor von NWA Halbwahrheiten zu Feindbildern zusammenhäkelt und auch trotz Gegenbeweisen auf den handfestesten Irrtümern und Fehlinformationen beharrt und jeden ansatzweise kritischen Kommentar löscht, ist kaum noch ernst zu nehmen.
Besonders aber amüsiert mich stets, wenn das positive Bild, das die Waldorfbewegung allgemein genießt, als das Resultat eines professionellen Marketing und einer aggressiven Lobbyarbeit dargestellt wird, mit dem verschleiert werden soll, dass es sich in Wahrheit um eine Sekte handelt, die jedes Mitglied einer Gehirnwäsche unterzieht und die im Geheimen allerlei abartige Praktiken pflegt. Von Sexorgien bis zu Teufelsaustreibungen ist alles vertreten. Amüsant ist das, weil ich dieses "Marketing" und diese "Lobbyarbeit" kenne und weiß, dass es kaum etwas unprofessionelleres und kontraproduktiveres in der anthroposophischen Welt gibt als deren Öffentlichkeitsarbeit. Natürlich gibt es Broschüren und Websites, natürlich gibt es auch Verbände und Interessensvertretungen und natürlich versuchen auch Waldorfschulen ihre Rechte ggf. vor Gericht zu erstreiten. Darin sehen Esobasher aber regelmäßig einen Beweis dafür, dass hinter Waldorf eine rücksichtslose Mafia von Rechtsanwälten lauert, die alles und jeden versucht mundtot zu machen.
Der rationalistische und demokratische Anspruch der Esobasher wirkt zunächst sehr aufgeklärt und sachlich. Und wer könnte etwas dagegen haben, wenn Kindesmisshandlung angeprangert wird! Doch im Verlaufe einer Diskussion zeigt sich nicht selten, dass die scheinbar sachliche Kritik mehr und mehr zur Polemik mutiert, deren Argumentation nicht weiter als bis zu der Gleichung Eso=irrational=böse reicht. So werden Vertreter der Anthroposophie oder anderer esoterischer Richtungen und deren Arbeit pauschal als Idioten und Verrückte bezeichnet und es gilt als eine naturgegebene Selbstverständlichkeit, dass alles, was vom Dogma der Wissenschaftlichkeit abweicht, ausgemachter Blödsinn ist und allein aus diesem Grunde verboten werden sollte.
An dieser Stelle wird es dann weniger amüsant, denn da zeigt sich, wo die eigentliche Motivation steckt. Die polemischen und sophistischen Argumentationen zielen keineswegs auf einen Dialog ab. Es ist daher auch aussichtslos, einer Diskussion mit rationalen Argumenten beizukommen. Das Esobashing zielt vielmehr stets auf eine Stigmatisierung und eine daraus abgeleitete Forderung nach Verbot ab. Dafür ist in der Diskussion fast jedes Mittel recht und jede Halbwahrheit billig. Da stehen dann am Ende nicht selten die bedenklichsten Formen von Dogmatismus und Totalitarismus. Die Totalablehnung von Anthro und Waldorf gründet letzlich in einem dogmatisch einseitig szientistischen, linksideologischen oder christlich-dogmatischen Anspruch auf Interpretationshoheit jeder zivilen kulturellen Betätigung. Es geht dem Esobasher nicht darum, Gefahren und Irrungen der esoterischen Welt aufzudecken und anzuklagen, sondern es geht ihm darum, jeden von seiner eigenen Weltanschauung abweichenden Lebensentwurf als Normabweichung zu deklarieren und als solchen zu unterbinden. Und dafür wird durchaus auch schon mal das Grundgesetz und die dort garantierten freiheitlichen Rechte in Frage gestellt. So argumentiert
Das zeigt deutlich, worum es eigentlich geht: um staatliche Normpädagogik und kulturelle Gleichschaltung. Populärstes und populistischstes "Argument" ist immer wieder die Entrüstung darüber, dass der Staat überhaupt private Schulen und damit Pluralität finanziert! Die Rassismen in Steiners Werk, die Skandale an Waldorfschulen, das Aufbauschen der Schrulligkeit der Anthroszene zu einer bedrohlichen Sekte - es ist nichts anderes als der Kampf um das Alleinvertretungsrecht einer Ideologie. Es ist Antipluralismus, Intoleranz und letztlich ein faschistischer Anspruch einer Unterordnung des zivilen kulturellen Lebens und der individuellen Selbstbestimmung unter die Kontrolle einer staatlich-normativen Ideologie. Und die stets im Munde geführte Demokratie erweist sich als schierer Strohmann, um sich ins rechte Licht zu setzen. In Wahrheit werden zentrale demokratische Werte wie Selbstbestimmung, Bildungsfreiheit und Freiheit des weltanschaulichen Bekenntnisses in Frage gestellt. Was uns die Esobasher als Demokratie verkaufen wollen ist nichts anderes, als ein säkularer Religionsstaat, eine Diktatur der Norm und Einheitskultur.
Das ist in seiner Brisanz und seiner politischen Gefahr weit bedenklicher als alle Hinterwäldlereien und Irrationalismen der am Ende harmlos in ihrem eigenen Ätherleib verstrickten Anthroposophen zusammen! Es bleibt zu hoffen, dass es sich um eine ideologische Minderheit handelt, die sich nur dem am Thema Interessierten als ein nachhaltiges Phänomen zeigt und die nicht zuletzt mit Mitteln wie einem anonymen Blog (s. NWA, weil die Anthros ja eine gefährliche Mafia sind) oder zirkulären Selbstrefernzen versucht, sich Bedeutung anzudichten. Ich denke nicht, dass der gesellschaftliche Mainstream sich solchen antidemokratischen und totalitären Gesinnungen anschließen würde. Allerdings steckt diese Gesinnung hinter einer Maske aus wissenschaftlichem und aufklärerischem Pathos, die sicherlich manchen über die echten Beweggründe dieser Genossen täuschen wird. Und das ungefilterte Internet lässt ja so manche Filzlaus als Elefant erscheinen.
Störend für die Anthroposophie und die Waldorfbewegung sind sie aber nicht deswegen, weil sie Kritik daran üben, sondern weil ihr an der Sache völlig desinteressierter und auf die Ausrottung von weltanschaulicher Pluratlität ausgerichteter Kreuzzug eine sachliche Kritik an Anthroposophie und Waldorf stets lauthals überlagern, entqualifizieren und damit letzlich unmöglich machen. Denn, auch das muss gesagt werden, gerade eine sachliche Kritik und aufgeklärte Selbstreflexion fehlt der Anthroposophie und der Waldorfbewegung in geradezu lebensbedrohlicher Weise. Es gibt tatsächlich viel zu viele skandalöse Ansatzpunkte für die Enthüllungsritter und insbesondere wird die Aufarbeitung dieser Skandale und der Strukturen, auf denen sie wachsen, von innen sträflich und in nicht mehr nachvollziehbarem Maße vernachlässigt.
Dienstag, 15. Juli 2008
Ich bin frei
Guten Tag Herr Grauer,
vielen Dank für die Beantwortung unserer Sicherheitsabfrage.
Ich habe nun Ihr Amazon.de-Konto geschlossen und unsere Techniker um
die Löschung des Datensatzes gebeten. (...)
Ich bin befreit von der Krake Amazon, die versucht hat, mir durch Einschmuggeln von Artikeln in meinen Warenkorb Geld aus der Tasche zu ziehen und deren sog. "Kundenservice" sich geweigert hat, das Problem überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen (s. Amazon ist gestorben). Eine schriftliche Kündigung an die Rechtsabteilung hat den weiteren Kontakt mit dem "Kundenservice" erübrigt. Er ruhe auch fortan in Frieden...
Samstag, 5. Juli 2008
Die Waldorf-Nanny
Das IPSUM Institut in Stuttgart bietet seit einigen Jahren eine Zusatzausbildung zur Waldorf-Supernanny an. Spezialisiert auf Fragen der Frühkinderziehung und insbesondere der Elternberatung wird dort eben jenem Bedürfnis ein an der Waldorfpädagogik orientiertes Angebot geschaffen, das sich auch in den einschlägigen Sendungen wie "Super-Nanny" äußert. Immer mehr Eltern erleben die Erziehung als eine Aufgabe, die Qualifikationen und professionelle Beratung wünschenswert machen. Diesem Bedürfnis entspricht nun auch Susanne Vieser auf Ihrer Website http://www.frühekindheit.de. Sie hat das IPSUM-Zertifikat und bietet neben Ihrer Tätigkeit als Waldorferziehung nun auch Beratung, Frühförderung und Kleinkindgruppen an. (näheres auf http://www.frühekindheit.de, auch unter www.magdalena-rau.de findet sich eine befreundete Waldorf-Nanny aus der IPSUM-Schule).
Dass mich das so brennend interessiert liegt daran, dass Susanne Vieser meine Schwester ist. Dadurch habe ich auch aus erster Hand viele Informationen über die IPSUM-Ausbildung, die sich als relativ neue Institution offenbar von vielen angestaubten Waldorf-Klischees befreien konnte und den aktuellen Stand der Wissenschaft in ihr Programm integriert. So wurden neben üblichen Anregungen von Steiner auch z.B. die Erkenntnisse des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer einbezogen. Die Ausbildung zielt außerdem auf einen Dialogischen Ansatz insbesondere bei der Beratung, in dem keine Rezepte vorgegeben werden, sondern im Dialog mit den Eltern versucht wird, individuelle pädagogische Herausforderungen zu analysieren und zu einem adäquaten Umgang damit zu kommen.
Ich wünsche allen Waldorf-Nannies, besonders aber meiner lieben Schwester viel Erfolg mit dem neuen Projekt!
Dass mich das so brennend interessiert liegt daran, dass Susanne Vieser meine Schwester ist. Dadurch habe ich auch aus erster Hand viele Informationen über die IPSUM-Ausbildung, die sich als relativ neue Institution offenbar von vielen angestaubten Waldorf-Klischees befreien konnte und den aktuellen Stand der Wissenschaft in ihr Programm integriert. So wurden neben üblichen Anregungen von Steiner auch z.B. die Erkenntnisse des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer einbezogen. Die Ausbildung zielt außerdem auf einen Dialogischen Ansatz insbesondere bei der Beratung, in dem keine Rezepte vorgegeben werden, sondern im Dialog mit den Eltern versucht wird, individuelle pädagogische Herausforderungen zu analysieren und zu einem adäquaten Umgang damit zu kommen.
Ich wünsche allen Waldorf-Nannies, besonders aber meiner lieben Schwester viel Erfolg mit dem neuen Projekt!
Geschrieben von Christian Grauer
in Anthroposophie, Gesellschaft
um
19:35
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Donnerstag, 3. Juli 2008
Shared-Space - für Fahrradfahrer schon Wirklichkeit
In der niedersächsischen Gemeinde Bohmte wird das EU-Projekt Shared-Space getestet: keine getrennten Verkehrswege mehr für Fußgänger und Autos, keine Schilder, keine Ampeln. Es herrschen die Grundregeln Rechts vor Links und Rücksichtnahme. Das Projekt dient als Versuch und soll zeigen, ob durch Deregulierung die Sicherheit erhöht werden kann. Gleichzeitig wird der Verkehrsraum als Lebensraum attraktiver.
Dass sich überhaupt eine deutsche Gemeinde für ein solches Projekt erwärmen konnte, ist schon sensationell. Denn eigentlich übersteigt es die deutsche Vorstellungskraft, dass man auf unserem Lieblingsschlachtfeld ganz ohne Regulierung auskommen soll. Wie soll ich wissen, was ich tun muss, wenn kein Schild mir Vorschriften macht? Kann ich überhaupt noch fahren, wenn ich mich nicht auf mein ungeteiltes Recht auf Vorfahrt berufen kann? Muss ich am Ende auf eine minutiöse Handlungsanweisung verzichten und womöglich beginnen, zu kommunizieren? Denn genau darin liegt der Kern von Shared-Space, wie der Verkehrsplaner Hans Mondermann erklärt: "wenn man sich gegenseitig in die Augen blickt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen."
Es geht also keineswegs darum, Regeln abzuschaffen, sondern ganz im Gegenteil, die Regeln zu stärken. Statt der Illusion zu erliegen, man könne wie in einem Computerprogramm den gesamten Ablauf des Verkehrs durch Schilder und weiße Pfeile auf der Straße steuern und kontrollieren, setzt man darauf, dass ein System aus intelligenten Individuen anhand überschaubarer Regeln selbstregulierend funktioniert. So wie das z.B. auch in einer Fußgängerzone geht, wo noch jeder an jedem vorbeigekommen ist. Nicht zuletzt durch Kommunikation. Und wenn es doch Missverständnisse gibt, dann rennt man sich nicht über den Haufen sondern bleibt eventuell im Synchronen hin und her voreinander angewurzelt, bis man sich - eben durch Kommunikation - auf eine Lösung einigt. Dadurch ist noch keiner zu spät zur Arbeit gekommen.
Für den Fahrradfahrer auf deutschen Straßen, insbesondere in Städten wie z.B. Stuttgart, ist Shared-Space ohnehin schon längst Wirklichkeit. Denn er hat keinen eigenen Raum. Die paar Fahrradwege, die existieren und benutzbar sind, teilt er entweder mit Fußgängern oder mit Autofahrern. Wirklich separate Verkehrswege sind die Ausnahme. So ist man als Radfahrer ständig in der Not, Rücksicht zu nehmen auf Fußgänger, die nicht mit Fahrradfahrern rechnen, schon gar nicht von hinten - und zurecht, denn man geht im Park spazieren, um die Gedanken schweifen zu lassen oder Gespräche zu führen, nicht um vor herransausenden Rädern zu fliehen - oder Obacht zu geben auf Autofahrer, für die Fahrradfahrer ein Störfaktor sind, den es durch knappstes Überholen und Schneiden, durch herzstillstandverursachendes Hupen von hinten oder durch schlichtes Ignorieren zu bekämpfen gilt. Völlig vogelfrei und zum Abschuss freigegeben sind Fahrradfahrer immer dann, wenn sie auf einer Straße fahren, obwohl ein Fahrradweg existiert. Meine eindrücklichsten Nahtodeserlebnisse gehen auf solche Situationen zurück. Dass Fahrradfahrer dies tun - dem Autofahrer also mutwillig einen Shared-Space aufnötigen - ist für den Automobilisten meist völlig unverständlich. Aus Radfahrersicht gibt es allerdings in vielen Fällen gute Gründe, die einer Erörterung wert sind.
Dass der Shared-Space für Radfahrer aber nicht wirklich funktioniert, liegt daran, dass er nur Gast im Space ist und der jeweils andere nicht einmal ahnt, dass es da etwas zu teilen gibt. Er empfindet den Radfahrer nur als Eindringling, so wie es der ehrgeizige Mobilist auch als Übergriff empfindet, wenn eine andere Karosse auf die Idee kommt, vor ihm auf seine Fahrspur zu wechseln und dieses Vorhaben auch durchführt, obwohl der Mobilist durch Hupzeichen deutlich klargestellt zu haben meint, dass er dazu keine Erlaubnis gegeben hat.
Durch Shared-Space wird diese Art des Eigentumsbegriffes über Bord geworfen und es würden die Unfallzahlen schon deswegen rapide sinken, weil all jene Unfälle entfielen, die entstehen, weil jemand trotz rechtzeitigen Erkennens der Gefahrensituation noch hupend beschleunigt, weil er schließlich im Recht ist und diesem Recht Geltung verschaffen will. Shared-Space setzt dieses Recht aus. Wo es kein Verbot gibt, kann es auch keine Übertretung geben. Und wo es keine Übertretung gibt, ist niemand im Recht, sondern nur in der Pflicht, für eine Lösung zu sorgen. Und die heißt im Notfall: bremsen oder ausweichen! Als Radfahrer kennt man diese Option sehr gut, denn die relative Verletzlichkeit des Radfahrers gegenüber dem Auto lässt einen im eignen Interesse darauf verzichten, seine Rechte durchzusetzen, auch wenn sie noch so glasklar zutage liegen.
Hinter diesen Nützlichkeitserwägungen hinsichtlich Verkehrsfluss und Sicherheit, die man natürlich vorschieben muss, weil sich hier niemand für eine Idee erwärmen würde, wenn sich kein äußerer Nutzen nachweisen ließe (wir leben in Deutschland schließlich nicht zum Spaß!), ist aber das eigentlich verlockende an Shared-Space, dass die Straße in der Stadt wieder von der industriellen Logistikfläche
zum sozialen Raum würde. Denn auch die Fußgängerzone ist da eigentlich nur ein schlechter Behelf. Denn während natürlich Autostraßen in der Stadt durch ihren Lärm und ihre Gefahren, mit denen sie den sozialen Raum zerschneiden, völlig deplaziert sind, gehören aber dennoch Autos zum sozialen Leben hinzu. Man kann Autos nicht aus der Stadt eleminieren, denn in den Autos sitzen Menschen, und die gehören essentiell zu einer Stadt dazu. Shared-Space würde es aber möglich machen, den städtischen Raum, der durch isolierte Autostraßen sozial brach liegt, wieder urbar zu machen. Und zwar mit Autos! Wer einmal in Italien am Abend eine Piazza in einer Z.T.L (Verkehrsbeschränkten Zone) besucht hat, weiß, wie das funktionieren kann, wie fügsam sich Autos ins Fußgängergetümmel einordnen können und wie kommunikativ es sein kann, doch mit dem Auto schnell beim Bäcker vorbeifahren zu können und sogar ohne auf Parkplatzmarkierungen und Zahlscheine zu achten direkt vor dem Bäcker einfach anzuhalten und auszusteigen. Solange irgendwo noch Platz für andere ist, vorbei zu kommen.
Doch solange in Stuttgart mitten durch die Stadt noch 6-Spurige Autobahnen mit Transitverkehr führen, die Ampeln für jede einzelne Spur eine eigene Phase haben und nur 100 Meter weiter in der Hauptfußgängerzone, dem Herz der Stadt, Fahrradverbot besteht, ist man von der Idee eines Shared-Space noch Lichtjahre entfernt. Dazu muss sich zunächst einmal die Erkenntnis durchsetzen, dass soziale Interaktion - denn nichts anderes ist der Straßenverkehr - von Kommunikation lebt und nicht von einer zentralen Steuerung von Oben. Und dass der Straßenverkehr, zumal in der Stadt, kein Wettkampf sondern ein sozialer Akt ist.
Und es ist ausdrücklich erlaubt, seinen Verstand zu benutzen!
Dass sich überhaupt eine deutsche Gemeinde für ein solches Projekt erwärmen konnte, ist schon sensationell. Denn eigentlich übersteigt es die deutsche Vorstellungskraft, dass man auf unserem Lieblingsschlachtfeld ganz ohne Regulierung auskommen soll. Wie soll ich wissen, was ich tun muss, wenn kein Schild mir Vorschriften macht? Kann ich überhaupt noch fahren, wenn ich mich nicht auf mein ungeteiltes Recht auf Vorfahrt berufen kann? Muss ich am Ende auf eine minutiöse Handlungsanweisung verzichten und womöglich beginnen, zu kommunizieren? Denn genau darin liegt der Kern von Shared-Space, wie der Verkehrsplaner Hans Mondermann erklärt: "wenn man sich gegenseitig in die Augen blickt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen."
Es geht also keineswegs darum, Regeln abzuschaffen, sondern ganz im Gegenteil, die Regeln zu stärken. Statt der Illusion zu erliegen, man könne wie in einem Computerprogramm den gesamten Ablauf des Verkehrs durch Schilder und weiße Pfeile auf der Straße steuern und kontrollieren, setzt man darauf, dass ein System aus intelligenten Individuen anhand überschaubarer Regeln selbstregulierend funktioniert. So wie das z.B. auch in einer Fußgängerzone geht, wo noch jeder an jedem vorbeigekommen ist. Nicht zuletzt durch Kommunikation. Und wenn es doch Missverständnisse gibt, dann rennt man sich nicht über den Haufen sondern bleibt eventuell im Synchronen hin und her voreinander angewurzelt, bis man sich - eben durch Kommunikation - auf eine Lösung einigt. Dadurch ist noch keiner zu spät zur Arbeit gekommen.
Für den Fahrradfahrer auf deutschen Straßen, insbesondere in Städten wie z.B. Stuttgart, ist Shared-Space ohnehin schon längst Wirklichkeit. Denn er hat keinen eigenen Raum. Die paar Fahrradwege, die existieren und benutzbar sind, teilt er entweder mit Fußgängern oder mit Autofahrern. Wirklich separate Verkehrswege sind die Ausnahme. So ist man als Radfahrer ständig in der Not, Rücksicht zu nehmen auf Fußgänger, die nicht mit Fahrradfahrern rechnen, schon gar nicht von hinten - und zurecht, denn man geht im Park spazieren, um die Gedanken schweifen zu lassen oder Gespräche zu führen, nicht um vor herransausenden Rädern zu fliehen - oder Obacht zu geben auf Autofahrer, für die Fahrradfahrer ein Störfaktor sind, den es durch knappstes Überholen und Schneiden, durch herzstillstandverursachendes Hupen von hinten oder durch schlichtes Ignorieren zu bekämpfen gilt. Völlig vogelfrei und zum Abschuss freigegeben sind Fahrradfahrer immer dann, wenn sie auf einer Straße fahren, obwohl ein Fahrradweg existiert. Meine eindrücklichsten Nahtodeserlebnisse gehen auf solche Situationen zurück. Dass Fahrradfahrer dies tun - dem Autofahrer also mutwillig einen Shared-Space aufnötigen - ist für den Automobilisten meist völlig unverständlich. Aus Radfahrersicht gibt es allerdings in vielen Fällen gute Gründe, die einer Erörterung wert sind.
Dass der Shared-Space für Radfahrer aber nicht wirklich funktioniert, liegt daran, dass er nur Gast im Space ist und der jeweils andere nicht einmal ahnt, dass es da etwas zu teilen gibt. Er empfindet den Radfahrer nur als Eindringling, so wie es der ehrgeizige Mobilist auch als Übergriff empfindet, wenn eine andere Karosse auf die Idee kommt, vor ihm auf seine Fahrspur zu wechseln und dieses Vorhaben auch durchführt, obwohl der Mobilist durch Hupzeichen deutlich klargestellt zu haben meint, dass er dazu keine Erlaubnis gegeben hat.
Durch Shared-Space wird diese Art des Eigentumsbegriffes über Bord geworfen und es würden die Unfallzahlen schon deswegen rapide sinken, weil all jene Unfälle entfielen, die entstehen, weil jemand trotz rechtzeitigen Erkennens der Gefahrensituation noch hupend beschleunigt, weil er schließlich im Recht ist und diesem Recht Geltung verschaffen will. Shared-Space setzt dieses Recht aus. Wo es kein Verbot gibt, kann es auch keine Übertretung geben. Und wo es keine Übertretung gibt, ist niemand im Recht, sondern nur in der Pflicht, für eine Lösung zu sorgen. Und die heißt im Notfall: bremsen oder ausweichen! Als Radfahrer kennt man diese Option sehr gut, denn die relative Verletzlichkeit des Radfahrers gegenüber dem Auto lässt einen im eignen Interesse darauf verzichten, seine Rechte durchzusetzen, auch wenn sie noch so glasklar zutage liegen.
Hinter diesen Nützlichkeitserwägungen hinsichtlich Verkehrsfluss und Sicherheit, die man natürlich vorschieben muss, weil sich hier niemand für eine Idee erwärmen würde, wenn sich kein äußerer Nutzen nachweisen ließe (wir leben in Deutschland schließlich nicht zum Spaß!), ist aber das eigentlich verlockende an Shared-Space, dass die Straße in der Stadt wieder von der industriellen Logistikfläche
zum sozialen Raum würde. Denn auch die Fußgängerzone ist da eigentlich nur ein schlechter Behelf. Denn während natürlich Autostraßen in der Stadt durch ihren Lärm und ihre Gefahren, mit denen sie den sozialen Raum zerschneiden, völlig deplaziert sind, gehören aber dennoch Autos zum sozialen Leben hinzu. Man kann Autos nicht aus der Stadt eleminieren, denn in den Autos sitzen Menschen, und die gehören essentiell zu einer Stadt dazu. Shared-Space würde es aber möglich machen, den städtischen Raum, der durch isolierte Autostraßen sozial brach liegt, wieder urbar zu machen. Und zwar mit Autos! Wer einmal in Italien am Abend eine Piazza in einer Z.T.L (Verkehrsbeschränkten Zone) besucht hat, weiß, wie das funktionieren kann, wie fügsam sich Autos ins Fußgängergetümmel einordnen können und wie kommunikativ es sein kann, doch mit dem Auto schnell beim Bäcker vorbeifahren zu können und sogar ohne auf Parkplatzmarkierungen und Zahlscheine zu achten direkt vor dem Bäcker einfach anzuhalten und auszusteigen. Solange irgendwo noch Platz für andere ist, vorbei zu kommen.
Doch solange in Stuttgart mitten durch die Stadt noch 6-Spurige Autobahnen mit Transitverkehr führen, die Ampeln für jede einzelne Spur eine eigene Phase haben und nur 100 Meter weiter in der Hauptfußgängerzone, dem Herz der Stadt, Fahrradverbot besteht, ist man von der Idee eines Shared-Space noch Lichtjahre entfernt. Dazu muss sich zunächst einmal die Erkenntnis durchsetzen, dass soziale Interaktion - denn nichts anderes ist der Straßenverkehr - von Kommunikation lebt und nicht von einer zentralen Steuerung von Oben. Und dass der Straßenverkehr, zumal in der Stadt, kein Wettkampf sondern ein sozialer Akt ist.
Und es ist ausdrücklich erlaubt, seinen Verstand zu benutzen!
Montag, 5. Mai 2008
Veranstaltung: Bewusstseinstheorie und Meditation
Am 27. Juni um 19:00 darf ich bei EnlightenNext zu Gast sein und gemeinsam mit Tom Steininger von EnlightenNext die Natur des Bewusstseins erforschen. Können sich Bewusstseinstheorie und meditative Praxis über das Phänomen Bewusstsein verständigen? Lässt sich das eine im anderen wiederfinden?
Ich freue mich sehr über die Möglichkeit, meinen philosophischen Ansatz nach dieser Richtung auszuloten und in einen Dialog mit meditativen Erfahrungswelten zu bringen. Es verspricht ein spannender Abend mit starken Kontrasten, aber vielleicht auch mit überraschenden Schnittpunkten zu werden.
Termin:
27. Juni 2008, 19:00 Uhr
Ort:
EnlightenNext, Kirchgartenstr. 3, 60439 Frankfurt
Ich freue mich sehr über die Möglichkeit, meinen philosophischen Ansatz nach dieser Richtung auszuloten und in einen Dialog mit meditativen Erfahrungswelten zu bringen. Es verspricht ein spannender Abend mit starken Kontrasten, aber vielleicht auch mit überraschenden Schnittpunkten zu werden.
Termin:
27. Juni 2008, 19:00 Uhr
Ort:
EnlightenNext, Kirchgartenstr. 3, 60439 Frankfurt
Sonntag, 4. Mai 2008
Veranstaltung: Post-theosophische Anthroposophie
Unter dem Titel "Post-theosophische Anthroposophie - der ursprüngliche Rudolf Steiner" wird am 20./21. September 2008 ein Seminar in Zusammenarbeit von Info3 und der Werkgemeinschaft in Berlin mit Anna-Katharina Dehmelt, Sebastian Gronbach, Dr. Jens Heisterkamp, Michael Habecker und mir stattfinden. Weitere Informationen werde ich zu gegebener Zeit hier veröffentlichen.
Termin:
20./21. September 2008
Ort:
Berlin
Achtung: der in Info3 Ausgabe 04/08 angegebene Termin musste leider nach Drucklegung verschoben werden und ist somit falsch. Richtig ist der 20./21. September 2008
Nachtrag: aktuelle Informationen zu der Veranstaltung finden Sie in meinem neuen Eintrag:
Tagung Ursprüngliche Anthroposophie 20./21.9.08 in Berlin
Termin:
20./21. September 2008
Ort:
Berlin
Achtung: der in Info3 Ausgabe 04/08 angegebene Termin musste leider nach Drucklegung verschoben werden und ist somit falsch. Richtig ist der 20./21. September 2008
Nachtrag: aktuelle Informationen zu der Veranstaltung finden Sie in meinem neuen Eintrag:
Tagung Ursprüngliche Anthroposophie 20./21.9.08 in Berlin
Samstag, 5. Januar 2008
Seminar in Frankfurt am 1. Februar
Unter dem Titel "Wirklichkeit und Bewusstsein" wird am 1. Februar im Rudolf Steiner Haus in Frankfurt ein Seminar zu meinem Buch "Am Anfang war die Unterscheidung" stattfinden.
Das Seminar ist als philosophische Diskussionsrunde angelegt, in der einige Thesen meines Buches ausgeführt und im Dialog erörtert werden sollen.
Jeder Interessierte ist herzlich eingeladen.
Veranstaltungsort:
Rudolf-Steiner-Haus Frankfurt
Hügelstr. 67
60433 Frankfurt am Main
Termin:
Fr. 1. Februar 2008, 18:00 bis ca. 21:00
Eintritt:
8,- EUR (erm. 5,- EUR)
Veranstalter:
Rudolf-Steiner-Haus Frankfurt
Amselhof-Buchhandlung
Info 3 Verlag
Das Seminar ist als philosophische Diskussionsrunde angelegt, in der einige Thesen meines Buches ausgeführt und im Dialog erörtert werden sollen.
Jeder Interessierte ist herzlich eingeladen.
Veranstaltungsort:
Rudolf-Steiner-Haus Frankfurt
Hügelstr. 67
60433 Frankfurt am Main
Termin:
Fr. 1. Februar 2008, 18:00 bis ca. 21:00
Eintritt:
8,- EUR (erm. 5,- EUR)
Veranstalter:
Rudolf-Steiner-Haus Frankfurt
Amselhof-Buchhandlung
Info 3 Verlag
Freitag, 21. Dezember 2007
Amazon ist gestorben
Amazon ist tot! Zumindest für mich.
Man stelle sich folgende Szene vor:
Ich stehe im Supermarkt an der Kasse, die Verkäuferin nennt mir den Preis und merkt an: "das Joghurt ist schon abgelaufen, das wissen Sie, das ist ein Sonderposten" - Joghurt? Joghurt? Das habe ich doch gar nicht gekauft!! Wie kommt das in meinen Einkaufskorb??? "Das lag hier auf dem Band", sagt die Verkäuferin. Ich lasse den Abteilungsleiter kommen. Der schaut sich das Joghurt an: er murmelt: "das führen wir schon seit 7 Wochen nicht mehr. " - "Wie kann ich es dann in meinen Einkaufskorb gelegt haben?" frage ich erstaunt zurück. "Das weiß ich nicht" sagt der Abteilungleiter, wahrscheinlich haben Sie Ihren Wagen offen herumstehen lassen und jemand anderes hat sich einen Scherz erlaubt." Jemand hat Joghurts in meinen Wagen gelegt, die es gar nicht gibt? Ich gehe ohne zu zahlen und ohne Waren und schreibe einen Brief an die Geschäftsleitung, in dem ich alles erläutere. Einen Tag später erhalte ich ein Fax mit einer vorgedruckten Bedienungsanleitung für Einkaufswägen.
Sie halten die Geschichte für unglaubwürdig? Genau das ist mir aber passiert. Allerdings nicht im Supermarkt, sondern bei Amazon!
"Amazon ist gestorben" vollständig lesen
Man stelle sich folgende Szene vor:
Ich stehe im Supermarkt an der Kasse, die Verkäuferin nennt mir den Preis und merkt an: "das Joghurt ist schon abgelaufen, das wissen Sie, das ist ein Sonderposten" - Joghurt? Joghurt? Das habe ich doch gar nicht gekauft!! Wie kommt das in meinen Einkaufskorb??? "Das lag hier auf dem Band", sagt die Verkäuferin. Ich lasse den Abteilungsleiter kommen. Der schaut sich das Joghurt an: er murmelt: "das führen wir schon seit 7 Wochen nicht mehr. " - "Wie kann ich es dann in meinen Einkaufskorb gelegt haben?" frage ich erstaunt zurück. "Das weiß ich nicht" sagt der Abteilungleiter, wahrscheinlich haben Sie Ihren Wagen offen herumstehen lassen und jemand anderes hat sich einen Scherz erlaubt." Jemand hat Joghurts in meinen Wagen gelegt, die es gar nicht gibt? Ich gehe ohne zu zahlen und ohne Waren und schreibe einen Brief an die Geschäftsleitung, in dem ich alles erläutere. Einen Tag später erhalte ich ein Fax mit einer vorgedruckten Bedienungsanleitung für Einkaufswägen.
Sie halten die Geschichte für unglaubwürdig? Genau das ist mir aber passiert. Allerdings nicht im Supermarkt, sondern bei Amazon!
Mittwoch, 28. November 2007
Bewusstseins-Erfahrung als Mystik
"Bewusstseins-Erfahrung als Mystik - Steiner, Husserl, Luhmann". Das war der Titel, den der Veranstalter meinem Vortrag gegeben hatte. Zwei Wochen lang habe ich keine Zeit gefunden, mich vorzubereiten, dann saß ich im Zug nach Alfter auf meinem reservierten Platz, den ich mir im überfüllten Zug aber ebenso wie meinen Kopf erst einmal freikämpfen musste.
Mystik. Ich hatte mir zurechtgelegt, entlang einiger Kapitel meines Buches etwas über die Umkehrung des Bewusstseinsbegriffes von der Innenraum-Vorstellung zum überräumlichen und überzeitlichen Modus alles Seienden und zur Auflösung des Subjektes in seine Operationen und damit zur Hintergehbarkeit des Ich-Begriffes zu sagen. Hat das mit Mystik zu tun?
Ich war zum ersten Mal in Alfter. Ein alter Gutshof, umgbaut zu einer kleinen Privat-Uni. Anthroposophische Massivholz-Rustikalität mit moderner organisch-ökologischer Zweckbau-Architektur. Dazwischen Studenten, die kreativ und selbstbewusst wirken. Knapp 100 der 400 Studenten der Hochschule nehmen an dem Symposium teil, dazu noch ca. 20 oder 30 externe Teilnehmer. Das Symposium ist Teil der regulären Wahlpflichtveranstaltungen im Studium Generale, einem Studienteil, in dem jeder Student, gleich welcher Fachrichtung, einen interdisziplinären, vorwiegend kulturwissenschaftlichen Parcour als Basisbildung durchläuft, um dann umso autonomer und projektorientierter seine eigentlichen Fachstudien durchzuführen (wenn ich das richtig verstanden habe).
Nun aber Mystik. Marcelo da Veiga führt mit einem Geistesgeschichtlichen Abriss und einigen Überlegungen zur Stellung der Mystik in der Gegenwart ins Thema ein. Danach folgt ein Vortrag von Manfred Krüger über die Mystik im Werk Albrecht Dürers. In einer übersichtlichen Kunstbetrachtung zeigt er, wie sich die Themen Selbsterkenntnis und "...der Christus in mir" in Dürers Werk, insbesondere in seinen Selbstbildnissen niederschlagen. Dann folgt eine eurythmische Performance, die zeigt, dass auch Eurythmie prinzipiell ins 21. Jahrhundert transponierbar ist. Danach ein kurzes Plenum zu den beiden Vorträgen.
Am Abend werde ich Zeuge einer Rundfunkproduktion zum Thema Online-Dating, die im Rahmen einer Diplomarbeit im Fach Schauspiel vor Ort und mit Publikum aufgezeichnet wird. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, meinen Vortrag wirklich vorzubereiten, denn es trennen mich nur noch ca. 16 Stunden von seinem Gehaltenwerden. Ich denke, einige Überlegungen zu der Tatsache, dass Symposien ursprünglich im Liegen stattfanden und in Verbindung mit Wein, gutem Essen und hübschen Knaben standen, sollte der einzigen mir bekannten rhetorischen Grundregel genügen: unbedingt mit einem Witz beginnen! Darüberhinaus haben mir die bereits gehörten Vorträge doch ein etwas klareres Bild über die zentralen Aspekte der Mystik verschafft. Dieses Bild wird am Morgen des zweiten Tages durch einen Vortrag von Ibraim Abouleish, den Bezwinger der ägyptischen Wüste, zum Thema Mystik im Islam ergänzt.
Obwohl ich mich eigentlich mit Mystik nie wirklich beschäftigt habe, ist meine philosophische Perspektive, die ich in meinem Buch als "ontologischen Monismus" bezeichnet habe, und die sowohl die Phänomenologie Husserls als auch die Systemtheorie von Luhmann einbezieht, doch insoweit mit Mystik kompatibel, als es sich im Unterschied zu bewusstseinsphilosophischen und analytischen Ansätzen um einen prinzipiell Erfahrungsbasierten Zugang handelt, der dem Ich und der Erscheinungswelt den selben Wirklichkeitsgrund zuspricht.
Vor mir spricht aber noch Jens Heisterkamp, dem ich als meinem Verleger verdanke, überhaupt in diesen Ring steigen zu dürfen. Er stellt die drei spirituellen Beweger Eckhard Tolle, Ken Wilber und Andrew Cohen als Vertreter einer modernen, westlichen Mystik in prägnanten, kurzen und dennoch erstaunlich umfassenden Portraits vor. Nach dem Mittagessen bin ich dann selbst an der Reihe und so versuche ich, dem Publikum verständlich zu machen, was in meinem Kopf vor sich geht - und was nicht. Dabei bin ich überrascht über den Genuss, den ich aus der Möglichkeit ziehe, eine ausgedehnte Pause beim Sprechen machen zu können, ohne dass jemand das Wort an sich reißt, dazwischen redet oder mich auf andere Weise vom Verfolgen eines Gedankens ablenkt. Das konzentrierte Interesse des Publikums zeigte sich aber nicht nur beim aufmerksamen Zuhören sondern auch in gezielten Fragen während der Aussprache und im späteren Plenum, das nach dem letzten Vortrag von Jost Schieren über Mystik und Erkenntnis und einer abermaligen eurythmischen Performance stattfand.
Das größte Faszinosum an diesem Tag war für mich aber die offene Begeisterung, die von den Studierenden sowohl im Plenum als auch in Diskussionen während der Pausen ausging. Nicht nur dass ich das Gefühl hatte, hier unter Menschen zu sein, für die Philosophie weder schiere Profession noch bloßes Delektieren an semantischen Strukturen ist, sondern echtes Fragen - ich fand dort jenen authentischen wissenschaftlich-kreativen Geist unter den Studierenden, den ich in meinem eigenen Studium an "konventionellen" Universitätsinstituten stets vermisst habe. Die ganzen Tage danach war ich elektrisiert von diesem gesamten Ereignis, das mir ganz lebendig vor Augen geführt hat, wie ich mir eine Beschäftigung mit Philosophie idealerweise vorstellen könnte und dass diese Art der Beschäftigung weniger inhaltlich als vielmehr methodisch und in ihrer Haltung tatsächlich etwas mit Mystik zu tun hat. So wurde ich in Alfter aus meiner sturen Alltagsbeschäftigung etwas herausgehoben und konnte ein Stück vom großen Licht sehen!
Mystik. Ich hatte mir zurechtgelegt, entlang einiger Kapitel meines Buches etwas über die Umkehrung des Bewusstseinsbegriffes von der Innenraum-Vorstellung zum überräumlichen und überzeitlichen Modus alles Seienden und zur Auflösung des Subjektes in seine Operationen und damit zur Hintergehbarkeit des Ich-Begriffes zu sagen. Hat das mit Mystik zu tun?
Ich war zum ersten Mal in Alfter. Ein alter Gutshof, umgbaut zu einer kleinen Privat-Uni. Anthroposophische Massivholz-Rustikalität mit moderner organisch-ökologischer Zweckbau-Architektur. Dazwischen Studenten, die kreativ und selbstbewusst wirken. Knapp 100 der 400 Studenten der Hochschule nehmen an dem Symposium teil, dazu noch ca. 20 oder 30 externe Teilnehmer. Das Symposium ist Teil der regulären Wahlpflichtveranstaltungen im Studium Generale, einem Studienteil, in dem jeder Student, gleich welcher Fachrichtung, einen interdisziplinären, vorwiegend kulturwissenschaftlichen Parcour als Basisbildung durchläuft, um dann umso autonomer und projektorientierter seine eigentlichen Fachstudien durchzuführen (wenn ich das richtig verstanden habe).
Nun aber Mystik. Marcelo da Veiga führt mit einem Geistesgeschichtlichen Abriss und einigen Überlegungen zur Stellung der Mystik in der Gegenwart ins Thema ein. Danach folgt ein Vortrag von Manfred Krüger über die Mystik im Werk Albrecht Dürers. In einer übersichtlichen Kunstbetrachtung zeigt er, wie sich die Themen Selbsterkenntnis und "...der Christus in mir" in Dürers Werk, insbesondere in seinen Selbstbildnissen niederschlagen. Dann folgt eine eurythmische Performance, die zeigt, dass auch Eurythmie prinzipiell ins 21. Jahrhundert transponierbar ist. Danach ein kurzes Plenum zu den beiden Vorträgen.
Am Abend werde ich Zeuge einer Rundfunkproduktion zum Thema Online-Dating, die im Rahmen einer Diplomarbeit im Fach Schauspiel vor Ort und mit Publikum aufgezeichnet wird. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, meinen Vortrag wirklich vorzubereiten, denn es trennen mich nur noch ca. 16 Stunden von seinem Gehaltenwerden. Ich denke, einige Überlegungen zu der Tatsache, dass Symposien ursprünglich im Liegen stattfanden und in Verbindung mit Wein, gutem Essen und hübschen Knaben standen, sollte der einzigen mir bekannten rhetorischen Grundregel genügen: unbedingt mit einem Witz beginnen! Darüberhinaus haben mir die bereits gehörten Vorträge doch ein etwas klareres Bild über die zentralen Aspekte der Mystik verschafft. Dieses Bild wird am Morgen des zweiten Tages durch einen Vortrag von Ibraim Abouleish, den Bezwinger der ägyptischen Wüste, zum Thema Mystik im Islam ergänzt.
Obwohl ich mich eigentlich mit Mystik nie wirklich beschäftigt habe, ist meine philosophische Perspektive, die ich in meinem Buch als "ontologischen Monismus" bezeichnet habe, und die sowohl die Phänomenologie Husserls als auch die Systemtheorie von Luhmann einbezieht, doch insoweit mit Mystik kompatibel, als es sich im Unterschied zu bewusstseinsphilosophischen und analytischen Ansätzen um einen prinzipiell Erfahrungsbasierten Zugang handelt, der dem Ich und der Erscheinungswelt den selben Wirklichkeitsgrund zuspricht.
Vor mir spricht aber noch Jens Heisterkamp, dem ich als meinem Verleger verdanke, überhaupt in diesen Ring steigen zu dürfen. Er stellt die drei spirituellen Beweger Eckhard Tolle, Ken Wilber und Andrew Cohen als Vertreter einer modernen, westlichen Mystik in prägnanten, kurzen und dennoch erstaunlich umfassenden Portraits vor. Nach dem Mittagessen bin ich dann selbst an der Reihe und so versuche ich, dem Publikum verständlich zu machen, was in meinem Kopf vor sich geht - und was nicht. Dabei bin ich überrascht über den Genuss, den ich aus der Möglichkeit ziehe, eine ausgedehnte Pause beim Sprechen machen zu können, ohne dass jemand das Wort an sich reißt, dazwischen redet oder mich auf andere Weise vom Verfolgen eines Gedankens ablenkt. Das konzentrierte Interesse des Publikums zeigte sich aber nicht nur beim aufmerksamen Zuhören sondern auch in gezielten Fragen während der Aussprache und im späteren Plenum, das nach dem letzten Vortrag von Jost Schieren über Mystik und Erkenntnis und einer abermaligen eurythmischen Performance stattfand.
Das größte Faszinosum an diesem Tag war für mich aber die offene Begeisterung, die von den Studierenden sowohl im Plenum als auch in Diskussionen während der Pausen ausging. Nicht nur dass ich das Gefühl hatte, hier unter Menschen zu sein, für die Philosophie weder schiere Profession noch bloßes Delektieren an semantischen Strukturen ist, sondern echtes Fragen - ich fand dort jenen authentischen wissenschaftlich-kreativen Geist unter den Studierenden, den ich in meinem eigenen Studium an "konventionellen" Universitätsinstituten stets vermisst habe. Die ganzen Tage danach war ich elektrisiert von diesem gesamten Ereignis, das mir ganz lebendig vor Augen geführt hat, wie ich mir eine Beschäftigung mit Philosophie idealerweise vorstellen könnte und dass diese Art der Beschäftigung weniger inhaltlich als vielmehr methodisch und in ihrer Haltung tatsächlich etwas mit Mystik zu tun hat. So wurde ich in Alfter aus meiner sturen Alltagsbeschäftigung etwas herausgehoben und konnte ein Stück vom großen Licht sehen!
Mittwoch, 31. Oktober 2007
Perspektiven der Mystik
Am 23. und 24.11.2007 findet an der Alanus Hochschule in Alfter ein Symposium mit dem Titel "Perspektiven der Mystik" statt, bei dem ich ein Referat zum Thema "Bewusstseinserfahrung als Mystik - Steiner, Husserl, Luhmann" halten werde. Außerdem werden Vorträge von Marcelo da Veiga, Manfred Krüger, Ibraim Abouleish, Jens Heisterkamp und Jost Schieren zu hören sein.
In der Ankündigung zum Symposium heißt es: "Im Zeitalter der Rationalität scheint das Thema 'Mystik' allein auf vergangene kulturelle Strömungen zu verweisen, die allerdings eine große identitätsstiftende Macht besaßen. Die Tagung möchte nach den Perpektiven einer modernen Mystik fragen, die neben einer berechtigten kulturellen Differenzierung zugleich auch die Dimension einer spirituellen Gemeinsamkeit eröffnet."
Weitere Informationen zur Veranstaltung: Perspektiven_der_Mystik.pdf
Weitere Informationen zur Alanus Hochschule: www.alanus.edu
In der Ankündigung zum Symposium heißt es: "Im Zeitalter der Rationalität scheint das Thema 'Mystik' allein auf vergangene kulturelle Strömungen zu verweisen, die allerdings eine große identitätsstiftende Macht besaßen. Die Tagung möchte nach den Perpektiven einer modernen Mystik fragen, die neben einer berechtigten kulturellen Differenzierung zugleich auch die Dimension einer spirituellen Gemeinsamkeit eröffnet."
Weitere Informationen zur Veranstaltung: Perspektiven_der_Mystik.pdf
Weitere Informationen zur Alanus Hochschule: www.alanus.edu
Dienstag, 16. Oktober 2007
Eva Herman
Ich kannte Eva Herman nur von der Ferne und als Nachrichtengesicht, bis am 9. Oktober ein Mail mit einem Link zu SPON eintrudelte, wo berichtet wurde, dass eben diese Dame aus der Talkshow von J. B. Kerner geworfen wurde. Ein Eklat! Und das tollste daran in unserer Medienwelt: die Sendung fing gerade erst an. Also einschalten und den Eklat genießen. Und dabei passierte etwas ganz außergewöhnliches:
"Eva Herman" vollständig lesen
Donnerstag, 4. Oktober 2007
Ente gut alles gut
Dies ist eine Petition an die deutsche Fernsehwelt!
Mir wird immer etwas vorgeschwafelt von Grundversorgung, wenn ich darauf zu sprechen komme, dass ich das öffentlich-rechtliche Fernsehen zusammen mit ihrer kommunistischen Zwangsenteignungsinstitution (GEZ) für ein Relikt der mittelalterlichen Inquisition halte.
Aber wo ist die Grundversorgung? Ich erinnere mich, als ich eines schönen Sonntag-Nachmittag den Fernseher einschaltete und tatsächlich auf RTL, Sat1, ARD und ZDF - also mithin auf BEIDEN ö.r. Sendern gleichzeitig! - eine Liveübertragung der Hochzeit irgend einer Prinzessin aus Holland oder Belgien (keine Ahnung) sehen musste. Grundversorgung heißt also in einem demokratischen Land, dass eine Verherrlichung der Monarchie auf beiden für die Grundversorgung vorgehaltenen Sendern gezeigt werden muss, und das, obwohl bereits 2 andere deutschlandweit empfangene Sender dieses politisch und journalistisch völlig irrelevante Ereignis live dokumentieren! Ich weiß nicht mehr was es war, jedenfalls wollte ich zu diesem Zeitpunkt mit einer anderen Information grundversorgt werden!
Wenn wir also zwei staatliche Fernsehanstalten vorhalten und durch Zwangserhebung finanzieren müssen, damit das Volk mit den Bildern von Hochzeiten grundversorgt werde, dann frage ich mich, warum unsere Bundesregierung keinen öffentlich-rechtlichen Brautmodenladen unterhält. Hat das Volk nicht auch Anspruch auf eine Grundversorgung mit Brautkleidern? Oder sagen wir mit Nudeln und Kaffee? Was ist mit Autos und Autoreifen? Oder Zeitungen? Warum gibt es keine öffentlich-rechtlichen Zeitungen? Manchmal stehe ich mit offenem Mund staunend vor geselleschaftlichen Phänomenen, die schon einem Menschen des Mittelalters das Blut in den Adern gefrieren ließe und die dennoch Wirklichkeit im Jahre 2007 sind. In Deutschland!
Wenn ich selbst zu entscheiden hätte, womit ich grundversorgt werden wollte, dann würde ich zu allererst einen Film auswählen, der irgendwann in den 90er Jahren im ZDF lief und für den bereits Petitionen im Internet gestartet wurden, damit er wieder einmal gezeigt wird. Der Film stammt aus Hongkong, ich habe ihn auch auf DVD, aber leider nur in chinesisch mit englischen Untertiteln. Es gibt aber eine synchronisierte deutsche Fassung, eben jene, die damals gezeigt wurde. Sie ist aber auf DVD oder VHS nicht zu erhalten. Das ZDF verfügt aber nachweislich darüber oder kennt zumindest die Quelle, weigert sich aber standhaft, uns mit diesem epochalen Film grundzuversorgen, obwohl im Internet ein steigender Bedarf dokumentiert ist.
Der Film heißt in deutscher Übersetzung "Ente gut alles gut", im Original "Gai tung aap gong". Es ist eine Kommödie über einen Entengrill-Besitzer, den die Konkurrenz einer großen Hähnchen-Kette dazu zwingt, seine Schwiegermutter um einen Kredit zu bitten, damit er sein äußerst rustikal geführtes Restaurant konkurrenzfähig machen kann. Hongkong-Cinema vom feinsten in rasantem Slapstick-Tempo (deswegen funktioniert das auch nicht mit Untertiteln).
Ich rufe hiermit die Deutsche Fernsehwelt dazu auf, diesen Film zu zeigen! Und wer immer etwas über den Verbleib der Kopie weiß, die das ZDF einst benutzte, der möge sich hier melden. Der Sender, der zuerst diesen Film zeigt, bekommt von mir all jene Gebühren, die ich der Zwangsenteignungszentrale aus politischem Protest bis dato schuldig geblieben bin!
Und damit jeder von dieser Aktion erfährt, macht bitte einen Link auf Eure Homepage mit dem folgenden Banner:

oder irgend einem anderen lustigen Bild, vor allem aber mit einem Link zu dieser Petition (http://www.schachtelhalm.net/s9y/archives/8-Ente-gut-alles-gut.html). Danke.
Es lebe die Medienfreiheit!
Mir wird immer etwas vorgeschwafelt von Grundversorgung, wenn ich darauf zu sprechen komme, dass ich das öffentlich-rechtliche Fernsehen zusammen mit ihrer kommunistischen Zwangsenteignungsinstitution (GEZ) für ein Relikt der mittelalterlichen Inquisition halte.
Aber wo ist die Grundversorgung? Ich erinnere mich, als ich eines schönen Sonntag-Nachmittag den Fernseher einschaltete und tatsächlich auf RTL, Sat1, ARD und ZDF - also mithin auf BEIDEN ö.r. Sendern gleichzeitig! - eine Liveübertragung der Hochzeit irgend einer Prinzessin aus Holland oder Belgien (keine Ahnung) sehen musste. Grundversorgung heißt also in einem demokratischen Land, dass eine Verherrlichung der Monarchie auf beiden für die Grundversorgung vorgehaltenen Sendern gezeigt werden muss, und das, obwohl bereits 2 andere deutschlandweit empfangene Sender dieses politisch und journalistisch völlig irrelevante Ereignis live dokumentieren! Ich weiß nicht mehr was es war, jedenfalls wollte ich zu diesem Zeitpunkt mit einer anderen Information grundversorgt werden!
Wenn wir also zwei staatliche Fernsehanstalten vorhalten und durch Zwangserhebung finanzieren müssen, damit das Volk mit den Bildern von Hochzeiten grundversorgt werde, dann frage ich mich, warum unsere Bundesregierung keinen öffentlich-rechtlichen Brautmodenladen unterhält. Hat das Volk nicht auch Anspruch auf eine Grundversorgung mit Brautkleidern? Oder sagen wir mit Nudeln und Kaffee? Was ist mit Autos und Autoreifen? Oder Zeitungen? Warum gibt es keine öffentlich-rechtlichen Zeitungen? Manchmal stehe ich mit offenem Mund staunend vor geselleschaftlichen Phänomenen, die schon einem Menschen des Mittelalters das Blut in den Adern gefrieren ließe und die dennoch Wirklichkeit im Jahre 2007 sind. In Deutschland!
Wenn ich selbst zu entscheiden hätte, womit ich grundversorgt werden wollte, dann würde ich zu allererst einen Film auswählen, der irgendwann in den 90er Jahren im ZDF lief und für den bereits Petitionen im Internet gestartet wurden, damit er wieder einmal gezeigt wird. Der Film stammt aus Hongkong, ich habe ihn auch auf DVD, aber leider nur in chinesisch mit englischen Untertiteln. Es gibt aber eine synchronisierte deutsche Fassung, eben jene, die damals gezeigt wurde. Sie ist aber auf DVD oder VHS nicht zu erhalten. Das ZDF verfügt aber nachweislich darüber oder kennt zumindest die Quelle, weigert sich aber standhaft, uns mit diesem epochalen Film grundzuversorgen, obwohl im Internet ein steigender Bedarf dokumentiert ist.
Der Film heißt in deutscher Übersetzung "Ente gut alles gut", im Original "Gai tung aap gong". Es ist eine Kommödie über einen Entengrill-Besitzer, den die Konkurrenz einer großen Hähnchen-Kette dazu zwingt, seine Schwiegermutter um einen Kredit zu bitten, damit er sein äußerst rustikal geführtes Restaurant konkurrenzfähig machen kann. Hongkong-Cinema vom feinsten in rasantem Slapstick-Tempo (deswegen funktioniert das auch nicht mit Untertiteln).
Ich rufe hiermit die Deutsche Fernsehwelt dazu auf, diesen Film zu zeigen! Und wer immer etwas über den Verbleib der Kopie weiß, die das ZDF einst benutzte, der möge sich hier melden. Der Sender, der zuerst diesen Film zeigt, bekommt von mir all jene Gebühren, die ich der Zwangsenteignungszentrale aus politischem Protest bis dato schuldig geblieben bin!
Und damit jeder von dieser Aktion erfährt, macht bitte einen Link auf Eure Homepage mit dem folgenden Banner:

oder irgend einem anderen lustigen Bild, vor allem aber mit einem Link zu dieser Petition (http://www.schachtelhalm.net/s9y/archives/8-Ente-gut-alles-gut.html). Danke.
Es lebe die Medienfreiheit!
Mittwoch, 3. Oktober 2007
Esseme 2.0
Esseme sind klein, unscheinbar und schnell. Sie haben einen schwarzen Nacken und viele lange Arme, die sich in jede Form biegen lassen. Sie sitzen da und halten sich mit ihren Armen gegenseitig fest. Und wenn ein Essem sich bewegt, dann spürt das andere Essem dies im Arm und schüttelt sich kräftig. Das spüren die anderen Essem, die es festhalten, und so schütteln sich auch diese wieder. Und so geht das endlos weiter. Es ist ein fürchterliches Geschüttel unter den Essemen.
Doch wenn ein Mensch kommt, husch - dann sind sie fort und an ihrer Stelle sieht man nur noch einen kleinen schwarzen Schatten. Doch meist bemerken wir den Schatten nicht. Vielmehr glauben die Menschen, die leeren Stellen zwischen den Schatten seien Dinge, die man sehen und anfassen kann. In Wirklichkeit aber gibt es keine Dinge, sondern nur Esseme, die sich vor lachen schütteln, weil die Menschen sie nicht sehen.
Aber die Menschen, in ihrer groben Art und mit ihren schlechten Brillen, geben den Leerstellen, die sie für Dinge halten, einen Namen und schieben sie hierhin und dorthin und sagen dieses Ding gehört mir, das da gehört Dir, und sie wollen einfach nichts davon wissen, daß sie eigentlich nur Schattenlöcher umherschieben.
Ja, viel schlimmer noch. Sie glauben, daß es im Leben darum geht, möglichst viele Namen von Schattenlöchern zu kennen. Wenn sich ein Mensch viele viele Namen ausdenkt und sich gut merken kann, welchen Namen er welchem Schattenloch gegeben hat, dann wird er hoch geehrt und man nennt ihn "Professor".
Aber die Esseme, die lachen dann nur ganz herzlich und fangen noch mehr an zu schütteln, so daß mancher Professor, wenn er nicht aufpaßt, vor lauter Ehre doch die Namen durcheinanderbringt. Und das freut die Esseme so, daß sie regelrecht anfangen zu tanzen. Und eh man sich's versieht, da haben sie alles durcheinandergebracht, so daß dem Menschen recht schwindelig wird im Kopf und er gar nicht mehr weiß, wo seine Schattenlöcher alle geblieben sind. Manchmal passiert es dann, daß ein Essem dabei zu sehr herumtollt und der Mensch es für einen winzigen Moment sehen kann. Dann erschrickt er fürchterlich und wenn er einer von den Professoren ist, dann haut er sich ordentlich auf die Backe und sagt: "Na so was, ich glaube ich spinne!".
Ja, so ist das mit den Essemen. Sie sind lustige Gesellen, die erst froh sind, wenn wir Menschen alle Namen durcheinandergebracht haben. Nur ganz wenige Menschen, die so sehr an ihre Gesundheit glauben, daß ihnen so etwas, wie dem erschrockenen Professor gar nicht im Traume einfiele, die sehen vielleicht einmal, wenn sie hurtig über die Autobahn brausen, ein Essem an sich vorbeihuschen. Denn Esseme sind ja sehr schnell. So schnell, daß man leicht glaubt, man habe es überholt, obwohl es einen selbst überholt hat! Aber das ist selten. Sehr selten!
Doch wenn ein Mensch kommt, husch - dann sind sie fort und an ihrer Stelle sieht man nur noch einen kleinen schwarzen Schatten. Doch meist bemerken wir den Schatten nicht. Vielmehr glauben die Menschen, die leeren Stellen zwischen den Schatten seien Dinge, die man sehen und anfassen kann. In Wirklichkeit aber gibt es keine Dinge, sondern nur Esseme, die sich vor lachen schütteln, weil die Menschen sie nicht sehen.
Aber die Menschen, in ihrer groben Art und mit ihren schlechten Brillen, geben den Leerstellen, die sie für Dinge halten, einen Namen und schieben sie hierhin und dorthin und sagen dieses Ding gehört mir, das da gehört Dir, und sie wollen einfach nichts davon wissen, daß sie eigentlich nur Schattenlöcher umherschieben.
Ja, viel schlimmer noch. Sie glauben, daß es im Leben darum geht, möglichst viele Namen von Schattenlöchern zu kennen. Wenn sich ein Mensch viele viele Namen ausdenkt und sich gut merken kann, welchen Namen er welchem Schattenloch gegeben hat, dann wird er hoch geehrt und man nennt ihn "Professor".
Aber die Esseme, die lachen dann nur ganz herzlich und fangen noch mehr an zu schütteln, so daß mancher Professor, wenn er nicht aufpaßt, vor lauter Ehre doch die Namen durcheinanderbringt. Und das freut die Esseme so, daß sie regelrecht anfangen zu tanzen. Und eh man sich's versieht, da haben sie alles durcheinandergebracht, so daß dem Menschen recht schwindelig wird im Kopf und er gar nicht mehr weiß, wo seine Schattenlöcher alle geblieben sind. Manchmal passiert es dann, daß ein Essem dabei zu sehr herumtollt und der Mensch es für einen winzigen Moment sehen kann. Dann erschrickt er fürchterlich und wenn er einer von den Professoren ist, dann haut er sich ordentlich auf die Backe und sagt: "Na so was, ich glaube ich spinne!".
Ja, so ist das mit den Essemen. Sie sind lustige Gesellen, die erst froh sind, wenn wir Menschen alle Namen durcheinandergebracht haben. Nur ganz wenige Menschen, die so sehr an ihre Gesundheit glauben, daß ihnen so etwas, wie dem erschrockenen Professor gar nicht im Traume einfiele, die sehen vielleicht einmal, wenn sie hurtig über die Autobahn brausen, ein Essem an sich vorbeihuschen. Denn Esseme sind ja sehr schnell. So schnell, daß man leicht glaubt, man habe es überholt, obwohl es einen selbst überholt hat! Aber das ist selten. Sehr selten!
Donnerstag, 20. September 2007
Bilder zum Buch
Zur Illustration der Thesen in meinem neuen Buch habe ich jetzt den zentralen Argumentationsstrang mit meinem Fahrrad nachvollzogen und an den entscheidenden Stellen Fotos gemacht für all jene, die bereits die imaginative Erkenntnisstufe erreicht haben und mit Text nichts mehr anfangen können.
"Bilder zum Buch" vollständig lesen
Buch
Ich habe ein Buch geschrieben. Jetzt kann man es kaufen und auch lesen. Es ist der Versuch, eine Lichtung ins Schachtelhalm-Dickicht zu schlagen, ohne gleich alles niederzubrennen.
Christian Grauer: Am Anfang war die Unterscheidung.
Der ontologische Monismus – eine Theorie des Bewusstseins im Anschluss an Kant, Steiner, Husserl und Luhmann.
Info3 Verlag Frankfurt am Main 2007, 109 Seiten, kartoniert, Euro 13,60
Erschienen als Band 11 in der Schriftenreihe Kontext.
ISBN 978-3-924391-37-9
Jetzt bestellen!
Mehr über das Buch:
Goorhuis und Ziegler über mein Buch
Christian Grauer: Am Anfang war die Unterscheidung.
Der ontologische Monismus – eine Theorie des Bewusstseins im Anschluss an Kant, Steiner, Husserl und Luhmann.
Info3 Verlag Frankfurt am Main 2007, 109 Seiten, kartoniert, Euro 13,60
Erschienen als Band 11 in der Schriftenreihe Kontext.
ISBN 978-3-924391-37-9
Mehr über das Buch:
Freitag, 3. August 2007
Und jetzt zur Sache!
Was Platon, Aristoteles, Augustinus, Leibnitz, Kant, Hegel, Heidegger und Adorno nicht einmal zusammen hinbekommen haben, das hat der Jazzosoph Helge Schneider in wenigen Worten auf den Punkt gebracht. Zu lesen in der Vollansicht dieses Eintrags, oder zu hören aus der folgenden Datei: Schachtelhalm.mp3
"Und jetzt zur Sache!" vollständig lesen
Mittwoch, 1. August 2007
Gesund durch Nichthören!
Nachdem ich aus gesundheitlichen Gründen seit zwei Jahren auf das Rauchen verzichten muss, bin ich zum leidenschaftlichen Passivraucher geworden. Nun hat das Bundesland, das meine ehemalige Heimat und meine neue Wahlheimat ist, beschlossen, mir auch dieses Vergnügen zu nehmen. Ab heute Nacht 0:00 Uhr ist es vorbei. Zumindest in öffentlichen Einrichtungen und Kneipen. Zuhause dürfte ich noch passivrauchen - nur leider gibt es keinen Aktivraucher in unserer Wohnung.
Der Jubel der Gesundheitsfraktion überschlägt sich. Meilensteine werden gesetzt und der Kampf, der natürlich nicht dem Raucher sondern nur dem Schutz des Nichtrauchers gilt, scheint sich zugunsten des letzteren zu entscheiden, zumindest solange er kein aktiver Passivraucher ist wie ich. Aber Spaß beiseite: weder Rauchen noch Passivrauchen ist gesund! Und weil es schon Ärgernis genug ist, mit der Bahn fahren zu müssen, will ich durchaus dort wenigstens saubere Luft einatmen!
Rauchfreiheit in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmittel ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit für ein zivilisiertes Land mit rücksichtsvollen Bürgern. Aber ist das überhaupt der Streitpunkt, um den es geht? Geht es wirklich um das Rauchen oder geht es nicht vielmehr um die Frage, wie weit der gesundheitsbewusste Arm des Gesetzes in die Privatsphäre eindringen darf? Denn Kneipen sind anerkanntermaßen Räume eines privaten Dienstleistungsunternehmens und keine öffentlichen Gebäude! Diese Diskussion vermisse ich doch sehr in dem entpolitisierten Glückstaumel der Gesundbeter.
Wann wird denn nun endlich Musik in Kneipen verboten? Ich hasse Musik in Kneipen, weil ich mich unterhalten möchte. Es ist auch wissenschaftliche nachgewiesen, dass Lärm über 65dbA Krankheiten verursachen kann. Habe ich als Nichthörer nicht auch das Recht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, genauso wie jeder Nichtraucher? Muss ich Krankheitsrisiken in Kauf nehmen, wenn ich als Nichthörer eine Kneipe besuchen will? Wann schiebt der Gesetzgeber hier endlich einen Riegel vor?
Ich fordere ein generelles Musikverbot in öffentlichen Gebäuden, Verkehrsmitteln und Gaststätten! Im Dienste der akustischen Umwelt und der Gesundheit aller Nichthörer!
Der Jubel der Gesundheitsfraktion überschlägt sich. Meilensteine werden gesetzt und der Kampf, der natürlich nicht dem Raucher sondern nur dem Schutz des Nichtrauchers gilt, scheint sich zugunsten des letzteren zu entscheiden, zumindest solange er kein aktiver Passivraucher ist wie ich. Aber Spaß beiseite: weder Rauchen noch Passivrauchen ist gesund! Und weil es schon Ärgernis genug ist, mit der Bahn fahren zu müssen, will ich durchaus dort wenigstens saubere Luft einatmen!
Rauchfreiheit in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmittel ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit für ein zivilisiertes Land mit rücksichtsvollen Bürgern. Aber ist das überhaupt der Streitpunkt, um den es geht? Geht es wirklich um das Rauchen oder geht es nicht vielmehr um die Frage, wie weit der gesundheitsbewusste Arm des Gesetzes in die Privatsphäre eindringen darf? Denn Kneipen sind anerkanntermaßen Räume eines privaten Dienstleistungsunternehmens und keine öffentlichen Gebäude! Diese Diskussion vermisse ich doch sehr in dem entpolitisierten Glückstaumel der Gesundbeter.
Wann wird denn nun endlich Musik in Kneipen verboten? Ich hasse Musik in Kneipen, weil ich mich unterhalten möchte. Es ist auch wissenschaftliche nachgewiesen, dass Lärm über 65dbA Krankheiten verursachen kann. Habe ich als Nichthörer nicht auch das Recht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, genauso wie jeder Nichtraucher? Muss ich Krankheitsrisiken in Kauf nehmen, wenn ich als Nichthörer eine Kneipe besuchen will? Wann schiebt der Gesetzgeber hier endlich einen Riegel vor?
Ich fordere ein generelles Musikverbot in öffentlichen Gebäuden, Verkehrsmitteln und Gaststätten! Im Dienste der akustischen Umwelt und der Gesundheit aller Nichthörer!
Sonntag, 29. Juli 2007
Ich werde alt
Letzte Woche wollte ich prüfen, ob die Domain www.schachtelhalm.net noch frei sei. Ich rief die WHOIS-Informationen auf und sah, dass sie schon registriert war. Inhaber: Christian Grauer. Ich! Entweder habe ich zu viele Domains oder ich werde alt!
In der selben Woche saß ich mit einem 18jährigen Bekannten im "Calwer Eck" und bemerkte immerhin noch, dass das Ambiente zum Durchschnittsalter der Tischrunde keineswegs passte. Sogar ich fühlte mich in diesem Stuttgarter Traditionswirtshaus noch zu jung. Dieser Eindruck wurde aber durch den Bekannten sehr schnell korrigiert, indem er mir beeindruckend den Rückstand aufzeigte, den ich zu den aktuellen Entwicklungen im Internet habe. Und das, nachdem ich seit 10 Jahren davon lebe, meinen Kunden das Internet zu erschließen.
Ein paar Updates sind dringend erforderlich! Dass ich meine Schachtelhalm-Website nun also in einen Blog umwandle ist das erste Service-Pack auf dem Weg zur Wiedererlangung der Kompatibilität zur IT-Gegenwart. Aber vielleicht ist es auch nur der durchschaubare Versuch, mein unaufhaltsames Altern vor mir selbst zu verheimlichen.
In der selben Woche saß ich mit einem 18jährigen Bekannten im "Calwer Eck" und bemerkte immerhin noch, dass das Ambiente zum Durchschnittsalter der Tischrunde keineswegs passte. Sogar ich fühlte mich in diesem Stuttgarter Traditionswirtshaus noch zu jung. Dieser Eindruck wurde aber durch den Bekannten sehr schnell korrigiert, indem er mir beeindruckend den Rückstand aufzeigte, den ich zu den aktuellen Entwicklungen im Internet habe. Und das, nachdem ich seit 10 Jahren davon lebe, meinen Kunden das Internet zu erschließen.
Ein paar Updates sind dringend erforderlich! Dass ich meine Schachtelhalm-Website nun also in einen Blog umwandle ist das erste Service-Pack auf dem Weg zur Wiedererlangung der Kompatibilität zur IT-Gegenwart. Aber vielleicht ist es auch nur der durchschaubare Versuch, mein unaufhaltsames Altern vor mir selbst zu verheimlichen.


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